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1931 Nr. 10

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228

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Antiochien 1931

Rezensent:

Ficker, Gerhard

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227

Theologische Literaturzeitung 1931 Nr. 10.

228

aber nicht so sehr den der Mysterien selbst, als vielmehr
den ihres spekulativen Hintergrundes. Im letzten Hauptstück
(VIII) behandelt B. mit Vorsicht das Problem
Paulus und der philosophische Orphismus, merkwürdigerweise
ohne Rückbeziehung auf die von Macchioro
aufgestellten Parallelen, eher im Anschluß an A. Bou-
langer, Orphee (1925) und dessen Theorie von einem
„orphisme diffus", einem überall verbreiteten VorsteL
lungsschema, dem alle Mysterienreligionen folgten und
das auch unbewußt in das Urchristentum eingegangen ist.
So konstatiert er ein orphisches Denkschema, dem auch
Paulus folgt (ohne daß er den Orphismus als Mysterienreligion
gekannt zu haben braucht), das auf drei Ideen
ruht: 1. es gibt ein Element im Menschen, das zu retten
ist; 2. die Gottheit bahnt den Weg zu seiner Rettung;
3. es besteht ein sakramentales Mittel, um das rettbare
Element in dem Menschen mit der Gottheit zu
vereinigen. Trotz großer Verschiedenheiten, die besonders
in dem Vortreten des ethischen Gesichtspunkts und
dem Zurücktreten des sakramentalen bei Paulus zu finden
sind, meint der Verf., daß auch Paulus seine Gedanken
über die atjrrjQla nach dem mystisch-philc*-
sophischen Schema der orphischen Spekulation entwickelt
. So hat er ihm einige Worte entlehnt, ist freilich
in ethischer Abzielung des Heilswerkes mit Entschiedenheit
von ihm abgerückt.

Man wird diese Anschauung überprüfen müssen.
In ihrer einseitigen Einstellung auf den Orphismus ist
sie kaum zu übernehmen. Für den sterbenden und wiedererstehenden
Kultgott und für die sakramentale Übertragung
seines Erlebens auf den Gläubigen liefern
andere Mysterienreligionen greifbarere Parallelen. Die
ganze Arbeit regt somit weitere Forschung an, so wenig
der wohl noch jugendliche Verfasser über die Materien
ein eigenes, selbst erarbeitetes und selbständiges Urteil
hat.

Kiel. H. W indisch.

Wlndlsch, Prof. D. Dr. Hans: Die katholischen Briefe erklärt.
2., stark umgearb. Aufl. Tübingen: J. C. B. Mohr 1930. (VII, 144 S.)
gr. 8°. = Handbuch zum N.T., 15. RM 6.30; geb. 7.80.

in Subskr. „ 5.70; „ 7.20.

W. legt eine treffliche Neubearbeitung vor. Eine
Fülle von neuem religionsgeschichtlichen Vergleichsmaterial
hat er eingearbeitet, die Exkurse sind im Vergleich
zur 1. Aufl. vermehrt, die Einleitungsfragen klarer herausgearbeitet
. Zum 1. Joh.-Brief hat er die mandäischen
Texte reichlich herangezogen und so die Zusammengehörigkeit
von Briefen und Evgl. Jon. noch deutlicher
gemacht. Besondere Aufmerksamkeit hat er der Umarbeitung
von Jac. und I. Petr. geschenkt.

Beim Jac. hat er auf den Arbeiten von Dibelius
und A. Meyer weitergebaut. Mit ihnen teilt er die Ansicht
, daß Jac. kein Brief ist, sondern Lehre, Paränese
mit briefl. Aufschrift; der Stoff stammt aus jüdischer
Weisheit und jüdisch-hellenistischer Diasporaparänese mit
einem Zuschuß von synoptischer Jesusüberlieferung. Wenn
auch persönliche Beziehungen des Schreibers zu den Lesern
fehlen, so glaubt doch W. m. M. n. mit Recht, daß die
Auswahl des Stoffes bedingt war durch die Verfassung
der Christenheit seiner Umgebung. Und wenn auch
Jac. die wohl letzte Bearbeitung einer ursprünglich jüdischen
, in 12 Abschnitten gebotenen Jacobsallegorese
ist, so ist es doch in der vorliegenden Form keine jüdische
, sondern eine christliche Schrift (gegen Spitta u.
A. Meyer). Nur einige Bemerkungen dazu. Mir will
scheinen, daß man im Aufbau noch weitergehen kann.
Jac. ist Weisheitslehre, die in 12 Abschnitte gegliedert
ist, und zwar so, daß immer auf einen Abschnitt, der
Gnosis bietet, ein solcher folgt, der praktische Mahnungen
enthält. Dann wäre nach dem Eingangsgruß so
zu gliedern: 1, 2—18 (Gnosis), 1, 19—22 (Prakt. Mahnungen
), 1, 23—27 (Gn.), 2, 1—13 (Pr.M.), 2, 14—26
(Gn.), 3, 1—14 (Pr. M.), 3, 15—4, 3 (Gn.), 4, 4—10
(Pr. M.), 4, 11—5, 6 (Gn.), 5, 7—14 (Pr.M.), 5,15—18
(Gn.), 5, 19—20 (Pr. M.).

