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Ausgabe:

1933 Nr. 14

Spalte:

257-258

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Tschudi, Paul von

Titel/Untertitel:

Geschichte der deutschen evangelischen Gemeinde im Haag 1933

Rezensent:

Lerche, Otto

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257

Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 14.

258

an den Anfängen der Inneren Mission (S. 119 ff.). Nur
hätte in diesem Abschnitt Theodor Fliedner nicht erst
am Schluß „nur des Namens wegen" (S. 121) erwähnt
werden dürfen, sondern gleich zu Anfang, wo L.
von der Rheinisch-westfälischen Gefängnisgesellschaft
spricht; denn kein anderer als Fliedner ist ihr eigentlicher
Begründer, der übrigens im Jahre 1826 Stein persönlich
in Kappenberg aufgesucht und für die damals
noch im Entstehen begriffene Gesellschaft interessiert hat.
Düsseldorf-Kaiserswerth. Martin Gerhardt.

Tschudi, Paul von: Geschichte der deutschen evangelischen
Gemeinde im Haag. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1932.
(240 S. u. 16Taf.) gr. 8°. geb. RM 6—.

Die Jubiläen oder die Kirchweihfeste deutscher evangelischer
Gemeinden im Auslande sind vielfach noch von
Festschriften begleitet, deren Ausstattung der Not unserer
Zeit nicht ganz entspricht. Hingewiesen sei dabei
auf die Geschichte der deutschen evangelischen Gemeinde
zu Rom von Ernst Schubert (Leipzig 1930), die
mit 34 Abbildungen und der auch sonst sehr noblen
Ausstattung kaum die wissenschaftliche Bedrängnis unserer
Tage bezeugt. Ebenso könnte man auch von der Geschichte
der deutschen evangelischen Gemeinde im Haag
von Paul von Tschudi behaupten, daß sie in ihrer äußeren
Ausstattung mit den 16 ausgezeichneten Tafeln üppiger
vorgelegt ist, als das bei dem gegenwärtigen Stande
unserer kirchlichen Not im In- und Auslande nötig wäre.
Obendrein ist die vorliegende Geschichte dieser deutschen
evangelischen Auslandsgemeinde in ihrer Darstellung
recht nüchtern und eng auf das chronikalische abgestellt
. Da der Verfasser nicht Theologe ist, so spielt
die theologische Bewegung der 75 Jahre von 1857 bis
1932 nur hier und da einmal schlaglichtartig in die Auf-
einanderreihung der Ereignisse hinein. Dagegen hat der
Verfasser mit besonderer Sorgfalt die Quellen des Ge-
meindearchives benutzt und an der Reihe der Pfarrer
alle bemerkenswerten Ereignisse, Zahlen, Namen und
Daten des vielseitigen Gemeindelebens zusammengetragen
. Dafür soll ihm gewiß von ganzem Herzen gedankt
werden.

Interessant ist insbesondere die Gründung dieser
deutschen evangelischen Auslandgemeinde im Haag. Es
hat schon seit dem 17. Jahrhundert deutsche Gottesdienste
für Reformierte und für Lutheraner gegeben. Aber
genau vor 100 Jahren war es endgültig damit zu Ende.
Es handelte sich also um einen völligen Neuaufbau,
der zunächst nur langsam vonstatten ging. Theologiegeschichtlich
interessant ist, daß vornehme reformierte
Holländer, namentlich Menschen aus dem Kreise um
Groen van Prinsterer, die Gründung der neuen Gemeinde
und den Bau der Kirche mit persönlicher Anteilnahme
und mit starker wirtschaftlicher Unterstützung gefördert
haben. Diese bisherigen Mitglieder der reformierten
Kirche Hollands waren von der damaligen modernen
liberalen Theologie ihrer Heimatkirche weithin enttäuscht
und suchten daher in der deutschen Kirche die bekenntnismäßigen
gläubigen Gottesdienste, die sie in ihrer Heimatkirche
nicht fanden. Durch diese Kreise, die durchschnittlich
V* bis 7a der Besucher der Gottesdienste ausmachten
und die lange Zeit die Finanzlage der Gemeinde
besonders günstig hielten, ist im übrigen das Verhältnis
zur holländischen reformierten Kirche nicht in
schlechtem Sinne beeinflußt. Das zunächst kühle Verhältnis
zur holländischen reformierten Kirche ist im
Laufe der Jahre einer recht freundlichen Haltung gewichen
. Allerdings haben auch die holländischen Freunde
der deutschen evangelischen Gemeinde in späteren
Jahrzehnten in ihrer Heimatkirche das gefunden, was
sie z. Zt. der Gründung der deutschen evangelischen
Gemeinde vermißten. Als eigentliche Mitglieder der Gemeinde
sind nur wenige Holländer oder holländisch gewordene
Deutsche geführt. Beiträge dagegen, und zwar
in hohem Maße, sind von vielen holländischen Familien
geleistet, die am Gemeindeleben, ohne Mitglied zu

