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Ausgabe:

1927 Nr. 12

Spalte:

273-275

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dobschütz, Ernst von

Titel/Untertitel:

Der Apostel Paulus. 1: Seine weltgeschichtliche Bedeutung 1927

Rezensent:

Beyer, Hermann Wolfgang

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Theologische Literaturzeitung 1927 Nr. 12.

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Dobschütz Prof D Ernst v.: Der Apostel Paulus. 1: Seine nach Jerusalem (vielleicht Antipatris), nicht in der Stadt selbst

weltgeschichtl Bedeutung. Mit 21 Taf. Halle a. S.: Buchhandlung wohnen läßt. Sehr eindrucksvoll schildert er des Paulus Auftreten vor

des Waisenhauses 1926. (VII, 64 S.) gr. 8°. Rm. 5—. Festus und Agrippa II. und die Reise nach Rom (S. 15f.). An die

_.. . , ,.___ o..„t__- „:„ur „(,„„ Ausführung des Missionsunternehmens in Spanien glaubt von Dob-

Titel und Vorwort dieses Buches lassen nicht ohne schütz ^ (S 53 Anm Dje Hinrichtung am pIatz der Paulsweiteres
erkennen, was in ihm dem Leser geboten wira. kjrche an der straße nach 0sti3j (die konstantinische Kirche, nach
Erwartet man nach dem Titelblatt eine Untersuchung der von r)obschütz s. 53 Anm. 44 fragt, befindet sich übrigens in
mit einer scharf herausgearbeiteten weltgeschichtlichen den Fundamenten erhalten unter dem Bau der drei Kaiser vom Jahre
Fragestellung, SO wird man durch das Vorwort Über- 384; vgl. den allerdings in allen Einzelheiten erfundenen Grundriß
rascht welches versichert die Eigenart diese-S Büchleins bei O. Marucchi, Elements dVcheologie chretienne HI S. 136, und
liege in dem Versuch, „das, was die Kunst uns zu sagen dazu: Nuovo bull, di arch. crist. 1897, 304ff.; 1898, 66ff.) setzt

hat, für die Darstellung des Apostels und Seines Lebens « einer alten römischen Tradition ' vom zeitlich verschiedenen Ende

, , • ,, 5 i__1 ,__• Met,,.. der Apostel folgend in das Jahr 63, also ein Jahr vor dem Tod des

zu verwerten", ein Unternehmen, das in der Tat bisher i - der nfceronischcn Verfol h der Jzehnlchen Ordnung der

noch nicht in Angriff genommen worden ist So versteht Brjefe m% dcr Verf jm WesentHchen an den von Julicher durch.

man, warum dem Buche 21 ganzseitige Wiedergaben gese,7ten Aufstellungen fest. Als Abfassungszeit des Römerbriefes er-

von Bildern aus den verschiedensten Zeiten der Kunst- reLhnet er den Winter 57/58 (S. 54).

geschichte beigegeben worden sind. In Wirklichkeit gibt j Darstellung vom Lebens-

von Dobschütz sehr viel mehr. In drei an Umfang etwa ! Uas ganz Neue an cier uarsteilung vom Lebens-

„, , »V f -TT 1 u a u ,. i nhon Hoc Pnn gange des großen Apostels, die der Verf. gibt, ist, daß

gleichen Abschnitten behandelt er „das Leben des lau- t> js entscheidenden Freio-nicco ein RilH ,„« nVm

lus". „das Wesen der Persönlichkeit" und „die weit- ' er. tur a'le, entscheidenden hreigmsse ein Bild aus dem

gescmchtliche Bedeutung". Nur in dem ersten werden reichen Schatz der Kunstgeschichte von der angelsach-

die Kunstwerke herangezogen. Dafür bekommt man et- gjfchen Miniatur über Raffael, Rembrand Pouss.n,

was sehr viel Wertvollefes. Denn es erfordert auf Schnorr von Carolsfeld bis zu einem Aquarell der Eng-

jeden Fall Aufmerksamkeit, wenn ein tief in die Ianderin Jenny Wyhe aus dem jähr 1906 zur Erlaute-

Fragen des Urchristentums eingearbeiteter Gelehrter von runS neranzient.

