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Ausgabe:

1928 Nr. 13

Spalte:

295-296

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kittel, Rudolf

Titel/Untertitel:

Geschichte des Volkes Israel. 3. Bd. Die Zeit der Wegführung nach Babel und die Aufrichtung der Neuen Gemeinde. 1. Hälfte. 1. u. 2. Aufl 1928

Rezensent:

Staerk, Willy

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Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 13.

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Nach ihm lassen sich viele eigenartige und bisher unverständliche
Zusammenstellungen heterogenster Art im Koran aus den frühchristlichen
bildlichen Darstellungen erklären. Oerade hier zeigt es sich,
wie Muhammed diese Bilder, die er wohl auf seinen Handelsreisen
nach Syrien gesehen hat, in seiner Weise mißverstanden hat; z. B.
erklärt sich die Verbindung Noah's mit dem Ofen (Tannür in Sure
XI, 42 und XXIII, 27 nur aus einem Mißverständnis des frühchristlichen
sakralen Bilderzyklus, in dem derartige willkürliche Verbindungen
möglich sind.

Dies führt mich auf einen anderen Punkt, daß Nielsen in rebus
catholicis recht wenig Bescheid weiß. S. 238 erinnert Nielsen bei den
kleinen südarabischen Votivarmen und -füßen „an die vielen ähnlichen
Weihgeschenke auf den Altären in der katholischen Kirche". Es
handelt sich hier nicht um Altäre, sondern um Gnadenbilder und
Gnadenkanellen an Wallfahrtsorten — wie N. übrigens aus dem angeführten
Gedicht H. Heine's „Die Wallfahrt nach Kevlaar" hätte entnehmen
können —, an denen nach einem frommen, von der Kirche
nur geduldeten volkstümlichen Brauch die geheilten Kranken ihre
Krücken, Wachsfiguren und Wachskerzen u. ä. zum Dank für die
Heilung oder Erhörung aufhängen.

Zum Schluß noch eine kritische Bemerkung zur Einleitung des
fünften Kapitels, wo Nielsen über die Überlieferung der südarabischen
Kultur spricht. Er glaubt, daß erst der Islam die südarabische Kultur,
Sprache und Schrift vernichtet habe und daß durch den Islam die
Überlieferung abgerissen sei. Dies ist nicht einzusehen, da doch der
Islam in Ägypten, Syrien und Mesopotamien im ersten Jahrhundert
sogar in der Verwaltung Sprache und Schrift der Kopten, Griechen und
Perser bestehen ließ und auch z. B. im Westen Münzen mit dem
Bildnis des byzantinischen Kaisers und im Osten Münzen mit den
Emblemen des Feuerkultes prägte. Südarabische Sprache und Schrift,
sowie die gesamte Kultur, muß schon vordem Islam infolge anderer
Ereignisse verschwunden sein oder doch wenigstens den Todesstoß erhalten
haben. Ich denke da vor allem an die Zeit der persischen Herrschaft
im Jemen unmittelbar vor dem Islam; sodann war auch das Christentum
damals schon längst in Südarabien eingedrungen, wo es sich z. B. in
Nedjrän trotz des Islam noch bis ins IV. Jahrb. d. H. nachweislich
erhalten hat (vgl. van Arendonk, De opkomst van het zaidietisdie
Imamaat in Jemen, Leiden 1919, S. 128 f.).

Ausführliche Register der Sachen, Götternamen, Autoren
, Reisenden, Ortsnamen und zitierten Inschriften
beschließen den auch sonst in buchtechnischer Hinsicht
ausgezeichnet ausgestatteten Band.

Bonn. W. Heffening.

Kittel, Prof. Rudolf: Geschichte des Volkes Israel. 3. Bd.:
Die Zeit der Wegführung nach Babel und die Aufrichtung der Neuen
Gemeinde. 1. Hälfte. 1. u. 2. Aufl. Stuttgart: W. Kohlhammer
1927. (VIII, 298 S.) gr. 8°. RM 7.50.

Der lang erwarteten Fortsetzung von Kittel's Geschichte
Israels über die Königszeit hinaus, von der
jetzt die 1. Hälfte vorliegt, kann man nur mit dem aufrichtigen
Dank dafür begegnen, daß es dem greisen Gelehrten
beschieden ist, seine große Lebensarbeit weiterführen
zu dürfen, und mit dem herzlichen Wunsche, daß
er sie in dem groß angelegten Plane, in dem er sie
koncipiert hat, nun auch zum Abschluß bringen dürfe.
Möge dem nun 75 jährigen die Kraft des Geistes und
Körpers dazu erhalten bleiben!

