Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1933 Nr. 25

Spalte:

455-459

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Scheel, Otto (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Archiv für Reformationsgeschichte. V. Ergänzungsband: Festschrift für Hans von Schubert zum 70. Geburtstage 1933

Rezensent:

Wolf, Gustav

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3

Download Scan:

PDF

455

Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 25.

456

rechtigkeitssinn gegen Rom kann zur Ungerechtigkeit
gegen die Sache des Protestantismus werden.

Aber das ist noch nicht die Hauptsache, die liegt anderswo
. Es wurde schon gesagt, die Literaturkenntnis
und Genauigkeit der Darstellung ist eine immense; aber
das überschattet nur zu oft Luthers Leben. Wenn so
sehr ausführlich etwa über das Stundengebet oder das
Fasten in den Klöstern, über die Messe und die Lebensweise
dort und über die dort vorkommenden Sünden,
über Occamismus und Aristotelismus und anderes gehandelt
wird und zwar ohne daß von Luther selten oder
sogar bogenlang nie ein Wort gesprochen wird, so ist
das sehr schön, gut und brauchbar. Aber dadurch wird
die Biographie Luthers erdrückt und verliert die einheitliche
Linienführung. Alle jene Untersuchungen müßten
in einen Beiband verwiesen werden etwa mit dem Titel:
„Urkunden und Beweismaterialien zur Biographie Luthers
." Dadurch würde diese befreit von dem Ballast,
der so an sie gehängt wird. Scheel kann sehr wohl so
schreiben, daß seine Darstellung wirklich biographisch
wirkt. Man sieht das, wenn er nicht die Register der
Orgel einstellt, sondern das Werk spielt. Man lese nur,
was er 372 über Luthers Kämpfe sagt oder 575 über
die Entdeckung des Evangeliums. Ob Scheel sich nicht
entschließen könnte, so glatt Luther zu schildern und
wie schon oben bemerkt wurde, die Urkunden, Beläge
und Erörterungen in ein paar Beibände zu verweisen?
M. Lenz hat in einer Rede am 3. August 1912 „Rankes
Biographische Kunst und die Aufgabe des Biographen"
behandelt. Was er Ranke als Biographen nachweist
ist nicht das, daß er das Leben seiner Helden bis in die
kleinsten Kleinigkeiten verfolgt. Dann wäre Ranke der
jämmerlichste Biograph, den es je gegeben hätte, sondern
es ist dies, daß er die Biographie unter universalen
Gesichtspunkten angreift und zeigt, wie die Persönlichkeit
in die Weltentwickelung eingreift; und dazu kommt
dann das andere, daß die großen tragenden Momente in
dem Leben der Helden dargestellt werden und die
Kleinigkeiten des Alltagslebens, die es natürlich auch
bei ihnen gibt, zurücktreten. Wer das tun will und tun
kann, dem muß es gegeben sein, sich in das Dämonische
seines Helden einzufühlen und einzuleben, so wie der
größte neuere Schauspieler Ludwig Devrient sich in das
Dämonische der von ihm dargestellten Charaktere eingefühlt
hat. Ein solcher Lutherbiograph ist uns noch
nicht erstanden. Es liegt in der Natur der Sache, daß
ein solcher Biograph nicht gemacht werden oder sich
selber machen kann. Der muß entstehen und geschenkt
werden. Ob in unserer Zeit, die wieder Persönlichkeiten
zu verstehen und zu werten beginnt, uns endlich dieser
Lutherbiograph geschenkt werden wird?
Berlin-Schöneberg. Hans Becker.

Archiv für Reformationsgeschichte. Texte u. Untersuchungen. Im
Auftr. d. Vereins, f. Reformationsgesch. hrsg. 26 Jahrg. hrsg. v. Walter
Friedensburg und Ernst Kohl meyer. 27.—29. Jahrg. hrsg. v.
Walter Friedensburg und Otto Scheel. Nr. 101—116. Leipzig:
M. Heinsius 1929/32. (je 288 S.) gr. 8°.

Dass. 5. Ergänzungsband: Festschrift für Hans von Schubert zum 70.
Geburtstage. In Verbindung mit Walter Friedensburg hrsg. v.
Otto Scheel. Ebda. 1929. (VII, 187 S.) gr. 8°. RM 10—.

Seit unserem letzten Bericht (Th.LZ. 54, 493 ff.) ist
das Archiv als Organ des Vereins für Reformationsgeschichte
in bewährter Weise fortgesetzt worden. Es dient
nach wie vor hauptsächlich der Aufgabe, die urkundlichen
Quellen an's Licht zu ziehen und kritisch zu erörtern.
Als besonders erfolgreich und verdienstlich hebe ich aus
den neuen Bänden in dieser Richtung die Forschungen
Robert Friedemanns über die österreichischen Täufer
(26, 30ff. 161 ff.; 28, 80ff. 207ff.; 29, lff.) hervor.
Da sie ausführliche bibliographische Übersichten und
Quellenbeschreibungen enthalten, bilden sie sehr gute
Einführungen in den ganzen Gegenstand. Nachdem
schon früher namentlich durch Wolkan die Lieder und
Geschichtsbücher als wertvolle Quellen zur Historie der
Wiedertäufer erschlossen worden sind, lenkt Friedmann

