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Ausgabe:

1932 Nr. 14

Spalte:

316-317

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Limbach, Samuel

Titel/Untertitel:

Die Zwölf kleinen Propheten und ihre endgeschichtlichen Weissagungen 1932

Rezensent:

Rudolph, Wilhelm

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Theologische Literaturzeitung 1932 Nr. 14.

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Es ist zunächst zu begrüßen, daß Sellin gegenüber
den 2 Teilen des 3. Bandes der Geschichte Israels von
Kittel (1927 u. 1929), mit dem er sich hier vielfach,
sei es zustimmend, sei es ablehnend auseinander setzt,
eine kürzer gefaßte und doch alles Wesentliche bietende
Darstellung vorlegt. Kittel ist tatsächlich unnötig breit
und wortreich gehalten. — Daß auf dem Ganzen hier
behandelten Gebiete bei dem Mangel an Quellen, oder
bei ihrem mangelhaften, durch spätere Überarbeitung
oder schlechte Erhaltung verschuldeten, Zustand der
Phantasie und der Vermutung ein weiter Raum offen
steht, man also ohne dieses nicht auskommt, ist bekannt.
So gibt es vielfach ein Rätselraten! Es ist der Vorzug
von Sellin, daß er nicht an dem, was er einmal hat
drucken lassen, sich gebunden fühlt, wenn ja allerdings
der starke Wechsel, wie er sich aus seiner lebhaften Art
erklärt, oft etwas Verblüffendes hat. So ist der „Knecht
Jahwes" jetzt weder Serubabel, noch Mose, sondern
Deuterojesaja selbst. Sellin nimmt hier in gewissem
Sinne die These von Mowinckel (der Knecht Jahwes
1921) und Rudolphs (Z.A.W. 1925 S. 109ff.) auf,
von denen der erste s. Z. an Deuterojesaja selbst als
den „Ebed Jahwes" dachte, der zweite (wie auch Kittel,
G. V. J. III, 1. S. 203 ff.) die Schilderung eines uns unbekannten
und ungenannten Märtyrers und Propheten von
Seiten des Deuterojesaja annimmt. Er meint nämlich
mit Elliger (Z.A.W. 1931 S. 112ff.), daß Jes. 42, 1 ff.
49,1 ff., 50, 4 ff. Deuterojesaja selbst von und über sich,
seinen Beruf, seine Stellung, seine Leiden und Mißerfolge
rede, während in Jes. 53 der Schüler des Deuterojesaja
zu dem Tode seines Meisters das Wort ergreife
(Sellin N. K.Z. 1930 S. 143ff. und hier: S. 66ff.). Es
will mir scheinen, daß auch hier trotz des von Sellin
und Elliger versuchten Sprachbeweises, der gegen eine
Abfassung von K. 53 von Deuterojesaja, dagegen für
eine von Tritojesaja sprechen soll, das Knecht-Gottes-
Rätsel nicht gelöst ist. Auffallend bleibt bei diesem
Versuch einmal die Namenlosigkeit des Märtyrers. Tritojesaja
hatte doch (ebenso wenig wie die mit ihm Heimgekehrten
) gar keinen Grund, den Namen seines großen
Meisters zu verschweigen! Auch bleibt es immer auffallend
, daß die Wiederkehr des Getöteten aus dem
Tode zum Leben in Jes. 53 mehr vorausgesetzt denn als
etwas Außerordentliches stark hervorgehoben wird —
und das in der Zeit von 540 etwa, wo dieser Glaube
trotz der gegenteiligen Bemerkungen von Kittel u. a. a.
in Israel noch nicht Fuß gefaßt hatte. (Man denke nur
an das Buch Hiob!) Auch daß dieser Märtyrerprophet
mit den Großen und Starken Beute teilen soll (V. 12),
mutet etwas merkwürdig an. Sonst wird ein derartiger
Lohn einem Propheten kaum in Aussicht gestellt. Diese
Bedenken — Anonymität, Wiederaufleben, große Beute
fallen fort, wenn man unter dem „Knecht Gottes" nach
Jes. 41,8 u. ö. das „Volk Gottes" versteht. Gewiß geht
auch hier die Lösung nicht glatt auf. Doch scheint sie
bisher noch immer die beste. — Aber anregend wie
immer ist auch hier Sellin. Man wird weiter gern seine
Ausführungen über Ezechiel, seine Auseinandersetzungen
mit Hölscher (Hesekiel, der Dichter und das Buch
1924) u. a. a. und' seine Herausstellung der Bedeutung
des Ezechiel für die israel. Religion und die jüdische
Gemeinde lesen. Ebenso schön ist die Würdigung von
Deuterojesaja.

