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Ausgabe:

1926 Nr. 6

Spalte:

155-158

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dibelius, Martin

Titel/Untertitel:

Geschichtliche und übergeschichtliche Religion im Christentum 1926

Rezensent:

Mulert, Hermann

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Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 6.

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Christus in der Messe sagen: ego hodie genui te! (S.
298). Im selben Werke werden wir belehrt, daß eine
gesungene Messe mehr Wert habe als eine stille, weil
,die heilige Dreifaltigkeit auf jene sozusagen mehr aufmerke
als auf diese'! (S. 296). Von deutschen wissenschaftlichen
Werken kennt der Verf. nur solche, die ins
Italienische übersetzt sind wie die Dogmengeschichte
und die Missionsgeschichte Harnacks. Große Stücke hält
er auf den amerikanischen Gräcisten Robertson (S.
47 u. ö.).

Daß die ,Logien' (= Q) von Markus benutzt seien (S. 9), ist
ein lapsus. Aber von ,lapsi' sprach man noch nicht zu Tertullians
Zeit (S. 19), sondern erst zur Zeit Cyprians. S. 20 ist dem Athanasius
eine Rolle auf dein Konzil von Nicäa zugeteilt, die er dort
nicht gespielt hat. Die Notspendung durch Laien ist nach römischer
Lehre nicht bei allen Sakramenten giltig (S. 89), sondern nur bei
der Taufe. Das Citat aus Clem. Strom. 3,52 f. steht bei Eusebius
nicht in hist. eccl. vol. I, Hb. XXIX, cap. XVV, sondern III, 30.
München. Hugo Koch.

Dibelius, Martin: Geschichtliche und übergeschichtliche
Religion im Christentum. Güttingen: Vandenhoeck & Ruprecht
1925. (VIII, 173 S.) 8°. Rm. 4—; geb. ß—.

Je mehr auch in unserer Wissenschaft die Spezialisierung
fortschreitet, um so mehr dürfen wir uns
freuen, wenn über die Fachzäune hinweg ein Vertreter
der historischen Theologie zu grundsätzlichen,
dogmatischen und praktisch-kirchlichen Fragen Stellung
nimmt, vorausgesetzt natürlich, daß es nicht dilettantisch
, sondern mit Sachkunde und Überlegung geschieht,
wie hier durch D., von dem bisher wesentlich neu-
testamentliche Arbeiten vorlagen. Schleiermacher meinte,
es solle niemand vom Staat zum Professor lediglich
der Philosophie gemacht werden. Jeder Philosoph solle
zugleich und zuerst in einer Einzelwissenschaft, sei es
ein Stück der Natur- oder der Geschichtsforschung,
der Kulturwissenschaft sich bewähren. Stete Beschäftigung
mit der reinen Spekulation hielt er für eine gefährliche
Einseitigkeit. So ist es auch heilsam, daß
innerhalb der Theologie die Dogmatiker meist zugleich
entweder Neutestamentier sind, oder aber mit der inneren
Geschichte des Christentums in der Neuzeit, mit
der Entwicklung der neueren Theologie und Philosophie
sich beschäftigen. Daß systematische und neu-
testamentliche Arbeit verbunden werden, ist namentlich
in den pietistischen und biblischen Theologengruppen
üblich, bisweilen auch in der Form, daß, wer wesentlich
Neutestamentier ist, nebenher zu systematisch-theologischer
Arbeit kommt. Es ist aber erfreulich, wenn
solche Verbindung sich auch bei Theologen findet, die
nicht einer von jenen Schulen angehören.

