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Ausgabe:

1926

Spalte:

162-163

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schreiner, Helmuth

Titel/Untertitel:

Das Christentum und die völkische Frage 1926

Rezensent:

Heyne, Bodo

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wußten Willen annehmen; was bedeutet aber dies Wort dann außerdem
, daß es Formel für die behauptete Identität des Leiblichen und
des Seelischen ist? Und welches sind die Folgen solcher Willensmetaphysik
für den Oottesgedanken?

So wäre für eine Neuauflage ein stärkeres Hervorkehren der
systematischen Betrachtungsweise, auf die es ja dem Verf. doch in
erster Linie ankommt, dringend /u wünschen; dabei brauchte der
Reichtum und die Feinheit der historischen Beobachtungen nicht verloren
zu gehen. Ich würde dabei eine eingehendere Auseinandersetzung
mit der vom Verf. erwähnten Psychologie Johannes Rehmkcs
(S. 14) deshalb besonders begrüßen, weil Kehtnke einerseits die radikalste
Kritik an der rationalen Substan/psychologie sich zu eigen
macht und auch den Satz des Verf., daß Substantialisierung der Seele
Materialisierung bedeutet, bejaht, anderseits aber aufgrund seiner
scharfsinnigen Analyse zu einem Einzelwesen „Seele" gelangt, einem
Ergebnis, das für die gesamte Erkenntnistheorie von nicht abzusehender
Bedeutung ist; für diese „Seele" nimmt Rehinke allerdings eine
Unsterblichkeit an, aber eine Unsterblichkeit, welche nie, wie die der
rationalen Spekulation zu einer Umdeutung des christlichen Aufer-
stehungsglaubehs führen kann, sondern diesem Raum läßt, wie in der
soeben erschienenen Neubearbeitung des „Lehrbuchs der atlg. Psychologie
" deutlich hervortritt (bes. S. 58f.).

Aber auch in seiner heute vorliegenden üestalt stellt
die Schrift einen sehr bedeutungsvollen Beitrag zu der
immer deutlicher hervortretenden Scheidung zwischen
Christentum und Idealismus dar.

Tübingen. Fr. Schumann.

König, Och. Kons.-Rat Prof. Dr. Eduard: Moderne Steine d.

Anstoßes auf dem Wege z. Bibelglauben, allgemein verständl.

untersucht. Neiunünster LH.; Vcrtüishuchh. G. Ihloff fv Co. 1924.

(70 S.) 8°. kart. Rm. 1.20.

In Form einer „allgemein verständlichen" Untersuchung behandelt
der Verfasser die fünf Fragen: Was ist Glat(ben? Welche Bedeutung
kommt der menschlichen Vernunft bei der Aneignung des Glaubens
zu? Wie verhalten sich die drei Funktionen des Seelenlebens: Denken

Fühlen — Wollen zum Bibelglaiihen? In welchem Verhältnis stehen
Schrift und Tradition zueinander?, und damit verbunden: nach welcher
Methode ist die Bibel auszulegen? Endlich: wie steht es mit den
Selbstwidersprüchen und der Unznrcichendheit der Bibel? Gewiß alles
Fragen, die unzähligen Menschen von heute „moderne Steine des Anstoßes
auf dem Weg zum Bibelglauben" sind. K. versucht sie, so gut
es geht und er selbst es kann, aus dem Weg zu räumen und hat auch
manches gute und vernünftige Wort dazu gesagt. Aber es liegt vielleicht
an einem einseitigen Bihlizismus, den er vertritt, dal! man bei
der Lektüre des Büchelchens oft den Eindruck hat, als fiele es dem V.
schwer, sich in Gedankengänge anderer hineinzudenken und das Richtige
, was darin liegt, anzuerkennen. Diesen Eindruck gewinnt man vor
allem da, wo er aus dem Zusammenhang gerissene Sätze zum Gegenstand
einer höchst zweifelhaften und anfechtbaren Kritik macht, wie
z. B. auf S. 8 f., wo er vom Wesen des Glaubens spricht, S. 36/7, wo
er Jakob Böhme in eine Reihe stellt mit den Zwickauer „Propheten"
und die durch Bergson vertretene Intuition für Illusion und Selbsttäuschung
erklärt, oder S. 30 f., wo er über den Willen in seiner Beziehung
zum Glauheu spricht, aber auch S. 16, wo er bei der Ablehnung
einer Überschätzung der menschlichen Vernunft jegliche positive
Würdigung bzw. Anerkennung der alten Onosis und der neueren
idealistischen Philosophie vermissen läßt. Im einzelnen ist auch
manches so unklar gehalten und fordert zum Widerspruch heraus, daß
der kritisch eingestellte und philosophisch geschulte Leser in diesem
Büchlein gewiß noch zahlreiche „moderne Steine des Anstoßes" finden
wird.