Zu billigen scheint mir durchaus, daß Verf. gegen
Kittel (a. a. O. S. 448 ff.) an der Grundsteinlegung
und dem erstmaligen Bau des Tempels durch Serubabel
festhält, wie das Sacharja 4, 9 deutlich ausgesprochen
und in Haggai 1, 13; 2, 15—19 vorausgesetzt sei
(96 ff.). — Bei der Würdigung von Esra und Nehemia
ist hervorzuheben, daß Sellin nicht nur an der Geschichtlichkeit
des Esra und an seinem dem Nehemia
zeitlich voranlaufenden (so jetzt S. 136) und nicht in
dessen Tätigkeit fallenden Wirken (so mit Anderen
Sellin: Studien zur Entstehungsgeschichte der jüdisch.
Gemeinde II 1901) festhält, sondern auch die Memo-

i iren des Esra (Esra 7—8. Neh. 8. 9, 6—37. Esr. 9—10)
i mit dem in ihnen enthaltenen aramäischen Entlassungs-
! edikt des Artaxerxes (Esra 7, 12 ff.) für echt nimmt.
Ebenso hält er mit Schaeder (Esra, der Schreiber 1931
und derselbe: Iranische Beiträge I 1930) auch die aramäische
Denkschrift des Tabel (4, 7 ff.), welche dieser an
den Artaxerxes gerichtet habe, um den von Esra begonnenen
und auf Betrieb der denunzierenden Samarita-
ner eingestellten Mauerbau (? Neh. 1,4) wieder in Gang
zu bringen für echt. Aus ihr habe der Chronist einige
ihm passende Abschnitte übernommen. Die Bedenken
Baumgartners, daß das Aramäische hier und in den
Danielstücken gegenüber dem Aramäisch in den Ele-
phantinebriefen von 407 eine jüngere Sprachstufe verrate
(Z.A.W. 1927 S. 81 ff.), teilt er nicht, nimmt vielmehr
mit Schaeder an, daß es sich nur um eine ortho-
! graphische Verschiedenheit des Volksaramäisch (Esra),
j vom offiziellen Reichsaramäisch (Elephantine) handle,
i — Endlich ist bemerkenswert, daß der Verf. im An-
j Schluß an den Chronik-Kommentar von Rothstein-Hänel
| 1927 und der Studie von Rad, das Geschichtsbild des
I chronistischen Werkes 1930 zu einer Wertung des Chro-
! nisten oder, richtiger gesagt, der Chronisten kommt, die
i von der hergebrachten stark abweicht. Er glaubt das
Werk des älteren Chronisten schon um 400 (statt 300)
v. Chr. (S. 172 f.) und den (oder die) jüngeren bis
etwa 350 ansetzen zu müssen. Der Ältere folge mehr
der von Esra und Nehemia betonten Richtung des P. C,
während die jüngeren Schichten von diesem wieder zum
Deuteronomium zurücklenkten. Wenn es richtig ist, daß
die Chronik einmal zur Verherrlichung der Leviten
gegenüber den Priestern und weiter zur religiösen Ver-
| herrlichung vor allem Davids geschrieben wurde (S.
j 174) — und es wird richtig sein — so wird man Sellin
I auch darin zustimmen können, wenn er trotz Esra und
Nehemia die Sehnsucht nach der Davidmonarchie kräftig
aufwachsen sieht und eine neue „Davidreligion" in
der Chronik gezeichnet findet, in der Glauben und Vertrauen
im Mittelpunkt stehn, mehr als Gerechtigkeit,
und Lobsingen und Danken stärker gewertet werden
als Opfer und Sühnemittel (S. 175).

Es ist durch den Stoff gegeben, daß die geschichtliche
Darstellung oft durch längere Ausführungen kritischer
Art unterbrochen wird, was gewiß oft störend
wirkt. Aber das ließ sich wohl nicht vermeiden. Trotzdem
scheint es mir Sellin gelungen zu sein, den äußeren
und inneren Verlauf der jüdischen Geschichte vom Exil
bis zur Zeit des Alexander im Ganzen richtig zu erfassen
und anschaulich darzustellen. Auch das Wirken
der Männer Esra und Nehemia dürfte gegenüber der
hergebrachten Weise und anderseits der Auffassung von
| Schaeder u. a. a. das Wichtige getroffen haben. Man
! kann nur hoffen, daß Sellin bald sein Werk zu Ende
I führt.

Bonn. J. M e i n h o 1 d.

Limbach, Samuel: Die Zwölf kleinen Propheten und ihre
endgeschichtlichen Weissagungen. Basel: H. Majer, o. J. (263 S.)
8°. kart. RM 4—; geb. 5.60.

Das Buch gibt eine erbauliche Betrachtung der
kleinen Profeten, besonders ihrer Weissagungen; dabei
nimmt Sacharja annähernd die Hälfte des Raumes in
Anspruch. Die alttestamentliche Wissenschaft wird zur
Aufhellung des geschichtlichen Hintergrundes herangezogen
, aber von ihren kritischen Ergebnissen wird keine
Notiz genommen (z. B. einen Deuterosacharja gibt es
nicht, oder: die chronologische Reihenfolge der vorexi-
lischen kleinen Profeten ist Obadja Joel Jona Arnos
Hosea Micha Nahum Zefanja Habakuk), und die Charakterisierung
der kritischen Anschauung von den Profeten
: „im schlimmsten Fall waren sie schlaue Intriganten
, im besten Fall wohlmeinende Patrioten" (S. 253)
gibt nur ein Zerrbild. Der Standpunkt gegenüber den
profetischen Weissagungen ist erfreulich nüchtern: sie
gelten nicht der Kirche, sondern Israel (S. 252 ff.). Da