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Ausgabe:

1933 Nr. 11

Spalte:

195-197

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Linton, Olof

Titel/Untertitel:

Das Problem der Urkirche in der neueren Forschung 1933

Rezensent:

Foerster, Erich

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195

Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 11.

196

Klostermann, Prof. D. Dr. Erich: Nachlese zur Oberlieferung
der Matthäuserklärung des Orlgenes (TuU. 47,2). Leipzig:
J. C. Hinrichs 1932. (III, 11 S.) 8°. = Texte u. Untersuchngn. z.
Gesch. d. altchristl. Literatur. Hrsg. v. E. Klostermann u. C. Schmidt.
Bd. 47, 4. RM 1.20.

In diesem, 5 Abschnitte enthaltenden Nachtrag zu
Bd. 47,2 der Texte und Untersuchungen (vgl. Th. L.
Ztg. 1932 Nr. 14, Sp. 323—328) erkennen wir die erfolgreiche
Fortführung der für die künftige Ausgabe
des Matthäus-Kommentars des Origenes notwendigen
Vorarbeiten. Zuerst berichtet der Verf. über ein Papyrusblatt
in Bologna, das die 35. Lukashomilie (Schluß)
und eine Matthäushomilie des Origenes (Anfang) zu
enthalten scheint. Die Publikation des Blattes wird vielleicht
Klarheit schaffen. In dem zweiten, wichtigsten
Abschnitt teilt der Verf. seine glückliche Entdeckung von
griechischen Fragmenten aus dem Matthäus-Kommentar
des Origenes bei Victor von Antiochien mit. Zu diesem
Funde kann man nur Glück wünschen. Man sieht auch
hier wieder, wie stark der Einfluß des Origenes auf die
Nachwelt gewesen ist. Die Entdeckung Klostermanns
erinnert an eine ähnliche von Wilhelm Bousset bei
Euagrios Pont. (vgl. Apophthegmata S. 287).

Das griechische Fragment S. 3 f. muß nach meiner Ansicht S. 4, 13
zwischen eum und omnis eingefügt werden. Die alte lateinische Übersetzung
hat das Fragment wohl unabsichtlich übergangen, es ist aber
für den Zusammenhang Z. 13 ff. notwendig. Origenes spricht zuerst
(S. 3, 1 ff.) von den Frauen, die dem Herrn aus Galiläa gefolgt waren,
und knüpft daran die Nutzanwendung für jede Seele der Gegenwart
(vüv), die dem Logos folgt.

Die Abschnitte 3—5 enthalten Bemerkungen über
die Matthäuskatene des Makarius Chrysokephalos, des
Smaragdus von St. Mihiel und des Zacharias Chryso-
politanus und ihre Beziehungen zu Origenes.

Weimar. Paul Koetschau.

Linton, Olof: Das Problem der Urkirche in der neueren
Forschung. Eine kritische Darstellung. Inaugural-Dissertation.
Uppsala: A.-B. Lundequistska „Bokhandeln 1932. (XXXII, 211 S.)
gr. 8°. == Uppsala Universitets Arsskrift 1932. Teologi 2.
Olof Linton, ein Schwede, Doktorand von Uppsala
, der aber auch an deutschen Universitäten, in Jena
und Halle, studiert hat, bietet mit dieser Dissertation den
deutschen Theologen eine sehr dankenswerte Gabe. Sie
füllt eine Lücke aus, die jeder Mitarbeiter an diesen Fragen
schon selbst gefühlt haben wird und die z. B. in
Seminarübungen auf diesem Gebiete gradezu schmerzlich
fühlbar war, weil es umständlich und mühsam war, neu
Herzutretende in den Stand des Problems und der Forschung
einzuführen. Diese Schwierigkeit ist nun behoben.
Eine bessere Einführung in dies Gebiet der kirchengeschichtlichen
Arbeit läßt sich kaum wünschen. Ich muß
bei meiner Anzeige einen Unterschied machen. L. bietet
erstens und hauptsächlich eine kritische Darstellung des
bisherigen Ganges der Forschung von einem trefflich
gewählten Ausgangspunkte aus bis in die Gegenwart,
worin ich zunächst das unbestreitbare Verdienst des
Buches erblicke, zweitens an mehreren Punkten Versuche
einer selbständigen Weiterführung der Forschung
und Klärung der durch jene Analyse als unerledigt erwiesenen
Probleme, — die eher Einwände herausfordern
. — Linton geht aus von dem „Consensus" der
80 er Jahre über die Entstehung der urchristlichen Verfassung
, also von dem Stande der Forschung, wie ihn
Sohm unübertrefflich in dem ersten Paragraphen seines
Kirchenrechtes gezeichnet hat: Autonomie der Gemeinden
, Vorläufer des monarchischen Episkopates der Präsident
des Presbyterkollegiums, die Gemeinde Produkt der
Individuen, die Kirche Konföderation von Gemeinden,
Religionsgesellschaft, sekundär, eine durch praktischgesellschaftliche
Nötigungen hervorgerufene Bildung, religiös
bedeutungslos. Dieser Konsensus wird von Hatch-
Harnaek, von diesem besonders in seiner Schrift über
die Didache, erschüttert. Es entsteht das Bild, das Har-
nack bis zuletzt mit geringen Modifikationen festgehalten
hat: die doppelte Organisation der einen Ekklesia durch

