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Ausgabe:

1933 Nr. 26

Spalte:

478-479

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Diehl, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Pfarrer- und Schulmeisterbuch für die acquirierten Lande und die verlorenen Gebiete 1933

Rezensent:

Schornbaum, Karl

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Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 26.

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6. Jhdt. in Vorschlag, da die Bilder in ihrer ursprünglichen
Gestalt der Antike noch näher gestanden haben
dürften als der Ashburnham-Pentateuch. Eine sichere
Stellungnahme wird hier wohl kaum möglich sein, ehe
nicht die formalanalytische Untersuchung der Bilder, die
der Verf. ausdrücklich zurückstellt, in der gleichen exakten
Weise durchgeführt ist wie die Aufhellung der iko-
nographischen Zusammenhänge. Die Illustration des
völlig isoliert stehenden Berliner Beatus scheint mit der
Pariser, Valencienner, Bamberger Apokalypse ebenfalls
auf altchristliche Vorlagen, aber Vorlagen italienischen
Ursprungs zurückzugehen, während die Apokalypsen von
Trier und Cambrai einen altgallischen Typus repräsentieren
sollen. Die Danielillustration wurde vom Verf.
schon früher (Katal. Bibelill. S. 89 ff.) nicht auf eine
abendländische, sondern eine christlich-hellenistische Vorlage
zurüclcgeführt.

Gerade die form- und stilgeschichtliche Seite des
Problems mußte den Verf., der die „Kunst der alten
Christen" nach dieser Seite hin durchforscht hat,
besonders locken, und wenn er auf eine „kunstgeschichtliche
Auswertung der Beatus-Illustrationen" trotzdem
verzichtet hat, so tut er es nur deshalb, weil sie „ein
neues Buch für sich verlangen" würde und es zunächst
einmal genug war, die wissenschaftliche Welt mit dem
großen Stoff und den schon erzielten bedeutsamen Resultaten
der ikonographischen Untersuchung bekannt zu
machen. Um so dankbarer sind wir dem Verf., daß er
zum Schluß wenigstens „in großen Umrissen" die allgemeinen
Ergebnisse von kunstgeschichtlichem Belang zu
skizzieren sucht, wie sie sich seiner Meinung nach aus
dem vorgelegten Material ergeben. Die verschollenen
Vorlagen der Beatusapokalypse sind ihm in ihrer „Verbindung
von scharfem Wirklichkeitssinn mit weltentrückter
Phantasie" die ersten Äußerungen des spezifisch
spanischen Temperaments in der Kunstgeschichte. „Sie
sind reich an Einzelheiten, aber nicht übersichtlich" (wie
die gallischen), „furchtbar, aber nicht vornehm" (wie
die italienischen Illustrationen), „jedoch sie leben". Gerade
in Spanien haben sich aber auch die klassisch-römischen
Traditionen stärker gehalten, als man im allgemeinen
geneigt ist zu vermuten. In der mozarabischen
Umformung der Bilder dringen persisch-sassanidische,
vielleicht sogar ostasiatische Elemente ein. Gleichzeitig
rechnet der Verf. aber mit einem Wiederaufleben „ureinheimischer
Überlieferungen", die mit der irisch-keltischen
Kunst verwandt erscheinen — eine sehr kühne Vermutung
, die das Gemeinsame der primitiven Darstellungsweise
(im Sinn der Ornamentalisierung, Preisgabe organischer
Form und schematisierenden Bildzerfalls) vielleicht
doch unterschätzt. Mit der erneuten Umformung
durch die romanische und hochromanische Kunst ist
in der Entwicklung des Zyklus die letzte Stufe erreicht.

Wir sind bei diesen Darlegungen nicht auf Worte allein
angewiesen. Nicht weniger als 284 vorzügliche (wennschon
leider einfarbige) Abbildungen treten den Beschreibungen
des Textes zur Seite, und wenn dieser
reiche Stoff auch nicht genügt, um die Untersuchung
selbständig weiter zu führen, so sind doch alle vorkommenden
Motive wenigstens einmal, einige aber auch
sozusagen im Querschnitt durch alle erhaltenen Handschriften
hindurch reproduziert und dem Leser zur Prüfung
und zur Freude unterbreitet. Er lernt so eine höchst
lehrreiche Sammlung von ungewöhnlicher Mannigfaltigkeit
kennen, die auch dem Theologen, wie nicht eigens
betont zu werden braucht, überaus interessant sein muß.
Überhaupt wünschte man diesem Buch um seiner allgemeinen
Ergebnissen willen (Kap. 5 und 7) über den
Kreis der Fachgelehrten hinaus Freunde und Beachtung.
Der Verf. hat die Gabe, nicht bloß gelehrt, sondern auch
fesselnd und lebendig zu schreiben, und die herrlichen
Abbildungen, die er uns vorlegt, sprechen für sich selbst.
Güttingen. H. v. Campenhausen.

Junge, Liselotte: Die Tierlegenden des hl. Franz von Assisi.

