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Ausgabe:

1933 Nr. 13

Spalte:

231-233

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ziesemer, Walther (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Die Prophetenübersetzung des Claus Cranc 1933

Rezensent:

Hirsch, Emanuel

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Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 13.

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gen der docta ignorantia vor allem zu Eckhart der
Häresie verdächtigt. Nun gibt die Heidelberger Akademie
der Wissenschaften nicht ganz vierhundert Jahre
nach der letzten Gesamtausgabe und beinah fünfhundert
Jahre nach jenem Streite die erste wissenschaftliche
Gesamtausgabe der Werke des Cusaners heraus.
Sie soll sich zunächst auf die philosophischen und
staatstheoretischen Hauptschriften beschränken und später
womöglich ergänzt werden. Es handelt sich um
eine luxuriös ausgestattete Ausgabe, die dem anspruchsvollen
Geschmack des bibliophilen Kardinals selbst gewiß
genüge getan hätte, auf die Kaufkraft der deutschen
Geistesarbeiter von heut, die anders als der Kardinal
von Cusa keine Pfründenpluralisten sind, aber
keine Rücksicht nimmt. Das ist um so mehr zu bedauern
, als sie erstmalig einen wirklich brauchbaren
Text bringt, der den Leser nicht zu Konjecturen zwingt.
Durch Reisen ist dem gesamten Handschriftenbestand'
auf europäischen Bibliotheken nachgegangen, und auf
Grund der besten Handschriften, unter ständigem Vergleich
der vier vorhandenen Druckausgaben, sowie mit
einem über das Notwendige eher hinausgehenden textkritischen
Apparate, ein z. T. überraschend weit vom
Überlieferten abstehender neuer Text hergestellt worden,
in dem viele Dunkelheiten des bisherigen verschwunden
sind. Zu Text und textkritischen Apparat tritt dann
noch ein überaus reichhaltiger Nachweis der Zitate und
Quellen des Cusaners sowie ein Nachweis von Beziehungen
Späterer auf Äußerungen des Cusaners. Unter
den Quellen tritt m. E. bei der docta ignorantia Eckhart
etwas zurück; hier wären vielleicht zweckmäßig
reichlichere Entsprechungen zu geben gewesen, sobald
man es mit den Herausgebern für richtig hält, über
den Kreis der eigentlichen Zitate hinauszugehn. Auffallend
sind die starken Beziehungen zu T h i e r r y
v. Chartres (+ etwa 1150), zum erheblichen Teil
auf Ungedrucktes von ihm (auch bei Eckhart fehlen die
Verweise auf Ungedrucktes nicht). Alles in allem ist so
ungeheuer viel geleistet, daß jede Neigung zur Kritik
verstummt.

Die Schrift von Henry Bett ist mit ausgezeichneter
Kenntnis der bisherigen biographischen und philosophischen
Arbeiten über Nikolaus v. Cusa geschrieben.
Bett's Gabe ist anschauliche und lebendige Darstellung,
welche dem Leser, bei dem nichts vorausgesetzt wird,
ein Bild von Leben und Denken des Helden vermitteln
soll. Zu eigenen Einsichten und Forschungsergebnissen
stößt seine Arbeit aber nicht vor, trotz der Gelehrsamkeit
des Verf.s und trotz dem, daß er außer an die
Schriften des Cusaners selbst mindestens noch an die
Eckharts ein eignes gründliches Studium gesetzt hat,
ehe er an die Darstellung der Gedanken in seinem
dritten Teile ging. Zur ersten Einführung kann das
Buch aber empfohlen werden.
Göttingen. E. Hirsch.

[Cranc, Claus:! Die Prophetenübersetzung des Claus Cranc.

Hrsg. v. Walther Ziesemer. Halle a. S.: M. Niemeyer 1930. (VIII,
415 S. m. 13 Tat.) gr. 8°. = Schriften d. Königsberger Gelehrten
Gesellsch. Sonderreihe Bd. 1. RM 25—.

Claus Cranc, Custos der Minoriten zu Preußen, in
Thorn sitzend, hat auf Anregung des obersten Marschalls
des Deutschordens Siegfried v. Dahenfeld (1347
bis 59 oberster Marschall und zugleich Komtur in Königsberg
-Pr.) die großen und kleinen Propheten „zu
Deutsch gebracht". Die Arbeit gliedert sich dem Bestreben
des Deutschordens, die Bibel für die Vorlesung
bei den gemeinsamen Mahlzeiten auf Deutsch zu besitzen
, ein; sie ist die erste Prosaübertragung ohne erläuternde
Zusätze und hat eine gereimte Vorrede. Walther
Ziesemer gibt sie hier nach der einzigen HandV
schrift (im Staatsarchiv zu Königsberg-Pr., A 191 S. 1
bis 420) heraus, mit den üblichen orthographischen
Gleichstellungen (Regelung von u/v, i/j nach dem Lautwert
, Zurückführung von f und s auf s, neuzeitliche
Gestaltung der Zeichensetzung) und unter Beifügung
der in der Handschrift enthaltenen Figuren auf Schwarz-
Weiß-Tafeln. Er sieht die Bedeutung der Übersetzung
darin, daß sie ein Denkmal jener ostmitteldeutschen
Kolonialsprache ist, welche im ausgehenden Mittelalter
die Sprache des Westens und Südens beeinflußt hat und
damit auch für die Modernisierungen der Zainerbibel
gegenüber der Mentelbibel mitbestimmend geworden ist.
Ein Glossar der sprachlich Beachtung fordernden Worte
ist S. 371—414 beigefügt. Ich gebe im Folgenden
einige Proben, welche hinreichen, sich ein Bild von der
Art der Verdeutschung zu machen.