erstmalig unseren Blick auf die Briefe — keine Korrespondenzen
im gewöhnlichen Sinne, sondern Erbauungsschriften
von oft beträchtlichem Umfange, die auch eine gewisse
einheitliche Form trugen, vor den Gemeinden vorgelesen
und vielfach gesammelt wurden. Sie waren also
nicht nur der Niederschlag des im Wiedertäufertum verkörperten
Volksgeistes, sondern besaßen auch eine große
Bedeutung für die Brüder selbst; ja, sie waren sogar
ihre wichtigste religiöse Erkenntnisquelle neben der Bibel
. Friedmann dringt nun in dieses buntscheckige, arg
verstreute Material ein, verzeichnet und beschreibt seine
handschriftlichen Quellen und gibt uns ein anschauliches
Bild vom Wesen dieser ganzen Literaturgattung. In einer
zweiten großen Abhandlung beschäftigt er sich mit dem
„Schön lustig Büchlein etliche Hauptartikel: unseres
christlichen Glaubens" als deren Verfasser er Peter Wal-
pot (1565—78 Vorsteher der mährischen Brüder) nachweist
. Infolge ihres geringen dogmatischen Interesses
besaßen die Hutterer nur wenige umfassende Glaubensschriften
; eigentlich bekannt waren bisher bloß die große
Rechenschaft von Riedemann und die von Loserth veröffentlichten
Traktate Pilgram Marbecks, während aus
Walpots Werk bloß ein Auszug „Schriftlicher Bericht"
von Schwabe in der Zeitschr. f. Kirchengesch. 1891 erschienen
war. Friedemann stellte nun namentlich mit
Hilfe des hutterischen Geschichtsbuches das Vorhandensein
einer Quelle fest, aus welcher der „Schriftliche Bericht
" geflossen sein mußte, stieß auch auf weitere verwandte
Ableitungen aus dieser Quelle und fand schließlich
letztere selbst in der Graner Diözesanbibliothek.
Er befaßt sich in seinem Aufsatz eingehend mit der

J Entstehungszeit, Walpots Verfasserschaft, den Quellen
und Einflüssen des ganzen Werkes. Wünschenswert
wäre seine vollständige Veröffentlichung; Friedemann
begnügte sich natürlich mit einigen kurzen Auszügen
und Inhaltsangaben.

Trotz seines hohen Alters hat auch Friedensburg
selbst wieder einige wertvolle Beiträge geliefert.
Außer den fortgesetzten Mitteilungen aus Menius'
Briefbüchern (26, 121ff.) nenne ich seine Aktenstück
e zu r Po Ii tik K a r ls V. 1541 (29, 35 ff.), eine
Art Nachlese zu seiner Edition der Nuntiaturberichte, zu
der Friedensburgs Studie über Karl V. und Paul III. in
den Schriften des Vereins f. Reformationsgeschichte herangezogen
werden muß. Vor allem wichtig ist eine große

| Denkschrift des älteren Granvelle. Es handelt sich um die

! internationalen Probleme der Konzilsberufung, der habs-
burgisch-französischen Beziehungen und das Verhältnis
zwischen Kaiser und Papst.— Auch die kath. Denkschrift
zur klevisch-österreichisehen Vermählung
1546 (29, 254ff.) ist noch eine Frucht
von Friedensburgs römischer Wirksamkeit. Derselbe
schöpfte aus einer vatikanischen Abschrift, offenbar aus
den Papieren des damaligen Nuntius Verallo. Wahr-

, scheinlich wurde die Denkschrift dem Nuntius von einem
uns unbekannten Untertanen des Herzogs eingereicht,
übrigens ohne praktischen Erfolg. In der Schubertfestschrift
behandelte Friedensburg wesentlich an der Hand
der Politischen Korrespondenz der Stadt Straßburg den
Kampf der Stadt Straßburg gegen das Augsburger
Interim oder besser gesagt den Versuch,
nach dem kursächsischen Aufstande die 1549 dem Bischof
eingeräumten drei Hauptkirchen der Stadt zurückzugewinnen
und das volle ius reformandi wieder zu erhalten
. Denn es handelt sich in diesem Aufsatze nicht
um Auseinandersetzungen über die Durchführung des
Interims, sondern um dessen Liquidation.

Auch einem anderen Altmeister Joh. Loserth
freuen wir uns zu begegnen. Seit derselbe vor ca. 30
Jahren seine Akten zur Geschichte der steirischen Gegenreformation
in den fontes rerum Austriacarum veröffentlichte
, hat er immer neue Nachträge gefunden,
was bei dem umfangreichen und zerstreuten Material
nicht zu verwundern ist. Jetzt veröffentlicht er die
Korrespondenz des steirischen Landmar-
schalls Hofmann mit den Räten Erzherzog