Lienen. O. S inend.

Lüttge, Prof. D. Willy: Die Dialektik der Gottesidee in der
Theologie der Gegenwart. Vortrag im Badischen Wissenschaft!.
Prediger-Verein zu Karlsruhe 8. Okt. 1024. Tübingen: J. C. B.
Mohr 1925. (27 S.) gr. 8°. - Sammig. gemeinverständl. Vorträge
0. Schriften aus d. Gebiet d. Theologie U. Rel.-Gesch. 113.

Rm. 1—; Subskr.-Preis —00.
L. veröffentlicht hier einen im Badischen wissenschaftlichen
Predigerverein zu Karlsrulle am 8. Okt. 1924 gehaltenen Vortrag, in
item er sich mit dem Grundgedanken der Theologie K. Barths auseinandersetzt
. Er erblickt diesen Grundgedanken in der These: „Die
Ewigkeit Gottes ist in sicli selbst das ewige Nein ZU allem Leben
dieser Zeit" (S. 5). Mit vollem Verständnis für den Wahrheitsgehalt
dieses Gedankens vermag er die „tiefsten Impulse des Gottesglaubens"
m der dialekt. Theologie zu entwickeln, um dann allerdings zu zeigen,
daß die „Übersteigerung dieser Impulse" durch K. Barth bis an
die Grenze der Verneinung des Gottesglaubens in seiner Tiefe führt
(S. 26), weil der Zusammenhang der Begriffe Schöpfung und Erlösung
verkannt (S. 227), der eigentliche Sinn der Offenbarung

preisgegeben (S. 16), der Ernst der Schuld hinter der Problematik
und Tragik der Endlichkeit zurückgestellt (S. 18) und der sittliche
Gehalt der Wahrheitserkenntnis angetastet wird (S. 20). Der Vortrag
kommt deshalb zu dem Ergebnis, daß die dialekt. Theologie nur
Ausdruck der Krisis unserer gegenwärtigen Kultur, nicht aber ihre
innere Überwindung ist (S. 5 u. 27). Barth wird freilich auch
L. entgegenhalten, daß er aus seinem Zeugnis nur das „Nein" gehört
und ihn fälschlich in die Nähe der nihilistischen Mystik gerückt hat
(vgl. S. 10). Umsomehr sollte ihn diese vornehme und in die Tiefe
gehende Auseinandersetzung mit seinen Oedanken veranlassen, das
„Ja" z.ur Offenbarung, an dem er Fest halten will, in Zukunft zum
Reichte zu bringen.

Basel. Gerb. H e i n z. e Im a n n.

Schreiner, Pastor Dr. Hclmuth. Das Geheimnis des dunklen
Tores. Neue Wege zur Weltanschauung. 2. Aufl. Schwerin:
F. tiahii 1025. (151 S.) 8°. Rm. 2.40.

Ders.: Das Christentum und die völkische Frage. Berlin-Dahlem :

Wichernverlag 1025. (45 S.) 8°. Rm. 1-.

