Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1933 Nr. 26

Spalte:

473-474

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Guignebert, Ch.

Titel/Untertitel:

Jésus 1933

Rezensent:

Preisker, Herbert

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

473

Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 26.

474

cherin Joh. 7, 53—8, 11 bekommt das Urteil: apostolische
Überlieferung und kanonische Geltung (S. 264).
Für die Apokalypse liegt dem Verf. die kirchengeschichtliche
Deutung näher als die zeitgeschichtliche und die
eigentlich eschatologische. „Die Zukunft der Kirche in
den Grundzügen bis zum Ende der Zeiten" werde in der
Offenbarung enthüllt. Von der traditionsgeschichtlichen
Erklärung ist nur andeutungsweise (S. 321) die Rede.
Am ehesten wäre der Verf. noch geneigt, die Echtheit
des 2. Petr. preiszugeben; aber er findet doch vieles in
dem Briet dem Geiste des Apostels durchaus entsprechend
. Dies ist allerdings recht allgemein: „Die demütige
Zurückführung aller Güter und Vorzüge der Christen
auf Gott und das Vertrauen auf die alle umfassende
göttliche Liebe und Barmherzigkeit" (S. 303). Der Leser
mag selbst zu diesem Beweis Stellung nehmen.

Kiel. Roland Schütz.

Guignebert, Prof. Ch.: Jesus. Paris: La renaissance du livre
1933 (XIX, 692 S.) 8°. = Bibliotheque de Synthese historique. L'6vo-
lution de l'humaniK, dirigee par Henri Berr. XXIX. Fr. 45—.

G. schenkt uns eine sehr eingehende historische Studie
. Es gibt kaum eine Frage, die er nicht erörtert; er
geht ebenso auf die rein historischen wie die theologischen
Probleme ein. Die Fragen nach der Geschichtlichkeit
Jesu, Geburtsort und Geburtsjahr, Jesu Herkunft,
Kindheit, Dauer seiner Wirksamkeit und anderes mehr
werden ebenso eingehend durchgedacht wie die nach
Jesu „Würde"-Namen, seiner Stellung zum Judentum,
nach dem Inhalt seiner Botschaft vom Reich, nach seiner
Originalität, und nicht weniger eingehend werden die Probleme
der Leidensgeschichte behandelt. Vielleicht wird
hier und da manche nebensächliche Frage des äußeren
Lebens zu weitschweifig ausgeführt. Aber aufs Ganze
gesehen kann man sich nur der sehr eingehenden Untersuchung
freuen. Das Leben dieses Werkes ruft einem
— fast könnte man sagen auf jeder Seite — immer wieder
ins Bewußtsein, wie unsicher und problematisch alle
diese Fragen und aufgestellten Entscheidungen sind. Die
Gründlichkeit, mit der G. vorgeht, verpflichtet zu allem
Dank.

Freilich zeigt schon die Literaturübersicht, daß Verf.
stark abhängig ist von der Literatur der Jahre 1900 bis
1913; man vermißt hier neueste Einzelstudien und damit
die Auseinandersetzung mit der allerletzten Wendung
der Leben-Jesu-Forschung. Sein Ergebnis ist dies (665),
daß von der Religion Jesu so gut wie nichts übrig geblieben
ist; was wir als Christentum finden, ist Ausdruck
des Enthusiasmus der Jünger. Bei aller Beachtung der
Wende durch Ostern und Pfingsten im Werden der
christlichen Kirche im Unterschied zur Predigt Jesu, bei
allem Blick für die Abschattungen in der Frömmigkeit
der palästinensischen und hellenistischen Christengemeinden
, wird man dieser These G.s doch nicht zustimmen
können. G.s Auffassung ist davon bestimmt, daß er die
Reich^Gottes-Botschaft einseitig zukünftig auffaßt, daß
er nicht sieht, wie das Reich Gottes wohl zukünftig,
aber in den Anzeichen, besonders im Auftreten Jesu bereits
gegenwärtig ist, daß er jegliches Sendungsbewußtsein
Jesu leugnet (S. 345: „Also, nicht ein synoptischer
Text bringt uns den Beweis, daß Jesus sich Messias
nannte und annahm, daß man ihm den dementsprechen-
den Titel gab.") Auch in der Darstellung der Ethik ist
alles vom einseitig eschatologischen Standpunkt aus gesehen
; auch das Gebot der Liebe in seiner umfassenden
Größe wird nur von da aus verstanden. G. sieht auch
die einzelnen Forderungen zu sehr als moralische Gebote,
nicht in ihrer Einheit als Ausdruck einer geschlossenen
neuen Seinsweise in den jedesmaligen Einzelsituationen;
er geht aus vom Gesetz der Liebe, nicht von einem mit
dem Hereinbrechen unerhörter Lebensgewalt des Reiches
Gottes gegebenen neuen Sein. Über den Prozeß
Jesu ist Beachtliches gesagt, dagegen vermißt man in
der Behandlung der Auferstehungsberichte die neueste
theologische Diskussion. Die gründlich durchgeführte

historische Fragestellung, die eingehende Behandlung
vieler Einzelfragen zwingen einen zu genauer Auseinandersetzung
; so ist die Studie wertvoll, gerade auch wenn
man ganz anders zu den Problemen steht als G.

