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Ausgabe:

1927 Nr. 20

Spalte:

471

Autor/Hrsg.:

Fritz, F.

Titel/Untertitel:

Das Eindringen des Methodismus in Württemberg 1927

Rezensent:

Schornbaum, Karl

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471

Theologische Literaturzeitung 1927 Nr. 20.

472

Fritz, F.: Das Eindringen des Methodismus in Württemberg.

Stuttgart: Chr. Scheufeie 1927. (127 S.) 8°. = Blätter f. württ.
Kirchengesch., 2. Sonderheft. Rm. 3.50.

Der erste Sendbote des Methodismus in Württemberg
war Gottlob Müller von Winnenden, der in London
ansässig geworden, sich da dem wesleyanischen J
Methodismus angeschlossen hatte. Ein Besuch in seiner
Heimat 1830 wurde der Anlaß, daselbst nun eine propa- j
gandistische Tätigkeit für diesen aufzunehmen, die auch
mit seinem Tode (1858) nicht aufhörte, sondern durch
englische Sendboten wie Johann Lyth weiter fortgesetzt
wurde. Etwa 20 Jahre später richteten auch die Methodisten
in Amerika ihr Auge auf Württemberg. Die
Evangelische Gemeinschaft sandte 1850 Konr. Link nach
Stuttgart, dem später Joh. Nicolai, Joh. Phil. Schnatz,
Joh. Georg Wollpert folgten, die bischöflichen Methodisten
im gleichen Jahre Ludwig Nippert, der zuerst in
Heilbronn wirkte, und später durch den älteren und
jüngeren Walion (Vornamen werden nicht genannt) sowie
Heinrich Nülsen ersetzt wurde. Hatte das Wirkeii
des ersten Sendboten an zufällige persönliche Momente
angeknüpft, so war das Erscheinen der andern ein planmäßiges
. Man hoffte nicht nur bei dem pietistisch gerichteten
Teil des Württembergischen Volkes leicht Eingang
zu finden, sondern auch die hier bestehenden
kirchlichen Gesetze besonders des Reskript 1743 zu
seinem Nutzen verwenden zu können. In dieser Hoffnung
täuschten sie sich nicht, ja ihre Erwartungen wurden
noch übertroffen durch die von Seiten des Konsistoriums
bewiesene entgegenkommende Haltung, das
sich immer wieder an den Erklärungen, keine Gemeindebildungen
beabsichtigen zu wollen, genügen ließ und die
Anhänger der methodistischen Richtung immer als Glieder
der Landeskirche behandelt wissen wollte. Besonders
wirkte in diesem Sinne der spätere Prälat S. K.
Kapff, der auch dann nicht von seinem versöhnlichen
Standpunkt abwich, als die Haltung der Methodistenprediger
später selbst, da sie sogar Taufe und Abendmahl
austeilten, die Landeskirche etwa seit 1860 zwang, eine
klarere Stellung ihnen gegenüber einzunehmen, und der
Erlaß des Dissidentengesetzes 1872 und des Personenstandgesetzes
1875 auch die rechtliche Grundlage zu
einer Scheidung schuf. Seinem Wirken wird es zuzuschreiben
sein, daß nicht nur alle Beschlüsse der Synoden
es ängstlich vermieden, das Band mit den methodistischen
Gemeinden gänzlich zu lösen, sondern auch
auf energische Durchführung der gefaßten Beschlüsse
verzichtet wurde. Und dennoch waren 1880 alle diese
methodistischen Bestrebungen zu einem gewissen Stillstand
gekommen. Die 3 Richtungen zählten zirka 8000
Seelen, die aber zum größten Teile der Landeskirche
noch angehörten. Fritz führt mancherlei Ursachen an;
die geringe wissenschaftliche Bildung der ersten Send-
linge — deren merkwürdiges Verhalten im Punkt der
Wahrhaftigkeit wohl nicht entschuldigt werden kann —
wird wohl nicht die geringste gewesen sein; aber bezeichnend
ist es, daß das Moment, worauf man wohl
zuerst baute, doch einigermaßen versagte. Von den Ge:
meinschaften verhielt sich die Hahnsche Richtung ablehnend
. Der gesunde Geist, der hier lebte, fühlte das
wesensfremde amerikanische Element. Doch war diese
1. Periode des Methodismus nicht die einzige, die Mitte
der 80er Jahre sollte einen neuen Aufschwung dieser Bewegung
bringen. Vielleicht dürfen wir von dem Verfasser
eine ebenso gründliche und unparteiische Würdigung
auch dieser Zeit noch sehen.

Roth. Karl Schombaum.

Weiß, Bernhard: Aus meinen Lebensjahren 1827 —1918.

Hrsg. von Hans Gerhard Weiß. Leipzig: Koehler & Amelang
1927. (245 S.) 80. geb. Rm. 8.50.