Die erstgenannte Schrift enthält sechs auf der ersten
Weltanschauungswoche in Hamburg gehaltene Vorträge:
Bonseis, der „Prophet" — das Volk des Fluchs — der
Glaube des deutschen Menschen — das Reich der Geister
und Dämonen — die Erkenntnis höherer Welten — der
ewige Geist.

Ihren Zweck bezeichnet das Vorwort, damit zugleich den Titel
erklärend: sie sollen „den Weg weisen zu dem Geheimnis des dunklen
Tores, das in Schmerz, Tod und Wunden die Lichtherrlichkeit
einer höheren Welt enthüllt: die Weit des ewigen Geistes". Sie sind
eingestellt auf den Gebildeten unserer Tage, der vom Materialismus
angewidert, dem Christentum fremd, den letzten Sinn und Wert des
Lebens sucht. Daher knüpfen die Vorträge bei den verschiedenen
Wegen an, welche der Mensch auf dieser Suche einschlägt: Mystik,
germanische Religion, Spiritismus und Okkultismus, Anthroposophie,
verfolgen diese zu Ende und weisen nach, daß und warum sie das
gesuchte Ziel nicht erreichen. Der letzte Vortrag faßt die positiven
Hinweise der einzelnen Vorträge auf eine letzte Erfüllung dieses
Suchens zusammen in geschlossener Schilderung des christlichen Glaubens
. Leider ist er schwächer als die vorhergehenden, da in der
Fülle der Gedanken die klare Linie der anderen Vorträge verloren geht.

Die Vorträge tragen nicht den Charakter theoretischer
Erörterungen, sie wollen überzeugen, gewinnen.
Demnach fallen sie unter die Rubrik: Apologetik im
Sinne einer Auseinandersetzung von der Erkenntnis des
christlichen Glaubens aus. Den hier drohenden Gefahren
einer unwissenschaftlichen Betrachtungsweise ist der
Verfasser erfreulicherweise ganz entgangen. Forschungen
anderer dankbar benutzend hat er die zugrundeliegenden
Probleme erfaßt und durchdacht. Der Gegner wird nicht
gleich als „unwahr und verderblich" abgetan. Bezeichnend
ist hier der Anfang des letzten Vortrags: „Aller
Irrtum lebt von dem Körnchen Wahrheit, das in ihm
verborgen ist." „Nicht widerlegen", sondern „zur Wahrheit
befreien" formuliert das Vorwort der z.weitgenannten
Schrift. In klassischer Weise führt diese Methode einer
rechten Apologetik der erste Vortrag über Bonseis durch.
In der Art der Auseinandersetzung, welche der Einstellung
des Gebildeten psychologisch Rechnung trägt,
| liegt der Wert der Schrift. Eine kraftvolle, oft nicht ganz
einfache Sprache erhöht die Freude beim Lesen.

Näher eingegangen werden soll nur in Verbindung mit
| der zweiten Schrift — auch sie enthält einen Vortrag —
| auf die beiden Vorträge über „Das Volk des Fluchs" und
I „Der Glaube an den "deutschen Gott", denen allen die
völkische Frage zugrunde liegt. Deren Wichtigkeit
kennzeichnen die Worte: „Die völkische Frage ist die
< Rundfrage unserer Volksgemeinschaft. Wenn die völkische
Bewegung versandet, sind wir verloren — und
wenn die völkische Bewegung den Weg weiter geht,
den sie gegenwärtig innehält, dann geht sie unentrinnbar
zu Grunde." Auf welchem Wege ist die völkische Bewegung
jetzt? Ober die Ablehnung nur des alten Testaments
ist sie längst hinausgegangen.

Der Vortrag „Das Volk des Fluchs" kennzeichnet in Anknüpfung
! an den viel gelesenen Roman Dinters „Die Sünde wider das Blut"
scharf die Oberflächlichkeit der Angriffe gegen Gottesbegriffc und
Ethik des alten Testamentes , arbeitet die seelische Eigenart
des modernen Judentums heraus und weist dessen Gegensatz zu der