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Ausgabe:

1932 Nr. 1

Spalte:

370-373

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Melzer, Friso

Titel/Untertitel:

Im Ringen um den Geist. Der neue Weg der Literaturwissenschaft 1932

Rezensent:

Fricke, Gerhard

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Theologische Literaturzeitung 1932 Nr. 15/16.

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gegenüber im Recht — Leiblichkeit kann nur leiblich ergriffen
werden (S. 36) —, so besagt das Nein zu Calvin
«och nicht einfach ein Ja zu Luther (S. 37). Denn eben
diese gemeinreformatorische Voraussetzung ist abzulehnen
. Im Abendmahl handelt es sich nicht um die himmlische
Leiblichkeit Christi, sondern um sein in den Tod
gegebenes Leben (S. 38 ff.). „Indem Jesus das Brot und
den Wein zu Sinnbildern seines Sterbens macht, verleiht
er eben damit im gleichnishaften Pfände Anteil an dem
Ertrage seines Sterbens" (S. 43), gibt es „als gegenwärtiges
an uns hin" (S. 44).

Dazu kommt ein zweiter Gedanke. Hat es das
Abendmahl auch nicht mit der Gegenwart der Leiblichkeit
Christi zu tun, so doch mit der Leiblichkeit seiner
Gegenwart als des für uns Gekreuzigten (S. 46). Das
Abendmahl gehört in den Zusammenhang der Inkarnation
; in ihm wird das „Mysterium der Fleischwerdung
des Wortes fortgehend Gegenwart für uns" (S. 47).
^.Brot und Wein als ausgeteilte und empfangene sind
heute Jesu uns betreffende Leiblichkeit" (ebda.). Gegenüber
dem Widerspruch reformierten Denkens, das
hierin eine Beeinträchtigung der göttlichen Hoheit sieht,
muß die lutherische Theologie an diesem leiblichen Gegebensein
festhalten und darum auch die manducatio
indignorum behaupten, die freilich keine theoretische
Aussage des homo otiosus ist. Der Satz von dem Genuß
der Unwürdigen bringt zum Ausdruck, daß die Gabe
des Sakraments unter allen Umständen nicht nur angehören
, sondern auch empfangen wird, auch dort, wo sie
sich statt zum Heil zum Unheil auswirkt (S. 51 ff.).

Nachdem A. die naturmystische Abendmahlstheorie,
mit der ein fremder Zug in die evangelische Sakramentslehre
kommt, ablehnend besprochen hat (S. 56 ff.), behandelt
er abschließend das Abendmahl als Sakrament
der communio sanctorum (S. 59 ff.). Nachdrücklich wird
im Anschluß an Luthers Abendmahlssermon von 1519
hetont, daß das Abendmahl kein „Privatverhältnis des
Einzelnen zu Christus", sondern immer Sache der Gemeinschaft
ist, „organisches Zentrum der Gemeinde,
Mahl der Kirche" (S. 62).

Auch wenn man in einzelnen Punkten anders denkt,
schuldet man dem Verfasser aufrichtigen Dank für seine
Wertvollen, klärenden Darlegungen. Neben der Betonung
des Gemeinschaftsgedankens gilt dieser Dank besonders
dem mit Schärfe und Nachdruck durchgeführten
Grundsatz: nicht Wiederholung, sondern Erneuerung
der Abendmahlslehre Luthers von seinem Grundanliegen
aus. Das ist entschieden ein Vorzug gegenüber der Vermengung
des historischen und systematischen Anliegens.
Es wäre nur zu fragen, ob man in dieser Hinsicht nicht
noch weiter gehen kann und muß, als es der Verfasser
tut. A. geht Bei seiner Sinndeutung des Abendmahls von
den Einsetzungsworten aus und der Frage nach dem
Verständnis der Leiblichkeit Christi. Vielleicht wäre es
besser, von vornherein im Anschluß an den Abendmahlssermon
von 1519, von dem ja auch A. mit R. Seeberg
urteilt, daß „Luther kaum irgendwo dem genuinen Sinn
des Abendmahls so nahe gekommen ist wie in dieser
Schrift" (S. 6), den Gedanken der Abendmahls-Com-
munio in den Mittelpunkt der systematischen Erörterung
zu rücken. Dann wären einige Unstimmigkeiten behoben
, die sich so bei A. noch leise bemerkbar machen,
und die hinter den Ausführungen stehende, von A. gelegentlich
ausgesprochene Einsicht (S. 45 f. 47) würde
noch viel stärker und grundlegender zum Ausdruck kommen
: daß es im Abendmahl nicht nur nicht um die
verklärte Leiblichkeit Christi geht, sondern überhaupt
auch nicht um die Elemente und ihr Verhältnis zur
himmlischen Wesenheit; daß es darauf ankommt, was
mit den Elementen geschieht, auf die Handlung des Darreichens
und Genießens. Im Essen und Trinken des
Mahles wird die Tischgemeinschaft Christi und seiner
Kirche aufgerichtet, kommt der erhöhte Herr zu den
Seinen.

