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Ausgabe:

1933 Nr. 10

Spalte:

184-185

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Nelle, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Geschichte des deutschen evangelischen Kirchenliedes. 3., erw. Aufl 1933

Rezensent:

Günther, Rudolf

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Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 10.

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treten, durch Calvins Genfer Psalter, auf den Wolfgang
Köpfeis Straßburger Gesamtpsalter von Einfluß gewesen
ist, zu einem europäischen Siegeszug geführt, ist keineswegs
nur eine reformierte Besonderheit. Dem deutschen
Calvinismus wurden diese Psalmen durch die
Obersetzung Lobwassers zugeführt, die zwei Jahrhunderte
lang neben anderen Bereimungen ihre überlegene
Stellung behauptete. Wie jene auch in lutherische deutsche
Kirchen hereinwirkte, so entstanden in diesen neue
Psalmenlieder, als deren Urheber Johannes Magdeburg
und Cornelius Becker, Paul Gerhardt und Martin
Rinckart besonders zu nennen sind. Der Melodienschatz
des deutschen evangelischen Kirchenlieds ist durch herrliche
Hugenottenmelodien dauernd bereichert worden.
Die Gesangbuchbewegung des 18. Jahrhunderts, verhängnisvoll
für Texte und Melodien, und die neue Subjektivität,
die sich im Kirchengesang der Bindungen des Bibellieds
entschlug, haben das einst so verbreitete Liedergut bis
auf wenige Überbleibsel verfallen lassen. Dies das Ergebnis
einer aus einer Fülle von Liedersammlungen geschöpften
Übersicht, die der Verf. in einem vor der
Gießener theologischen Konferenz gehaltenen, im Druck
erweiterten Vortrag vorlegt. Ihm ist es aber nicht nur
um eine historische Darlegung, sondern um die Wiedergewinnung
des Verlorenen und Vergessenen zu tun, und
er hält den Augenblick dazu angesichts der fortschreitenden
Erneuerung der deutschen evangelischen Gesangbücher
für gekommen. Gewiß ist es Pflicht der evangelischen
Kirche, die sich in keinem Stück mit der bloßen
Überlieferung begnügen darf, diese Forderung neu zu
prüfen. Wenn der Verfasser aber zum Schluß sagt:
„Das Geschlecht, das nach einer Epoche des religiösen
Subjektivismus sich dem Objektiven neu zukehrt, verlangt
auch im Liede die Zuwendung zu den objektiven
Gehalten und den letzten überpersönlichen Gegebenheiten
" (S. 40), so wird zu fragen sein, ob die durch
mehrfache Übersetzungen und Bearbeitungen hindurchgegangenen
Psalmenlieder als solche objektive Größen
und letzte überpersönliche Gegebenheiten anzusehen sind,
zumal der Verf. selbst Gruppen von Psalmenliedern je
nach ihrer Intention unterscheidet, darunter eine Gruppe,
die sich nicht mit der Übersetzung begnügt, sondern den
Text zugleich religiös entsprechend den Erkenntnissen
der Zeit umbildet oder das Psalmwort alsbald auf die
Gegenwart anwendet (S. 17). Das Lied, auch das geistliche
verträgt kein Schema, auch kein frommes; als aus
der Offenbarung geborenes, von Frömmigkeit durch-
tränktes Glaubenszeugnis kann es nicht weniger „als
gesungenes Gotteswort" erlebt werden denn das in
Schriftworten einhergehende Bibellied. Wenn das junge
Geschlecht sich heute mit Vorliebe dem geistlichen Lied
des 16. Jahrhunderts zuwendet, nicht bloß den großen
bahnbrechenden oder jugendfrischen, sondern auch solchen
Liedern, die bisher stumm gewesen sind, so wird
man sich der Wandelbarkeit solcher Stimmungen und
der Mannigfaltigkeit des geistlichen Verlangens erinnern
müssen. Endlich darf man sich gegenwärtig halten, daß
das Höchste und Heiligste, wenn es schon in die Form
eingeht, — und die Liedform, auch die volkstümliche ist
Kunstform — auf die Dauer nur in echter und reiner
Form verharren kann. Beim Liede pflegt eine solche
nur in der Muttersprache oder in nachschaffender Um-
dichtung zu entstehen. Der Verfasser hat seinem sorg- j
fältigen geschichtlichen Abriß als Beilagen eine kritische
Studie zu dem Liederpsalter des Elberfelder reformierten
Gesangbuchs vom Jahr 1854, Anmerkungen und Melodienproben
beigegeben, wodurch der Wert seines geschichtlichen
Vortrags erhöht wird.
Marburg. Rudolf Q ü n t her.

Schenke, Friedrich: Der Kirchengedanke Johann Gerhards
und seiner Zeit. Gütersloh: C. Bertelsmann 1931. (VII, 112 S.) !
8°. = Stud. z. Kirchengedanken d. Luthertums, Fi. 1. RM 4 — .