Freilich weckt der Titel des Buches schon Widerspruch
. Übergeschichtliche Religion — gibt es die?
Gott ist übergeschichtlich, aber alle Religion ist geschichtlich
. D. meint es denn auch nicht anders. Das
eigentliche Thema seines Buchs ist die stete Spannung
zwischen dem Übergeschichtlichen, Ewigen, Jenseitigen,
dem der Glaube gilt, das wir in der Religion zu erfassen
suchen, und der ständigen zeitgeschichtlichen Bedingtheit
aller Religion, aller Kirche, alles Kultus, aller
Theologie. Formulierungen wie „Gott und unsere Religion
", „der ewige Gott und das Christentum als geschichtliche
Religion" wären aber gleichfalls mißverständlich
gewesen, würden den Inhalt des Buchs nicht
eindeutig kennzeichnen: so mag es bei der von D. gewählten
bleiben. Er will „geschichtliche und überge-
schichtlichc Elemente des Christentums in seiner klassischen
Zeit untersuchen und auf diese Weise das Wesentliche
des urchristlichen Besitzes wie die Bedingtheiten
seines Welt- und Zeitverhältnisses sichtbar machen
" (S. 31).

Der Inhalt des Buches in seinen 8 Kapiteln (Zeit, Religion,
Evangelium, Christus, Welt, Kirche, Ethik, Schicksal) ist folgender.
Als Zeichen unserer Zeit faßt D. drei Bewegungen ins Auge, die
Jugendbewegung mit ihrem Gegensatz zur Mechanisierung des Lebens,
den Expressionismus und den Irrationalismus; dieser mache sich

namentlich auch bei solchen geltend, die selbst ganz der Technik,
rationalisierter Arbeit leben müssen. Wir können die Entwicklung
der Technik, der Industrie nicht wieder rückgangig machen, aber wir
fragen: welchen Sinn hat unsere Zeit? Und kann ein anderes
Stück der Geschichte die Bedeutung haben, die ihm zugeschrieben
wurde? Kann es sie behalten, wenn der Glaube der Jünger, das
Ende der Tage stehe bevor, sich als Irrtum erwiesen hat? Und in
eben diesem Glauben brachten sie doch zum Ausdruck, daß in der
Geschichte Jesu der Sinn der Welt sich offenbare! Kann religiöser
Glaube auf einem mit tausend Bedingtheiten belasteten Stück der
Welt beruhen?

Lebendige Religion hat ursprünglich überhaupt kein Verhältnis
zur Welt, aber alle Religion, sei sie zunächst auch noch so weltflüchtig
, gewinnt ein Verhältnis zur Welt schon sofern religiöse
Gemeinschaft entsteht und Kinder in dieser heranwachsen. „Welt-
abgekehrtheit, wenn sie sich überhaupt erhält, beruht nun nicht
mehr auf Bruch, sondern auf Gewohnheit; Offenbarung wird zur
Überlieferung. Eine Sekte wirklich weltabgekehrter Heiliger ist immer
nur unter Verzicht auf Fortpflanzung möglich gewesen . .; Kinder
bedeuten Bürgerlichkeit und Verwurzelung in der Welt" (S. 23). Hat
die Religion ein übergeschichtliches Wesen, so muß sie sich rechtzeitig
, nicht erst in apologetischem Interesse, immer wieder aus den
Verbindungen mit der Welt lösen, in die sie eingegangen ist. Aber
das bedeutet nicht etwa die reine Gottesherrschaft auf Erden, sondern
nur ein neues Stück der Geschichte; auf die Flucht aus der
Welt folgt stets neue Rückkehr zur Welt.

