Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1933 Nr. 23

Spalte:

412-414

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dold, Alban

Titel/Untertitel:

Der Palimpsestpsalter im Codex Sangallensis 912. Eine altlateinische Übersetzung des frühen 6. Jahrh. a. d. einstigen Kloster-Bibliothek von Bobbio 1933

Rezensent:

Dobschütz, Ernst

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

411

Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 23.

412

ten erwartet hat, wird enttäuscht sein. Es sind meist
Auslassungen, Umstellungen. Die bisher unbezeugten
sind wohl großenteils Unachtsamkeiten des Schreibers
dieser Handschrift. Die andern sind bedeutsam dadurch,
daß sie uns Verbreitung und Alter der betreffenden Lesart
kennen lehren; Kenyon betont mit Recht, daß man
daraus nicht gleich auf Verbreitung und Alter der ganzen
Textform schließen dürfe. Übrigens ist dies das
Wertvollste an dem neuen Funde, daß er uns zeigt, auf
wie guter Grundlage der heute gangbare Text runt.

Bei der schlechten Erhaltung des Papyrus bleibt manches unsicher'
Kenyon ergänzt als gewiegter Papyrologe nur da Vollzeilen, wo Zeilenanfang
oder Zeilenende erhalten ist. Mark 7, 4 lassen sich die erhaltenen
Buchstaben . a.t.o ebensowohl zu pavTcicHovrai N B wie zu ßaurioorvTai
DK (so Kenyon) ergänzen, Luk. 9, 39 uo zu u/ayic, oder poXic,. Man kann
nicht wissen, ob Mark. 11, 32 Xaöv oder oyXov, 12, 15 18o>v oder elfte*;,
Luk. 13, 22 i£poi>aa?.t)p. oder lEQoaoÄupa zu ergänzen ist; wie Mark.
12, 14 die Worte xfjvoov Kouarxpi öouvai gestellt waren u. dergl. Oft
ist nur aus dem Umfang einer Lücke auf das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein
einer Lesart zu schließen, so Mark. 11, 33 —|— GOToxpiÖEir,.
Luk. 10, 21 —xai 6 narnp, ort; Luk. 10, 27 ist wohl eher xai ev oXr
tt] xapöia aov ausgefallen als xai rov tc?,t|otov oou cd? oeautov.
Einzelne Auslassungen sind sinnvoll: so lassen sich Mark. 6, 41 die beiden
Zahlwörter entbehren. Joh. 11,51 wäre der Wegfall von toü EviauToü
exeivou (mit e) sogar ein Gewinn. Manche zeigen griechisches Sprachgefühl
, so die Auslassung des Art. vor Eigennamen Luk. 9, 33. 49, Joh.
10,34 11,21.24.31 (umgekehrt Luk. 9, 50), so Mark. 7, 25 T]? •fhjydTpiov
für yq xö fhrv. aürrje, und 7, 26 die Auslassung des ex nach ExßcuVn,
oder 7, 28 die Zufügung von xd nach xd xuvdpia, 9, 28 die Wahl des
Part. conj. statt des Gen. abs., Luk. 9, 30 des Part, nach iSod statt Verb,
fin. (dies bleibt 9, 38). Auch die Neigung, das Imperf. in der Erzählung
durch den Aorist zu ersetzen Mark. 9,24 eLtev, 9,28 t)pwxT]oav,
Luk. 9, 34 EJtEOxiaoEv, 10,39 rxovoev, 10, 40 xaxEXuiEv, 13,13 e86-
|aaEv, Joh. 10,40 epEivev. Luk. 10, 34 zmy&aq für ejuxewv folgt der
Regel, daß bei verb. fin. im Aor. der Aor. des part. die Gleichzeitigkeit
ausdrückt. Gut Griechisch ist auch, daß bei Neutr. plur. Subjekt das
Praedikat im Sing, gesetzt wird; Luk. 12,6 rtco^Eixai, 12, 30 enii^xei,
Joh. 10, 8 t]xot)oev, 10,14 y(e)ivioaxEi. Umgekehrt scheint semitisierend
7, 25 elxev ev jrvEUuaxi äxaf}dpxq) statt des Obj. Akk. Pts wimmelt
von Itacismen: der Schreiber setzt fast durchweg ei für langes i, seltener
x| für ei; ob o und co phonetisch verwechselt werden, ist mir fraglich.
Die auffallende Schreibung hrvba und oavSovxaioi ist wohl nicht dialektisch
, sondern von einem falschen puristischen Prinzip aus zu erklären,
das auch alle Assimilation ablehnt und svyi^Ei für syy- schreibt. Im
allgemeinen geht der neue Zeuge mit W 0 D (Luk., Joh.) und den Familien
1 und 13,565,700 und bezeugt so das Alter der in diesen Zeugen
erhaltenen bezw. nachwirkenden Textform. Pil bietet uns stellenweise
den griechischen Text für LAA, die bislang nur altlat oder sah bekannt
waren : Luk. 14, 8, Joh. 11,7. 51. Wenn Luk. 12 der ganze Vers 9 durch
Homoioteleuton fehlt ebenso wie in e, so muß das nicht auf gemeinsame
Grundlage zurückgehen. Daß auch dieser alte Zeuge schon Mischlesarten
aufweist, zeigt die Unform ÖEÖwpi Luk. 10, 19, die sich aus 8e8<oxa
N BCLW 1 und 8i8o>ui AD0 13 K erklärt. Mischlesart ist in gewissem
Sinne Luk. 11, 13 jrveüfia dyatrov; auch Joh. 10,34 ev xr yo"0?1! ev
xio vo|i.co; doch kann hier auch der Ausfall von x| yQU(px in 35 mitsprechen
: an falscher Stelle eingedrungene Randergänzung. Luk. 10, 40
schreiben für oxrvavxiXaßrixai P" cnnAaßr]Tai, D avxi>.aßr|xe. Das
sieht aus, als stelle der übliche Text eine Mischlesart dar; faktisch sind
die beiden anderen Verkürzungen. Diese Textformen haben eine Neigung
Composita durch das Simplex zu ersetzen : Mark. 7, 34 eoxEva|ev f. avs-,
9,20 EOJiapa|ev f. cruve-, 9,28 noom|aai f. Ejrn-, Luk. 11, 17 f. bis
pepiaß-Eiaa f. 8iap-, 11,22 8i8cooiv f. 8ia8-, 11,53 exeiv f. evexeiv,
12, 1 cnrvaxv>Eia(ov f. ejuo-, 12, 5 ßataiv f. spßaiUiv (umgekehrt Mark.
7,33). Joh. 11,44 e8e8exo f. jiEpie8., 11,52 Eoxopxiop.£va f. 8iecx.
Die meisten dieser Lesarten gehören nicht P" allein an. Eigentümlich
ist P45 eine Neigung Xaoc, für oyloq zu setzen Luk. 12,1;
desgl. für jtoieiv, Luk. 13, 32 tritt es anstelle von cotoxe^ojv, 14, 24 für
ävÖYxaoov (dadurch geht das coge intrare verloren). Bei der in die Augen
fallenden Verwandtschaft von P45 mit D in Luk. scheint mir auch 9, 62
die D-Lesart für P46 in Anspruch genommen werden zu können. Besonders
merkwürdig ist die Fassung des Herrenwortes Luk. 9, 50 oü y&Q
ectxiv xab' üpwv (soweit auch L 33) oü8e vueq üpcöv. Die bedeutsamste
Lesart ist die Auslassung von xai xfj? yÖ? m Luk. 10,21, die
durch Tert und Epiph als marcionitisch bezeugt ist (das von Marcion
auch gestrichene ti&xeq bietet P46).

