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Ausgabe:

1928 Nr. 19

Spalte:

440-441

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pieper, Max

Titel/Untertitel:

Die ägyptische Literatur 1928

Rezensent:

Wiedemann, Alfred

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Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 19.

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D., zu zeigen, was die Kirche veranlaßt haben möge, in dem Jahrzehnt
zwischen de paen. und de pud. zuerst eine Dreizahl unvergeb-
barer Kapitalsünden aufzustellen und dann bei Unzucht wieder die
Lossprechung zu gewähren. D. bricht hier mit der Ankündigung einer
weiteren Studie, wie manchmal Zeitungen ihre Romane an der spannendsten
Stelle mit einem „Fortsetzung folgt", seine wertvolle
Untersuchung ab. — Unter dem Titel „II Giudaismo norma-
tivo" macht Buonaiuti S. 515—520 einige Bemerkungen zum
1, Bande des großen Werkes von G. F. Moore über das Judentum:
er glaubt namentlich, daß dieser Gelehrte die Einwirkung des apokalyptischen
Schrifttums auf die religiöse Vorstellungswelt des Judentums
beim Beginne unserer Zeitrechnung zu gering anschlage und
eine strenge Scheidung von rabbinischer und apokalyptischer Literatur
nicht berechtigt sei. So würden die Forschungen von Moore durch
die von Charles treffend ergänzt und aus beiden sei die Grundlage
zu gewinnen für das Verständnis der „beiden Koryphäen des Christentums
: Jesus und Paulus", ohne daß man bei letzterem zu „gon-
fiature misteriosophische" greifen müßte. — S. 553—559 handelt er,
aus Anlaß der Veröffentlichungen von Styger und Beyer, von den
Meinungsverschiedenheiten über die Erklärung der Katakombenbilder
im allgemeinen und, aus Anlaß einer Arbeit von Cecchelli, über die
der „Gruft der Aurelier" im besonderen. „Nach der Phantasie der
Romanschriftsteller wie Verne kommt, bei allgemeiner Einreihung, die
der christlichen Archäologen".

Bemerkt sei noch, daß in den Übersichten und Bücherbe-
sprechungen auch die deutsche Literatur weitgehend berücksichtigt
ist. So legt auch dieser Jahrgang der R. R. Zeugnis ab von dem
wissenschaftlichen Sinn und dem weiten Gesichtsfeld ihres Leiters
und der Mitarbeiter. Die Zeitschrift gehört zu den „geduldigen und
unentwegten Anstrengungen", von denen Lilley in seinem oben erwähnten
Vortrage (S. 484) spricht, die „von einigen aus der Kirche
vertriebenen Modernisten gemacht werden, das Studium der Religion
in ihren geschichtlichen Abschnitten und in ihrer Entwicklung an den
königl. Universitäten einzuführen", und sie steht obenan.

München. Hugo Koch.

Haas, Prof. D. Hans: Bilderatlas zur Religionsgeschichte.

In Zusammenarbeit m. a. hrsg. 12. Lfg.: W. Kirfel, Die Religion
der Jainas. Leipzig: A. Deichert 1928. (XXV S. u. 77 Bilder auf
30 Taf.) 4°. RM 9 ■-; Vorzugsausg. 14 — .

Auf die früheren Lieferungen des Atlas zur Religionsgeschichte
, deren letzte im vorigen Jahrgang Sp.
392 besprochen wurde, ist nach dem üblichen kurzen
Zwischenraum diese neueste, die Religion der Jainas
behandelnde gefolgt. Sie stammt von einem der wenigen
wirklichen Kenner derselben, Prof. Kirfel in Bonn
und schickt mit Rücksicht auf die geringe Bekanntschaft
weiterer Kreise mit ihr den Abbildungen eine besonders
ausführliche Einleitung voraus, die nacheinander das
kosmographische Weltbild, die Welthistorie oder Äonenlehre
und die äußeren Formen der Jaina-Religion bespricht
. Der 1. und 3. Punkt werden dann durch zahlreiche
Abbildungen, zum Teil nach bisher unveröffentlichten
und im Besitz des Museums für Völkerkunde in
Berlin, des Verfassers und Professor Jacobis in Bonn
befindlichen Originalen erläutert, der 2. natürlich nur,
soweit es sich um die in der 4. der angenommenen
Weltepochen aufgetretenen Tirthamkaras und die ihnen

beigegebenen Yaksas und Yaksinis handelt, sowie das
Leben des letzten Tirthamkara, des Mahävlra. Zu der
von ihm angeführten Literatur hat der Verf. selbst noch
Guerinot, La religion djaina 1926 hinzugefügt; vielleicht
hätten auch einige der in der früher von mir
herausgegebenen religionsgeschichtlichen Bibliographie
verzeichneten Arbeiten, sowie die beiden in den Studi
e materiali di storia delle religioni 1926 und 27 erschienenen
Artikel: Pizzagali, Un novelliere jainico
inedito und K. P. Jain, The Jaina References in the
Buddhist Literature gebucht werden können. Ein kleiner
Schönheitsfehler ist es endlich, wenn auf S. XX
die dort besprochene Abbildung 59 nicht als solche
bezeichnet ist; doch versteht natürlich auch ohne
die Verweisung auf S. XIII, wo das der Fall ist, jeder
Leser, daß sie gemeint ist. Wie für die früheren Lieferungen
des Bilderatlas kann also auch für diese der
Dank aller religionsgeschichtlich Interessierten ohne Einschränkung
ausgesprochen werden.
Bonn. CarlClemen.

