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Ausgabe:

1928 Nr. 21

Spalte:

499

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Thoma, Fr. X.

Titel/Untertitel:

Petrus v. Rosenheim u. d. Melker Bened-Reformbewegung 1928

Rezensent:

Schornbaum, Karl

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499

Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 21.

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zungen eintreten zu lassen; Abkürzungen im Druck sind
verwendet worden; ältere Literatur wurde gestrichen,
und auch Partien mit mehr theologischem Inhalt sind
im christlichen Altertum weggelassen worden. Das ist
durchaus zu billigen und kommt der Geschichte der
Philosophie zu gute; ja man könnte meinen, daß hier
noch nicht genug getan worden ist und möchte wünschen
, daß eine künftige neue Auflage das Philosophische
noch mehr hervortreten ließe.

Die Darstellung der arabischen Philosophie im Mittelalter
hat Herr Prof. Horten in Bonn geliefert, die
Paragraphen über die älteste Thomistenschule und Du-
randus de S. Porciano hat Herr Privatdozent Dr.
Koch in Breslau beigesteuert, dessen Hilfe der Herr
Bearbeiter auch sonst rühmend anerkennt. Die Partieen
über Eckehart und die deutsche Mystik, die bisher von
Lassen bearbeitet waren, hat der Germanist, Herr Privatdozent
Dr. Quint in Bonn, übernommen. Als unentbehrliches
Nachschlagewerk wird der Band die besten
Dienste leisten.

Kiel. Q- Ficker.

Thoma, Fr. X.: Petrus v. Rosenheim a. d. Melker Bened-Reform-
bewegung. (S. 94 222.) = Stud. Mitteil. z. Gesch. d. Ben.-Ord.
XLIV 1927.

Aus dem Titel läßt sich nicht gleich ersehen, was diese fleißige
Arbeit bietet. Es handelt sich nicht nur um ein Lebensbild des ca.
1380 in oder bei Rosenheim gebornen, ca. 27.1.1433 in Basel verstorbenen
Benediktiners Petrus Weichs oder wie er gewöhnlich genannt
wurde Petrus von Rosenheim, sondern um die Darstellung der
ganzen Melker Reformbewegung von ihren ersten Anfängen bis zu
ihrem Ende (1413—1470). Das ist wohl verständlich. Nur im Zusammenhang
mit ihr läßt sich Leben und Wirken dieses Mannes begreifen
. Aber abgesehen davon, ob nicht es besser gewesen wäre,
diese ganze Bewegung nach ihren 4 Stadien zum Mittelpunkt der
ganzen Darstellung zu wählen, ist es doch sehr fraglich, ob auch
bei einer noch so genau gezeichneten Folie die Persönlichkeit dieses
Mannes sich ganz fassen und begreifen läßt. Nicht nur, daß das mit
vieler Mühe gesammelte Quellenmaterial — es kommt vor allem die
Staatsbibliothek München wegen ihrer Bestände aus den alten Klostcr-
bibliotheken in Betracht — doch noch sehr viele Lücken bietet, die
ganze Tätigkeit der Klosterreform war so schematisch, daß die einzelnen
Persönlichkeiten sehr stark zurücktreten. Über Vermutungen
kommt die Forschung nicht hinaus; wie wenig ists, was die Quellen
von der Tätigkeit des Petrus auf dem Konzil zu Basel zu erzählen
haben. Auch tritt dabei seine literarische Tätigkeit, durch die er
vor allem seinen Ruhm begründete — man denke an seine Predigten
oder an das reseum mcmoriale divinorum eloquiorum — doch sehr
zurück. Eine eingehendere Behandlung gerade dieser Seite, würde
eine wichtige Ergänzung zum Lebensbild des Petrus von Rosenheim
geboten haben.

Roth. Karl Schorn bäum.

Leube, Lic. Dr. Hans: Kalvinismus und Luthertum. Bd. Ii

Der Kampf um die Herrschaft Ith Protestant. Deutschland. Leipzig:
A. Deichert 1928. (XIII, 402 S.) 8". RM 18-; geb. 20-.

Schon durch seine Monographie über die Reformideen
in der deutschen lutherischen Kirche zur Zeit der
Orthodoxie (1924) hat sich der Verf. als erfolgreicher
Forscher und gründlicher Kenner auf dem von ihm bearbeiteten
Gebiet der Kirchengeschichte bekannt gemacht.
Nun rechtfertigt der vorliegende erste Band seines neuen
Werks, dessen zweiter Teil „das Fortleben humanistischer
Ideen in der reformierten Theologie des Auslands
" und deren Wirkung auf die deutschen evangelischen
Kirchen behandeln und binnen Jahresfrist erscheinen
soll, in vollem Maße die hohen Erwartungen,
die schon jene ältere Schrift erwecken mußte. Der Verf.,
dessen Arbeitsgebiet und Arbeitsrichtung mit der meinigen
weithin zusammentrifft, beherrscht den von ihm behandelten
Stoff bis in die Einzelheiten hinein mit ausgebreiteter
Gelehrsamkeit, weitblickender Umsicht und im
Wesentlichen auch mit treffsicherm Urteil. Er hat viele
bisher unbekannte alte Schriften bei den deutschen
Bibliotheken aufzutreiben gewußt und zur Begründung
seiner in gleichmäßig darstellendem Stil fortschreitenden
Ausführungen ausgebeutet. Seine Leistung aber legt
gerade mir den Vergleich mit der Auffassung und mit
den Ergebnissen nahe, die ich zum großen Teil über
dieselben Dinge im 4. Bande meiner Dogmengeschichte

des Protestantismus vorgeführt habe. Auch ich habe,
soweit ich den dogmenhistorischen Rahmen meiner Ar-
! beit mehrfach überschreiten mußte, mehr oder weniger
! die allgemeinen kirchengeschichtlichen Beziehungen be-
| rührt, aber eben nicht auch erschöpfend behandelt.