SO besonnenem Urteil, wie es von Dobschütz ist, ein 1 Dies Nebeneinanderstellen von Malereien aus ganz verschiedenen

zusammenfassendes Wort über den gegenwärtigen Stand f,eiten gibt freilich ein sehr ungleichmäßiges Bild der einzelnen

H Di l i * ■ hf Vorgange. Und im Ganzen muß ich gerade als Kunsthistoriker

der 1 aillUStOrSChung spnent. ! sagen. Icn bin docri etwas erschrocken, wie wenig sich die Kunst

Das 1. Kapitel, das zunächst den äußeren Lebensgang des , in djesem pane ihrem Gegenstande, dem Leben des Paulus, gewachsen

Apostels darstellt, kann naturgemäß keine großen Überraschungen ! gezeigt hat. Ich kann nicht einmal sagen, daß die Anschaulichkeit

bringen. Der Verf. betont die rabbinische Erziehung des Knaben Sau- sehr gefördert würde. Aber darüber wird erst zu reden sein, wenn

lus in Jerusalem im Gegensatz zu Mommsens Bezweiflung des jeru- ; von Dobschütz den zweiten Band seines Werkes, die „Geschichte

salemischen Aufenthaltes. Interessant ist, daß er in der Auslegung des des paulusbildes in der Kunst" — auf jeden Fall ein sehr dankens-

vielumstrittenen Verses II. Kor. 5,16 (3,16 ist ein für die Laien ; wertes Unternehmen — vorgelegt hat.

störender Druckfehler) an der von Joh. Weiß vertretenen Auffassung u

festhält und glaubt, „die zentrale Bedeutung, welche der Gekreuzigte j Das 2. Kapitel ist uberschrieben: Das Wesen der
in der Predigt des Apostels später hat, am besten erklären" zu Persönlichkeit. Mit eindringlicher Schärfe stellt der Verf.
können, indem er für wahrscheinlich hält, daß Paulus der Hinrichtung darin zunächst fest, daß Paulus bei allem, was ihn mit
Jesu beigewohnt habe (S. 3). Den Aufenthalt in Arabien denkt sich dem Griechentum verbindet, kein jüdischer Hellenist,
von Dobschütz bereits erfüllt von öffentlicher Missionstätigkeit ebenso ; sondern palästinensischer Rabbiner gewesen ist (S. 23 f.).
wie die vierzehn Jahre in Tarsus und Kilikien, in Antiochien und Daner betont er die Erziehung in Jerusalem (siehe
Syrien (S. 6), wofür die sogenannte erste Missionsreise nur „ein | u v nachdrücklich Der k'amnf der vor Damaskne
einzelner Beleg" sei. Mit Recht lehnt er die Vorstellung ab, Paulus OD.en' SO nacnarutKUcn. Uer Kampf, aer or UamaSKUS
und Barnabas seien zum Apostelkonzil wie Missionare gezogen, die ! selnen Höhepunkt erreichte, ist das Ringen eines ganz
sich von ihrem Missionskomitee Instruktionen hätten holen wollen. strengen Und ganz frommen Juden gewesen, nicht der
Aber wenn er (S. 8) sagt, es hätte sich darum gehandelt „eine ! eines ZU Kompromissen, ZU Umdeiltlingen Und ZU Alle-
strittige Grenzfrage zu erörtern", so ist mir auch das noch zu wenig, gorien neigenden Hellenisten. „Vom Hellenismus zum

Ich halte dem gegenüber an meinem Satz fest (Beyer und Rückert, | Christentum führte kein Solcher BlUCh, wie ihn Paulus

Grundriß der evangelischen Religionskunde 2 S. 61): „Daß es Paulus durchgemacht hat" (S. 25). So wird die Vorgeschichte

trotz des Widerstrebens derJerusalemer gelang die: Anerkennung der , des Damaskuserlebnisses als ein heißes Bemühen um

vollen Freiheit für das Heidenchnstentum unter Aufrechterhaltung der Frfüllunp- des unerfüllhiren Gesetzes freschildert his der

Beziehungen zur Urgemeinde zu erwirken, ist eine der bedeutsamsten trTUIIung aes uncriUllDareil Uesetzes gescmiaert, D1S der

Tatsachen der frühen Kirchengeschichte. Denn nur so war der Zu- Gesetzeseifer selbst zur Sunde wird und die Gnade über

sammenhang mit der Offenbarung Gottes im Alten Testament und d,e Sünde triumphiert.