Studien über ihre Voraussetzungen u. ihre Eigenart. Leipzig: J. C.
Hinrichs 1932. (IX, 129 S.) 8°. = Königsberger histor. Forschgn.
Hrsg. v. F. Baethgen u. H. Rothfels. Bd. 4. RM 7.50.

Einen Beitrag zu geben zu der Diskussion der kul-
tur- und geistesgeschichtlichen Stellung des h. Franz
1 ist die Absicht der vorliegenden Arbeit, die die Franzis-
kustierlegenden mit anderen Tierlegenden aus dem Alter-
I tum und Mittelalter vergleicht, um dadurch zu versuchen,
in das innere Wesen der Persönlichkeit des Heiligen
einzudringen (S. IV). Das Ergebnis der sorgfältigen Untersuchung
ist, daß das Verhältnis des h. Franz zu den
Tieren sich anschauungsmäßig nicht von dem anderer
' mittelalterlicher Heiliger unterscheidet (S. 110), der besondere
Reiz der Franziskustierlegenden beruht großen-
j teils auf der schlichten Erzählung der ersten Jünger, wie
j sie in den Berichten des Thomas von Celano und des
Speculum perfectionis vorliegen und von dem starken
Einfluß des Heiligen auf sie noch in lebendiger Weise
Zeugnis ablegen. Franziskus zeigt aber auch auf diesem
Gebiet sich völlig als Mensch des Mittelalters und
sein Verhältnis zu den Tieren zeigt keinen Ansatz zu
Neuem (S. 124). Man wird dem zustimmen müssen.
Stuttgart. Ed. Lempp.

Sachsenspiegel. Land- u. Lehnrecht. hrsg. von Karl August Eckhardt
(I.U.II.) Hannover: Hahnsche Buchh. 1933. (XVII. 308 S.) 8°.=
Monumenta Germaniae Historicainde ab anno Christi quingentesimo
usque ad annum millesimum et quingentesimum ed. Societas Aperiendis
Fontibus Rettin Germanicarum Medii Aevi. Fontes iuris Germanici
antiqui. Nova Series. Tom. I. Fase. 1/2. je RM 10—.

Der neuen Ausgabe des vollständigen Sachsenspiegels
gegenüber empfindet man nur das eine Gefühl aufrichtiger
und dankbarer Genugtuung, daß endlich ein vollständiger
Text des alten deutschen Rechtsbuches, des
Landrechtes und des Lehenrechtes mit den Reimvorreden
vorliegt. Es war ein geradezu unhaltbarer Zustand, daß
vom Sachsenspiegel lediglich der Text des Landrechtes
(3. A. 1861) und getrennt davon das Lehenrecht in
noch älterer Ausgabe (1842/44) in der Bearbeitung von
Homeyer vorlagen. Die Ausgaben waren vergriffen und
im antiquarischen Handel kaum zu erhalten und darum
teuer. Daß damit die Kenntnis und die wissenschaftliche
Auswertung dieser Rechtsbücher in steigendem Maße zu
wünschen übrig ließen, ist ohne weiteres klar. Insbesondere
war es ausgeschlossen, den Sachsenspiegel zum
Gegenstand akademischer Übungen zu machen. Das ist
nun mit der vortrefflichen Ausgabe Eckhardts anders geworden
: Der Sachsenspiegel erscheint neu in einer Zeit,
in der das deutsche Recht auf eine neue nationale Grundlage
gestellt wird. Aber wie für alle deutsch-rechtlichen
Fragen so ist das Buch auch für den Kirchenrechtler
und den Kirchenhistoriker von stets anerkanntem Wert
(vergl. etwa E. Eichmann im Historischen Jahrbuch 1917
und K. G. Hugelmann in der Zs. der Savignystiftung
für Rechtsgeschichte 1924 Kan.Abt. 13).

Der sauber wiedergegebene Text unterscheidet typographisch
bezw. durch Zeichen den ursprünglichen Bestand
, die Zusätze der zweiten Fassung, sekundäre
Lücken der Quedlinburger Hs., Novellen später Fortsätze
, den Bestand der vierten Fassung und das, was
über diesen Bestand noch hinaus geht. Der sorgfältige
Apparat ermöglicht dem Benutzer eine ständige Fühlungnahme
mit den Handschriften. Das ganz vortreffliche,

J sehr ausgedehnte und ergiebige Glossar von Alfred
Hübner (S. 245—305) ermöglicht auch dem sprachlich
nicht genügend geschulten Theologen und Juristen ein
müheloses Eindringen in das Kleinod deutscher Rechts-

j altertümer.

i Berlin. Otto Lerche.

Diehl, Prof. D. Dr. Dr. Wilhelm: Pfarrer- und Schulmeisterbuch
für die acquirierten Lande u. die verlorenen Gebiete. Im Auftr.
d. Histor. Kommission hrsg. Darmst* 1t: Selbstverl. d. Verf. 1933.
(635 S.) gr. 8°. = Arbeiten d. Hist. Kommission f. d. Volksstaat
Hessen. Hassia sacra. Hrsg. v. W. Diehl. Bd. VII. geb. RM 12.—.