In der Predigt Jesu unterscheidet D. scharf, was J. im Grunde
will und in Bezug auf die Herrschaft Gottes meint, und was er im
einzelnen, im Blick auf bestimmte Anlässe und Personen, sagt und
fordert. Jesu „Gebote für das menschliche Verhalten — in der
alten Welt nicht mehr durchzuführen, in der neuen Welt unnötig
umschreiben nur eine menschliche Haltung; was aussah wie zweckbedingte
Ethik, ist unbedingtes Ethos" (S. 45). Gewiß war die Erwartung
baldigen Weitendes irrig. „Aber nur wer einem Bildungs-
trugschluß folgend die Probleme des Weltbildes für die wahren Wertfragen
der Menschheit hält, kann den Endglauben für erledigt halten,
weil seine Erwartung nicht eintraf. Im Endglauben gipfelte sich die
Zeit in die Ewigkeit hinauf" (S. 46; ich würde statt des letzteren
Satzes schlichter sagen: der Glaube, daß diese Welt bald nicht mehr
sein wird, war die wirksamste, ist vielleicht die einzige hinlänglich
wirksame Fassung des Gedankens, daß Gott allein es ist, der Macht
und Wert hat). Im Einzelnen hat Jesu Tun nach D. keinerlei Planmäßigkeit
; es kommt ihm nicht auf soziale Wirkungen an. Den Berichten
von Jesu Wundern steht auch der Apologet unserer Tage mit
einer Denkweise gegenüber, die der antiken fremd ist, sofern er das
Geschehene eben irgendwie erklären will. Mit seinen z.T. sehr paradoxen
Reden gibt Jesus nicht Anschauungen, Belehrungen, sondern
Willensimpulse, streng genommen einen einzigen Impuls. Auch das
Vaterunser gibt nicht ein Gesetz: so sollst du beten, sondern es ist
„Symbol für die niemals iii Worten restlos darzustellende Forderung:
so sollst du sein!" (S. 69).

Schon bei Lebzeiten Jesu wurden aus Jüngern Gläubige. Er war
für sie „nicht ein Rabbi, mit dem sie diskutieren, nicht ein Prophet,
dem sie glauben, sondern ein Heiliger, den sie in staunender Ehrfurcht
umgehen, seiner Sendung zugetan, aber seinem Schicksal fremd, seinem
Leben als Genossen gesellt, aber doch nicht Vertraute seiner Einsamkeit
, sie für ihn das nächste Stück Welt, er für sie die erste Ahnung
der Ewigkeit" (77). Dann ward nach Jesu Tod der Reichsglaube
zum Osterglauben. Wiederum ist dessen Vorstellungsgehalt nicht zu
trennen vom antiken Wunderglauben und Weltbild; und wiederum
wird mit der Erledigung seines Vorstellungsgehalts ein Glaube, der
wirklich Glaube ist, nicht zerstört. Dieser Glaube war verbunden mit
der Erwartung baldigster Auferstehung der Toten überhaupt; aber als
diese Erwartung enttäuscht ward, besann man sich erst recht darauf,
daß das Heil bereits begründet, bereits da sei, daß man als Bürger der
schon geoffenbarten neuen Welt unter den äußeren Verhältnissen des
alten Äons zu leben habe. Mit dem Christusmythus verband sich der
Christuskult und aus beiden erwuchs das Christusdogma, in dessen
Geschichte sich immer wieder zeigt: zwar ist es unmöglich, das Übergeschichtliche
zureichend in Worte und Formen zu fassen, aber weil
das Gemeinte hier mehr ist als das Gesagte, darum sind die reduzierten
kritischen Formeln nicht besser als die alten. „Der Glaube
ist nur an der Wirklichkeit jener Wertwelt interessiert, wie sie ihm
aus dem N.T. entgegentritt; ihm sind nicht historische Daten des
Lebens Jesu, wie sie die Wissenschaft untersucht, lebenswichtig"
(S. 97; doch ist D. überzeugt, daß sich aus der N. T.lichcn Überlieferung
sehr wohl ein geschichtlicher Kern herausschälen läßt). Der
Dualismus zwischen Glaube und wissenschaftlicher Arbeit kann „bis
an die Zerreißung des Personenlebens führen, niemals aber zum Oberrennen
der einen Position von der anderen aus" (S. 97).

Es folgt ein Überblick über die Geschichte des Christentums in
der Welt. Als stärkste Verweltlichung des Christentums erscheint seine
Katholisierung. Während aber dem Katholiken das Heilige als sichtbar
gilt, gilt es dem Protestanten als unsichtbar; so ist auch die Kirche,