Breslau. Herbert Preisker.

Deissmann, Prof. D. Adolf: Forschungen und Funde Im
Serai. Mit 1 Verzeichnis der nichtislamischen Handschriften im
Topkapu Serai zu Istanbul. Berlin: W. de Gruyter & Co. 1933.
(XI, 144 S.) 8°. RM 7—.

Anläßlich seiner Ephesusreisen war es dem Verf.
vergönnt, in der Bibliothek im „Alten Serail" in Kon-

! stantinopel zu forschen. Wohl hatten schon früher Blass
(1888) und andere einzelnes beschrieben; wohl hatte
E. Jacobs 1919 alle Nachrichten über diese Bibliothek
zusammengestellt. Aber eine gründliche Nachprüfung an
Ort und Stelle konnte erst Deißmann vornehmen. Der
Aufzählung der über 100 Handschriften (mit eingehender
Würdigung der wichtigsten Stücke, Angabe der wichtigsten
Literatur und sonstigen Hinweisen) geht eine
reizvolle Einführung in die Geschichte dieser Sammlung
voraus. Ihr Hauptbestand geht auf den Eroberer
Konstantinopels, Mehmed II, zurück, diesen „ost-west-
lichen Renaissancemenschen" (S. 40), dessen Persönlichkeit
anschaulich und liebevoll gezeichnet wird. Ihm
widmet der Gelehrte Kritobulos sein nur hier erhaltenes
Geschichtswerk (Nr. 3 der Sammlung); auf sein persönliches
Interesse an dem Geographen Ptolemaios geht
die Erhaltung des riesigen Prachtcodex Nr. 57 zurück,
den jetzt Dr. H. Ibscher mühsam restauriert hat. Einzelne
Handschriften, besonders der Septuagintaoktateuch
Nr. 8 (mit Katene und Miniaturen, 12. Jahrh., Rahlfs
Nr. 413), werden noch aus der Bibliothek der griechischen
Kaiser stammen. Vieles ist nachmals zerstreut
worden, aber das Erhaltene ist noch bedeutsam genug.
Die meisten der griechischen und lateinischen Handschriften
gehen den Philologen an (Arrian, Homer, Po-
lybios, Ptolemaios); die biblischen Stücke sind außer dem

| genannten Nr. 8 nicht von einschneidender Bedeutung;
Tischendorfs Nachricht von einem hebräischen Urmat-
thäus ist Legende und bezieht sich vielleicht auf den
Auszug aus der Mechiltha (Nr. 61) oder die Pijjut (Nr.

j 69, hebr. liturgische Poesien). Aber der Kirchengeschicht-
ler, besonders der Liturgieforscher wird unter den griechischen
, syrischen, armenischen, altslavischen Stücken
manches finden; der Sammelband Nr. 19 enthält z. B.
u. a. einen griech.Text der „konstantinischen" Schenkung.
Als Anhang zu den 87 Nummern des alten Bestands folgen
(mit neuer Zählung 101—135) Handschriften, die
während des Weltkriegs von da und dort nach Konstantinopel
gekommen waren: zunächst eine Reihe samari-
tanischer Bruchstücke, welche P. Kahle mit prüfen konnte
: Nr. 101 (Pentateuchbruchstücke) eine der ältesten
erhaltenen samaritanischen Handschriften (12. Jahrh.);
sodann hebräische, griechische, armenische, syrische,
christlich-arabische Stücke: Nr. 118 ein griechischer Psalter
des 12.—13. Jahrh.; Nr. 122 ein reich illustriertes

I armenisches Evangelienbuch (16. Jahrh.); Nr. 122a ältere
armenische Fragmente des 9.—11. Jahrh., welche A.Merk

i bearbeiten wird; Nr. 124 ein armenisches Evangelienbuch
des 13. Jahrh., „sehr wertvolles Stück"; Nr. 128—135
hebräische Thora-fragmente. Öfters ist vermerkt: „Bedarf
noch genauerer Untersuchung". Zu solcher Weiterforschung
angeregt zu haben, mag der schönste Lohn
für den verdienten Herausgeber des Buches sein.

Ulm a. D. Erwin Nestle.

Neuß, Dr. Wilhelm: Die Apokalypse des Hl. Johannes in der
altspanischen und altchristlichen Bibelillustration. (Das
Problem der Beatus-Handschriften), nebst einem Tafelband enth. 284
Abb. Münster i. W.: Aschendorff 1931 (L Text: IV, 295 S., II. Tafeln:
III, 6 S. u. 168 Taf.) Lex. 8°. = Spanische Forschgn., d. Görresges.
hrsg. v. ihrem span. Kuratorium K. Beyerle, H. Finke, G. Schreiber.
2. Reihe, 2. u. 3. Bd. TL I u. II zus. RM 35—; geb. 40—.

Das vorliegende Werk bildet die Fortführung einer