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Ausgabe:

1932 Nr. 8

Spalte:

190-191

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Niebergall, Friedrich

Titel/Untertitel:

Kurze homiletische Einführungen zu den alten Episteln 1932

Rezensent:

Usener, Wilhelm

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Theologische Literaturzeitung 1932 Nr. 8.

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dieser ersten Linie durch Hans Bliiher, der die revolutionäre und radikale
Note hereinbringt: einerseits Jugendbewegung als Revolution gegen die
ältere Generation in Elternhaus, Schule, Kirche und Staat; andererseits
Jugendbewegung als erotisches Phänomen im Sinne gleichgeschlechtlicher j
Liebe. Die unheilvolle Wirkung Blühers wird richtig gesehen, aber |
auch der Einfluß seiner Gedanken auf das rechte Maß zurückgeführt.
Der neue Lebensstil (Fahrt, Nestabend, Landheim, Volkslied, Volkstanz,
Gegnerschaft gegen Rauschgifte) wird liebevoll gezeichnet. Es kommt
dann (S. 11 ff.) die Entwickelung zur „Freideutschen Jugend" und der
Ausbau der reinen Wanderbewegung durch die auf die Universitäten
übergegangenen Wandervögel: das Fest auf dem Hohen Meißner 1913
und die berühmte „Meißnerformel" von der eigenen Verantwortung und
eigenen Gestaltung des Lebens durch die Jugend. Zwischendurch wird
schon die Stellung der Jugend zu den Problemen des bisherigen Lebens
erörtert. Es folgt die Darstellung der Jugendbewegung im Kriege (S. 24)
und die Weiterentwickelung infolge des Krieges. Neue Probleme wie
das der Politik und des Volkstums tauchen auf und wirken einschneidend
und umgestaltend auf die bisherige Bewegung. An Einzelproblemen
werden behandelt: die Stellung zu Elternhaus und Familie (S. 27),
zur Schule (S. 31), Jugendbewegung und „Jugendpflege", (S. 37), die !
Geschlechterfrage (S. 38), Politik (S. 42) und Religion (S. 48). Bei der
Beurteilung der Stellung zur Religion wird reichlich einfach verfahren.
Es wird festgestellt, daß die Jugendbewegung unkirchlich, In weiten
Kreisen auch unchristlich gewesen sei, daß sie höchstens eine Art Naturmystik
oder ein unklares Ehrfurchtsgefühl gepflegt habe. Mit dieser
Feststellung wird man aber der Jugendbewegung wohl nicht gerecht.
Es bleibt doch die Frage, ob nicht die Jugendbewegung mit ihrer
„Unchristlichkeit" gegenüber einer Christenheit, wie sie damals vielfach
war, im Recht gewesen ist. Jedenfalls bedürfte gerade die Frage nach
der Religion in der Jugendbewegung einer gründlichen eigenen Untersuchung
.

An diese Darstellung der äußeren und inneren Geschichte
schließt sich (S. 51 ff.) eine Übersicht über die
Erscheinungsformen der Jugendbewegung. Zunächst i
wird die echte Jugendbewegung behandelt: Wandervogel,
Freideutsche Jugend und Jungdeutscher Bund. Danach
werden die Einwirkungen der Bewegung auf andere
Bünde (B.K., Köngener, D.C.S.V., C.V.J.M., Neuland,
Neuwerk, Neue Schar von Muck-Lamberty, katholische
und sozialistische Jugend) kurz skizziert. Hier liegen
offenbar die größten Mängel unserer Schrift. Schon über
die Einteilung in primäre und abgeleitete Jugendbe- j
vvegung kann man verschiedener Meinung sein. Muck- I
Lamberty würde sich sicher noch zur „echten" Jugendbewegung
gerechnet haben! Daß ferner so wichtige
Bünde wie der B.D.J. und die Christdeutschen gänzlich
fehlen, ist ein Manko. Vor allem aber ist hier bei der
Zeichnung der einzelnen Bünde der Stand der Gegenwart |
nicht erreicht. Überall wird nur der Stand von 1921 geschildert
. Wenn aber diese Bewegungen überhaupt erwähnt
wurden, mußte auch ihre Entwickelung bis zur
Jetztzeit kurz verfolgt werden. Oder aber die Darstellung
hätte bewußt mit dem Zerfall der Freideutschen
Jugend 1921 endigen müssen. Das wäre überhaupt
wahrscheinlich das Richtige gewesen. Denn die neuere
Entwickelung der Jugendbewegung stellt eine solche
Fülle von neuen Problemen, daß man ihr mit einer Ergänzung
der vorliegenden Broschüre kaum gerecht werden
kann. Deshalb ist auch das Schlußwort mit der
„Beurteilung" der Jugendbewegung, das 1921 so noch
geschrieben werden konnte, antiquiert. Der geschichtliche
Sinn der Jugendbewegung ist heute unabhängig
von der Frage, ob&die Jugendbewegung für die innere j
Erneuerung unseres Volkes etwas geleistet habe oder ]
nicht. Es handelt sich für den wertenden Beurteiler j
von heute nur noch darum, die Wirkungen der Jugendbewegung
in ihrer ungeheuer mannigfachen Verzweigung |
weiter zu verfolgen, und zu zeigen, welche Strömungen j
in Weltanschauung, Lebensreform, Politik, Ethik, Kirche
usw. auf Anregungen der Jugendbewegung zurückgehen;
nicht aber darum, eine mehr oder weniger positive Gesamtzensur
zu erteilen. Damit zeigt sich dann aber,
daß eine wirklich deutende, nicht nur beschrei- j
b e n d e Darstellung der Jugendbewegung schwerer ist,
als Stählin sieht. Und wir werden gewiß seiner Bemerkung
im Vorwort zustimmen, daß eine ausreichende Ge- |
schichte der Jugendbewegung noch geschrieben werden j
muß. Das kann man übrigens von einer kurzen Dar- |

