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Ausgabe:

1932 Nr. 13

Spalte:

301-302

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Steinberg, Sigfrid H.

Titel/Untertitel:

Die Bildnisse geistlicher und weltlicher Fürsten und Herren 1932

Rezensent:

Thulin, Oskar

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301

Theologische Literaturzeitung 1932 Nr. 13.

302

Steinberg, Sigfrid H., u. Christine Steinberg- von Pape:
Die Bildnisse geistlicher und weltlicher Fürsten und Herren.
L Tl. Von der Mitte des 10. bis zum Ende des 12. Jahrhunderts
(950—1200). Leipzig: B. O. Teubner 1931. (XX, 160 S. u. 150
Lichtdrucktaf.) Lex. 8°. = Veröff. d. Forschungsinstitute a. d. Univ.
Leipzig. Inst. f. Kultur- und Universaigesch. Die Entwicklung des
menschl. Bildnisses, hrsg. v. W. Goetz, III. RM 24— ; geb. 28-.
In der Reihe „Die Entwicklung des menschlichen
Bildnisses" sind schon Arbeiten über die frühmittelalterlichen
Kaiserbildnisse und über das Dedikationsbild erschienen
. Die hier vorliegenden ersten Teile des dritten
Bandes ergänzen dieselbe Epoche durch die Bildnisse
geistlicher und weltlicher Herren. Die Arbeit will keine
kunsthistorische, sondern eine im eigentlichen Sinne
historische sein, da sie von der Anschauung ausgeht,
»daß sich in der Geschichte des menschlichen Bildnisses
die Geschichte der gesamten, und insbesondere der geistigen
Entwicklung der Menschheit spiegelt". Das reiche
kunsthistorische Material des Tafelbandes ebenso wie
die vielen Bemerkungen im Textbande über Künstlerschulen
, Geschichte der Epitaphkunst u. a. wollen nur
die eigentliche Absicht des Werkes unterstützen, die
Porträtgestalten auf Grabmälern, Fresken und Miniaturen
als eminent wichtiges Quellenmaterial erscheinen
zu lassen. All die Steine und Pergamente erhalten die
Lebendigkeit wieder, die sie einstmals nicht nur zu einem
zeitgenössischen Ausdruck persönlicher Einzelfrömmigkeit
und Devotion machten, sondern zugleich zu einem
höchst aktuellen Zeugnis der jeweiligen Geistesgeschichte
mit all ihren offenen und heimlichen Spannungen
und politischen wie religiösen Bekenntnissen.

Ich sage damit nicht zuviel. Ich weiß wohl — und
die Verfasser wissen es ebenso —, daß sich grundsätzliche
Bedenken erheben lassen von dem Verständnis
dessen her, was „Porträt", was „Bildnis" sein kann und
was es in der hier behandelten Zeit war. Am Maßstab
unserer Porträtvorstellung der Echtheit bis zur physio-
gnomischen Charakterbestimmung hin gemessen, verlieren
zwar fast alle Persondarstellungen dieser Epoche
sofort an Wert, aber der rein naturalistische Wirklichkeitsbegriff
reicht hierfür nicht aus. Alle Dargestellten
wollen nur darum etwas bedeuten, weil sie Repräsentanten
einer größeren Macht, einer Idee, des saoerdotium
oder imperiufn sind. Wirkliche Porträtähnlichkeit ist
meist garnicht gewollt. Umso bedeutsamer sind aber
dann die Formen der Darstellung: Haltung, Gebärde,
symbolische Beigaben. Amt oder Befugnisse des Einzelnen
werden dadurch kenntlich, auch einzelne Charakterzüge
bis hin zu solchen Bildern, wie dem Heinrichs des
Löwen, das Gottesgnadentum selbstbewußtester Art spiegelt
, oder dem Heinrichs VI., das mit wenigen Gestalten
um den Thron des Herrschers einen Überblick über die
Mächteverhältnisse des Kaiserreiches gibt.

Zur großen Kaiser-Papstpolitik erscheinen hier die
deutschen ausführenden Organe, die Träger der Staatsgewalt
, die sozial führende Herrenschicht, die den
Kaiserthron stützen. Der verfassungsmäßige Aufbau des
Staates wird sichtbar in den Bildnissen der maßgebenden
Persönlichkeiten: die Doppelschichtigkeit der kaiserlichen
und päpstlichen Ansprüche auf imperium und civitas dei
wird erkennbar und zugleich in der Tatsache der Bilddarstellung
oder deren bewußter Unterlassung das Mäch-
tigenverden der kaiserlichen oder gregorianischen Richtung
. Grundsätzlich gilt natürlich die geistliche Motivierung
der Darstellung — abgesehen von reinen Epitaphien
— für diese ganze Epoche; immer ist eine Stiftung
der Anlaß, teilweise Inhalt der Darstellung. So
zeigt umgekehrt das Fehlen jeglichen Einzelporträts im
Sinne der Spätantike oder der Renaissance, daß für das
Bewußtsein der Zeit das auf sich gestellte, aus allen
geistlichen und überpersönlichen Bindungen gelöste Individuum
noch nicht darstellbar war.