sein, regen Anteil nahmen. Eine Gegnerschaft erwuchs
der deutschen evangelischen Gemeinde dagegen aus der
holländischen evang.-lutherischen Kirche. Es ist doch
recht bezeichnend, wenn man aus dieser Festschrift erfährt
, daß bei dem Amtsantritt Kögels, des späteren
Berliner Oberhof- und Dompredigers, im Haag Prediger
und Kirchenräte anderer Gemeinden in reicher
Fülle vertreten waren: nur die evang.-lutherische Gemeinde
im Haag blieb den Feiern fern (S. 28); und ferner
ist es doch eigentümlich, daß in einer Zeit, in der
an eine deutsche evangelische Gemeindeschule noch nicht
zu denken war, deutsche Kinder aus der lutherischen Schule
ausgewiesen wurden, weil ihre Eltern sich mit ihnen der
deutschen evang. Gemeinde angeschlossen hatten (S. 39);
und schließlich wurde die Gemeindekasse von armen evangelischen
Deutschen in Anspruch genommen, die vorher
von der Armenkasse der niederländischen evang.-lutherischen
Kirche unterstützt waren, die aber nun dort ausgeschlossen
wurden, seitdem sie die Gottesdienste der
deutschen evang. Gemeinde besuchten (S. 54). Stimmungsgemäß
wäre hierzu heranzuziehen, was Voges
vom Deutschtum in Holland in „Der deutsche Auswanderer
" Jahrgang 28: November/Dezember S. 111 bis
114 berichtet.

Die Entwicklung der Gemeinde war eine sehr solide
und ruhige. Es kommt nach schwierigen Anfängen
schnell und sorgfältig zur Organisation der Gemeinde,
zum Kirchenbau, zur Einrichtung des Schulwesens und
zum Aufbau einer vortrefflichen Diakonie. Die Gemeinde
war vielfach zweisprachig, und das behinderte
hin und wieder das Durchdringen eines nationalen Charakters
. Besonders in der Kriegszeit hatten die Pfarrer
auf diesen zwiespältigen Charakter der Gemeinde Rücksicht
zu nehmen. Die Gemeindeschule, die sehr schnell
zu großer Blüte emporwuchs, und in deren Leitung der
christliche Lehrerverein der Niederlande lange Zeit seine
Spitze sah, wurde nach dem Kriege dem deutschen
Schulverein übergeben, ohne daß die Kirche ihren Einfluß
auf die weitere Entwicklung der Schule verloren
hat. Interessant ist, wie die Gemeinde auch in liturgischer
Hinsicht nach und nach immer mehr lutherisch
innerhalb ihres unierten Charakters geworden ist. 1886
wurde eine reichere Liturgie eingeführt, 1895 wurde die
neue preußische Agende im wesentlichen eingeführt und
1927 wurde ein Altar mit Kreuz anstelle des bis dahin
vorhandenen einfachen Tisches als Mittelpunkt der Kirche
aufgestellt. Das Buch schließt mit einer Reihe von
Listen der Prediger, der Kirchenvorsteher, der Diakonen
und der sonstigen kirchlichen Angestellten und Mitarbeiter
. Auch über die Schule und die Amtshandlungen
werden Listen und Statistiken beigegeben.

Die deutsche evangelische Gemeinde im Haag feierte
unter großer Anteilnahme, auch des Deutschen Evangelischen
Kirchenbundes, im Dezember 1932 ihr 75 jähriges
Bestehen. Sie hat nach dem Kriege besonders wichtige
Aufgaben am evangelischen Deutschtum übernommen
, und es ist zu wünschen, daß sie nicht irgendwie
durch enge konfessionelle Diasporapflege in ihrer Aufbauarbeit
am evangelischen Deutschtum in den Niederlanden
überhaupt gestört wird.
Berlin. otto Lerche.

Arildsen, Skat: Biskop Hans Lassen Martensen, hans Liv,
Udvikling og Arbejde. I. Studier i det 19. Aarhundredes danske
Aandsliv. Kopenhagen: G. E. C. Gad 1932. (XII, 519 S.) 8°. Kr. 11—.
Der kleine aus „Holstein" 1817 nach Kopenhagen
gekommene Junge (H. Martensen, Aus meinem Leben,
übers, v. A. Michelsen, I [1883], S. 9) ist eine der fuhrenden
Persönlichkeiten in einer der reichsten Perioden
dänischen Geisteslebens geworden, der letzte bedeutende
Einsatz, den Flensburg dem Königreich Dänemark geschenkt
. Arildsen gibt eine sehr ausführliche und gründlliche
Untersuchung von Martensens Leben und Wirken,
wobei das Hauptgewicht auf die Entstehung seiner theologischen
und philosophischen Werke und deren Bezie-