Pieper, Dr. Max: Die ägyptische Literatur. Potsdam-Wildpark
: Akademische Verlagsgesellsch. Athenaion 1927. (IV, 102 S. m.
zahlr. Abb.) 4°. = Handbuch d. Literaturwissensch., hrsg. v. Oskar
Walzel. RM 10 -.

Eine monographische Behandlung der ägyptischen
Literatur ist in neuerer Zeit nicht erfolgt, wenn auch Er-
man dieselbe in seinem „Ägypten und ägyptisches Leben
" eingehend berücksichtigte. Die Bücher von Budge
und Erman über die Literatur der Ägypter beschränkten
sich auf eine von Erklärungen begleitete Sammlung von
Textübersetzungen, während andere Verfasser in ähnlicher
Weise bestimmte Textgruppen: Religiöse Inschrif-
i ten und Papyri (Röder), Sagen und Märchen (Maspero,
Wiedemann, Petrie), Biographien (Röder) behandelten.
Das vorliegende Werk enthält gleichfalls ausgedehnte
! Wiedergaben ägyptischer Texte, sucht aber vor allem die
I Entwickelung der ägyptischen Literatur, den psycholo-
j gischen Gehalt ihrer Erzeugnisse, die Ansätze zu einer
j individuellen Charakteristik, ihr Streben nach überlegter,
kunstvoller Komposition klar zu legen. Eine Untersuchung
, bei der man freilich berücksichtigen muß, daß
im Verhältnisse zu der langen Dauer der ägyptischen
I Kultur nur wenige literarische Kompositionen erhalten
| blieben, und daß das öftere Auftreten ein und desselben
Textes in Schülerabschriften nicht ohne Weiteres be-
j weist, daß man diesem im Altertume literarischen, sondern
nur, daß man ihm didaktischen Wert zuschrieb.

Nach einigen Ausführungen über das ägyptische
Volk und seine Sprache bespricht Pieper möglichst in
chronologischer Folge die vorliegenden literarischen Papyri
und Inschriften. Bei den für die älteste Zeit so gut
wie ausschließlich in Betracht kommenden Pyramidentexten
weist er auf die Schwierigkeit hin, die jeweilige
Entstehung einzelner Abschnitte in der Frühzeit oder im
Alten Reiche mit Sicherheit festzustellen. Er verwertet
daher auch größere Teile ihres Inhaltes neben einem
kurzen Arbeiterliede, einer Sammlung von Weisheitssprüchen
und einigen Grabinschriften für die Schilderung
der literarischen Bestrebungen im Alten Reiche. Den
Untergang dieser Periode habe eine Revolution gebracht,
deren an den russischen Bolschewismus erinnernden Begleitumständen
und Folgen ein von Erman behandelter
Leidener Papyrus gewidmet sei. Es ist dies eines jener in
Ägypten dauernd beliebten Erzeugnisse, welche unter
drastischer Betonung einer Unglückszeit auf das Kom-
I men eines Retters aus der Not hinweisen. In diese Zeit
des Übergangs gehören das Gespräch eines Lebensmüden
mit seiner Seele über die Berechtigung des Selbstmords,
die breit ausgesponnenen rhetorischen Klagen des Bauern
über seine Bedrückung und mehrere Sammlungen
von Weisheitssprüchen. Aus einigen Stellen der letzteren
schließt der Verf., es sei in Ägypten bereits vor dem
Mittlern Reiche Monotheismus dagewesen. „Freilich
gibt es keinen Kult dieses einen Gottes, aber im Glauben
des Volkes besteht er deshalb doch. Und neben ihm
kann der Kult des Pantheons ebenso ruhig bestehn, wie
bei so vielen Naturvölkern. Strenge Logik kann man auf
dieser Stufe nicht verlangen." Ueber die Frage, wo die
Grenzlinie zwischen einem derartigen Monotheismus und
dem Polytheismus zu ziehen sei, äußert sich der Ver-
I fasser nicht.

Für das Mittlere Reich liegen außer der pessimistisch
gefärbten Lehre des Königs Amen-em-hät er-
| zählende Texte vor, unter denen die Geschichte des
Saneha der bekannteste ist. In ihr sieht Pieper eine
psychologische Novelle, die nicht die Erlebnisse des
Helden schildern wolle, sondern: „Wie hat er seine
j Schicksale ertragen?" Weiter kommen in Betracht ein
Erlöser-Text, eine der im Niltale häufigen Aufforderungen
zum Lebensgenuß und die etwas jünger ange-
1 setzte Sammlung von Zaubergeschichten des Papyrus
j Westcar. Das Neue Reich bringt zahlreiche religiöse
Texte lyrischen Charakters, vor allem die Sonnenhymnen
der Amarna-Zeit, Liebeslieder, halbhistorische Schilde-
| rungen tatsächlicher Ereignisse, Reiseberichte, satyrische