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Ausgabe:

1933 Nr. 1

Spalte:

276-280

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ranft, Joseph

Titel/Untertitel:

Der Ursprung des katholischen Traditionsprinzips 1933

Rezensent:

Kümmel, Werner Georg

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Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 15/16.

276

Zusammenhang und Kontrast zur internationalen Weisheitsliteratur
aufzuhellen trachten.
Halle a.S. Kurt Galling.

Michel, Otto: Prophet und Märtyrer. Gütersloh: C.Bertelsmann
1932. (75 S.) 8°. = Beitr. z. Förderung christl. Theologie. Hrsg.
v. A. Schlatter u. W. Lütgert. 37. Bd. 2. H. RM 2—.

Die Auseinandersetzung mit dieser Studie ist eine
undankbare Aufgabe. Sie ist sichtlich mit Lust und Liebe
geschrieben und hofft, von einem „Kernpunkt des Urchristentums
" aus „in den Sinn und die Aufgabe der
urchristlichen Botschaft einzudringen"; aber sie verfährt
exegetisch so unbekümmert und ist in der systematischen
Begriffsbildung so unscharf, daß eine ernsthafte Diskussion
auf Schwierigkeiten stößt; und um die skizzenhaften
Umrißlinien und überraschend konstatierten „Ergebnisse
" zu kritisieren, wäre eigentlich allemal erst ein
Rückgang auf die exakter zu stellenden Vorfragen erforderlich
. Die reichlich vorliegende Literatur wird meist
nur in allgemeiner Stellungnahme flüchtig herangezogen,
und bei der Selbstverständlichkeit, mit der der Verf. die
ihm einleuchtende Theorie zur richtigen macht, weiß
man oft nicht, ob es sich um neue Ergebnisse oder um
ein Referat und um das Referat welchen Autors es sich
eigentlich handeln soll.

Es entspricht der heute vorwaltenden antihellenistischen
Tendenz in der Erforschung des Urchristentums
und ist grundsätzlich ohne Zweifel das Richtige, wenn
die Wurzeln des Propheten- und Märtyrerbegriffs wie
bei Holl, Schlatter und Lohmeyer zunächst im
Judentum gesucht werden. Aber der Verf. vermag es
nicht die Quellen überzeugend auszunutzen und so ein
klares Bild der jüdischen Entwicklung zu zeichnen.

Er kennt auf Grund von Deuterojesaja, dessen Auslegung keinerlei
Schwierigkeiten macht, „eine große Propheten- und Märtyrergeschichte"
schon vor der Makkabäerzeit, der man sonst im Allgemeinen auf die
Bildung eines sog. jüdischen Märtyrertums den entscheidenden Einfluß
zuzuschreiben pflegt. „Die prophetische Verbindung von Sühne,
Same, Märtyrertod" ist für diese „Märtyrertheologie" charakteristisch und
wird erst vom Urchristentum im vollen Umfang wieder aufgenommen.
Der Gedanke der Stellvertretung für die Leiden des Volks soll bereits
die Ehe des Hosea und das Jochtragen des Jeremia bestimmen (!) Der
Gedanke des Samens, d. h. der segensreichen Auswirkung des Blutzeugnisses
, wird mit einigen —■ nicht näher erklärten — Belegen aus IV.
Makk. erhärtet. Beide Motive kommen dann auf höhere Ebene bei dem
Messias Jesus wieder zum Vorschein, dessen Leidensgeschichte „teilweise
schon Prototyp für die Märtyrergeschichte der Folgezeit" wird. „Die
Frage der Ausbreitung durch das Zeugentum hat sicherlich (!) Jesus
auch beschäftigt;" dafür lassen sich nach des Verf. Meinung Mk. 10,45
und 14,24 ins Feld führen, die doch — ganz abgesehen von der Echtheitsfrage
— nicht von der „Ausbreitung", sondern vom Sinn des
Sühnetodes reden.

Das „gesamte Urchristentum" ist durch die völlige
Gleichsetzung, ja „Identität" des Blutzeugen
und des Propheten ausgezeichnet, die Joh. 21 „zum
erstenmal" gelockert wird. In den johanneischen Schriften
erscheint außerdem auch der „Gemeindemärtyrer
" (?) neben dem Märtyrerpropheten. Aber sowohl
Jesus wie Paulus (Gal. 6,12 Kreuz = „das" Martyrium)
„wehren sich beide gegen die Auflösung der Gleichsetzung
von Prophet und Märtyrer" (S. 33) und stehen
auch sonst im „Verhältnis zweier Propheten zueinander"
(S. 9). Daß der sprachliche Befund der Voraussetzung
eines solchen technischen Märtyrer- und Prophetenideals
nicht entspricht, bekümmert den Verf. wenig. Es genügt
ihm, daß hier — das soll natürlich nicht geleugnet wer- |
den — Zusammenhänge bestehen, um Erscheinungen j
des urchristlichen Lebens wie Wunder, Askese u. a. kurzerhand
als prophetische Züge und Züge des Märtyrerideals
in Anspruch zu nehmen und die Identität beider j
Ideale zu behaupten. Wir erfahren zum Schluß, daß Märty- J
rer und Asketen und Propheten und Asketen zusammen- j
gehören, und daß darum auch Jesus und Paulus „Asketen" j
gewesen sind, wenn auch Asketen besonderer Art. Bei
Paulus geht dies nicht nur aus seinem Ideal „heiliger j
Ehelosigkeit" hervor, sondern vor allem auch aus der j
schon von Jesus im asketischen Sinn bejahten „Unsicher- |

heit" seines „äußeren Lebens" im Verzicht auf einen
Unterhalt durch die Gemeinde. „Die asketische Entleerung
(xevooi;), die Jesus vorgelebt hat, ist Vorbild
für den Apostel" (S. 67).