Leube dagegen hat zu den von ihm bearbeiteten Stoffen
; in erster Linie als Kirchenhistoriker Stellung genommen
und ist besonders eindringlich den kirchenpolitischen
und je nachdem auch den literargeschichtlichen und bio-
| graphischen Verhältnissen nachgegangen. So hat er
teils, wo er mir nacharbeitete, dieselben Erscheinungen
auch noch nach anderen Seiten hin verfolgt oder unter
anderen Gesichtspunkten beleuchtet. Teils hat er nicht
wenige Vorgänge und Zusammenhänge, auf die ich gar
nicht oder nur flüchtig einzugehen brauchte, in wertvollen
selbständigen Untersuchungen ergründet und
I überwiegend einleuchtend aufgeklärt. Dies gilt beson-
j ders von seinen Ausführungen über den Glaubenswechsel
Johann Sigismunds, den Westfälischen Frieden,
die Kirchenpolitik des Großen Kurfürsten und der Landesherren
von Hessen-Kassel, den Günsens von Sen-
domir, die Unternehmungen John Duries, den Consensus
repetitus und die außerdeutschen Forschungen zur alten
Kirchengeschichte. Außerdem hat L. einige hervorragende
Persönlichkeiten, wie Hoe v. Hoenegg und Abraham
Scultetus, die ich nur nebenher erwähnt habe, tri
ihrer großen Bedeutung zutreffend gewürdigt, und von
anderen, wie Pareus und Calov, gute Charakteristiken
I gegeben.

Die Grundauffassung L's. geht dahin, daß der
Calvinismus nach seiner Trennung vom Luthertum und
nach seinen ersten Erfolgen in der Pfalz und in einigen

| anderen deutschen Territorien durchweg dahin gestrebt
habe, die vor der Konkordienformel herrschenden Zustände
wiederherzustellen und dem Luthertum in dessen

| eignen Gebieten immer mehr Boden abzugewinnen, um
es auch hier zu verdrängen. Diesem Zweck habe nicht

| nur da, wo bisher lutherische Herrscher reformiert geworden
waren, deren gewaltsames „Reformieren", son-

j dem ganz überwiegend auch die reformierte Irenik als
Mittel gedient. Andererseits haben die Lutheraner diese

I Absicht ihrer Gegner wohl durchschaut und daher das

j reformierte Werben um ihre Freundschaft nur als listige
Taktik beurteilt und als solche energisch zurückgewiesen
. Ich nun hatte dieses Verhalten der Lutheraner
immerhin für gar zu mißtrauisch gehalten und die reformierte
Irenik, da ihre Vertreter die allen Protestanten

I drohende kontrareformatorische Gefahr früh erkannten
und als Motiv zum Zusammenschluß geltend machten,
wesentlich günstiger beurteilt. Doch hat L. zur Begründung
seiner Auffassung so viel mir noch nicht verfügbares
Material beigebracht, daß ich mir seine weiter
greifenden Nachweisungen im ganzen nur mit Dank
aneignen kann. Doch macht L. selbst gleich schon im
Anfang einige aufrichtig auf konfessionelle Verstandi-

j gung bedachte Theologen namhaft und zeigt im ferneren

] Verlauf seiner Darstellung, wie nicht nur die reformierte
und dann erst recht die synkretistische Irenik,
sondern auch die lutherische Polemik mittelbar zu dem
Aufkommen einer wirklichen Toleranz und Unionsge-

[ sinnung mit gewirkt haben. In diesem Zusammenhang

j ist wichtig die Feststellung, daß die orthodoxen Lutheraner
den Reformierten niemals den politischen, son-

j dem immer nur den religiösen Frieden versagt haben.

Bei der Abfassung seiner ersten Abschnitte hat L. ineinen ihm
unverkennbar erst später bekannt gewordenen 4. Band noch nicht
wie in den späteren berücksichtigt. Daher hat er sich auch nicht
! über meine Nachweisungen von Melanchthons und Calvins grund-
l sätzlicher Verschiedenheit in der Abendmahlslehre und von dem
j gemäßigt konservativen Melanchthonianismus der Wittenberger Phi-
i lippisten vor 1574 geäußert, sondern nur die hergebrachte Ansicht von
! deren vermeintlichein Kryptocalvinismus wiederholt. Ferner hat er
den im krypto-kenotischen Streit wieder aufs deutlichste hervortretenden
Unterschied zwischen der spekulativen uhiquistischen Chri-
stologie der Württemberger und der biblizistischcn Lehre der norddeutschen
Lutheraner von der Multivolipräscnz Christi nicht be-