Die historischen und sytematischen Arbeiten, welche
die Kirchenfrage, „die unerledigte Frage der prote- [

ständischen Theologie", behandeln, mehren sich. In diesem
Zusammenhange „will die vorliegende Arbeit eine
Lücke ausfüllen" (2), indem sie der Entwicklung nachgeht
, welche die Gedanken Luthers von der Kirche in
der luth. Orthodoxie, speziell bei Johann Gerhard, durchgemacht
haben. Ein einleitender Abschnitt orientiert
kurz über „das Schicksal des Kirchengedankens in der
nachreformatorischen Theologie" (1 —14). Weiter wird
„der Kirchengedanke Johann Gerhards" (15—47) ausführlich
dargelegt, wobei die dauernde Frontstellung,
in der sich Gerhard dem katholischen Anstaltsbegriff
(23, 37) und dem Sektenideal einer (ethisch) heiligen
Gemeinde (25, .27, 38) gegenüber befand, mit Recht
betont ist. Ein dritter Abschnitt enthält die „Grundsätze
der kirchlichen Rechtsordnung nach Johann Gerhard
" (48—86). Endlich wird' im vierten Teil „die
beginnende Zersetzung des Kirchengedankens in der
Hochorthodoxie" (84—112) bei Männern wie Calov,
König und dem Juristen Carpzow geschildert. Die Auflösung
wird darin gesehen, daß die Kirche nicht mehr
wie bei Gerhard als „gottgewirkte Personengemein-
schaft" (22) „das Ziel der Heilsgeschichte" (16) ist,
sondern daß sie (bei König) unter die media salutis gerechnet
wird, die dem Einzelnen das „ganz individuell
gefaßte Glückseligkeitsziel" vermitteln (102). Calov hat,
indem er den finis theologiae „durchaus individualistisch
" faßte und in dem Gedanken der fruitio Dei au-
gustinisch-scholastische Gedanken zur Geltung brachte,
die Zersetzung des luth. Kirchengedankens angebahnt
(99 f.).

Man bedauert, daß die mit der vorliegenden Arbeit beginnenden
„Studien zum Kirchengedanken des Luthertums" den Kirchengedanken
Johann Gerhards nicht in viel engerer Beziehung zu Luther und Melanch-
thon entwickelt haben. Die gelegentlichen Andeutungen (21, 43, 51,
53, 101) geben kein klares Bild vom Verhältnis Gerhards zu Luther.
Gerhard hat doch wohl wertvolle Gedanken Luthers bereits preisgegeben,
was sich an den notae ecclesiae und an dem Gedanken der comiuunio-
sanctorum (vgl. die gleichnamige Schrift von Althaus) zeigen ließe.
Vf. hat mit Recht herausgearbeitet, daß die Kirche, das „Volk Gottes
am Anfang und Ende des göttlichen Weltenplanes" steht (47), was durch
eine Auseinandersetzung mit der individualistischen Deutung, wie sie
Hupfeld von Joh. Gerhard gegeben hat („Die Ethik Job. Gerhards" 1905)
noch mehr hätte unterstrichen werden können.

Budapest. Ernst Uhl.

N e 11 e, Wilhelm: Geschichte des deutschen evangelischen Kirchenliedes
. 3.,erw. Aufl. hrsg. v. KarlNelle. Leipzig: G. Schloeß-
mann 1928. (316 S. m. 1 Titelbild u. 40 Abb.) 8°. geb. RM 7.50.

Die ersten Auflagen dieses Buches, 1904 und 1909
erschienen, sind in der Th. Litztg. nicht angezeigt worden
. Nachdem dasselbe längst verbreitet ist, sein Urheber
abgesehen von Einzelstudien in dem „Schlüssel
zum evangelischen Gesangbuch für Rheinland und Westfalen
" (19242) auch weitere Beiträge zur Einführung
in das Kirchenlied geliefert hat, kann es sich bei der
vorliegenden dritten Auflage nur um Kennzeichnung des
Werkes und der Besonderheiten der neuen Auflage handeln
. Wilhelm Nelle, verdient um Kirchenliedforschung
und Pflege des Kirchengesangs, hat bei seinem 1918
erfolgten Tode Aufzeichnungen und Einträge zur Fortführung
seiner Geschichte des deutschen evangelischen
Kirchenlieds hinterlassen, die der jetzige Herausgeber
Karl N. bei der dritten Ausgabe verwertet und im Geiste
des Verstorbenen ergänzt hat. Dank zweckmäßiger
Druckeinrichtung ist der Umfang des Buches kaum vermehrt
, trotzdem neue Abbildungen und ein „Verzeichnis
der Dichter und Hymnologen" beigegeben sind. W. N.
hat vor manchen Hymnologen, z. B. Wackernagel, voraus
, daß bei ihm der Sinn für die Texte und der für die
Melodien gleichmäßig vorhanden und ausgebildet ist.
Dazu verbindet er selbständige Forschung und maßvolles
Urteil mit volkstümlicher Darstellung auf dem von ihm
erwählten Gebiet, von dem er selbst tief ergriffen ist.
Er besitzt liturgisches Stilgefühl und ganz besonders ein
Verständnis für das evangelische Gemeinempfinden. Ist
die Geschichte des deutschen evg. Kirchenlieds, ausge-