In den gleichzeitig erschienenen Schweich Lectures
des Jahres 1932 gibt Kenyon einen höchst interessanten
Überblick über die Fortschritte der Textkritik am Neuen
Testament und an der Septuaginta in den letzten 50 Jahren
. Er nimmt in dem 1. Teil seinen Ausgangspunkt
von Hort's Theorie, die er eingehend und liebevoll darstellt
, bespricht dann die Handschriftenfunde (syrsin,

fam 1 und 13, W, I, 0 Fragmente auf Pergament und
Papyrus), die Fortschritte der Theorie (von Soden, Stree-
ter, Lake), den neuesten Fund der ehester Beatty Papyri
und die Sachlage, wie sie sich ihm jetzt darstellt. In dem
2. beträchtlich kürzeren LXX-Teil bildet den Ausgangspunkt
Swete's Introduction, mit der zusammen die
große Cambridger und die neue Göttinger LXX-Ausgabe
besprochen werden. Dann werden wieder die zahlreichen
neuen Funde vorgeführt und endlich die Sachlage für
jedes einzelne alttestamentliche Buch besprochen. Es
ist ein Vergnügen sich an der Hand eines Meisters (erinnert
sei hier an Kenyons Textual Criticism of the New
Testament, das bereits in mehreren Auflagen vorliegt)
so durch die Geschichte der Forschung hindurchführen
und über die jetzt vorliegenden Aufgaben aufklären zu
lassen.

