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Ausgabe:

1931 Nr. 1

Spalte:

344

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Zorell, Franz

Titel/Untertitel:

Lexicon Graecum Novi Testamenti 1931

Rezensent:

Debrunner, Albert

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343

Theologische Literaturzeitung 1931 Nr. 15/16.

344

tung Jerusalems durch David versiegt und mit den
summarischen Angaben von II. Sam. 8 abgeschlossen
ist. Hier taucht sofort wieder die Frage nach der
Eigenart und dem Ziel dieser Quelle I auf, die für die
Beurteilung der Quellenscheidung von einschneidender
Bedeutung ist. Solange diese Frage bei Eißfeldt unbeantwortet
bleibt, ist ein abschließendes Urteil über seine
Dreiquellentheorie nicht möglich.

Denn die Argumente seiner analytischen Methode
reichen m. E. allein nicht überall aus, eine Dreiheit
durchlaufender Quellen zu erweisen. Gegen die Methode
als solche ist nichts einzuwenden, sie beruht auf den
gleichen Grundsätzen wie seine Hexateuchkritik und
was für die literarkritische Analyse des Hexateuch recht
ist, kann grundsätzlich für die Samuelsbücher nicht unbillig
sein. Wer Eißfeldt das Recht zu solcher Quellenscheidung
bestreiten wollte, müßte die ganze Frage
vom Hexateuch her aufrollen.

Aber fraglich bleibt mir doch, ob die innere organische
Verbindung der von Eißfeldt zu den einzelnen
Quellenschichten gestellten Stücke untereinander so stark
ist, daß die Annahme eines ursprünglichen Zusammenhangs
unausweichlich daraus folgen müßte. Während
bei III von einer solchen organischen Einheit am ehesten
gesprochen werden könnte, ist gerade die Abgrenzung
I und II nicht immer glücklich zu nennen. Wohl
hat es seine Berechtigung, die Frage der literarischen
Komposition von der nach der Geschichtlichkeit der
Überlieferung zu trennen, wie es Eißfeldt tut, aber eine
Tatsache der Geschichte wie etwa die Befreiung von
Jabesch durch Saul oder die Freundschaft zwischen
David und Jonatan kann doch nicht in dem gleichen
Maße zum Kriterium der Quellenscheidung gemacht
werden wie etwa eine durchlaufend zu beobachtende
theologisch-pragmatische Tendenz. Vielfach bleibt die
Verknüpfung der Einzelstücke zu einem Ganzen doch
nur recht äußerlich und steht auf schwachen Füßen,
wenn sie nur auf Orts- und Zeitangaben oder ganz
blasse Analogien sich stützen kann. Auch in solchen
Fällen müßte erst eine literaturgeschichtliche Betrachtungsweise
, die die literarkritische ergänzt, Aufschluß
geben, warum die Zusammenhänge im Vergleich zu den
Hexateuchquellen hier loser und äußerlicher sind, wenn
anders die Möglichkeit redaktioneller Zusätze ausgeschlossen
werden soll.

Es kann hier nicht die Aufgabe sein, auf Einzelheiten
näher einzugehen; die Quellenscheidung Eißfeldts
vermag ohne Zweifel Vieles zu klären; aber Manches
bleibt dabei trotzdem im Dunkel. So scheint mir die
Einheitlichkeit von I. Sam. 8 und 15 keineswegs sicher
und bedarf noch näherer Untersuchung. Und umgekehrt
gelingt Eißfeldt manchmal die Herstellung der Zusammenhänge
nur durch Einschaltung von Gedankenreihen
, die im Text nicht zu finden sind. Daß I. Sam.
18, 1—4 Jonatan der Lehnsherr Davids sein soll, scheint
mir eine gewaltsame „Verbesserung" des Textes zu
sein. Und um den dritten Strang bei der Erzählung
von der Entstehung des Königtums zu finden, konstruiert
der Verf. aus der Bemerkung, daß Saul die anderen
um Haupteslänge überragte, eine ganze Geschichte. Hier
sind die Anforderungen an die Logik des Textes überspitzt
und der märchenhafte Zug der Erzählung nicht
genügend in Rechnung gestellt. Daß die freundlichere
Beurteilung des Königtums in dem von Verf. der
Quelle I zugeteilten Abschnitt I. Sam. 10, 21 b/3—27
gegenüber dem Bericht von 8. 10, 17—21b a auf eine
andere Quelle hinweise, ist deshalb fraglich, weil ja auch
in 8, 7. 19. 22 und in der Erwählung des Königs durchs
Los auch in der von Eißfeldt zur Schicht III gerechneten
Erzählung, die königsfeindliche Tendenz eine freundlicher
gesinnte Überlieferung nicht unterdrücken konnte.
Hier reicht die Quellenscheidung zur Erklärung nicht
aus; es handelt sich einfach um das Überwiegen der
alten historisch besseren Tradition gegenüber einer sekundär
hinzugekommenen Tendenz.

