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Ausgabe:

1927

Spalte:

457-461

Autor/Hrsg.:

Stolzenburg, A. F.

Titel/Untertitel:

Die Theologie des Jo. Franc. Buddeus und des Chr. Matth. Pfaff. Ein Beitrag z. Geschichte d. Aufklärung in Deutschland 1927

Rezensent:

Seeberg, Erich

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Theologische Literaturzeitung

Begründet von Emil Schürer und Adolf von Harnack

Herausgegeben von Professor D. Emanuel Hirsch unter Mitwirkung von
Prof. D. Dr. G. Hölscher, Prof. D. Hans Lietzmann, Prof. D. Arthur Titius, Prof. D. Dr. G. Wobbermin

Mit Bibliographischem Beiblatt in Vierteljahrsheften, bearbeitet von Priv.-Doz. Lic. theol. K u r t D i e t r i c h S c h m i d t, Göttingen
Jährlich 26 Nrn. — Bezugspreis: halbjährlich Rm. 18— — Verlag: J. C. Hinrichs'sche Buchhandlung, Leipzig.

o i„i___ m« -if Manuskripte und gelehrte Mitteilungen sind ausschließlich an Professor D. Hirsch in Göttingen, | riL-tnhpr 1077

OL. Jatirg. nr. ZU. Bauratgerberstr. 19, zu senden, Rezensionsexemplare ausschließlich an den Verlag. UMUUC1 yLI.

Spalte

Stolzenburg: Die Theologie des Jo.
Franc. Buddeus und des Chr. Matth. Pfaff

(Seeberg)..................457

Brückner: Die Slaven (Haas)......461

D a 1 m a n : Aramäische Dialektproben

(Baumgartner)............... 462 p r j eij e n s b u r g: Urkundenbuch der Uni

Spalte

Grabmann: Der göttliche Grund menschlicher
Wahrheitserkenntnis nach Augustinus
und Thomas von Aquin (Koch). . 466

Patterson: Theodore of Mopsuestia and
modern thought (Seeberg)........467

Low: Die Flora der Juden (Dalman) . . . 463

Biblische Zeitschrift (Windisch).......463

Seeberg: Grundriß der Dogmengeschichte

(Krüger)..................465

Schubert: Der Kampt des geistlichen und

weltlichen Rechts (Dannenbauer).....465

B'a u e r n f e i n d : Die Säkularisationsperiode

im Hochstift Eichstätt (Schornbaum)... 466

versität Wittenberg (Peper)........468

Fritz: Das Eindringen des Methodismus

in Württemberg (Schornbaum)......471

Weiß: Aus meinen Lebensjahren 1827 bis

1918 (Hirsch)...............471

Schreiner: Geist und Gestalt (Rendtorff) 472
Adler: Ethische Lebensphilosophie, dargestellt
in ihren Hauptlinien (Rolffs). . . 474

Spalte

Schill: Theologische Prinzipienlehre (Koch) 477
Liebe: Die Neugeburt des Christentums

