Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1932 Nr. 2

Spalte:

544-545

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wolbe, Eugen

Titel/Untertitel:

Kaiser Friedrich. Die Tragödie des Übergangenen 1932

Rezensent:

Lerche, Otto

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

543

Theologische Literaturzeitung 1932 Nr. 23.

und stellt seit 1918 steigende Ansprüche, die in keiner
Weise ethisch berechtigt sind und die in dem Schlagwort
Parität nur scheinbar eine Stütze finden.

In diesem gegenwärtigen Wirrsal ist es außerordentlich
interessant, die politische Tätigkeit Ludwig von
Gerlachs zu verfolgen. Ludwig von Gerlach dachte wie
jeder evangelische Christ an die Einheit der Kirche, die
wir im Apostolikum bekennen. Wenn er sich als evangelischer
Christ zur „katholischen" Kirche bekannte, so
lag ihm dabei jegliche modern-mondäne synkretistische
Spielerei ferne: er dachte an die katholische Einheit der
Kirche vor jeder schismatischen Bewegung. Allerdings
war seine geistige Entwicklung, wie K. darlegt, durch
manche katholische Kreise und Strömungen gegangen
und bei dieser Gelegenheit mag der Begriff der Kirche,
wie sie Gerlach sah, mehr tridentinische als evangelischapostolische
Gestalt angenommen haben. Aber bei aller
Freundschaft mit dem Zentrum und bei so manchem dieser
Partei geleisteten Gefälligkeitsdienste hat G. doch
nie gewagt, in die Paritätsforderungen, die vom Zentrum
mit großem Wortaufwande erhoben wurden, einzustimmen
.

Parität ist möglich nur auf evangelischer Grundlage:
Parität zu halten, ist evangelisch. Alles, was der politische
Katholizismus von einem überwiegend evangelischen
Staate und zumal von einem evangelisch regierten
Staate verlangen und erwarten kann, ist Gerechtigkeit
. Auch der von der Kirche vertraglich und verfassungsrechtlich
getrennte Staat kann evangelisch sein:
er wird es sich nie einfallen lassen, den Gedanken der
Parität und des Ausgleichs unter den christlichen Bekenntnissen
zu einer Plattform politischen Kuhhandels
zwischen Schein- und Namenschristen einerseits und erbitterten
Feinden christlicher Kultur andererseits herabzuwürdigen
. Der politische Katholizismus hat aber jetzt
lediglich im Kampfe um eine angebliche Parität zwischen
Katholiken und Akatholiken seine parteipolitischen Vorteile
gesucht, die mit der Kirche so gut wie nichts mehr
zu tun hatten und bei denen unter den Akatholiken zufällig
auch einmal ein evangelischer Christ gewesen sein
mag. Tatsächlich überwiegend aber waren die Vertragsgegner
in dieser politischen Parität Gegner christlicher
Kultur überhaupt. So hat eine groteske Parität zwischen
politischem Katholizismus und Antichristentum bestanden.
Da wir hier aber keine politische Abhandlung schreiben,
so dürfen wir auch darauf verzichten, über den Ausgang
dieser societas leonina teleologische Betrachtungen anzustellen
.

In unserer Zeit politischer Hochspannung ist es
nicht ohne Reiz, sich zu vergegenwärtigen, daß Ludwig
von Gerlach als 79 jähriger Öberlandesgerichtspräsident,
der bereits 30 Jahre dieses hohe richterliche Amt bekleidet
hatte, auf Grund seiner Schrift „Die Zivilehe und
der Reichskanzler" (Berlin 1874), wegen öffentlicher
Behauptung und Verbreitung von wissentlich erdichteten
oder entstellten Tatsachen, um dadurch Staatseinrichtungen
und Anordnungen der Obrigkeit verächtlich
zu machen' zu einer Geldstrafe von 200 Talern verurteilt
worden ist, so daß er auf die Fortführung seines
Amtes verzichtete.

Leipzig. Otto Lerche.

Kornerup, Björn: Til Minde om Holger Fr. Rordam 1830
bis 1913. Udgivet af Selskabet for Danmarks Kirkehistorie. Kopenhagen
: Q. E. C. Oad 1930. (132 S.) 8°. Kr. 3.50.

Die dänische Gesellschaft für Kirchengeschichte
ehrte sich selbst, als sie zum hundertsten Geburtstag
ihres langjährigen Vorsitzenden Rordam die vorliegende
Gedächtnisschrift herausgab. Seit 1857 ist er Vorstandsmitglied
der Gesellschaft gewesen, bis zu seinem Tode
1913, also fast zwei Menschenalter hindurch, ist er der
fruchtbarste Mitarbeiter ihrer Zeitschrift, der „kirke-
historiske Samlinger" gewesen. Dazu trat eine sehr umfassende
anderweitige kirchengeschichtliche Produktion,
teils in eigenen Werken, wie der vierbändigen Geschichte

