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Ausgabe:

1933 Nr. 20

Spalte:

366-367

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Burkert, Adolf

Titel/Untertitel:

Evangelische Religion 1933

Rezensent:

Feigel, Friedrich Karl

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Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 20.

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Forschungen befaßt und zahlreiche wissenschaftliche,
aber auch praktisch-theologische und populär-feuilleto-
nistische Schriften und Aufsätze geliefert. Als Hans von
Schubert zur Sammlung der Täuferakten aufrief, war
G. Bossert der dazu geschaffene Mann, die „Urkunden
der Wiedertäufer des Herzogtums
Württemberg" in musterhafter Weise und Akribie
auf nicht weniger als 1199 Seiten als ersten Band dieser
Sammlung herauszugeben, ein Standartwerk kirchenhistorischer
Quellenforschung. Wie viele Studien dieser
Arbeit vorausgingen, zeigt die „Bossert-Bibliographie",
in der Stadtpfarrer G. Bossert in Horb auf mehrfachen
Wunsch sämtliche Veröffentlichungen seines Vaters zusammengestellt
hat. Er teilt sie in 39 verschiedene
Gebiete ein — ein Zeichen der bewundernswerten
Vielseitigkeit Gustav Bosserts sen. — und zählt über
S00 — achthundert! — Veröffentlichungen
und 400 Rezensionen auf, ohne dabei völlige
Lückenlosigkeit zu beanspruchen. Bedeutet schon solche
Quantität eine staunenswerte Leistung, so sind Bosserts
Arbeiten vor allem qualitativ als erstklassig, die Forschung
nicht selten bedeutsam beeinflussend zu bezeichnen
.

Im Mittelpunkt dieser ausgedehnten Gelehrtenarbeit
stand die schwäbische Heimat- und Kirchengeschichte
, die Bossert zum besonderem Dank verpflichtet
ist. Wir erwähnen nur seine Beiträge über die
Urkunden und Gründungsgeschichten von Klöstern und
der Urpfarreien Württembergs, über das Heidentum der
Sueven, die Anfänge des Christentums in Württemberg,
den Artikel Alemannen in der Prot. Real-Enzyklopädie,
vor allem Teil 1 u. 3 der „Württembergischen Kirchen-
geschichte" (bis 1303 und von 1517—52), auch über
die württembergischen Herzöge Ludwig, Eberhard, Christoph
, Ulrich, den Bauernkrieg in Württemb., Luthers
Beziehungen zu Württemb. (Brief an Schnepf, Reise
durch Württ, Luthers schwäb. Schwiegertochter) u. a. m.
Daneben behandelte der unermüdliche Forscher die Geschichte
der Grafschaft Hohenberg sowie des
Württemberg. Frankens (Hohenlohe, Hall, Bächingen
, Künzelsau, Ingelfingen, Jagstberg, Belsenberg,
Küblingen, Herrentierbach, Obersteinach u. s. w.). Aber
B. begnügt sich nicht mit Lokalhistorie, er bezieht die
Geschichte Badens wie Bayerns, die Kirchenge -
schichte Brandenburgs, Frankfurts, Hessens
ja Österreichs in den Rahmen seiner Forschertätigkeit
ein und ist Meister in der Biographie bedeutender
Persönlichkeiten so von Brenz, Blarer, Denk, Bucer,
Eberlin v. Günzburg, Eck, Fabri, Lotzer, Pflug, Tezel
etc.). Sein Spezialgebiet aber bildeten die
Schwärmer. Bereits 1888 schreibt er über „Schwäbische
Winkler in Straßburg". In den neunziger Jahren
folgten Beschreibungen der Täuferbewegung in Hohenberg
, Rottenburg, Horb, Kirchheim sowie einzelner Anabaptisten
wie Wilhelm Reublin, Michael Sattler, Familie
Greiner. Im Archiv für Ref. - Geschichte erschienen
1912 ff. die Aufsehen erregenden Artikel über Augustin
Bader von Augsburg, gegen den sich einst
Augustana 17 wandte, nach den Prozeßakten von 1530.
Auch Schwenckfeld und seine Bewegung wußte
Bossert ins Licht zu rücken. Wie sehr seine diesbezüglichen
Forschungen geschätzt wurden, beweist seine ausgedehnte
Mitarbeit an dem Lexikon „Der Mennonit".
Gekrönt aber wurde sein Werk durch die bereits erwähnte
Sammlung der Wiedertäufer-Urkunden des Herzogtums
Württemberg, die 1929 herauskam. Auf dem
Gebiet der Polemik wurde Bosserts Feder von den
Freunden begrüßt, von den Gegnern gefürchtet, weil
alles, was er schrieb, auf einwandfreien Quellen beruhte.
Daher bekämpfte er mit glühendem Eifer die Einseitigkeiten
und Geschichtsklitterungen von Jansen und seinen
Anhängern. Wer erinnert sich nicht seines scharfen
„Offenen Sendschreibens eines ,dummen Prädikanten'
an den hochwürdigen und hochgelahrten Herrn Dom-
kapitular Joh. Bapt. Röhm"? Auch als Rezensent

