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Ausgabe:

1933 Nr. 21

Spalte:

387-391

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schrade, Hubert

Titel/Untertitel:

Ikonographie der christlichen Kunst 1933

Rezensent:

Campenhausen, Hans

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Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 21.

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bundesamt, auf erstaunlich knappem Raum weitausschauende
Gedanken bietend, ganz grundsätzlich und zugleich
ganz aus der Gegenwartslage heraus, im letzten Grund
metaphysisch - eschatologisch bestimmt, zu ernstestem
Nachdenken anregend. Vor eine Fülle von Problemen
führt auf Grund zwanzigjähriger Studien Max Hildebert
B oeh m, V o 1 k s t h e o ri e, er kündet ein bald
erscheinendes Werk darüber an, der erste Band soll
„Das eigenständige Volk", ein zweiter „Völkerwelt und
Völkerordnung" behandeln. Bruno G e i ß 1 e r's Beitrag
Von der Sprachigkeit der christlichen
Kirchen Europas bietet gründliches kirchengeschichtliches
Material von der urchristlichen Kirche an
bis in die Gegenwart. Ob G. Recht hat mit der Zurückweisung
der Anschauung von Harnack in „die Mission
und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei
Jahrhunderten", daß die Tatsache, daß Syrer, Kopten,
Armenier, Goten u. s. w. ihre eigene Bibelübersetzung
schufen, anstatt sich hellenisieren zu lassen, für die Zukunft
des Christentums die schwersten Verluste und
traurige Verkümmerung im Gefolge gehabt habe, scheint
dem Besprecher allerdings zweifelhaft. Hervorheben
möchte ich die Abhandlung des frühern Kultusministers
Otto Beelitz, die deutsche Schule im Ausland
und die evangelische Kirche gut historisch
orientierend, dabei grundsätzlich eingestellt und die
einschlägigen Fragen mit großer Besonnenheit behandelnd
. Eine Reihe sachkundiger Beiträge führt dann
auf die verschiedensten Einzelgebiete deutscher Auslanddiaspora
. Eine 22 Seiten umfassende erstaunlich
vielseitige Literaturübersicht vom Herausgeber erhöht
den Wert des ausgezeichneten Buches.

Halle/Saale. Wilhelm Usener.

Schra'de, Hubert: Ikonographie der christlichen Kunst. Die

Sinngehalte und Gestaltungsformen : 1. Teil: Die Auferstehung Christi.
Berlin: W. de Gruyter & Co. 1932. (XII, 390 S. u. 52 Taf.) Lex. 8°.

RM 32—.

Die bisherigen „Ikonographien" christlicher Kunst
pflegten unter diesem Titel in erster Linie eine mehr
oder weniger vollständige historisch-systematische Übersicht
über den stofflichen Inhalt christlicher Kunstwerke
zu bieten, wie sie für den Kunsthistoriker und Archäologen
unentbehrlich und für den Theologen und Historiker
oft sehr erwünscht ist, d. h. sie hatten wesentlich
hilfswissenschaftliche Bedeutung. Obgleich wir vor einigen
Jahren eine neue, bei zahlreichen Mängeln im Ganzen
doch bequeme und nützliche Zusammenfassung des
wesentlichsten Stoffes durch K. Künstle erhalten haben
, ist das Gebiet, das hier noch näherer Bearbeitung
harrt nahezu unermeßlich. Die vorliegende „Ikonographie
" stellt sich eine grundsätzlich anders orientierte,
zeitgemäße Aufgabe: sie will kein bloßes Handbuch
liefern, sondern strebt einer zusammenfassenden historischen
Darstellung zu, die, das Ganze der christlichen
Kunstentwicklung im Blick, jeden einzelnen Gegenstand
in seiner besonderen geistigen und kunstgeschichtlichen
Bedeutung vor Augen führen und so ein Werk schaffen
will, das den gewaltigen Stoff um seiner selbst willen
in einer seiner würdigen Form wissenschaftlich gestaltet.
Das erfordert eine bis jetzt nur an Teilausgaben versuchte
und erprobte grundsätzliche Verschmelzung der
im engeren Sinne ikonographischen Untersuchung, die
die Führung behält, mit kunst- und geistesgeschichtlichen
Gesichtspunkten. Es gilt die gegenständlichen Probleme
zugleich als formale erscheinen zu lassen und beide als
Ausdruck des dahinter stehenden geistigen und religiösen
Erlebens verständlich zu machen. Letzten Endes ist es
der Mensch, „ohne dessen schicksalvolles Bedürfnis nach
Versinnbildlichung seiner Daseinserfahrungen jene Formen
ja garnicht vorhanden wären, niemals wirkende
Werte hätten sein können". Ein solcher Versuch, der
mit einer erstaunlichen Kenntnis des weitverbreiteten Materials
und der vielseitigen — auch der im engeren Sinne
theologischen — Literatur unternommen wird, verdient

I grundsätzliche Anerkennung, auch wenn man gegen die
Art seiner Ausführung schwere Bedenken nicht unterdrücken
kann.

