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Ausgabe:

1933 Nr. 25

Spalte:

459

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hartung, Fritz

Titel/Untertitel:

Deutsche Verfassungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart. 4., erw. u. bis zur Gegenwart fortgeführte Aufl 1933

Rezensent:

Lerche, Otto

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Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 25.

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der Festschrift bildet die Arbeit Karl Bauers, John j
Colet und Erasmus von Rotterdam, ein Versuch
, über Mestwerdt hinaus die Bedeutung von Erasmus
erster englischer Reise festzustellen und hierbei
namentlich den Einfluß von Colet zu erkennen. Der Artikel
mündet in eine allgemeine Würdigung Colets aus.

Freiburg i. Br. Gustav Wolf.

Härtung, Fritz: Deutsche Verfassungsgeschichte vom 15.
Jahrhundert bis zur Gegenwart. 4. erw. u. bis zur Gegenwart
fortgeführte Aufl. Leipzig: B. G. Teubner 1933. (VII, 235 S.) gr.
8°. = Grundriß d. Geschichtswissenschaft hrsg. v. A. Meister. Reihe
II. Abt. 4. geb. RM 9—.

Wolf, Heinrich: Angewandte Geschichte. Eine Erziehung zum
politischen Denken und Wollen. 1. Bd. 11. verb. u. erweit. Aufl.
Leipzig: Th. Weicher 1933. (XVII, 500 S.) 8°. geb. RM 6—.

Diese beiden verschiedenen Bücher sind einig in der
Haltung zum neuen Staat und in der Hoffnung auf die
nationale Wiedergeburt. Härtung hat die neue Bearbeitung
seines bewährten Buches in der Reichskanzlerschaft
Schleichers zum Abschluß gebracht. Alles, was
H. in dem wichtigen Schlußabschnitte seiner Darstellung
über das Reich als Republik sagt — die Revolution und
die Nationalversammlung, die Verfassung des Deutschen
Reiches vom 11. August 1919, die Entwicklung der
Reichsverfassung seit 1919, die neuen Länderverfassungen
—, klingt dahin aus, daß große und umwälzende
Änderungen nötig und zu erwarten seien. Was H. von
der „teutschen Libertät", vom deutschen Parlamentarismus
, und von der verantwortungslosen Opposition der
.führenden' Parteien sagt, das ist nicht nur jedem verantwortungsbewußten
Deutschen aus dem Herzen gesprochen
, sondern zwingt auch zu kirchengeschichtlicher
Betrachtung wie zu kirchenpolitischer Nutzanwendung.
Das durch einen die österreichischen Verhältnisse und
die dortige Verfassungsentwicklung seit 1804 behandelnden
Abschnitt erweiterte Buch wird auch im Neuen
Reich eine vortreffliche Grundlage sein für geschichtliches
und politisches Verständnis, das der Theologe
heute weniger denn je entbehren kann. —

Das in seiner Einseitigkeit geliebte und gehaßte Buch
Wolfs führt uns bis zum Tage von Potsdam (21. März
1933). Mit froher Zuversicht begrüßte der Verfasser
die Ankündigung des Reichsministers des Innern über
die Reform des Geschichtsunterrichts. Wolf sieht in
Vielem, was wir heute erleben, die Erfüllung seiner
politischen und kirchlichen Sehnsüchte langer Jahrzehnte.
„Die heutige Bewegung der ,Deutschen Christen' ist
die Erfüllung der Wünsche, für die ich seit Jahrzehnten
eingetreten bin" (S. 463). Freilich kann das nur schreiben
, wer trotz lebenslanger Enttäuschungen eine endgültige
Ausschaltung des politischen Katholizismus für möglich
hält. —

Zitate wie ,Pater Dionysius 1921' (S. 459) sind
durchaus unzulänglich. Es haben auf fast allen provinziellen
Katholikentagen jener Jahre in allen Teilen des
Reichs Kapuziner, Dominikaner, Franziskaner und andre
Patres dieses Namens gesprochen. Wenn man Behauptungen
und Darlegungen eines Ordensmannes als
geschichtliche Quelle anführen will, dann muß wenigstens
die Ordensbezeichnung und nach Möglichkeit auch
der bürgerliche Name mitgeteilt werden.

Berlin. Otto Lerche.

Künneth, Lic. Dr. Walter: Theologie der Auferstehung.

München : Chr. Kaiser 1933. (VIII, 264 S.) 8°. = Forschgn. z. Gesch.
u. Lehre d. Protestantismus. Hrsg. v. P. Althaus, K. Barth u. K.
Heim. 6. Reihe, Bd. 1. RM 6.80; i. Subskr. 5—.

Eine Theologie der Auferstehung zu schreiben
ist heute nahegelegt einmal durch die religionsgeschichtliche
Beleuchtung der neutestamentlichen
„Gnosis", die der Theologie sehr ernsthaft die Frage der
Wahrheitsgeltung, der Gegenwartsbedeutung stellt, zum
andern aber auch durch die dogmatische Bewegung,
die im Kampf wieder Subjektivismus, Psychologismus

usw. nicht wohl dabei stehen bleiben kann, auf die Einbruchsstelle
der Transzendenz, den „Hohlraum des Glaubens
", und den Einbruch als die „Krisis" aller Immanenz
den Blick gebannt zu halten, die hineindringen muß
in die „Substanz" des Glaubens.

