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Ausgabe:

1933 Nr. 1

Spalte:

20-21

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Mackintosh, H. R.

Titel/Untertitel:

The Christian Experience of Forgiveness 1933

Rezensent:

Wobbermin, Georg

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Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 1.

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aber auch in ihre äußeren Nöte und Schwierigkeiten während des Krieges;
dem deutschen Pastor droht die Verschickung in das Innere Rußlands,
ein Geschick, das im letzten Augenblick noch abgewendet wird. Begeistert
empfängt dann der deutsche Teil der Bevölkerung den Einmarsch
der deutschen Truppen; die Universität Dorpat wird im alten deutschen
Geist ihrer Geschichte erneuert z. T. durch Zuziehung reichsdeutscher
Professoren. Dann kommt bald das bittere Ende, der Abzug der deutschen
Truppen und die Bolschewikenherrschaft. In erschütternder Weise
erleben wir die Greuel dieser Tage mit, aber auch die Arbeit des viel
um Rat und Hilfe angegangenen Pfarrers und seines Pfarrhauses sowie
die schweren Gewissenskonflikte „bleiben oder fliehen". Hahn ringt sich
zur Freudigkeit des Martyriums durch und bleibt, bis zum Tod durch
Erschießen, der unmittelbar vor der Ankunft der rettenden Truppen erfolgt
, auch im Gefängnis der Pfarrer und Seelsorger seiner Leidensgefährten
. Die Beerdigungsrede seines Kollegen Pastor Professor von Stromberg
und die Ansprache bei der Trauerfeier in Reval von Pastor Hermann
Hesse bilden den Anhang des wertvollen Buches, das mehr wie
vielleicht Hunderte von Predigten ein machtvolles Zeugnis für die Kraft
des Welt- und Todüberwindenden Christenglaubens ist.

Pouch b. Bitterfeld._Wilhelm Usener.

B a r t m a n n , Dr. Bernhard : Grundriß der Dogmatik. 2., neubearb.
Aufl. Freiburg i. Br.: Herder & Co. 1931. (XI, 261 S.) 8°.=
Herders theol. Grundrisse. RM 5 — ; geb. RM 6.40.

B. gehört neben Eschweiler und Adam zu den Dog-
ii:atikern, die in der katholischen Laienwelt am meisten
geschätzt werden, und das vorliegende Werk macht die
Wertschätzung begreiflich. In enger Anlehnung an sein
zweibändiges Lehrbuch der Dogmatik entwickelt B. die
katholischen Glaubenslehren hier in durchsichtiger, lebendiger
Weise. Nach Möglichkeit bemüht er sich um
gute Verdeutschungen und um konkrete Ausdrucksweise.
Er vertritt in Sache wie Methode einen gemäßigten
Augustinismus. Im Aufbau schließt sich B. allerdings
eng an Thomas an (Prolegomena 1—12, Lehre von
Gott S. 13—53, die Schöpfung S. 54—80, die Erlösung
S. 81—121, die Heiligung S. 122—157, die Sakramente
S. 158—238, die Eschatologie S. 239—254). Aber trotz
zahlreicher Zitate aus Thomas ist ihm dieser keine
absolute Autorität; mit Vorliebe spricht er von „den"
Scholastikern oder „der Scholastik", womit deren ge-
n einsamer Besitz bezeichnet wird. Ein Eingehen auf
die Schulkontroversen vermeidet er. Nur der Gegensatz
vom Thomismus und Molinismus wird, als ein weltanschaulicher
Gegensatz, bei einer Reihe von Lehrstücken
aufgezeigt. Sehr bezeichnend ist, daß er jedem Abschnitt
Ausführungen über den Lebenswert des behandelten
Lehrsatzes anfügt.

B. beschränkt sich auf die Darbietung der allgemein
anerkannten Lehrsätze, hütet sich vor allen Spekulationen
und scholastischen Spitzfindigkeiten und sucht den
Zusammenhang der einzelnen Dogmen aus ihrer religiösen
im Glauben erfahrenen Substanz, nicht aus ihrem
Begriffsgehalte heraus, verständlich zu machen. Ja zuweilen
will mir scheinen, daß ihn seine religions- psychologisch
-mystische Methode, weil ihn die theologische
Tradition an einem völligen Neuansatz hindert, zu zu
weitgehenden Vereinfachungen verleitet (vgl. z. B. S. 24
Allgegenwart und Einwohnung der Gnade, S. 33 Wahrheit
und Wahrhaftigkeit Gottes). Die Verborgenheit
Gottes in und trotz der Offenbarung wird stark unterstrichen
. Der Unterschied zwischen göttlicher Offenbarung
und theologischer Spekulation wird streng durchgeführt
(vgl. z. B. die Trinitätslehre S. 48, die Engel-
lehrc S. 67 ff. oder die Erbsündenlehre S. 77), ebenso
der Unterschied zwischen Offenbarung und traditiones
humanae ganz im Sinne der Augustana.

