Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1926 Nr. 6

Spalte:

158-161

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Stange, Carl

Titel/Untertitel:

Die Unsterblichkeit der Seele 1926

Rezensent:

Schumann, Friedrich Karl

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3

Download Scan:

PDF

167

Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 6.

158

die sichtbar ist, für uns Welt. Und gerade in der neuesten Zeit haben
bei uns in Deutschland die evangelischen Kirchen an Einfluß verloren
, mit um deswillen, weil sie Laudeskirchen blieben, während die
Gesetzgebung /ur Bekämpfung sittlich-sozialer Notstände wesentlich
Keichssache wurde. Die Richtuiigsgegensätze innerhalb unserer Kirchen
airer gehen mittelbar zurück auf den Unterschied, daß der Christ sowohl
die Pflicht hat, die Welt zu meiden, als auch die, an der Welt
zu arbeiten. Jene Nichtweltlichkeit kann prophetischen oder mystischen
Charakter tragen, aber auch zu engem, statutarischem Wesen
entarten; diese Weltlichkeit, die Arbeit an der Welt kann kritisch,
kann aber auch optimistisch sein, und der Gegensatz von positiv und
liberal ist wesentlich der von statutarischer Nichtweltlichkeit und
optimistischer Weltlichkeit; eben deshalb aber geht er nicht in die
Tiefe der Sache, um die es sieb hier handelt. Die Konkurrenz von
Protestantismus und Katholizismus findet D. heute nicht mehr so sehr
auf dem Gebiete der Kultur; da sei klar, daß der Katholizismus eine
katholische Kultur schaffen will und geschaffen hat; Imilosophie,
Geschichte, Kunst können ausgesprochen katholisch sein. ,,Es gibt
airer keine protestantische Kultur. Der Protestantismus hat die moderne
Kultur mitgeschaffen und hat mit ihr durch die protestantischen
Menschen, die dieser Kultur dienen, dauernd Fühlung", will aber nicht
Kulturbasis sein, nur Kulturfaktor, „weil jede partikular protestantische
Kultur seinem eigenen Weltverhältnis widersprechen würde"
(S. 137). Die eigentliche Konkurrenz beider Konfessionen spielt sich
»ach'D. heute mehr auf dem Gebiet des Kultus ab; in welcher Richtung
er sich die Reform des protestantischen Kultus denkt, deutet er
an: nicht in hochkirchlichcr Kopie der Messe, sondern indem neben
unseren bisherigen Kult eine wesentlich liturgische Vesper am Samstagabend
tritt. Ein Stück Welt, wenn auch eine notwendige Orientierung
in der Welt, in der so lange zu bleiben man ursprünglich
nicht erwartet hatte, ist nach D. endlich auch die christliche Ethik.
Überraschend und doch einleuchtend ist es da, wie er mit Gal. 3,28:
„hier ist nicht Mann noch Weib, nicht Knecht noch Freier" die Tatsache
in Zusammenhang bringt, daß gerade in den sexuellen und den
sozialen Fragen „das Fehlen einer selbständigen, aus dem christlichen
freist neugezeugten Ethik am meisten offenbar wird" (S. 151). Wenn
in der Stellung des Christentums zu Liebe und Ehe antikes Erbe-
ungleichster Art nachwirkt, so liegen hier noch große Aufgaben christlicher
Ethik vor, der wahren Bedeutung des Eros gerecht zu werden.
Und den sozialen Fragen unserer Tage gegenüber, zu denen der Christ
sich ganz verschieden stellen kann, soll die christliche Ethik ihre
eigenen Motive herausarbeiten , die aus dem Bewußtsein der Erlösung
, seelischer Werte und menschlichen Unwerts stammen. Zuletzt
wird der Blick so wieder auf die Gegenwart gelenkt: mag weder der
Historiker in Worte fassen können, was Jesus dem Christen bedeutet
, noch der Dogmatiker das Göttliche je befriedigend aussagen
können, in den Schicksalen unserer Tage, dem Leben einen neuen
Sinn abzugewinnen, hilft uns doch weder buddhistische Weltflucht
noch theosophische Gnosis, sondern nur das Christentum mit seiner
Verbindung von Geschichtlichem und Ubergeschichtlichem, seiner
Spannung zwischen Welt und Überwelt.

Ich hoffe, daß meine Inhaltsangabe nicht allzuoft
als Surrogat der Lektüre des Buchs mißbraucht wird,
sondern Vielen Anlaß gibt, das gedankenreiche und anregende
Buch zu lesen. Erwachsen ist es aus Voi-
trägen vor Laien; aber nur sehr gebildeten Laien wird
es ganz verständlich sein. Um so mehr sollen Theologen
es lesen. Erscheint z. B. in Harnacks Wesen des
Christentums alles in reizvoller Klarheit, so wird man
hier in eine Fülle von Problemen hineingestoßen. Mit
manchen Hauptgedanken von D. einverstanden, sage
ich hier nur noch, worin ich widerspreche. In neutesta-
mentlichen Fragen nicht Fachmann, deute ich wenigstens
an, daß ich, was D. zur Psychologie der Ur-
christenheit und der Bildung ihres Glaubens sagt, z. T.
gern noch zurückhaltender formuliert sähe. Kein sonderliches
Gewicht lege ich auch darauf, daß ich der
expressionistischen Bewegung keine solchen Zukunftsmöglichkeiten
zutraue, wie D. es tut. Ein grundsätzlicher
Unterschied liegt aber vor, wenn D. auch die
Ethik zu dem rechnet, was dem Christen „Welt" sei.
Das geht m. E. nur, wenn Gort irgendwie — fast möchte
man sagen: „substanziell" vorgestellt und in solcher
Weise von der Welt unterschieden wird. Erscheint
Gott dagegen wesentlich als Wille, als Inbegriff von
Werten (womit seine Realität wahrlich nicht abgeschwächt
werden soll) — und das entspricht ja auch
der Denkweise von D. —-, dann ist der Gehorsam gegen
seinen Willen und die Erwägung der Regeln solches
Gehorsams nicht „Welt". In der Metaphysik des Dog-
matikers mag mehr vom 0)pjfia tov y.öofiov tovrov