Und wenn es richtig ist, daß die jüdische Urschrift
; vieles allegorisch andeutete, so glaube ich, kann man
j noch weitergehen und auch für den letzten christlichen
; Überarbeiter die Allegorese bejahen. Wenn hinter den
Ausführungen des Jac. ein geheimer Sinn steht, den
die Wissenden erraten, den der christliche Redaktor
auch geahnt hat, dann ist es naheliegend, daß er in
dieser Art seine Bearbeitung fortgesetzt hat. Dann ist ,
loyog aliq&elag (1,_18) und 6 euywog Uyog (1,21)
ebenso wie 3, 17 f) avwd-ev oocpla (cf. 3, 15) — hier
weisen die folgenden Adjektiva auf die historische Erscheinung
— u. a. m. auf den Logos zu deuten, und
| hinter Jac. steckt eine synkretistisch bestimmte Christo-
j logie ähnlich der des Joh.-Ev.'s; nur spekuliert der Verfasser
nicht so, er ist ein Mann praktischen Christentums
, das aber, wie der Aufbau zeigt, auf Gnosis sich
aufbaut. Das kann hier alles nur als Problem angedeutet
, nicht bewiesen werden.

Und nun I. Petr. Auch hier bietet W. über die 1.
| Auflage hinaus vortreffliche Klärung und Weiterführung
; der von der Diskussion aufgeworfenen Fragen. Sehr
! fein hat er dem Schriftstück den oft hymnusartigen Cha-
! rakter abgehört (so 1,3—12; 2,1 — 10; 2,21—25; 3,
18—22) und den Strophenbau aufgezeigt. Als Ganzes
ist ihm I. Petr. eine Taufansprache (1,3—4,12) mit
eingefügten paränetischen Stücken (2,18—3,7; 4,7—11)
und einem angehängten Mahnschreiben, das auf richtige
Haltung in der eben ausgebrochenen Christenverfolgung
hinwirken will. Auch hier hat W. m. M. n. richtig
gesehen.

Ich darf auch dazu nur eine Frage aufwerfen.
Wenn man diese eingestreuten Hymnen beachtet und
dabei den auffallenden Wechsel zwischen der 2. und 1.
pers., so 1,3 (2 mal), 2,24, 3,18,— ein Wechsel, der
sich nur in den Hymnen findet außer im angehängten
Schlußteil 4, 17, wo zudem der Text noch umstritten
ist — und ferner den Aufruf 2, 21 (das klingt, als ob
die Gemeinde, die zu Leiden berufen ist, hier zum Bekenntnis
aufgerufen wird), dann liegt die Vermutung
nahe, daß das Schriftchen nicht eine Taufansprache verarbeitet
hat, sondern Stücke aus einem Taufgottes-
dienst mit Eingangslied, Ermahnung, Gemeindegesang
, Bekenntnis verwertet. Diese Anmerkung, wie die
vorangegangenen sollen nicht Kritik der Arbeit W.'s
sein, sondern nur zeigen, wie er auch mit diesem seinem
: Kommentar anregend und fördernd wirkt. So ist seine
; Gabe nur mit Dank dem Lietzmann'schen Handbuch
einzureihen.

Breslau. Herbert Preisker.

Baur, Dr. P. Chrysostomus: Der heilige Johannes Chrysosto-
mus und seine Zeit. I. Bd. Antiochien. 1929. (XL, 330 S.)
gr. 8°. RM 9.50 ; geb. 12—.
II. Bd.: Konstantinopel. 1930. (411 S. m. 2 Ktn.) gr. 8°.
München : Max Hueber. RM 22.50; geb. 27.50.
Dieses in ungewöhnlicher Breite und in ungewöhn-
j lieh schlechtem Deutsch geschriebene Werk will eine
den wissenschaftlichen Anforderungen der neueren Zeit
entsprechende Biographie des Chrysostomus bieten.
Trotzdem der Verfasser bemüht gewesen ist, Quellen
j und Literatur reichlich zu durchforschen, kann ich zu
keinem andern Urteil kommen, als daß der kurze Ar-
j tikel von Möller-Harnack in unserer Realencyklopädie
! über die Antiochenische Schule, Bd. 1, 1896, S. 592—595
! mehr und Besseres enthält, als diese umfangreichen
j Bände. Die Auffassung des Chrysostomus ist ganz
römisch-katholisch. Das Werk ist gedruckt mit Unterstützung
der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft
, der Görresgesellschaft und eines Ungenannten.
Kiel.___O. Ficker.

Wolf, Werner: Der Mond Im deutschen Volksglauben. Bühl
(Baden): Druck und Verlag der Konkordia A.-G. 1929. (91 S. m.
5 Taf.) 8°. = Bausteine zur Volkskunde und Religionswissenschaft.
Hrsg. v. Eugen Fehde. Heft 2. RM 3-.

Zu den ältesten Zeugnissen deutschen Volksglau-
; bens gehören die bei Caesar und Tacitus sich findenden