Die Eigenheit dieser im hohen Alter niedergeschriebenen Erinnerungen
besteht in der Beschränkung auf das Persönliche im
allerengsten Sinne. Es fehlt jeder Versuch, die eigne wissenschaftliche
Arbeit in den Zusammenhang der Geschichte der Theologie,
das eigne Schicksal in das des Volks und der Kirche hineinzuordnen;

es fehlt jede Charakteristik einer fremden Persönlichkeit. Bei der
eignen Geschichte wiederum ist das innerliche Moment in jedem
Sinne ausgeschaltet. Es wird die Laufbahn geschildert, aber eine
persönliche Entwicklung nicht sichtbar gemacht. Die Mitteilungen
über die eigne wissenschaftliche Arbeit sind auffallend spärlich, die
über Tätigkeit im Ministerium und in kirchlichen Behörden und Vereinen
geben ein paar bis dahin nicht bekannte Einzelnachrichten.
Göttingen. E. Hirsch.

Schreiner, Lic. Dr. Helmuth: Geist und Gestalt. Vom Ringen

um c. neue Verkündigung. Schwerin: F. Bahn 1926. (349 S.)
gr. 8". Rm. 10-; geb. 13-.

Das Buch stellt eine reife Frucht der Bewegung der
Volksmission dar und ist zugleich geeignet, diese Bewegung
in einer für sie kritischen Zeit zu klären und
zu vertiefen. Seine Eigenart beruht in der Verbindung
wissenschaftlicher Besinnung über die Kirche und ihre
Verkündigung mit Berichten aus volksmissionarischer
Erfahrung und praktischer Wegweisung. Diese Verbindung
bringt mit sich, daß man die weitere Ausführung
j mancher wichtiger Gedankengänge im Interesse der
Klarheit gewünscht hätte, aber sie erweist sich nach beiden
Seiten fruchtbar. Das Denken über die Kirche
I wächst heraus aus dem persönlichen Hineingezogensein
in ihre Not und ihren Sieg und erhält dadurch eine le-
! bendige Bewegtheit, die wertvoller sein kann als eine
I abstrakt erschöpfende Vollständigkeit; das volksmissionarische
Handeln andrerseits wird durch die Einordnung
in große grundsätzliche Zusammenhänge in seiner ganzen
Verantwortlichkeit deutlich, die dem betriebsamen
[ Praktiker so leicht verloren geht..

Vier ziemlich lose zusammengeordnete Hauptbestandteile
des Buches sind zu vermelden. Das Mittelstück
, am meisten gerundet in der Darstellung, ist eine
Untersuchung über Aufgabe und Methode einer praktischen
Apologetik, die zu sehr beachtenswerten Ergebnissen
kommt (S. 115—196). Die drei um die Jahrhundertwende
herrschenden Typen der Apologetik, nämlich
der Versuch der Sicherstellung des Glaubensinhaltes
durch eine außer ihm liegende Instanz, der Rückzug auf
' bisher von der empirischen Forschung relativ wenig er-
l schlossene Gebiete und endlich die Beschränkung der
Glaubenserkenntnis auf die praktische Vernunft und ihre
Trennung vom theoretischen Erkennen kranken alle an
der gleichen Schwäche: sie verkürzen den wesentlichen
Gehalt der Glaubenserfahrung durch Beschränkung auf
einen Teil der Wirklichkeit, während jeder echte Glaube
t zeugt von der ursprünglichen, alles durchdringenden
j Ganzheit des Unbedingten, des weltmächtigen Gotteswillens
, welcher den Menschen als ganzen erfaßt; sie
lassen sich in die Verteidigung drängen und verzichten
i damit auf das Erstgeburtsrecht des Glaubens. Dem-
! gegenüber arbeitet nun Sehr, in sorgfältiger Unterscheidung
theoretischer und praktischer Apologetik als ihre
| Aufgabe heraus, die Unmöglichkeit letzter Wahrheitserkenntnis
ohne deren Verankerung in der Glaubens-
i erkenntnis nachzuweisen und die Neubegründung alles
! Lebens und damit aller Erkenntnis in der christlichen
Gotteserfahrung darzustellen. Besonders wertvoll ist,
daß neben diese grundsätzliche Bestimmung der Aufgabe
eine methodische Anleitung tritt. Der Apologet hat in
der Gedankenwelt des Gegners den Wahrheitsgehalt
zu finden, hat dann von diesem voll anzuerkennenden
Wahrheitsgehalt aus an dem Denken des Gegners imma-
I nente Kritik zu üben mit dem Ziel, seine Selbstsicherheit
j zu erschüttern; nach dieser Vorarbeit ist dann im Anschluß
an den vorliegenden Wahrheitsgehalt die Glaubenswahrheit
positiv zu entwickeln und im Glauben zu
begründen. Die so verstandene Apologetik kann auf Zusammenarbeit
mit rechter Evangelisation nicht verzichten
. Hier liegt eine wissenschaftlich begründete, aus
! dem Wesen des Glaubens hergeleitete Auffassung der
J Apologetik vor, die an ihre Vertreter große Anforderungen
stellt, aber im Rahmen der Volksmission Großes
leisten kann.

Eine fast ebenso umfangreiche Untersuchung ist