die Wortgewaltigen und der Einzelgemeinden durch Epis-
kopen und Diakonen, während die Presbyter zum Stand
mit patriarchalischen Ehren werden; eine Entwicklung
geht vom Ganzen nach den Teilen, eine andre von den
Teilen zum Ganzen. Das ist die Anschauung, die herrschend
geworden ist, trotz mancherlei Kritik an Einzelheiten
, besonders an der Charakteristik der Episkopen
wesentlich als Verwaltungs- und Finanzbeamte. Den
Umsturz dieser Theorie erstrebte Sohm. Das Referat darüber
ist ein Höhepunkt in Lintons Buch. Allerdings ist
es nur ein Teilreferat über die ersten §§ von Sohms
Werk, aber das liegt am Thema der Untersuchung, die
ja nicht Sohms Lehre, sondern das Problem der Urkirche
aufhellen will. Es ist ein glücklicher Griff, daß
L. nicht die berühmte These vom Widerspruch des Wesens
der Kirche und des Kirchenrechtes zum Leitgedanken
nimmt, sondern Sohms Gegensatz gegen die Vereins
- und Administrationsbetrachtung, und in diesem
radikalen Angriff auf die Voraussetzungen der herrschenden
Lehre die kritische Großtat Sohms sieht. Nicht
ebenso überzeugend ist mir die daran geknüpfte Kritik
an Sohms Rechts- und Religionsbegriff. Ich kann nur
andeuten, daß L. mir Sohms „unsichtbare Kirche" zu
idealistisch zu deuten scheint, als meinte dieser: dem
Wesen nach unsichtbar, und als sollte das ein Ruhm
sein, während Sohm, der sich ja an Luther gebildet hat,
darunter: der Erscheinung nach, noch unsichtbar, Kirche
in Knechtgestalt, versteht. Man kann deshalb m. E.
auch nicht ohne weiters sagen, sein Kirchenbegriff sei
nicht der urchristliche, sondern nur, er betone daran eine
Seite, die Paulus in der ihm eignen Situation des apostolischen
Zeitalters übersehen konnte, die wir aber, wie
Luther, in unsrer Situation nicht übersehen oder überspringen
können. Ferner möchte ich fragen: Ist die Idee
wirklich urchristlich, daß der Geist eine Tradition schafft,
die die Folgezeit bestimmt und auf die man sich berufen
kann? Daß dies in der Gemeinde in Jerusalem behauptet
ist, ist erwiesen, aber ist deshalb die Inanspruchnahme
rechtlich-exklusiver, die Folgezeit und Dritte
bindender Autorität schon christlich? Könnte sie nicht
auch jüdisches Residuum sein? Denn dann wäre doch
jede „Entscheidung" eines Charismatikers, auch z. B. die
1. Kor. 11,5, im Gewissen bindend und die ganze Kirchengeschichte
, die in fortlaufenden Umstürzen solcher
Entscheidungen verläuft, ein Sündenfall? Ich muß dabei
bleiben, daß die charismatische Ordnung eine lebendige
ist, die nichts festlegt und die Zukunft nicht bindet. — L.
stellt fest, daß Sohm trotz der außerordentlich starken
Anregungen, die von ihm ausgegangen sind, seine Theorie
nicht zum Siege gebracht, wohl aber den Consensus
erschüttert hat, d. h. daß es seitdem eine allgemein anerkannte
Lehre über die Entstehung der Kirche nicht
gibt. „Die folgenden Jahrzehnte sind eine Zeit des
Überganges und des Eklektizismus." Die Forschung
wendet sich Spezialuntersuchungen zu. Ganz besonders
dem Apostolat und den andern Kirchenämtern. Auch
hier verknüpft L. mit der sehr säubern und sorgfältigen
Analyse der Forschung eine selbständige Erklärung der
Beobachtung, daß die Quellen einerseits die Autorität
der Apostel so hoch schrauben, anderseits ein solches
Gefallen an Geschichten, wie die von Petri Verleugnung
, zeigen. Er findet darin den Beweis, daß ihre Autorität
nicht die des autonomen religiösen Menschen sei,
sondern ausschließlich in ihrer Christusbeziehung gegründet
. — Sohms Angriff hat dann aber indirekt starke
Unterstützungen empfangen durch die von der „religionsgeschichtlichen
" Betrachtung vollzogenen „Umwertungen
" des Reich-Gottesgedankens, des Pneumatischen und
des Kultus, und diese Forschungen haben in Verbindung
mit einer allgemeinen Wandlung der Situation die gegenwärtige
Lage bestimmt, die das 5. Kapitel schildert.
Mit besondrer Ausführlichkeit wird dabei die Frage nach
der Echtheit von Math. 16,17—19 behandelt; L. hält
keins der dagegen vorgebrachten Argumente für überzeugend
. Ein letztes Kapitel gibt einen Rückblick und