j sein, und sein müssen, als dem Dogmatiker selbst lieb
' ist; in rechter christlicher Ethik steckt ein gutes Stück
I Weltüberwindung, Gotteswirken. So halte ich es denn
auch für geschichtlich anfechtbar, daß Jesus im reichen
! Kornbauern den Götzendienst, nicht die unsoziale Ge-
! sinnung verurteilt habe (S. 48); diese Scheidung trifft
; m. E. den Sinn Jesu nicht. Und an einigen Stellen
| würde ich das Unzureichende aller historischen, histo-
: risch-kritischen oder auch die Einzigartigkeit Jesu her-
| vorhebenden Aussagen über Jesus nicht in der Weise
betont haben, wie D. es tut. Seine Scheidung von
Historie und ülaubcnsaussage ist da fast ein auf die
i Geschichte (statt aufs Dogma) gewandter Nominalis-
i mus. Aber ich freue mich des Lebens, das in den von
j ihm gezeigten Spannungen da ist.

Kiel. H. Mulert.

Stange, D. Carl: Die Unsterblichkeit der Seele. Gütersloh:
C. Bertelsmann 1925. (144 S.) 8°. = Studien des apologet. Seminars
in Wernigerode. Heft 12. Rm. 4—; geb. 5.50.

Der Schrift liegt eine Vorlesung des Verf. im
W. S. 24/25 zugrunde; sie stellt also gegenüber den in
der „Zeitschrift f. syst. Theol." abgedruckten Helmstedter
Vorträgen eine erweiterte Bearbeitung dar. Der
Stoff wird zunächst von der historischen Seite her in
Angriff genommen, welche auch im wesentlichen die
Gliederung des Ganzen bestimmt. Aber gerade in der
historischen Behandlung des Unsterblichkeitsglaubens
findet Verf. die sachliche Nötigung, über die historische
Betrachtung hinauszugehen. Schon sie zeigt den Unsterblichkeitsglauben
als eine komplexe Größe. „Es
ist nicht bloß eine Wurzel, sondern es sind mehrere
Wurzeln, aus denen der Glaube an die Unsterblichkeit
entspringt" (S. 14). Insbesondere wird zu fragen sein,
ob 1. im Zusammenhang der Religion eine Nötigung
sich findet, welche auf den Unsterblichkeitsgedanken
führt, und worin etwa diese Nötigung besteht; dann
aber 2. ob das philosophische Denken von sich aus auf
einen Punkt führt, an dem sich das Problem der Unsterblichkeit
mit Notwendigkeit einstellt, und welches
etwa dieser Punkt ist (S. 17). So führt die geschichtliche
Darstellung des Unsterblichkeitsglaubens notwendig
zur Prüfung seiner Gründe, seiner Bedeutung, seiner
Berechtigung .Er selbst ist des näheren durch drei Gedanken
gekennzeichnet: 1. es gibt ein Fortleben nach
dem Tode; 2. dies Fortleben nach dem Tode ist bedingt
durch die Trennung der Seele vom Leib; 3. der durch
den Tod herbeigeführte leiblose Zustand der Seele ist
I endgültig.

Das erste Kapitel der historischen Orientierung
(Kap. 2) behandelt „die Vorstellungen der
primitiven Völker" mit dem Ergebnis, daß schon hier der
Unsterblichkeitsglaube sich als „eine Kombination des
religiösen Bewußtseins mit der primitiven Psychologie"
erweist. Im Anschluß daran wird im 3. Kap. „Moderner
Aberglaube" der Spiritismus und die Anthroposophie
der Gegenwart in interessanter Weise auf Motive des
primitiven Seelenglaubens zurückgeführt. Prachtvoll
knapp und klar führt dann das 4. Kap. in die platonische
Unsterblichkeitslehre ein und in die unauflöslichen
Spannungen, in die bei Plato der Gedanke der individuellen
Unsterblichkeit und die logischen Prinzipien der
Ideenlehre miteinander geraten. Der platonische Dualismus
ebenso wie der Materialismus (5. Kap.) bleiben
letzten Endes noch in den Voraussetzungen der primitiven
Psychologie stecken. Der erste, der diese Voraussetzungen
durch eine wissenschaftliche Psychologie ersetzt
, ist nach dem Verf. Aristoteles (6. Kap.), dessen
„Einfluß auf die Folgezeit man kaum überschätzen
kann". Die Zwiespältigkeit der geschichtlich so überaus
wirksamen aristotelischen Lehre von der Unsterblichkeit
wird nachdrücklich herausgestellt. Die kirchliche Apologetik
konnte in der aristotelischen Lehre von der
Ewigkeit der intellektiven Seele eine Bestätigung des
christlichen Glaubens erblicken, während eigentlich diese