mit der irdischen Wirksamkeit Jesu gesichert und doch dem Christen- ] Worin dieser entscheidende Umschwung besteht, und worin das
tum der Weg in die Welt ermöglicht." Das Aufregende jener Stun- ' „neue Licht, das ihm aufgegangen war" (S. 26), darüber fehlt frei-
den in Jerusalem, die mit dem Handschlag endigten, kann nicht lieh bei von Dobschütz ein letztes Wort. Dies Tiefste kann wohl
scharf genug unterstrichen werden. Und der darauf folgende Zu- nur in der Beziehung auf den Gottesbegriff gesucht werden, wie es
sammenstoß mit Petrus in Antiochia ist doch nicht nur die Folge da- j Karl Holl getan hat, dessen Paulusdarstellung in seiner Abhandlung
von, daß man „vergessen" hatte, das Zusammenleben von Juden- und über „Urchristentum und Religionsgeschichte" von Dobschütz noch
Heidenchristen in einer Gemeinde zu regeln, sondern eben jenes Wider- i nicht zitiert. (Das Vorwort stammt vom Juli 1925). Die Tatsache,
strebens, das von dem Kreise um Jakobus ausging und Paulus noch so daß dem Paulus durch Jesus und in Jesus ein völlig neues Oottes-
viel zu schaffen gemacht hat. Die Areopagrede bezeichnet von Dob- bild ihn bezwingend und umwandelnd aufging, erklärt allein das von
schütz mit vollem Recht als „einen der Höhepunkte im Leben des dem Verf. mit Recht in den Mittelpunkt seiner Darstellung gestellte
Paulus" (S. 11) und betont (S. 52), daß der Apostel sie zum minde- Wort: „Das Alte ist vergangen, siehe es ist Neues geworden"
sten so gesprochen haben kann, wie sie uns vorliegt. Wie fein sie der (S. 25). Wenn man den sachlichen Inhalt dieses Neuen, die Selbst-
örtlichkeit (der Gerichtsstätte, dem Sitz der Erinyen!) angepaßt ist crschließung Gottes, die auf Golgatha — allen früheren Gottesvorstel-
und wie sich die Geister der Griechen gerade an der Frage des Fort- lungen entgegen — erkennbar wird, ganz scharf herausstellt, dann
lebens der Toten scheiden, muß einmal noch schärfer herausgearbeitet wird man es nicht für „das wunderbarste Ergebnis der Bekehrung"
werden. Ob man aus 1. Kor. 2,1—5 den Schluß ziehen darf, daß halten, daß nicht „darüber Gott in den Hintergrund getreten" ist, daß
sich Paulus an dem Mißerfolg in Athen eine Lehre genommen und Paulus der Christ Christus neben Gott verehren kann, „ohne je einen
sich gelobt habe, das Evangelium fortan „ohne alle menschliche Augenblick an dem reinen jüdischen Monotheismus irre zu werden"
Weisheit und Redekunst wirken zu lassen" (S. 11), weiß ich nicht. (S. 28). Darum vermag ich auch das Bild, die Frömmigkeit des
E'ne ephesinische Gefangenschaft hält von Dobschütz für möglich, Paulus gleiche einer Ellipse mit zwei einander entgegengesetzten Brennten
Tierkampf aber für unwahrscheinlich (S. 13). An die Zeit des j punkten (S. 58 Anm. 45) nicht für glücklicher zu halten, als die
Aufenthaltes in Makedonien, wo Paulus den Erfolg des Titus in vom Verf. zurückgewiesene und in der Tat zum mindesten mißver-
IfTlO abgewartet hatte Kor- 2,13), schließt der Verf. die Rom. ständliche Formel, daß für Paulus Christus Oottes Stelle einnehme.

,19 erwähnte Mission „bis nach Illyrien", wofür er S. 52 Anm. 34 j Sondern das muß mit aller Schärfe gesagt werden, daß der Kampf

einen ausführlichen Beweis in Aussicht stellt. Für die letzte Reise den Paulus mit sich kämpfte um den Messiasanspruch des gekreuzig-
nac Jerusalem gibt von Dobschütz dem westlichen Texte der Apgsch. ten Jesus, nichts anderes war als ein Kampf um Gott. Der aus dem
Vorzug, welcher den Mnason (so soll es wohl auch S. 14 wie geschriebenen Gesetz abgeleitete Oottesglaube des Pharisäers mußte
in der zugehörigen Anmerkung heißen) in einem Orte auf dem Wege i zerbrochen werden von dem gclebten Gottesglauben Jesu. Das ist