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Ausgabe:

1933 Nr. 25

Spalte:

462

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Niebergall, Friedrich

Titel/Untertitel:

In schwerer Zeit. Kurze homiletische Einführungen zu freien und vorgeschriebenen Texten nebst Gedanken für Trau- und Grabreden 1933

Rezensent:

Usener, Wilhelm

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461

Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 25.

462

gedanke scheint mir eine nicht unbedenkliche Verk ür-
zung und Bindung. „Der auferstandene Christus
Leben", der „einzige Ort, wo das Heil — verwirklicht
ist", so das „Urbild", „der wahrhaftige Mensch", als
der „Sohn", damit „die Uranlage alles Kreatürlichen",
die „Sinnerfüllung des Menschendaseins
und aller Existenz" (S. 54, 144, 179, 156, 214),
die Auferstehung darum „Anbruch der neuen Schöpfung"
(S. 158). Gewiß wird auch vom xootoc. geredet. Aber
die Deutung mit dem Gedanken der „Verleihung
der Gottheit" (!) (S. 115) verrät die Gefahr. Mit dem
Grundgedanken, daß Jesus „der aus der transzendenten
Dimension kommende präexistente Mensch ist", läßt
sich die Herrenstellung, läßt sich Präexistenzgedanke
und Inkarnation eben nicht würdigen. Dazu bedarf es
der andern Betrachtung: das Werkzeug, der Träger des
Offenbarungswillens Gottes. Kann nicht erst von ihr
aus letzlich der ganze Heilsprozeß verständlich und
gewiß werden?

Woher die doppelte Gefahr? Mich dünkt daher, daß
diese Theologie der_ Auferstehung, die doch
evangelische, „reformatorische" Theologie sein will, zu
wenig aus dem Rechtfertigungsglauben heraus
gedacht ist. Er bewahrt die Glaubensanschauung
davor „Gnosis" zu werden; er lehrt in Christus, auch
in dem geschichtlichen Leben, aber als wirklich-gegenwärtig
eben in dem auferstandenen Herrn, in der echten
„Gleichzeitigkeit" des Glaubens, die Offenbarung, das
Wort, das Nahekommen Gottes als die Vermittlung der
neuen Schöpfung, des Lebensdurchbruchs erfassen. Eben
so kann er die Schau der neuen Schöpfung, des „vollendeten
Menschseins", des wahren Lebens für evangelische
Dogmatik möglich, verständlich, rechtmäßig machen.
Es ist auffallend, wie die Einstellung und Anschauung
des Rechtfertigungsglaubens zurücktritt. Gewiß hören
wir auch vom Wort, der Anrede an den Menschen
(vgl. S. 36, 81, 184, 261), von Ich - Du - Beziehung
(S. 185), von „Existenzialgemeinschaft" (S. 182 ff.), von
„Gleichzeitigkeit" (S. 185, 215), von „Freispruch" und
„Rechtfertigung" (S. 142, 258). Aber mir scheint, der
„Heilsprozeß" ist zu wenig aus diesem reformatorischen
Gedankenkreis heraus verstanden. So läuft er Gefahr,
zur kühnen „gnostischen" Spekulation zu werden. Wenn
der Verf. die Einstellung des Rechtfertigungsglaubens
als den Zugang zur Schau des Glaubens mehr zur Geltung
kommen ließe, er würde im N.T. und auch in der
theologischen Arbeit der Gegenwart noch anderes sehen,
und es würde seiner Aufgabe zugute kommen. Die
Freude an der Schau und das Pathos, die sein Buch
auszeichnen, brauchten gewiß nicht darunter zu leiden.
Bonn. H. E. Weber.

Lüdemann, Prof. D. Dr. Hermann: Freies Christentum. Öffentliche
Vorträge z. Krisis i. d. protestantischen Kirche. Bern: P. Haupt
1932. (121 S. m. Bildn.) gr. 8°. RM 4—.

Die ehrwürdige Gestalt des Berner Systematikers,
dem wir eine tiefschürfende zweibändige ,Christliche
Dogmatik' (1924) verdanken, gibt uns in diesen Vorträgen
einen Einblick in den auch durch ihn geführten
Kampf um ein »Freies Christentum'. Die um ein geschichtliches
Verständnis des Christentums ringende
kirchliche Reform hat selbst in der .freien' Schweiz die
Geister mächtig bewegt und aus diesem Anlaß sind die
meisten Vorträge gehalten worden, so diejenigen über
,Das Christentum der kirchlichen Reform'; .Christus
und das Wunder'; .Unsere Laien und die Krisis in den
protestantischen Kirchen'; ,Was heißt „Biblisches Christentum
"? und über ,Die Rechtfertigung aus dem Glauben
'. Mehr theologiegeschichtlich belehrenden Charakter
haben die Vorträge über ,Entwicklung und Verfall
der altprotestantischen Theologie' sowie über ,Die protestantische
Theologie als freie Wissenschaft vom Christentum
im 19. Jahrhundert'. Namentlich der letztere
Vortrag zeigt in großen Strichen die Entwicklung historischer
Kritik an den Urkunden des Christentums in