war Bossert überaus geschätzt, suchte er doch auch hier
mit unbestechlicher Sachlichkeit zu kritisieren und der
Forschung dadurch vorwärts zu helfen. Allein unsere
Theol. Lit. Ztg. verdankt ihm an die zweihundert
Besprechungen, die er ihr in der Zeit von 1884—1925
lieferte und die weithin Beachtung fanden. Es ist mehr
als Dankespflicht, wenn nun auch an dieser Stelle das
erstaunliche Lebenswerk dieses schlichten Gelehrten und
Forschers gebührend und dankbar gewürdigt und diese
reichhaltige Bibliographie der künftigen Forschung
empfohlen wird. Schade, daß der Sohn dieser inhaltsreichen
Schrift neben dem allzu kurzen Lebenslauf nicht
auch ein Bild des Vaters mitgab, das dieses seltene Gedächtnismal
noch abgerundet hätte.
Ansbach. Karl Alt.

Burkert, Dr. Adolf: Evangelische Religion. München: R. Ol-
denbourg 1931. (54 S.) gr. 8°. = Sonderausg. a. d. Handbuch d.
deutschen Lehrerbildung. RM 2.35.

B.'s Beitrag zeigt den wohltätigen Einfluß der Praxis
auf die Theorie; es geht da wie bei einem Werkzeug,
das sich im Gebrauch dem Gebrauch anpaßt: theoretische
Überspitzungen der Dogmatik werden durch die
immanenten Gesetzmäßigkeiten des Unterrichts und der
Erziehung unschädlich gemacht. Nebenbei bemerkt,
könnte man schon von hier aus die Behauptung wagen,
daß Paulus als Missionar und gar Jesus als „der Profet,
mächtig in Taten und Worten", ihre „Verkündigung"
nicht so überspitzt haben, wie die Theologen Barth und
Bultmann sie darstellen. Die Schrift von B. arbeitet zwar
auch von der Grundhaltung der dialektischen Theologie
aus, aber auch die grundsätzlichen Ausführungen über
„Das Evangelium als Lehrgegenstand" und
über „Evangelium und Kultur (S. 1—14) sind
durchaus maßvoll und ohne das ressentiment, das den
theol. Streit oft so peinlich macht. Es wäre über diese
kurze Prinzipienlehre manches zu sagen; ich beschränke
mich auf einen Punkt: gegen den Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit
pflegt sich eine dogmatisch befangene
Theologie in der Weise zu wehren, daß sie die
Voraussetzungslosigkeit auch der Religionswissenschaft
und Philosophie bestreitet: die Begriffe seien auch dort
„das Ergebnis einer Entscheidung, die vor dem wissenschaftlichen
Denken liegt" (S. 1). Man darf sich aber
durch solche Argumentation nicht den Blick dafür trüben
lassen, daß der eine wesentliche Unterschied nicht
zu verwischen ist: wer sich dem historischen und psychologischen
Tatbestand zum Trotz weigert, das Christentum
als Religion unter Religionen mit denselben Maßstäben
zu messen, die in aller Religionswissenschaft gelten
, wer für seine „Religion" Ausnahmegesetze verlangt
, ja sogar das Christentum sämtlichen „Religionen
" als das „ganz andere" entgegensetzt, der stellt sich
mit dieser Nichtachtung des Gesetzes der Analogie
grundsätzlich außerhalb des Rahmens der Wissenschaft;
denn wissenschaftlich gültig ist nur das Allgemeingültige.

In dem Abschnitt „Kindheit und jugendalter
unterdem Evangelium" (S. 14—23) gibt B. einen
guten Überblick über die jugendpsychologischen und
typologischen Voraussetzungen des R.-U., um dann
den „Unterricht im Evangelium" (S. 23—47)
nach seiner Bedeutung und seinem Ziel und nach den
Gesichtspunkten der Stoffwahl, Stoffverteilung, Methodik
darzustellen. Unbefangen und sachlich gerecht werden
auch Meinungen und Vorschläge der Nichtdialelc-
tiker gewertet und verwertet: Gaudig, Niebergall, Schlemmer
, Tögel, Eberhard, Pfennigsdorf, Spranger; auch
Herbart-Zillers Formalstufen werden nicht in der üblichen
Weise abgetan, sondern in ihrem wertvollen Kern
festgehalten (Vorbereitung, Darbietung, Anwendung S.
37 ff.). In allem erweisen sich diese knappen Skizzen als
wissenschaftlich begründete, praktisch ernrobte Vorschläge
, denen man viel Gehör wünschen darf. Vor allem
wertvoll scheinen mir die Unterrichtsbeispiele, die neben
einem wohlüberlegten Auszug aus dem einschlägigen