An dem Phantom eines „ursprünglich" geformten
Propheten- und Märtyrerideals wird nun die folgende
Entwicklung gemessen, die in Wirklichkeit die scharfe
Prägung der Begriffe vielmehr erst geschaffen hat.
Das führt zu weiteren Schiefheiten und falschen
Konstruktionen, wie man beispielsweise bei der Schilderung
des Ignatius und seiner „Märtyrertheologie" verfolgen
kann (S. 54 ff.), obgleich gerade hier die tiefgreifenden
Untersuchungen Schliers eine klare Erfassung
des Grundsätzlichen eigentlich hätte erzwingen
müssen. — Der abschließende Ausblick auf die Reformation
sucht in der Forderung eines „notwendigen prophetischen
Tatzeugnisse" in der evangelischen Kirche
Anschluß an die Fragen und Nöte unserer Gegenwart.
Es mag sein, daß die kleine Schrift von hier aus dankbare
Leser findet. Einen ernsthaften wissenschaftlichen
und theologischen Wert wird man ihr nicht wohl zubilligen
können.
Göttingen. H. v. Campenhausen.

Ranft, Dr. theol. Joseph: Der Ursprung des katholischen Traditionsprinzips
. Würzburg: K. Triltsch 1931. (XXI, 316 S.)
gr. 8°. RM 10-.

Wer die Entstehung und Geschichte des Traditionsgedankens
im ältesten Christentum erforschen will, muß
auf eine Reihe schwieriger Fragen Antwort zu geben
suchen. Zunächst fällt auf, daß Jesus selber sich zwar
in die jüdische Tradition hineingestellt hat, trotzdem
aber Gesetz und Tradition durch seine eigene Lehre beiseite
schob. Dann entdeckt man, daß Paulus seine Lehre
als überliefert und damit als maßgebend darzustellen
sucht; damit ist das Problem des Sinngehalts des Überlieferungsgedankens
im Christentum gegeben. Noch einen
Schritt weiter im i. Jahrhundert, und man entdeckt
Traditionsketten und die Bemühung, das Gemeindeamt
auf Christus zurückzuführen (Pastoralbriefe, 1 Clemens).
Und kaum ist ein neuer Kanon entstanden, taucht der
Begriff der ungeschriebenen Tradition auf (Tertullian).
So muß der Forscher auf der einen Seite zeigen, wie
diese innerchristliche Entwicklung zustandegekommen ist,
ob innerkirchliche oder äußere Einflüsse die Bildung der
Begriffe beherrschten, ob der Traditionsgedanke im Christentum
naturgemäß gegeben oder eine Frucht innerkirchlicher
Spannungen ist (vgl. Holls Forschungen über
den Kirchenbegriff). Auf der anderen Seite aber erhebt
sich die Frage, wo die gedanklichen Vorbilder für die
urchristlichen Gedanken zu suchen sind, im Judentum
oder im Hellenismus, und wie die Geschichte der Vorstellungen
in diesen beiden Kulturkreisen sei. Diese beiden
großen Fragenkomplexe harren noch gänzlich der
Untersuchung. Aber während auf dem Gebiet der innerchristlichen
Entwicklung viel Vorarbeit geleistet ist, ist
das religionsgeschichtliche Problem bisher fast garnicht
behandelt worden. Und doch müßte zuerst die Geschichte
der jüdischen und hellenistischen Traditionsgedanken
untersucht werden, ehe man die Entwicklung im Urchristentum
wirklich aufzeigen könnte. Diese religionsgeschichtliche
Aufgabe hat sich das vorliegende Buch
des Würzburger Privatdozenten der Dogmatik gestellt.
Eine Analyse muß zeigen, ob die Lösung der Aufgabe
gelungen ist.

Um den genuinen Sinn des katholischen Traditionsprinzips
zu erkennen, geht der Vf. begreiflicherweise von
der dogmatischen Festsetzung des Tridentinums (Sess.
IV) aus. Er zeigt, daß aus den Verhandlungen in Trient
klar von Anfang an die Überzeugung hervorgeht, daß
Christi Offenbarung nicht ganz in die Bücher eingegangen
sei. Aber da man nur die Tatsache einer der
Schrift gleichzuwertenden Tradition feststellen wollte,
war eine Festlegung des Inhalts dieser Tradition ganz
unnötig. Das ist zwar richtig; aber R. übersieht doch