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Ausgabe:

1933 Nr. 18

Spalte:

334-335

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schuster, Hermann

Titel/Untertitel:

Methodik des evang. Religionsunterrichts an höheren Lehranstalten 1933

Rezensent:

Feigel, Friedrich Karl

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333

Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 18.

334

Mumm, D.Reinhard: Der christlich-soziale Gedanke. Bericht
über eine Lebensarbeit in schwerer Zeit. Berlin: S. Mittler & Sohn
1933. (161 S. m. 1 Bildn.) gr. 8°. RM 4.80; geb. 5.50. I

Mehr als 30 Jahre hat Reinhard Mumm in der kirch- 1
liehen Sozialarbeit und im politischen Leben an hervorragender
Stelle gestanden. Mit Recht darf er sagen, daß
er wohl mit allen politischen Führern der letzten drei
Jahrzehnte irgendwie persönliche Fühlung gehabt und
mit ihnen entweder in freundschaftlichen Beziehungen
oder in oft hartem Kampfe gestanden hat. In manche
Verhältnisse und Zusammenhänge hat der vielgeschäftige
Mann hineinschauen dürfen, die anderen verschlossen
geblieben sind. Darum werden gewiß viele mit
besonderer Spannung zu diesen Erinnerungen greifen,
die Mumm in den letzten Monaten seines Lebens niedergeschrieben
hat und die seine Witwe der Öffentlichkeit
übergibt. Wer freilich in dem Buch einen großzügigen
und eindringenden Überblick über die politischen Ent-
wickelungen Deutschlands im letzten Menschenalter oder
auch nur eine prinzipielle Auseinandersetzung über den
„christlich-sozialen Oedanken" und über die Möglichkeiten
und Ziele sozial-kirchlicher Arbeit erwartet, wird
wahrscheinlich das Buch enttäuscht aus der Hand legen.
Zwar versucht Mumm in einzelnen wirkungsvollen Formulierungen
(z.B. Seite 23 f.: Christentum und Politik
zu unterscheiden, ohne sie zu scheiden, aus dem Christentum
die letzten politischen Motive herauszuholen, ohne
Gesetz und Evangelium in unbiblischer Weise zu verwirren
, das ist die schwere Aufgabe) und besonders in
den beiden wertvollen Schlußkapiteln über „Politik und
Christentum" und „Politik und Kirche" zu zeigen, wie
vom Standpunkt des Evangeliums aus grundsätzlich Politik
getrieben werden muß und nur getrieben werden
kann. Aber in der Hauptsache beschränkt sich das Buch
in Übereinstimmung mit seinem Untertitel doch auf einen
„Bericht über eine Lebensarbeit in schwerer Zeit". Auch
so freilich bleibt das Buch beachtlich genug und des
Studiums wert. Interessant ist z. B. zu lesen, wie Mumm
als Student in Halle auch von Friedrich Naumanns frühesten
christlich-sozialen Schriften beeindruckt worden ist
und wie der sozialwissenschaftliche Studentenverein, den
er dort mit begründet hatte, u. a. auch Männer wie
August Bebel um einen Vortrag bat, wie aber dann in
der Zeit, wo Mumm als Kandidat in Utrecht weilte,
offenbar Abraham Kuyper und später nach der Rückkehr
nach Deutschland Adolf Stoecker entscheidenden
Einfluß auf ihn gewonnen haben. Je weiter das Buch
fortschreitet, umso mehr wird es — abgesehen von den
beiden oben angeführten Schlußkapiteln — zu einem
reinen Bericht, der gewiß immer aufschlußreich ist, aber
doch in der Hauptsache die Ereignisse lediglich chrono- I
logisch aneinanderreiht, ohne die inneren Entwickelungs- I
linien aufzuzeigen. So werden nacheinander — immer
anschaulich und mit vjel bezeichnenden Einzelheiten — !
die Anfänge in der Arbeit der Kirchlich-sozialen Konfe- |
renz, die ersten Wahlkämpfe im Siegerland, der Eintritt
in den Reichstag und die Arbeit dort vor und während i
der Kriegszeit, sowie schließlich die Mitarbeit in der j
Nationalversammlung und an der Verfassung und die
Arbeit im neuen Reichstag bis zur Verbindung mit dem
christlich-sozialen Volksdienst geschildert. Befremdlich
ist, daß Mumm gleich am Anfang seines Buches ganz allgemein
behauptet, daß er zur Zeit seines Theologie-
Studiums, d. h. Anfang der 90 er Jahre, ebenso wie 1
andere junge Politiker in der evangelischen Theologie
nirgends sichere Vorarbeiten gefunden habe, und daß er j
gegen die theologischen Führer seiner Jugend, ja gegen
die akademische'Theologie des 19. Jahrhunderts über- j
baupt die Anklage erhebt, daß sie ihre Pflicht auf
diesem Gebiet nicht getan, die junge Generation führer-
los gelassen und bestenfalls an die Volkswirtschaftler I
verwiesen habe. Mag das auch vielleicht weithin zu-
Treffen, so ist doch auffällig, daß Mumm die soziaige- |
sinnten Theologen, die sich 1890 zum Evangelisch-Sozia- I
len Kongreß zusammenschlössen — ich erinnere nur

an Männer wie v. Soden, Harnack, Rade, Baumgarten,
Hermann, Sülze —, damals offenbar nicht kennen gelernt
hat oder daß sie wenigstens keinerlei Einfluß auf seine
Entwickelung gewonnen haben.
Leipzig. Johannes Herz