Ausgehend von der anfänglichen Verneinung jeder
Kunstübung durch das Christentum, erscheint dem Verf.
die Idee des Mittlertums Christi, durch die Diesseitiges

I und Jenseitiges, Zeitliches und Ewiges verbunden wird,

J als die letzte geistige Wurzel aller christlichen Kunst.

I Je nach der Betonung der geschichtlichen Einmaligkeit
oder des ewigen, mythischen Prinzips dieses Mittlertums
birgt seine Idee die Tendenz sowohl zu einer Kunstverneinung
wie zur Kunstbejahung in sich, die in der Geschichte
des Christentums miteinander wechselnd gerungen
haben. Als die eigentlich christliche, der antiken
Kunst in dieser Schwere noch nicht gestellte Aufgabe
erscheint danach, je und je „mit faßlichen Vorstellungen
zu erfüllen, was seinem Wesen nach unfaßlich sein sollte,
was kein Auge gesehen, kein Ohr gehört hat". Die
vornehmste Quelle der kunstbejahenden Haltung und'
die wichtigste Anregung der schöpferischen religiösen
Einbildungskraft ist darum in dem kultischen Mysterium
gegeben, das „die Symbole schaffende Kraft des Mittlertums
" am deutlichsten ausprägt, indem es die gegenwärtige
„Einung des Endlichen und Ewigen" unaufhörlich
erneuert. Es ist klar, wie diese Auffassung der
Dinge wesentlich im Hinblick auf die katholische Kunst
des Mittelalters entworfen ist. Das Problem der „Spät-
antike" und die Abgrenzung des „Christlichen" in ihr
läßt sich von hier aus nicht gut erfassen, und in der
Tat begnügt sich der Verf. für gewöhnlich damit, die
altchristlichen Schöpfungen mit Denkmälern der klassischen
Antike auf ihren geistigen Gehalt hin zu
vergleichen. Luther, dessen religiöse Haltung im übrigen
verständnisvoll gewürdigt wird, erscheint aber unter
dem etwas schiefen Gesichtspunkt des radikalen „Dualismus
", eben weil er die kultische Kunst im Sinn
einer Verschmelzung von Welt und Überwelt negiert
hat. Doch mag das auf sich beruhen bleiben,
da ja die klassische Periode christlicher Ikonographie
in der Tat durch das Mittelalter repräsentiert wird.
Aus grundsätzlichen Erwägungen über das Wesen der
christlichen Kunst ergibt sich auch die eigentümliche
Disposition des Gesamtwerkes, das die Ikonographie
der Auferstehung, Höllen- und Himmelfahrt, „die Tatsachen
der Verklärungsgeschichte Christi", vorwegnimmt
und erst nach zwei weiteren, nach der Anlage
des Ganzen besonders wesentlichen Bänden über „Kunst
und Kultus" und die Darstellungsgeschichte des Spirituellen
das Leben Jesu folgen lassen wird — eine seltsam
konstruktive Verteilung des Stoffes, die dem tatsächlichen
Entwicklungsgang der christlichen Kunstgeschichte
nicht im Geringsten entspricht, der man aber
weite Gesichtspunkte und einen gewissen großen Zug
nicht absprechen kann. Es läßt sich nicht vermeiden,
daß in dem ersten, zunächst allein zur Besprechung
stehenden Bande schon manches erörtert werden muß,
was seinem allgemeinen Charakter nach eigentlich in
die späteren Bände gehört. Man kann annehmen, daß
die hoffentlich bald folgenden Teile über Höllen- und

J Himmelfahrt Christi einen erheblich kleineren Umfang
besitzen werden.

Anfangs verschmilzt die Darstellung der Auferstehung
vielfach mit der Darstellung der Himmelfahrt,
zu deren Ikonographie der Verf. schon früher eine umfangreiche
Vorarbeit veröffentlicht hat (Vortr. d. Bibl.
Warburg 1928/29 S. 66—190; vgl. die Anzeige auf Sp.
197 des vergangenen Jahrgangs dieser Zeitschr.). Dieses
theologisch interessante Spannungsverhältnis zwischen
den beiden Szenen bleibt z.T. bis ins Mittelalter hinein
erhalten (S. 158). Wichtiger ist die grundsätzliche
Unterscheidung zwischen einer Auffassung, die die Auferstehung
als Rückkehr in die Welt und dementsprechend
Christus als ihren auferstehenden Herrn darstellt,

j und einer entgegengesetzten, die sie wesentlich als „tran-
situs" zur Überwelt versteht, der sich Christus dann als