Der Versuch, die Theologie als Theologie der Auferstehung zu entwerfen
, hat auch in der protestantischen Theologie große Vorbilder,
besonders in jener heilsgeschi ch tlichen Bib el th eol ogi e, in
der man davon erfüllt war, wie das Bibelwort „Auferstehung atmet".
Ich habe auf die Voraufnahme moderner Betrachtung in dieser Bibeltheologie
hingewiesen (Eschat u. Mystik im NT S. 6). Das Hochgefühl
des „neuen Anbruchs des theologischen Denkens in der Gegenwart"
(S. 147) — es verrät sich des öfteren an wirklich unvorsichtiger Auszeichnung
moderner Beiträge mit dem Urteil „erstmalig" (vgl. S. 87 A.
59 die alte Hypothese von Galiläa am Ölberg! S. 243 A.) — pflegt
auf die Vorläufer nicht zu achten. Auch von der Gegenwartstheologie
aber kann man gewiß nicht so allgemein sagen, daß sie in der Heilslehre
die Auferstehung des Christus „überhaupt nicht berücksichtige"
oder nur „beiläufig" als „Randmöglichkeit und abschließenden Gesichtspunkt
" (S. 140).

Die Aufgabe ist eine historisch-theologische
. So behandelt sie der erste Teil „Die Wirklichkeit
der Auferstehung", indem er durch die „Problematik der
Auferstehung Jesu", d. i. das Aufdecken der „Unnahbarkeit
der These von der Geschichtlichkeit der Auferstehung Jesu
", der Unmöglichkeit der Ableitung aus der Lebensund
Unsterblichkeitsidee, aber auch aus dem „Mythos",
sowie der Unabhängigkeit von dem Weltbild durchstößt
zu dem „theologischen Begriff der Auferstehung", d. L
zu dem „Urwunder der Auferstehung Jesu", das sorgsam
zu unterscheiden ist von dem „Offenbarwerden des
Auferstandenen" (Erscheinungen, das leere Grab als
von Gott gesetztes Zeichen S. 77). Die Aufgabe ist aber
vor allem eine innerdogmatische. Es ist „der
dogmatische Sinn der Auferstehung Jesu" zu entwickeln.
Das tut der zweite, bei weitem umfangreichere Teil, indem
er das Handeln Gottes an Christus in der Auferstehung
Jesu, das Handeln Gottes mit der Welt durch
die Auferstehung Jesu, die Gegenwärtigkeit des Auferstandenen
und die Vollendung der Auferstehungswirklichkeit
darlegt.

Das Buch zeigt „Wurf", Gewandtheit und Übung zu entwerfen;
der Verf. bewegt sich mit Sicherheit in der modernen Verhandlung, aus
der er Fragen, Probleme (vgl. etwa S. 166 A. d. „christozentrische Zeitbegriff
") Urteile, Formeln mannigfach aufnimmt; und es ist sicher verdienstlich
, daß er mit solcher Entschiedenheit die Aufgabe der Auferstehungstheologie
einschärft. Ich will mit ihm nicht darüber rechten,
ob mit dem „dimensionalen Verständnis der Auferstehung", d. i. der
Feststellung der „neuen Dimension" der Auferstehung (S. 56f.) und der
„Anerkennung der bekenntnismäßigen und glaubensmäßigen Bestimmtheit
der Überlieferung" (S. 87) das geschichtskritische Problem oder mit dem
Satz, daß der Auferstandene als der historische Jesus „den Sinn alles
auf das Eschaton bezogene Geschichtshandelns trotz aller Fragwürdigkeit
geschichtlicher Gestaltung" „verbürge" (S. 242), das geschichtsphiloso-
phische Problem erledigt ist. Ich halte mich an die Dogmatik.

Bei aller Anerkennung dafür, daß das neutestament-
liche Zeugnis dogmatisch so ernst genommen wird,
kann ich dieser dogmatischen Verarbeitung gegenüber
doch meine Bedenken nicht unterdrücken. Ich empfinde
einen „g no s ti sche n" Zug. Daß die „Mystik" —
mit der üblichen, die „mystische" Auffassung des Paulus
und Johannes wirklich verfehlenden Polemik wider
„Verschmelzung", „magisch-substanziell" usw. (S. 187)
— durch die „Ontologie" und den Aufweis der heilsgeschichtlich
-kosmischen „Situation" ersetzt wird, ist charakteristisch
. Man könnte gelegentlich den Eindruck
haben, daß die moderne „gnostische" Darstellung des
Paulus hier nur mit dem positiven dogmatischen Vorzeichen
versehen wird (vgl. Verf. selber S. 243 A.). Es
soll gewiß Glaubenserkenntnis geboten werden. Aber
das besagt hier zunächst wesentlich nur, daß der „Auf-
erstehungsäon" noch verborgen ist (vgl. S. 249), die
„Verhüllung" (S. 248 gl. 81, 186 u. ö.). Sehr lehrreich
scheint mir ein Satz wie der S. 246: „Demnach
bedeutet Verborgenheit zwar ein Nichtsehenkönnen, aber
doch zugleich ein Wissenkönnen um das, was sich verhüllt
." — Die Gefahr der „Gnosis" wird überwunden
durch die Glaubensanschauung selber, wenn sie unverkürzt
zur Geltung kommt. Aber der beherrschende Le it-