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Ausgabe:

1933 Nr. 26

Spalte:

472-473

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Meinertz, Max

Titel/Untertitel:

Einleitung in das neue Testament. 4., völlig neubearb. Aufl 1933

Rezensent:

Schütz, Roland

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Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 26.

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Garten in Eden" und: „Jahwe ließ sprossen aus dem
Erdboden allerlei Bäume") und zweimal das Hineingeführtwerden
des Menschen („Und dahinein setzte er den
Menschen" und: „Da nahm Jahwe den Menschen und
brachte ihn in den Garten Eden") erzählt werden, hilft
eine Konjektur: An Stelle des „setzte er den Menschen"
wird ein Absichtssatz als ursprünglich vermutet: „um
dahinein zu setzen den Menschen".

Andere Beobachtungen, die auf die Vermutung mehrerer
Quellen geführt haben, werden als unerheblich
übergangen: So z. B. die Tatsache, daß das Paradies das
eine Mal im fernen Westen, das andre Mal im fernen
Osten gedacht zu sein scheint: „Ich verzichte auf müßiges
Grübeln über vermeintlich verschiedene Vorstellungen
von der Lage des Paradieses" (S. 84).

Ebenso wird der starke Unterschied zwischen der
Grundstimmung von Kapitel 2 (der Erzählung von der
Erschaffung des Weibes mit ihrem jubelnden Ausklang
in 2, 23 und dem abschließenden Wort über die Ehe 2,
24) und der Grundstimmung von Kapitel 3 (der Erzählung
vom Genuß der verbotenen Frucht im Gottesgarten
mit den schwermütig klagend ausklingenden Worten
über Leid und Mühsal und Tod) — ein Unterschied,
der m. E. zur Annahme zweier selbstständiger Erzählungen
zwingt, als unerheblich außer Betracht gelassen
.

Ich weiß nicht, ob diese Übergehung oder Umgehung
doch nun einmal vorhandenen Anzeichen einer
inneren Geschichte des Textes von seiner „straffen Einheitlichkeit
" im Sinne Buddes wirklich überzeugen und
die Versuche beendigen wird, durch Scheidung der Quellen
die Voraussetzung zu einem Verständnis der Erzählung
zu gewinnen. Mir hat sie den Eindruck der Erheblichkeit
dieser Anzeichen, von denen nur einige hier erwähnt
sind, eher verstärkt. Ist doch seit dem Erscheinen
der Arbeit Buddes (freilich noch ohne sich mit ihr
auseinanderzusetzen) auch bereits eine neue „literarge-
schichtliche Studie" mit einer neuen Scheidung der Quellen
erschienen: die Arbeit von Joachim B e g e r i c h
„Die Paradieserzählung" in der ZAW 1932, S. 93—116.

Ausdrücklich beistimmen aber möchte ich dem Verfasser
, wenn er für den Erzähler — ich würde sagen
„für die Erzähler" — in Anspruch nimmt, daß sie nicht
nur Überlieferer von ihnen zugekommenen, vom Volksmunde
bereits „zersungenen" (Stärk) Volksüberlieferungen
sind. „Wir haben es hier in hohem, ungewöhnlichem
Maße mit einer Erzählerpersönlichkeit — ich würde
sagen „mit Erzählerpersönlichkeiten" — zu tun, der
mit vollem Bewußtsein in jedem Worte sein Eigenes
und Eigenstes darbietet. Nirgends beherrscht ihn die
Überlieferung, so daß aus ihm sie das Wort führte, nirgends
redet ihm ein Unterbewußtsein ohne sein Wissen
mit hinein." Natürlich schließt das — sicher auch nach
der Meinung Buddes — nicht aus daß die Erzähler sich
bei ihrer hohen Kunst eines überlieferten Stoffes bedienen
, aber in keiner Weise darf man sie mit dem Märchenerzähler
vergleichen, dessen Gedächtnis unwillkürlich von
einem Stoff zum andern hinübergleitet. (Das ist — so
scheint mir — z. B. gegen den ersten Teil der soeben
genannten Arbeit Begerichs zu sagen.)

Noch wichtiger als sein Eintreten für die „straffe
Einheit" der Paradieseserzählung ist dem Verfasser,
was er von ihrem sachlichen Verständnis zu sagen hat.
Er wiederholt hier und faßt zusammen und unterstreicht,
was wir in den letzten Jahren in zerstreuten Aufsätzen
aus seiner Feder gelesen haben. (Vergleiche: die Christliche
Welt 1927, S. 10 ff.; S. 1169; ZAW 1929, S. 54ff.,
Zeitschrift für die deutsche morgenländische Gesellschaft
Bd. XI S. lOlff.; Theologische Blätter 12, 1933 Sp,
1 ff.). Es ist — um nur die Hauptsache herauszugreifen
— Buddes Überzeugung, daß es sich bei dem im Mittelpunkt
der Erzählung stehenden „Baum der Erkenntnis"
um die Erkenntnis dessen handelt, „was sittlich Gut j
und Böse" ist. Dabei wird vor allem der Gedanke ab- j

gewehrt, als habe, was der Wunderbaum dem Menschen
gibt, irgendwelche Beziehung zum Sexuellen.