__Lewe, Kr. Goslar. _G. Hoffmann.

Melzer, Dr. Friso: Im Ringen um den Geist. Der neue Weg
der Literaturwissenschaft. Berlin: Furche-Verlag 1931. (191 S.)
8°. = Furchestudien. Stud. a. d. Gesamtgebiet theol. Forschung u.
evangel. Weltanschauung, 5. _ RM 6 — ; geb. 7.80.

Gerade den geisteswissenschaftlichen Fächern sind
nicht selten fruchtbare Anregungen und entscheidende
Anstöße von „außen", von verwandten Disziplinen und
Bewegungen zuteil geworden. Die erwartungsvolle Bereitschaft
, mit welcher der Literarhistoriker nach dem
angezeigten Buche greift, wird jedoch schnell gedämpft
und unsicher. Denn schon der Umschlag versichert in
jenem wohlbekannten, zeitgemäßen, schlichten Lapidar-
stil: „Auch für die Literaturwissenschaft hat heute die
entscheidende Stunde geschlagen, wo sie aus bequemer
Zuschauerhaltung aufgerüttelt und zum Bekenntnis gefordert
wird . . ." „Dies Buch entzieht dieser nicht
mehr zeitgemäßen Geisteshaltung die morschen Stützen,
es zerstört das Märchen von der weltanschaulichen Un-
verbindlichkeit der dichterischen Produktion und Lite-
rarkritik."

Aber ist die Feststellung der weltanschaulichen Gebundenheit
der Dichtung die Zerstörung eines Märchens?
Trägt sie nicht eher Eulen nach Athen? Und wem bedeutet
es etwas Neues, daß auch die literaturgeschichtliche
Deutung mit aller historischen Forschung teilnimmt
an den „weltanschaulichen" Möglichkeiten und
Grenzen des Deutenden? Ein anderes freilich ist es,
wenn diese weltanschauliche Bindung zum Grundsatz
und zum Programm erhoben wird und wenn damit die
lebendige und fruchtbare innere Spannung von objektivem
Erkenntnisziel und — zugleich fördernder und hindernder
— subjektiver Bedingtheit, in der sich alle Geistesgeschichte
befindet, durchschnitten wird, — zugunsten
etwa einer evangelisch-gläubigen Literaturgeschichte
, neben die dann alsbald ein Dutzend anderer
politischer und konfessioneller gleichen Anspruchs treten
dürften.

Die Schrift „will denen, die mit Literatur und Geistesgeschichte
zu tun haben, eine Sturmglocke sein und
ihnen den Schrei der Not und die nahende Hilfe entgegenrufen
" (Vorwort). Sehen wir näher zu!

M. geht in drei Etappen vor: von der Betrachtung
der gegenwärtigen Lage kommt er zu grundsätzlichen
Erwägungen über Begriff und Möglichkeit weltanschaulich
bestimmter Literaturwissenschaft und schließt mit
der praktischen Grundlegung einer evangelischen Literaturwissenschaft
.

Der erste, wesentlich referierende Teil unterscheidet
eine „sachliche" Richtung, der Scherer, Dilthey und
Unger angehören, von einer „persönlichen", die Er-
matinger, Gundolf und Bertram verkörpern. Die Leistung
Scherers und seiner Schule wird — wie leider üblich
— als geistlose Bewältigung riesiger Stoffmassen
mit naturwissenschaftlichen Methoden beschrieben und
die Ferne und Feindschaft Scherers zum Christentum
besonders hervorgehoben. Die immer etwas subalterni-
sierende Anerkennung des Ernstes und der Sauberkeit
gehört zu den schon fast liturgischen Schlußwendungen
jeder rechten Scherer-Kritik. Dilthey dagegen drang zum
Erlebnis als Quell der Dichtung vor und zur beschreibenden
Psychologie als Methode der deutenden und verstehenden
Geistesgeschichte, wobei der „Geist" zur Gesamtheit
seiner empirischen geschichtlichen Objektiva-
tionen relativisiert und psychologisiert wurde. Aber M.
macht es sich etwas zu leicht, wenn er von seinem absoluten
theologischen Standort aus Diltheys relativierende
Beschränkung auf das geschichtlich Wirkliche zur
„Einsicht in die völlige Halt- und Sinnlosigkeit alles
Seienden" (35) umdeutet, die konsequenterweise nur
die Rückkehr zum Offenbarungsglauben offen ließe, wenn
Dilthey sich nicht in den „Glauben an ein allgemeines
Lebendiges" „rettete" (ebd.). Auch Unger, der Scherers
Gründlichkeit mit Diltheys geistesgeschichtlicher Methode
verbindet und mit seiner Reobjektivierung der
psychologischen Fragestellung Diltheys zur Problem
geschichte den Gang der Literaturwissenschaft