Dem modernen Denken und Forschen gegenüber
zeigt sich B. so aufgeschlossen, als es die Kirche überhaupt
erlaubt. Überall findet sich die Tendenz, die
naiven religiösen Vorstellungen (z. B. bei der Höllenfahrt
S. 104, der Himmelfahrt S. 108 und den Antro-
pomorphismen im Gottesbilde) zu vergeistigen. Seine
Grundhaltung ist, seinen mystischen Neigungen entsprechend
, stark theozentrisch; Kirche und Heilige treten
zurück, selbst Maria, über die er doch sehr Schönes und
Tiefes zu sagen weiß. Die Heiligen seien vor allem
als Vorbilder für die Nachfolge wichtig.

Die Auseinandersetzung mit dem Protestantismus
läßt viel zu wünschen übrig. Die Nachkriegsentwicklung
scheint dem Verfasser entgangen zu sein. Auch seine
Unterscheidung von Altprotestanten (bis zur Orthodoxie)
und Neuprotestanten (offenbar alle späteren) ist reichlich
summarisch. Und wenn er den Gegensatz zwischen
der lutherischen und der tridentinischen Lehre vom
Herrscherainte Christi lediglich durch die Behauptung
charakterisiert, Luther habe gelehrt, Christus habe nur
j Verheißungen verkündigt, keine Gebote gegeben wie
Moses (S. 104), so zeugt das wohl auch von keiner
sehr eingehenden Kenntnis reformatorischer Theologie.
Trotz allem ist B.s Werk ein Beweis, wie nahe sich
Katholiken und Protestanten trotz aller Gegnerschaft
kommen können, wenn sie den Glauben zum Regulativ
der Dogmatik nehmen. Allein auf dieser Grundlage
— nicht auf der der altkirchlichen Symbole — scheint
mir deshalb ein fruchtbares Gespräch mit dem modernen
Katholizismus möglich.
Münster/W._Otto Piper.

Mackintosh, Prof. H. R., D. phil., D D.: The Christian Expe-
rience of Forgiveness. London: Nisbet&Co. 1927 (Neudruck
1930). (XV, 295 S.) gr. 8°. = The Library of Constructive Theology.

10 sh. 6 cL

In Nr. 7 des Jahrganges 1931 (S. 164 f.) der Th.L.Z..
I habe ich des schottischen Theologen M. Buch The Christian
Apprehension of God angezeigt. Dagegen ist eine
Anzeige des oben genannten, schon früher einem anderen
Referenten überwiesenen Buches M.'s in der Th.L.Z.
leider bisher infolge widriger Umstände noch immer
nicht erfolgt. Deshalb nehme ich Anlaß, das Versäumnis
nachträglich gut zu machen. Denn dieses frühere
Buch M.'s ist der Beachtung von seiten der deutschen
Theologie mindestens in gleichem Maße wie jenes
andere wert. Ja, ich trage kein Bedenken, es als noch
wertvoller und bedeutsamer zu bezeichnen und zwar gerade
für die gegenwärtige Lage der evangelischen Systematik
. Denn in diesem Buche des schottischen Theologen
tritt ganz objektiv, weil völlig unbeabsichtigt — die
methodische Bedeutung der Linie Luther-Schleiermacher
ins hellste Licht. Mit instinktiver Sicherheit hält sich
nämlich die Gedankenführung M.'s auf dieser Linie.

Es genügt, den Sachverhalt an 2 Punkten zu veranschaulichen
. 1. M. legt — gewiß mit Recht — das
größte Gewicht darauf, daß für die Vergebung der
Sünden, die ja als das wesentlichste, weil unterscheidende
Merkmal des christlichen Gottesglaubens anzusehen
ist, die Initiative immer ausschließlich bei Gott zu
suchen sei. Die Rechtfertigung dürfe also nicht als eine
einmalige Tat Gottes gefaßt werden, sondern in immer
neuer Wiederholung von Seiten Gottes versetze sie den
Gläubigen in eine bleibende Beziehung zum himmlischen
Vater. Denn immer von neuem überrasche den Gläubigen
die Erfahrung, daß Gott zwar die Sünde nicht
übersieht oder für gegenstandslos erklärt, aber doch den
Sünder nicht von sich stößt, sondern ihm, der Sünder
ist und bleibt, die Sünde vergibt, womit er der letzteren
die Macht nimmt, die Gemeinschaft zwischen Vater und
Kind dauernd zu unterbrechen. Die Rechtfertigung ist
also ein Akt Gottes, aber andererseits doch auch
ein Erfahren des Menschen.

2. Mit dieser Einsicht hängt dann aufs engste die
weitere zusammen, daß Rechtfertigung zugleich
; Erneuerung ist. Das Evangelium, in dem immer
j Gott und er allein die Initiative hat, umschließt nach
! dem Willen Gottes selbst, wie er sich am deutlichsten
| im Heilandsleben Jesu Christi, zuhöchst in seinem
j Kreuze bekundet, die ergänzende Forderung, daß die
! Menschen zu Mitarbeitern Gottes werden, indem sie ver-
j gebende Liebe gegen einander üben. Das „mitarbeiten"
und „mitwirken" ist von M. ganz in dem Sinn gemeint,
I wie sowohl Luther als Schleiermacher die Menschen,
j speziell die Gläubigen, unter den Gesichtspunkt von
i „Organen" Gottes stellen. (Für Luther hat das neuestens
I Erich Seeberg in seinen „Studien zu Luthers Genesis-