Ich habe meine Bedenken gegen diese Auffassung
der Paradiesesgeschichte in meiner Erwiderung auf die
Kritik, die Budde meiner Schrift „Die Erzählung von
Paradies und Sündenfall" (vergl. Theol. Literaturzeitung
1932 Nr. 21) in Nr. 5 des Jahrgangs 1932 der Christlichen
Welt hat angedeihen lassen, in Nr. 9 derselben
Zeitschrift ausgesprochen und kann hier darauf verweisen
. Budde hat mir am gleichen Ort in Nr. 12 nochmals
geantwortet, wie denn auch seine vorliegende Schrift
die meinige, die kurz vor Abschluß seines Manuskriptes
in seine Hände gekommen ist, ausführlicher Kritik in
zahlreichen Anmerkungen würdigt.

Besonders gilt diese Kritik auch meinem Versuch,
den Faden einer Erzählung, die nur den Lebensbaum
gekannt hat, aus der Haupterzählung zu lösen. Aber
wenn man, wie auch Budde es tut, einerseits „den Baum
des Lebens", andrerseits den Satz: „Und der Mensch
nannte sein Weib Hawwa, denn sie wurde — oder war
geworden — die Mutter alles Lebendigen" für im Gang
der Haupterzählung „ganz unmöglich" erklärt, wenn
man ferner auch den darauffolgenden Vers von der Bekleidung
des Menschen mit Fellen beanstandet, so wird
die Frage, ob so konkrete für „wohlgemeinte Nachgedanken
" eines Lesers doch „viel zu eigenartige" Angaben
nicht gemeinsamer Herkunft, also Reste einer Erzählung
sind, sich doch nicht so leichter Hand abweisen
lassen.

Für vieles Einzelne — ich nenne nur noch die
im Rückblick auf seine Biblische Urgeschichte gegebene
Betrachtung über die Frage der Abhängigkeit der Darstellung
von P gegenüber der von J. 2, wobei man sich
an das hohe Verdienst der Biblischen Urgeschichte um
die klare Herausstellung des Doppelfadens in J erinnert
— wird man dem Verfasser dankbar sein, auch
wenn man ihm in den beiden Hauptfragen, um die es
sich ihm handelt, nicht zuzustimmen vermag.

Halle a. S. Hans Schmidt.

Meinertz, Prof. Dr. Max: Einleitung in das neue Testament.

4., völlig neubearb. Aufl. Paderborn: F. Schöningh 1933. (388 S. u.
4 Handschriftentaf.) gr. 8°. = Wiss. Handbibliothek, eine Sammig
theol. Lehrbücher. RM 8.50; geb. 10.50.

Das Lehrbuch ist übersichtlich geordnet und flüssig
geschrieben. Die allgemeine Einleitung ist so geteilt,
daß die Textgeschichte der besonderen Einleitung vorangeht
, die Kanonsgeschichte ihr folgt, weil diese „besser
verständlich und knapper zusammenfassend dargestellt
werden kann, wenn die einzelnen Bücher bereits besprochen
sind". Als kurzer Anhang sind die neutestamentl.
Apokryphen kurz im Abriß auf nur 5 Seiten dargestellt;
man wünschte den Abriß etwas eingehender. Als Anhang
II ist das Muratorische Fragment abgedruckt, was entschieden
verdienstvoll ist.

Der Verfasser führt in die Probleme der neutest. Ein-
leitungswissenschaft ein, bleibt aber an die Entscheidungen
der Bibelkommission gebunden, so daß für protestantische
Begriffe zu sehr harmonisiert wird. Z. B. wird
nach dem Prozeß des Paulus angenommen, daß der Apostel
zu erneuter Wirksamkeit freigekommen ist; „voraussichtlich
hat er zuerst den alten Plan der Spanienreise
ausgeführt, ist dann wieder in den Orient zurückgekehrt
und hat u. a. Ephesus und die Insel Kreta besucht, wo
Timotheus bzw. Titus als Stellvertreter zurückgelassen
wurden. Auf dieser Reise sind die ersten beiden Pastoralbriefe
(I. Tim. und Tit.) entstanden (64 und 65)".
Dann gerät er in Rom in eine zweite Gefangenschaft, aus
der er den 2. Tim. im Jahre 66 schreibt (S. 165). — Ein
anderes Beispiel für Harmonistik: Der Apostel Johannes
wird für identisch mit dem Presbyter in Ephesus gehalten
, der bis in Trajans Zeit gelebt haben soll; er habe
das Evangelium, die drei Johannesbriefe und die Apoka-
! lypse geschrieben. Auch die Perikope von der Ehebre-