Schuster, Prof. D. Hermann: Methodik des evang. Religionsunterrichts
an höheren Lehranstalten. Fi ankfnrt a. M. : M.
Diesterweg 1933. (X, 361 S.) gr. 8°. = Handbuch d. Unterrichts an
höheren Schulen z. Einführung u. Weiterbildung in Einzeldarstellgn.
Hrsg. v. K. Roller, H. Weinstock u. P. Zühlke. 3. Bd. geb. RM. 8.80.
Das Buch füllt eine längst empfundene Lücke muster-
giltig aus. Es behandelt in Teil I (S. 2—125) die
Voraussetzungen und den Sinn des Religionsunterrichts
, indem es die Hauptströmungen
in Theologie und Kirche, die schulpolitische Lage, die
jugendpsychologischen Voraussetzungen des Unterrichts
und die bisherigen religionspädagogischen Bemühungen
des Christentums ins Licht stellt und auf dieser Grundlage
Sinn und Aufgabe des Rel.-Unt. sowie die an den
Religionslehrer zu stellenden Forderungen umreißt. Teil
II (S. 126—328) untersucht die Hauptaufgaben des
R.-U., und zwar wird mit Recht als Zentralproblem das
der Bibel und ihrer Behandlung im Unterricht eingehend
erörtert, nicht nur in theoretisch-wissenschaftlichen Gängen
, sondern in einer die einzelnen Stoffgebiete und ihre
besonderen Schwierigkeiten konkret erfassenden Sicht,
aber auch Kirchen- und Religionsgeschichte, Glaubensfragen
(Lebenskunde) und religiöse Kunst werden nach
dem Gesichtspunkt der stofflichen Auswahl und nach
der methodischen Seite gründlich durchgesprochen. Ein
III. Teil (S. 329—348) geht auf Grenzgebiete und
Grenzfragen ein, z. B. auf das Problem der Schulandachten
. Das Buch bringt zum Schluß außer Sach-
und Personenregister eine wertvolle Zusammenstellung
der einschlägigen Literatur.

In der augenblicklichen theologischen Lage muß die
wissenschaftliche Leistung Schusters ein Wagnis genannt
werden. Aber eben darin liegt das Verdienst des Buches,
übrigens wird auch seine Eigenart mit diesem Wort am
besten gekennzeichnet. Der Worte sind wirklich allmählich
genug gewechselt: man mag über Recht oder
Unrecht der dialektischen Theologie denken, wie man
will, — daß auf dem theologischen Fundament der
Dialektiker keine evang. Religionspädagogik zu erbauen
ist, das erfahren die Vertreter dieser Theologie praktisch
jeden Tag, und sie haben es längst auch theoretisch zugegeben
. Ein Buch wie das von G. Bohne ist ein einziges
großes Zugeständnis dieses Tatbestandes. Böhnes
„innere Spannung des R.-U." ist im tiefsten Grunde
identisch mit dem, was Barth die „Unmöglichkeit" der
Wortverkündigung nennt (vgl. M^ Doerne, Handbuch
der deutschen Lehrerbildung, 25. Lieferung, Bildungslehre
der evang. Theologie, 1933, S. 76, Anm. 2). Wer
auch immer an die Aufgabe der christl. Unterweisung
und Erziehung herangeht und wirklich pädagogische
Arbeit tut, muß nolens volens die Wege gehen, die
Sch. zeigt, — es gibt keine andere Pädagogik, zumal
für höhere Schulen, als eine solche, die sich selbst und
dem Schüler fachwissenschaftlich und philosophisch ständig
Rechenschaft gibt und auf dem Weg psychologischer
Stoff- und Menschenbehandlung und ethisch-religiöser
Menschenbeeinflussung Wahrheiten und Werte zu vermitteln
sucht. Man wird das Buch schnell abstempeln:
Rationalistisch, historistisch, idealistisch, ethizistisch usw.,
— Tolstoi spricht einmal ergreifend über den natürlichegoistischen
Selbstschutz gegen unbequeme Aufgaben,
den sich die Menschen durch das „Etikettieren" verschaffen
, — aber das Buch wird sich als unentbehrlich
auch dem erweisen, der theologisch ein Gegner des
Verfassers ist. Es wird sich auch behaupten, wenn nun
die politische Neuorientierung des Schulwesens die Probleme
„Religion und Rasse", „Religion und Volkstum",
„Religion und Staat", „Autorität und Freiheit" usw. in
den Mittelpunkt der Diskussion stellt (vgl. übrigens