Mir scheint, daß die hier angewandte anschauungsmäßige
Erweiterung des Quellenbegriffs für historische
und kirchenhistorische Forschung — wie sie ja innerhalb
der Kirchenhistorie bereits von einem Kreis von Kennern

: der christlichen Archäologie und kirchlichen Kunst getrieben
wird — nicht nur nötig, sondern sogar sehr
nötig ist. Es handelt sich hier nicht um Arabesken, sondern
um Grundlinien und tragende Pfeiler geschicht-

I liehen Forschens und Erkennens.

Ein ausführlicher Anmerkungsteil mit reichen Literaturangaben
und ein Register erleichtern sehr die Benutzung
des Werkes und führen in viele Einzelfragen.
Hoffentlich legt uns das in schönster Werkgemeinschaft
schaffende Verfasserehepaar bald den zweiten Teil
noch vor.

Wittenberg. Oskar T h u 1 i n.

Puttkamer, Gerda von: Papst Innocenz IV. Versuch einer Gesamtcharakteristik
aus seiner Wirkung. Münster: Helios-Verlag 1930.
(IV, 123 S.) gr. 8°. = Universitas-Archiv. Hist. Abt. Hrsg. v. G.
Kallen u. J. Ziekursch. Bd. 2. RM 6—; geb. 8-.

Den gewaltigen Kampf des letzten Staufenkaisers gegen
den päpstlichen Universalismus hat jüngst E. Kantorowicz
höchst anschaulich geschildert. Vorher besaßen wie in der
deutschen Literatur neben Hauck vor allem die Darstellung

[ Hampes (Deutsche Kaisergesch. 6 1923). Hier findet
sich auch (S. 265) ein mit scharfen Strichen gezeichnetes
Bild von Friedrichs gefährlichstem Gegner, Innocenz IV.,
welcher alle verfügbaren Mittel zur letzten Entscheidungsschlacht
zusammenraffte, zwar den Sieg errang,

■ doch zugleich durch seine Kampfesweise die ideellen
Grundlagen der eigenen Position arg gefährdete, v. P. ist
eine Schülerin Hampes. Die fünf Kapitel ihrer Dissertation
: Innocenz als Vorstand des Kardinalkollegiums,
als Oberhaupt der päpstlichen Familie, als Oberhirt des
katholischen Klerus, als Leiter der geistlichen Orden,
als Fürst unter Fürsten, verfehlen bei der ersten Lektüre
nicht den beabsichtigten Eindruck. Bald aber kommen
einem mancherlei Bedenken. War es ratsam, nur
„Taten, Beziehungen und Wirkungen" einer Persönlichkeit
zu betrachten, deren Grundsätze und Ziele neben
Reden und Briefen, noch dazu ihre theoretischen Schriften
erkennen lassen? Wenn aber einmal der von Verf.
gewählte Weg beschritten wurde, so setzte der Versuch
einer Gesamtcharakteristik genaue Information nicht bloß
über Deutschland und Italien, sondern über alle Länder
voraus, in deren Verhältnisse der Papst fortgesetzt und
nachhaltig eingegriffen hat. Dieser Verpflichtung scheint
mir v. P. nicht nachgekommen zu sein. Es ließe sich
z. B. leicht eine Liste von englischen Büchern, Aufsätzen
und Quellen zusammenstellen, welche in ihrem
Literaturverzeichnis fehlen. Schließlich noch eins: Kein
Herrscher ist so traditionsgebunden, wie der Täger der

i Tiara. Daraus folgt, daß man jeden einzelnen von ihnen

! niemals isoliert zu beurteilen vermag.

Göttingen. A. Hessel.

H au ß , Lic. tlieol. Fritz : Zuclitordnung der Stadt Konstanz 1531.

Lahr: Schauenburg 1931. (144 S.) gr. 8°. = Veröff. d. Vereins f.

Kirchengesch. i. d. evang. Landeskirche Badens, V. RM 5.30.

Der rührige Verein für Kirchengeschichte in der
evangelischen Landeskirche Badens hat mit dieser neuen
Veröffentlichung einen Beitrag zur Reformationso-e-
schichte geboten, der über das lokale Interesse wesentlich
hinausreicht. Die Geschichte der Konstanzer Reformation
ist kurz (sie fand 1548 mit der Unterwerfung
der Stadt unter das Haus Habsburg ein jähes und unwiderrufliches
Ende), aber deshalb nicht bedeutungslos
. Vielmehr verleihen die Männer, die den reformatorischen
Gedanken in der Stadt vertreten, die Brüderpaare
Blarer und Zwick und der Stadtschreiber Jörg
Vögeli dem hier sich entwickelnden evangelischen Leben
ein durchaus eigenartiges Gepräge, vor allem dadurch,
daß sie in jener Zeit der nicht enden wollenden dogmatischen
Auseinandersetzungen überwiegend auf das Praktische
, auf die Verwirklichung eines christlichen Lebensideals
, gerichtet waren. In die Reihe der Mittel, die
diesem Zweck dienen sollten, gehört auch die Zuchtordnung
des Jahres 1531, die nun durch die von Hauß besorgte
Ausgabe der Vergessenheit entrissen und durch