der Kopenhagener Universität, der Ausgabe der dänischen
Kirchengesetze und mehreren Reihen von Quellen-
: Publikationen, teils in Beiträgen zu Zeitschriften und
j anderen Veröffentlichungen. Eine Übersicht über diese
sehr weitschichtige Produktion dieses „vir doctissimus"
ermöglicht die Bibliographie von Björn Kornerup (S.
70—129). Sie umfaßt 889 Nummern, also fast so viele
j wie die erste Auflage von K. Zangemeisters Mommsen-
Bibliographie (1887). Anders wie Zangemeister in seiner
j Mommsen- und ich bei der Ausarbeitung der U. v. Wila-
[ mowitz-Bibliographie hat Kornerup ein systematisches,
kein chronologisches Schriftenverzeichnis geliefert; beides
hat seine Vorteile. Rordams ungeheure Produktion
i wird hier recht eigentlich erschlossen, namentlich das
: große Material, was in den fünf Reihen der „kirke-
; historiske Samlinger" steckt.

S. 121—122 wird unter dem Obertitel „De enkelte Stifters Kirke-
J historie S. 111 „Spnderjylland" behandelt, es wäre richtiger gewesen, den
; königreichischen Stiftern „Slesvig Stift" anzuschließen und die beiden
j letzten Nummern den Stiftern Fiinen und Ripen, zu denen sie gehören,
anzugliedern. Nr. 692 ist eine Ergänzung zu Nr. 602.

Der Beitrag von Kornerup macht diese Gedächtnis-
| schritt zu einem unentbehrlichen Rüstzeug für alle, wel-
j che mit dänischer Kirchengeschichte sich befassen. Das
! Büchlein enthält außerdem einen letzten Beitrag von
Rordams unermüdlicher Feder, eine Biographie von
| Mag. P. J. Kolding, Vorsteher der gelehrten Schule in
! Herlufsholm 1622—1631 und bekannt als Herausgeber
eines lateinisch-dänischen Wörterbuches (S. 9—62). Mit
Wehmut liest man diese für Rordam so charakteristische
Biographie jenes Mannes des 17. Jahrhunderts, zu dem
Rordam immer wieder mit Vorliebe zurückgekehrt ist.

— Endlich bringt das Heft einen Neudruck der schönen
Worte, welche der jetzige Vorsitzende der Gesellschaft,
Oskar Andersen, am 16. Mai 1913 sprach.

Es mag bei dieser Gelegenheit darauf hingewiesen sein, daß Rprdam
1860 — 1864 in Satrap in Angeln Pastor gewesen ist und daß seine'
Amtszeit nach den Worten eines seiner Nachfolger C. J. Rickmers, Geschichte
des Kirchspiels Satrap, 1902, S. 213 „in der Erinnerung der
Gemeinde lebt als eine Zeit des Friedens, soweit denn Friede sein
konnte in jenen erregten Zeiten".

Hadersleben. Th. O. A c h e 1 i s.

Wölbe, Eugen : Kaiser Friedrich. Die Tragödie des Übergangenen.
Hellerau : Avalun-Verlag o. J. (295 S. m. Abb.) 8". RM 6.50 ; geb. 7.50.
Eine neue Biographie Kaiser Fredrichs III. darf von
kirchengeschichtlicher Seite mit Spannung und Anteilnahme
in die Hand genommen werden. Nach den zahlreichen
wertvollen Veröffentlichungen Friedrich Nippolds

— Aus dem Leben der Kaiserin Friedrich (Deutsche
Revue 1900 S. 257—272), Kirchenpolitische Gespräche
Kaiser Wilhelm I. und des Kronprinzen (Deutsche Revue
1906 S. 60—64), Aus dem Leben der beiden ersten deutschen
Kaiser und ihrer Frauen (1906), Führende Persönlichkeiten
zur Zeit der Gründung des deutschen
Reiches (1911), Das Kaiserin Augusta-Problem (1914)
u. a. m. — ist von theologischer Seite dem Problem
der 99 Tage nicht wieder entscheidend nachgegangen.
Das Buch von Wölbe erfüllt die Erwartungen, mit denen
man an eine neue Biographie Kaiser Friedrichs herangeht,
nicht. Schon die Ergänzung des Buchtitels „die Tragödie
des Übergangenen" läßt sich innerlich nicht halten.
Die ganze Darstellung ist historische Belletristik mit
allen deren Bedenklichkeiten doch ohne deren Charme.
Über den sentimentalen Palmenzweig, den Fürst Bülow
in seinen Denkwürdigkeiten dem Kaiser hier und da
widmet, kommt das ganze Buch Wolbes nicht hinaus.
Das kleinliche Hin und Her gewaltig überragend steht
allein der eiserne Kanzler da, gerade dann, wenn ihn der
Biograph des Kaisers in aller Nichtswürdigkeit abgetan
zu haben glaubt. —

Der kirchengeschichtliche Ertrag des Buches ist
außerordentlich gering. Wohl werden Namen wie
Sydow und Stöcker, Karl und Henriette Schräder, Putt-
kamer und andre genannt; auch von Protestantenverein
und den „beiden kirchlichen Richtungen" ist einmal die