Stellung auf 72 Seiten auch nicht verlangen. Abgesehen
von diesen Ausstellungen hat die kleine Schrift ihre
großen Vorzüge. Dazu gehören: die knappe, immer auf
das Wesentliche bedachte Zusammenfassung des Stoffes,
die zahlreichen Quellenhinweise im Text und die geschickte
Auswahl von Zitaten aus der zeitgenössischen
Literatur, die wirklich ein gutes Bild von der Sache
geben. Als kurze, einführende Darstellung der Jugendbewegung
ist die vorliegende Schrift wohl zu gebrauchen.
Hoyershausen (Hannover). Heinz Brunotte.

Uckeley, D.Alfred: Beichte und Abendmahl. Beiträge von
18 Mitarbeitern. Eingeleitet u. hrsg. Berlin: E. Röttger 1931.
(184 S.) 8°. = Die Kasualrede d. Gegenwart. Eine Sammig. a. d.
kirchl. Praxis z. Handreichung f. d. geistl. Amt, hrsg. v. A. Uckeley,
4. Bd. RM 3—; geb. 4—.

In der von Uckeley herausgegebenen Sammlung,
„Die Kasualrede der Gegenwart" enthält der vorliegende
4. Band „Beichte und Abendmahl". 18 verschiedene
Verfasser, meist bekannte Prediger unserer Zeit z. T. in
hohen kirchlichen Ämtern, bis auf einen Bremer Pfarrer
alle aus Ost- und1 Mitteldeutschland, haben mitgearbeitet,
einige Predigten von Bußtag und über Beichte, Buße
und Abendmahl sind mit aufgenommen, unter ihnen
scheint mir die Predigt von Schaumann sehr geeignet,
manche Bedenken in der Gemeinde gegen das Abendmahl
zu beseitigen. Auf die Abendmahlsnot wird
auch in den Beichtansprachen vielfach eingegangen.

Nach dem Vorwort des Herausgebers bemüht sich
die Sammlung um seelsorgerliche Textbe-
handTung. Es soll der den einzelnen ansprechende
Gott zum vollen Ausdruck kommen und die Rede nicht
bei Erörterungen über verkehrte und zu überwindende
Seelenzustände der Hörer hängen bleiben. Im ganzen
scheint diese Aufgabe gelöst, wenn auch die beigesteuerten
Gaben nicht gleichwertig sind. Meist ist der
für die Stunde geeignete Ton getroffen; die Ansprachen
können einer wirklichen Vorbereitung dienen. Das eigentlich
Dogmatische tritt zurück, und das wirklich
Evangelische kommt zur Geltung. Auch wird die Gefahr
vermieden, daß nur eine Bußrede im herkömmlichen
Sinn gehalten wird, der Gedanke der Eucharistie tritt
mehrfach erfreulich hervor. Die gerade für solche Feier
gebotene Schlichtheit ist fast überall gewahrt. In einer
Ansprache allerdings stört die Fülle der Zitate, die man
in dieser Stunde wirklich entbehren möchte, die mehrfache
Anrede „Liebe Seele" in einer andern ist zu sehr
Sprache Kanaans. Vereinzelt entsteht wohl der Eindruck
, als ob die religiöse Höhenlage der Abendmahlsgäste
überschätzt würde, während an anderen Stellen
sehr nüchtern auch von dem gewohnheitsmäßigen Abendmahlsgang
gesprochen wird. Bei einer Ansprache ist
die Beziehung auf Beichte und Abendmahl etwas lose.
Aber das sind Einzelheiten. Ein Druckfehler sei noch
angemerkt: S. 12 muß es statt 1. Tim. 4,3 wohl 2. Tim.
4, 3 heißen. Wenn es auch mißlich ist, aus der Fülle
von viel Trefflichem einige Namen herauszuheben, so
möchte ich doch sagen, daß die Darbietungen von dem
heimgegangenen Lang-Dahlem, Mahling-Berlin, Stäglich-
Berlin, Schwardt-Königsberg, Riemer-Wittenberg, Urban-
Bremen mir die eindrucksvollsten waren.
Pouch bei Bitterfeld. Wilhelm Usener.

1. Niebergall, Prof. D. Friedr.: Kurze homiletische Einführungen
zu den alten Episteln. Frankfurt a. M.: H. L. Brönner 1931.
(64 S.) 8°. = Homilet. Hilfsbüchlein Nr. 7. kart. RM 1.50.

2. Mahling, Prof. D. Friedr.: Kurze homiletische Einführungen
zu den altkirchlichen Evangelien. Frankfurt a. M.: H. L.
Brönner 1931. (173 S.) 8°. = Homilet. Hilfsbüchlein. Schriftenreihe
d. Stoffsammlg. Christentum u. Leben. Hrsg. v. W. Knevels.
Nr. 8. RM 2.90.

Auch im Jahrgang 1930 bieten die homiletischen
Hilfsbüchlein von Niebergall und Mahling dem Prediger
wertvolle Handreichung. N. behandelt die altkirchlichen
Episteln, M. die altkirchlichen Evangelien; wie im Vorjahr
N. ganz knapp, einige wertvolle Gedanken heraushebend
, M. viel ausführlicher, Predigtskizzen darbietend.