Die vorliegende 1. Hälfte des 3. Bandes ist den
geschichtlichen und religiösen Fragen des Exils gewidmet
. Die Darstellung der für Israels Geschichte entscheidenden
Vorgänge in der großen Politik des alten
Orients greift nachholend auf die §§ 49 und 50 von
Bd. 2 zurück und führt bis auf die Neugründung des
persischen Weltreiches durch Darius d. Gr. herab (§§
1—3 und 36—40). Den übrigen Inhalt des Bandes
bilden die innerpolitischen und vor allem die religiössittlichen
Zustände in dem babylonischen und palästinensischen
Judentum. Mit der Gründlichkeit, Gelehrsamkeit
und kritischen Besonnenheit, die der Vorzug von
Kittel's Geschichtsschreibung sind, wird auch hier ein
Gesamtbild dieser geistigen Welt gezeichnet, das in
Linien und Farben den Meister der Darstellungskunst
zeigt. Vielleicht wird mancher der Mitforscher hier und
da kräftigere Töne oder mehr Zurückhaltung in der
Ausdeutung der oft spärlichen und unergiebigen Quellen
wünschen. Auf das Ganze gesehen wird niemand bestreiten
können, daß es K. gelungen ist, ein anschauliches
Bild von dem werdenden Judentum des Exils

und der ersten Zeiten nach der Wiederherstellung des
Gemeinwesens zu zeichnen, mag auch die Diskussion
über wichtige Einzelfragen zeitweilig den Fluß der
historischen Darstellung auf lange Strecken hin unterbrechen
. Das kann bei dem Gegenstand der Darstellung
nicht anders sein. Denn die Aufgabe des Histo-
I rikers muß sich ja hier auf die Herausarbeitung der
religiösen Bedeutung der führenden Persönlichkeiten dieses
Zeitalters zuspitzen, und dabei wird er dann in die
Behandlung z. T. sehr schwieriger Probleme hineingezwungen
. Es ist also nicht ein Verlassen des der histo-
j rischen Aufgabe gesteckten Rahmens, wenn K. fast die
Hälfte dieses 1. Teils des 3. Bandes mit den Problemen
I gefüllt hat, die die Überlieferung in Ezechiel und Deu-
j terojesaja stellt. In den §§ 22—35a werden unter dem
I Gesamttitel „Führende Männer in Babel" der Mensch
i und Theologe Ezechiel, der deuteronomische Kreis und
I der 2. Jesaja als Dichter, Redner, Prophet und Theologe
behandelt. Dabei wird das Ebed-Jahwe-Problem einer
| eingehenden, die Fragestellung neu aufrollenden und zu
einem annehmbaren Ergebnis führenden Untersuchung
unterzogen, mit der sich die weitere Forschung ernsthaft
auseinandersetzen muß.

Die Bedeutung der größeren geistesgeschichtlichen
Bewegung im Zeitalter Ezechiels und des 2. Jesaja für
die innere Gestaltung des Judentums wird von K. mit
Recht stark betont. Diesem Thema ist nicht nur ein besonderes
Kapitel (§§ 4—9) gewidmet, sondern auch
sonst spielt die geistige Umwelt in der Herausarbeitung
des Wesens des neuen Israel, das im Exil geworden ist,
eine bedeutende Rolle in K.'s Darstellung. Auch dadurch
greift sie aus dem Gebiete der politischen und
sozial-wirtschaftlichen Geschichte weit hinüber in die
biblische Theologie. Ref. spricht es als seine begründete
Meinung aus, daß K.'s Geschichte Israels gerade in
dieser Hinsicht einen bedeutenden Vorsprung hat vor
; anderen neueren Versuchen, die an innerer und äußerer
Bewegung so reiche Geschichte des Volkes des A.T.'s zu
schreiben.

Jena. VC. Staerk.

Larfeld, Prof. D. Dr. Wilhelm: Die neutestatnentlichen Evangelien
nach Ihrer Eigenart und Abhängigkeit, untersucht.
Gütersloh: C. Bertelsmann 1925. (388 S.) gr. 8«. geb. RM 14—.

Seiner literarischen Gattung nach erscheint das
Buch zunächst als eine „Einleitung" in die vier Evangelien
, ganz im traditionellen Stil, den wir eigentlich für
ein wenig überlebt hielten, und auch mit traditionellen,
gelegentlich etwas abgewandelten Ergebnissen. Den Anfang
macht eine Untersuchung des literarischen Problems
der Synoptiker; dabei ergibt sich die Zweiquellentheorie
mit der Besonderheit, daß Lukas den Matthäus
und Markus die Quelle Q benutzt hat. Die Beweisführung
für diese beiden Thesen ist weder neu noch hat sie
mich überzeugen können. Methodisch wäre vor allem
das zu bemängeln, daß im Falle der Lukas-Matthäus-
Beziehung die Benutzung schon a priori für das Wahrscheinliche
erklärt und durch einen Hinweis auf den
Buchhandel erhärtet wird, ohne daß L. fragt, wie die
literarischen Verhältnisse dieser Schichten waren und ob
der „hoch entwickelte Buchhandel" im römischen Reich
für das Matthäusevangelium überhaupt in Betracht kam.
Ebenso wird die Beziehung vom Markus zu Q zunächst
durch einen Wahrscheinlichkeitsschluß gewonnen, (S.
91); das Material ist aber hier noch gar nicht in voller
Breite ausgeführt. Gerade wo L. im Verlauf der weiteren
Darlegungen diese Vorführung unternimmt (S. 251
bis 257), scheint mir der Augenschein erheblich gegen
die direkte Abhängigkeit des Markusevangeliums von
unserer (hypothetisch zu erschließenden) Quelle Q zu
sprechen.

Ein zweiter Abschnitt enthält eine reichlich traditionalistische
Darstellung der äußeren Zeugnisse mit den
Ergebnissen, die eine günstige Einschätzung der Papias-
I Zeugnisse zu zeitigen pflegt. Ich füge gleich hinzu, daß