Durch diese Ausstellungen soll der Wert der Untersuchung
Eißfeldts nicht beeinträchtigt werden; seine
Absicht, die Diskussion über die Quellenfragen neu anzuregen
, hat er erreicht. Aber darüber hinaus liegt es
im dringenden Interesse der wissenschaftlichen Erkenntnis
, zu erfahren, wie das Verhältnis der Erzähler zu
den von ihnen dargebotenen Stoffen gewesen ist, ob sie
geniale Gestalter, volkstümliche Erzähler oder mechanische
Sammler waren, ob und welche Ideen ihnen die
Feder geführt haben, und sie hineinzustellen in den organischen
Zusammenhang der israelitischen Geschichte
und Religion; an der Antwort auf diese Fragen wird
man dann entscheiden können, was die Methode Eiß-
i feldts für den Fortschritt der alttestamentlichen Wissenschaft
zu leisten vermag und was nicht.
Tübingen. a. Weiser.

i Zorell, Francisco, S. J.: Lexicon Graecum Novi Testament!.

Editio altera, novis curis retractata. Cum approbatione Superiorum.
Paris: P. Lethielleux 1931. (XXIII S., 1502 Sp.) gr. 8°. = Cursus
Scripturae Sacrae, inchoatus auctoribus R. Cornely, I. Knabenhauer,
Fr. de Hummelauer. Summi Pontifices Leo XIII, Pius X, Benedictus XV,
I Pius XI ut sibi hoc dedicaretur, benigne concesserunt. Pars prior:
Libri indroductorii VII. 150-; geb. 175 Fr.

Als im Jahre 1911 die erste Auflage dieses Wörterbuchs
erschien, war es insofern das modernste, als es
das einzige war, das den neuen Forderungen entspre-
! chend die Papyri zur Aufhellung des neutestamentlichen
, Wortschatzes verwendete. Inzwischen hat aber Walter
Bauer das Wörterbuch von Preuschen nach denselben
Grundsätzen umgestaltet (s. Jahrgang 1928, Sp. 541 f.),
und damit ist Zorell weit ins Hintertreffen geraten. Der
j eine Nachteil, daß Z. nur das N. T. verarbeitet, während
l schon Preuschen auch die apostolischen Väter mit einbe-
| zog, mag gering erscheinen, obschon heute gerade die
Hineinstellung der nt. Sprache in den geschichtlichen
Zusammenhang den Wunsch hervorrufen muß, daß auch
die angehenden Theologen in den apostolischen Vätern
lesen. Schwerer wiegt ein andrer Unterschied: Ob das
j nt. Wort zuerst in der LXX, in der Profankoine oder im
| NT., oder nur im NT. oder nur in der LXX und im NT.
j vorkommt, das bezeichnet Z. gewöhnlich nur mit einem
; Zeichen vor dem Stichwort, und einzelne Parallelen aus
nichtbiblischer Literatur werden viel seltener angeführt
und ganz selten ausgeschrieben; auch wird die gelehrte
Literatur zu den einzelnen Wörtern oder Stellen nur aus-
; nahmsweise angeführt, so daß der Benützer zwar für
die Bedürfnisse des rohen Verständnisses des Textes
i das Nötigste geliefert, aber kaum einmal den Weg zum
Weiterforschen gewiesen bekommt. So ist es auch ver-
ständlich, daß der Text bei Z. nur etwa 2/3 desjenigen
j von Preuschen-Bauer umfaßt. Also wer die deutsche
i Sprache und die Frakturschrift auch nur annähernd so
; leicht liest wie die lateinische Sprache und Schrift, der
; wird sicher das reichhaltigere Werk vorziehen, zumal
! da der Preisunterschied viel geringer ist als der inhalt-
| liehe (etwa 8 M.). Wer aber für keines von beiden die
! Mittel hat, der mag sich schließlich mit dem Wörterbuch
i von Ebeling begnügen, das mehr Stoff zur Verbreitungsgeschichte
der nt. Wörter bietet als Z., in Antiqua
i gedruckt ist und auch in der dritten Auflage (1929),
die anscheinend unverändert ist, nur 6 M. kostet; frei-
i lieh muß sich hier der Benützer mit einem weit über
das für einen normalen Studenten oder Pfarrer Erträgliche
hinaus getriebenen Abkürzungssystem abfinden.

Mit all dem soll nicht gesagt sein, daß das Buch
von Z. unbrauchbar ist. Vielmehr steht das, was es
i bietet, so viel ich aus Stichproben sehe, durchaus auf
der Höhe der sprachlichen Erforschung des NT. Das
i gilt auch von den einleitenden Bemerkungen über die
! Schreibung (S. IX—XV) und für das lange Verzeichnis
; der benützten Literatur.

Wie sich die 2. Auflage von der ersten unterschei-
' det, weiß ich nicht, da das Vorwort der zweiten darüber
1 nichts sagt und mir die erste nicht zur Verfügung steht.
| Jena.___Albert Debrunner.