ihrer Bedeutung für die tiefere Erfassung des Wesens
unserer Religion. Wenn der Verfasser seine temperamentvollen
Ausführungen mit den Worten schließt:
„... die Art, wie diejenige Theologie, welche einen
offenen, ehrlichen Ausgleich erstrebt zwischen den berechtigten
Forderungen der Religion und der Wissenschaft
, in Deutschland seit bald 100 Jahren zum Gegenstand
der Verfolgung und Verleumdung gemacht wird,
ist eines freien und mündigen Volkes unwürdig", so
zittert in diesem Satz noch die Erregung um die Wende
dieses Jahrhunderts nach. Die Vorträge Lüdemanns sind
historische Dokumente aus der Zeit des Kampfes des
kirchlichen Liberalismus um seine religiöse Geltung und
haben darum einen über die zeitgeschichtliche Bedeutung
hinausgehenden Wert. Es war eben doch eine — trotz
aller veränderten Einstellung der Gegenwart — provi-
dentiell zu betrachtende Epoche unseres Geisteslebens!
München. R. F. M e r k e 1.

Mahling, Prof. D. Friedrich: Kurze homiletische Einführungen
in die Evangelien-Texte der 2. Reihe der sogen. Eisenacher
Perikopen. (Versuche z. Erfassung u. Darbietung d. Grundgehaltes
d. betr. Textabschnitte). Frankfurt a/M.: H. L. Brönner 1932. (156 S.)
8°. = Homilet. Hilfsbüchlein. Schriftenreihe d. Stoffsammlung „Christentum
u. Leben". Hrsg. v. W. Knevels. Nr. 10. RM 2.40.

Niebergall, Prof. D. Friedrich: In schwerer Zeit. Kurze
homiletische Einführungen zu freien und vorgeschriebenen
Texten nebst Gedanken für Trau- und Grabreden. Frankfurt a.M.:
H. L. Brönner 1932. (80 S.) 8°. = Homilet. Hilfsbüchlein. Schriftenreihe
d. Stoffsammlung „Christentum u. Leben". Hrsg. v. W. Knevels. Nr. 9.

RM 1.30.

Es ist dem Berichterstatter eine Freude, zum dritten
Mal diese kurzen homiletischen Einführungen besprechen
zu können. Die neuen Bändchen treten den früheren
würdig zur Seite.

Bei M. werden in einleuchtender Weise auf Grund
sorgfältiger Exegese die Grundgedanken des Textes herausgehoben
, aber auch schlichte Beispiele aus dem Leben
zeigen, wie es der Prediger machen soll, um den
Hörern den Sinn der Geschichte nahe zu bringen. Besonders
glücklich die Neujahrsbetrachtung über Luc. 4,
16—21, aber auch die zum Verfassungsgedenktag 1931,
überhaupt die Art, wie in manchen Predigten das deutsche
Schicksal unter das Licht des Evangeliums gestellt
wird. Auch dem schwierigen Text zum 2. Weihnachtstag
, Joh. 1, 1—14 wird M. in einer die Gemeinde
erbauenden Weise gerecht. Daß ein anderer hier und da
den Text anders verstehen und behandeln wird, z. B.
Betrachtung über Matth. 13,44—46, ist natürlich. Bei
der Betrachtung zum 1. Ostertag, die sich um den Nachweis
der Glaubwürdigkeit der Ostertatsache müht, würde
ich viel stärker das Moment zur Geltung kommen
lassen, daß der Osterglaube der Jünger im hellen Licht
der Geschichte steht. Kleine gute methodische Winke.

Niebergalls Einführungen wie in früheren Jahren
knapp, interessant, die Themenstellung pointiert und
zugleich schlicht. Meist kommt der Text zu seinem
Recht, doch werden manchmal auch etwas fernliegende
Gedanken künstlich an ihn herangebracht. Mißlungen
scheint mir die Darbietung zum Volkstrauertag über den
an und für sich gut gewählten Text Jerem. 8, 21—23,
da will die Gemeinde nicht nur etwas Anderes hören,
sondern hat auch ein Recht darauf. Besonders interessant
der Versuch der Betrachtungen für den ersten Teil
der Trinitatiszeit, wo allerhand Weltanschauungsfragen
zur Sprache kommen, z. B. Gottes Schöpfermacht und
Weisheit, der Sinn des Menschenlebens, Abstammung
des Menschen, das Böse, das Übel und der Tod, die
Überwindung des Skeptizismus; hat man zuerst bei diesen
Themen wohl den Eindruck: mehr für den Vortrag als
für die Predigt passend, so zeigt die Behandlung doch,
wie der Charakter der Gemeindepredigt auch bei solchen
Themen gewahrt werden kann. Gedanken über Trau-
und Beerdigungsreden machen den Schluß.
Halle/Saale. Wilhelm Usener.