Jesajaö, 1 —5: In deme jare do kunic Josyas starb, sach ich
sitzen den herren uf eynem hochen und irhabenen stule, und das hus
war vol sinir achberkeit und was beneden im was, daz irvullete den
tempil. seraphin stunden boben deme stule, sechs vlugil hatte der einir,
sechs vlugil hatte der andir. mit zwen dacketen sie sin antlitz, mit zwen
sine vuze und mit zwen vlugen si. und rifen einir zu deme andirn und
sprachen: heilic, heilic, heilic ist der herre got der engil, vol ist alle
di erde sinir eren. und die ubirsweif der engil bewegen von der
stimme des rufenden, und daz hus wart vol rouchis. do sprach ich:
we mir, das ich geschwigen habe, ja byn ich ein man unreynir Uppen
und wone mitten undir volken, daz do hat unreyne lippen, und den
herren kunig habe ich geseen mit minen ougen.

Jesaja 10,1—5: We en, di do tichten unglich recht unde unge-
rechtikeit beschriben haben, daz si an deme gerichte die armen Vordrucken
und der einvaldigen minis volkis sache gewalt taten, daz witwen
ir roub weren und die wiysen zuvurten. waz wert ir tun an deme tage
der besuchunge unde des verre komindis kummirs? zu wes hülfe wert
ir vlin ? und wo wert ir lasen uwer achberkeit, daz ir icht byget undir
den banden und vallet mit den getotten ? boben alle dise ding hat sich
sin grym nicht abgekart, mer sine hant ist noch gestract. we Assur,
ein gerte minis grymmis und ein stecke ist er, in irer hant ist min
unmuyt.

Jesaja 53,4—8: werlichen, unse sueche hat er uf sich genomen
und unse smerze hat er getragen, und wir haben ihn geacht als eynen
uzsezigcn, geslagen von gote und genydirt. und er ist vorwunt durch
unsir missetat und iz gequezit durch unsir bosheit. dy zychtigunge unsis
vridis hat in obirgangen, und mit synen strichen sy wir heil wurden,
wir syn alle irre gegangen als di schaf, eyn izlicher an sinen weg be-
siten, und der herre hat uf in geleget unsir aller missetat. er ist ge-
opphirt und daz wolde er, und synen munt den tet er nicht uf. er ist
gevurt als eyn schaf zu der slachte, und als eyn lam vorstummete er vor
deme, der is schiret, und wirt sinen munt nicht uftun. von engisten
und von dem gerichte is er irhaben, und wer mag volsprechen syne
geburt ?

Jeremia 8,18-22: Myn leit ist smerze obir smerze, in mir ist
weynende min herze, und set, das geschrey der tochtir mynis volkis von
verrem lande: ist der herre nicht zu Syon, adir ist sine e nicht do
inne? und worumme haben sy denne mich zu zorne gereyzet mit iren
gehouwen goten und mit vremdir ytilkeit? der oust ist vorgangen, der
sumir hat eyn ende, und wir sint nicht irloset. ich bin. zumurscht und
betrübet umme dy vorstorunge der tochtyr mynis volkis, ir bewunge hat
mich undirvast ist nicht arzedye zu Galaad? adir ist keyn arzt do?
worumme denne ist dy narbe der tochtir mynis volkis nicht obirzogen ?

Hosea 13, 12—14, 1 : die bosheit Effraym ist zusamne gebunden
und sine sunde ist vorborgen, einer gebererinne smerze wirt im komen.
er ist nicht ein cluger son, want er mac nu nicht besten an der vorstorunge
der sune. van der hant des todis wil ich si vrien, von dem
tode wil ich sie losen, o tot, ich wil werden din tot, helle, ich wil
werden din biz. trost ist vorborgen minen ougen, want sie wirt teilen
zwischen den brudern. der herre wirt brengen einen dürren wint, der
wirt sich irheben von der wustenunge und wirt trüge machen sine
adim, und sinen burn wirt er vorwusten, und er wirt zuvuren den
schätz allis begerliches gevezes. Samaria muze vorterben, want sie zu
bitterkeit gereizit hat iren got. von eime swerte muz si vorterben. ir
kindelin muzen widir die erde geslagen werdin und ir swangern muteren
sullen von einandir gehowin werden.

Sacharja 2,6—13: o, o, o, vlyet von dem lande des nordens,
spricht der herre, want in vier winden des himelis hahe ich uch zustroyet,
spricht der herre. o Syon, die du wonest bi der tochter Babylonis,
mache dich uf und vluch. ja sprichet diz der herre der here: nach der
ere sante er mich zu den heiden, die uch geroubet haben, want wer
uch ruret, der ruret den ougapphel sinis ougen. want sehet, ich hebe uf
mine hant ubir si, und sie werden ein roub den, die in gedinit haben,
und ir werdet irkennen. daz der herre der here mich gesant hat. lobe
und vroie dich, tochter Syon, want sich, ich kume und wil wonen
mitten in dir, spricht der herre. und vil heiden werden sich vugen zu