Kenyon schließt sich (leider) an Hort's Terminologie insofern an,
als er den Terminus neutral für das, was wir H(esych)-Text zu nennen
uns gewöhnt haben, beibehält. Er lehnt die Übertragbarkeit der bekannten
Hieronymus-Notiz über Bibeln des Hesych, Pamphilus und
Lucian auf das Neue Testament ab. Bei dem U/(estern)-Text bestreitet
er mit vollem Recht den Recensionscharakter und unterscheidet hier
mehrere Schichten. Ich glaube mit meinem Terminus „verwilderter
Text" die Eigenart noch besser gekennzeichnet zu haben. Von Streeter
und Lake, deren Unterschied er scharf herausarbeitet, übernimmt er den
Gedanken eines Lokaltextes von Cäsarea, der schon vor Origenes dort
vorhanden war, ja von diesem bereits in Alexandrien gebraucht wurde.
Betreffs Hort's syrisch- antiochenischem, von Soden's K(oine)-Text betont
er die verschiedenen Stadien der Umbildung bis zum textus reeeptus,
ohne auf die durch von Soden aufgestellten K-Gruppen im einzelnen
näher einzugehen. Ich meine, daß hier der eigentliche Wert der von
Soden'schen Arbeit liegt und stimme Kenyon darin durchaus bei, daß
ihr Hauptfehler in der Zusammenfassung ganz disparater Textformen
zur I-Gruppe besteht. Es wäre besser, wenn die Amerikaner in ihren
Arbeiten diese von Soden'schen I (und J)-Bezeichnungen nicht weiterführten
. Man wird bei der Textgeschichte immer ein aus dem Handschriftenbefund
abgelesenes Bild mit einem sozusagen intuitiv gewonnenen
verbinden müssen und hier glaube ich, daß mein von Gregory angeregtes
Schema mehrerer Lokaltypen, die um 300 durch Recensionen ersetzt
werden, während der w-Text unrecensiert weiterwuchert, dem Tatbestand
am meisten entspricht. Dann formuliert sich der Wert der neugefundenen
Handschriften des 3. Jahrhunderts dahin, daß sie uns den noch unrecen-
sierten Lokaltext Ägyptens bieten. Dabei kommen wir für das 2. Jahrhundert
zu dem Ergebnis, daß sich vermutlich überall schon mindestens
zwei Textformen gegenüberstanden. Kenyon macht es psychologisch
fein verständlich, daß die einen ihrer Verehrung für den Text durch
möglichste Treue, die andern durch schöne Stilisierung und möglichste
Reichhaltigkeit Ausdruck gaben, und er hat durchaus Recht, wenn er
damit schließt, daß die Textkritik bei den biblischen Büchern anders als
bei den Werken der Profanliteratur schließlich immer auf ein eklektisches
Verfahren hinausläuft. Das ist die These von B. Weiß: Textkritik ist
Sache des Exegeten.

Wir danken dem verehrten Verfasser für vielseitige
Anregung und wünschen ihm, daß ihm gegönnt sei, die
Herausgabe der ehester Beatty Sammlung bald zu vollenden
.

Halle a. S. E. von Dobschütz.

Der Palimpsestpsalter im Codex Sangallensis 912. Eine
altlateinische Übersetzung des frühen 6. Jahrh. a. d. einstigen Kloster-
Bibliothek von Bobbio. Hrsg. u. untersucht von P. Alban D o 1 d
u. Prof. Dr. Arthur Allgeier. Anhang: Ein neues Bruchstück
m. altlateinischem Jeremiastext im Cod. Sangall. 912. Mit 11 Schriftproben
. Beuren: Verl. d. Kunstschule d. Erzabtei Beuren 1933.
(XVIII, 208, 39* S. u. 8 Taf.) 8°. = Texte u. Arbeiten hrsg. durch
d. Erzabtei Beuren. 1. Abt.: Beiträge z. Ergründung d. Bit latein.
Christi. Schrifttums u. Gottesdienstes, H. 21—24. RM 17—.

Auf Anregung des mit der Überlieferungsgeschichte
des lateinischen Psalters beschäftigten Professors Allgeier
in Freiburg hat P. Alban Dold seine Kunst der
Palimpsest-Photographie der Handschrift 912 in Sankt
Gallen zugewendet, die ein zu Beginn des 8. (9.?') Jh. in
Bobbio geschriebenes Vokabular enthält. Zu seiner Her-
j Stellung wurden geschabte Pergamentblätter von 7 älte-
I ren Handschriften benutzt, unter denen ein Psalterium
| das meiste geliefert hat. Über die anderen Teile, eine
Terenz-Handschrift, ein Vokabular, einen Donat, gynäkologische
Rezepte u. a. hat auf Grund der Doldschen
I Photographie P. Lehmann, Eine Palimpsest-Studie, SB