(Niebergall)................ 477

Kutter: Wo ist Gott? (Lüttge)...... 478

Cordier: Not und Verheißung (Niebergall) 478
Goltz: Kirche und Volksgemeinschaft

(Althaus).................. 478

Paul u. Hose mann: Die Kirchensteuer
in Preußen für das Rechnungsjahr 1926

(Schian)..................479

Mehl: Eine heilige Kirche (Eger).....479

Lütkemann: Deutsche Kirchen (Stuhl-
fauth)...................480

Stolzenburg, Priv.-Doz. Lic. A. F.: Die Theologie des Jo. tualismus durch die Forderung einer reduzierenden und
Franc. Buddeus und des Chr. Matth. Pfaff. Ein Beitrag z. der Wirklichkeit des Lebens und seiner Bedürfnisse sich
Gesch. d. Aufklärung in Dtschl. Berlin: Trowitzsch 8i Sohn 1926. annähernden Universitäts- und Schulreform, durch das
(Xin, 460 S.) gr. 8°. = Zweiundzwanzigstes Stück d. Neuen Bewußtsein, daß die neue Zeit, die nun beginnt, eine
Studien z. Gesch. d. Theologie u. d. Kirche. Rm. 15—. Zeit der Aufklärung ist, in der die einfachen biblischen
Vorliegendes Buch führt an einem entscheidenden Grundwahrheiten des Christentums in den Formen der
Punkt in die Vorgeschichte der Aufklärung ein; es 1 Wissenschaft der Zeit zur Herrschaft kommen sollen,
zeigt, wie aus der Lutherischen Orthodoxie durch die , Die Geschichtsanschauung selbst bewegt sich etwa auf
Einwirkung humanistischer Elemente, wie sie sozio- der Linie, die in Gottfried Arrfold ihre eindrucksvollste
logisch und geistesgeschichtlich traditionell am akade- Ausprägung gefunden hat; nur daß hier die kühnen und
mischen Leben haften, und durch praktisch-pietistische tiefsinnigen Extreme „vorsichtig" und im Sinn der
Einflüsse, wie sie aus der Dialektik der europäischen kirchlichen Tradition vermieden sind. Ein paar Schlag-
Geistesgeschichte — und sie ist letztlich als Geschichte : worte mögen das verdeutlichen: die Geschichte wird als
der Umdeutung des „antiken" und christlichen Erbes die j der Prozeß eines großen Abfalls gedacht, der, durch
Geschichte des Individualismus — sich ergeben, die Auf- j Luther aufgehalten und in die Ursprünge zurückge-
klärung sich herausgestaltet. Trotz aller „Kautelen" des j schoben, nach ihm wieder mit erneuter Kraft einsetzt;
Glaubens und des Gedankens, die Umformung der , von hier kommt es zu den Versuchen, den Geschichts-
Seele ist mächtiger als die festgehaltene Tradition, und ablauf zu periodisieren, und auch die pragmatische Ge-
die Modernisierung der Methode bewirkt, wie immer, Schichtsbetrachtung mit ihrem Rückgang auf letzte psy-
eine Umwandlung des Inhalts. Wie stets bei Arbeiten, chische Erscheinungen als der die Bewegung hervor-
die in eindringender und entsagender Weise sich mit dem rufenden Kräfte dürfte hiermit im Zusammenhang
17. Jahrhundert befassen, diesem Jahrhundert, das durch stehen. Ebenso ist der Begriff der Hellenisierung ein
die Belastung mit der Historie so schwer und durch die Moment in dieser Abfallstheorie; nur daß er bei
überall vorhandenen Keime der Zukunft so fruchtbar Buddeus, aber wohl nicht bei ihm allein, als Orien-
ist, so zeigt sich auch in diesem Fall, daß die Gedanken ; talisierung erscheint. Buddeus, der sich mit der
des 18. Jahrhunderts schon im 17. gedacht gewesen Kabbala beschäftigt hat, will die Gnosis aus dieser
sind, daß etwa das, was man Mosheim und Semler zu- mündlich tradierten jüdischen Geheimlehre ableiten,
schreibt, wie die religionsgeschichtliche Vergleichung Schließlich ist darauf hinzuweisen, daß die alte Inspi-
oder die grammatisch-historische Interpretation, schon rationstheorie gefallen ist, und daß schon bei diesen
bei Buddeus und Pfaff nachgewiesen werden kann, wo- Theologen die rationalistische Erklärung der biblischen
bei natürlich noch andre Namen genannt werden : Wunder beginnt.

könnten. Aus dem neuen Lebensgefühl ergibt sich auch die Ak-
Es ist zweckmäßig und zutreffend, wenn St. in zentuierung der praktischen oder asketischen Theologie,
seinem Bild von der Gedankenwelt der beiden von ihm deren Zusammenhängen mit analogen katholischen und
behandelten Theologen bei ihrer Anschauung von der letztlich generell mystischen Erscheinungen vielleicht
Geschichte einsetzt; denn das Schwergewicht in der noch nachgegangen werden könnte. Wie sie die medulla
Theologie rückt jetzt von der Dogmatik auf die Ge- der ganzen Theologie ist, so wird die Theologie überschichte
, wozu nicht bloß die Föderaltheologie sondern haupt „erbaulich". Hierher gehören auch all die prak-
auch die humanistisch-pietistische Grundeinstellung hin- tischen Reformbestrebungen, wie die Empfehlung der
übergeleitet hat. Und diese Grundeinstellung ist charak- Konfirmation, der Privatbeichte mit bestimmten Re-
terisdert durch das Drängen auf die praxis pietatis und striktionen, und der Kultusreduktion, die dann von der
auf die heilige Simplicitat der Wahrheit, durch die mit Aufklärung im großen Stil durchgeführt worden ist
dem Relativismus der Historie und mit der Betonung der Aber auch die Unionsbestrebungen Pfaffs, deren Zu-
antiintellektualistischen Erfahrung im Zusammenhang sammenhang mit der Kirchenpolitik — die Bulle Unigestehende
Polemik gegen Konfessionalismus und Intellek- nitus — und mit seinen Staats- und kirchenrechtlichen

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