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Ausgabe:

1926 Nr. 6

Spalte:

150-152

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lüddemann, Gustav

Titel/Untertitel:

Entgegengesetzte Denk-Welten 1926

Rezensent:

Kittel, Helmuth

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Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 6.

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vorigen (ahrhunderts die Arbeit Diltheys entscheidend
mitgewirkt hat. Und diese Wirkung ist nicht erschöpft.
Sie zeigt sich nicht nur in dem wachsenden Gewicht,
das die (ieisti swissenschaften im Zusammenhang der
Wissenschaften gewinnen, sondern auch an bedeutungsvollen
methodischen Einflüssen, die außerhalb der engeren
Schule Diltheys von seiner geistesgeschichtlichen
Betrachtung ausgegangen sind; so z.B. auf die Phänomenologie
,"" deren jüngste Phase dadurch über den Aprio-
rtemus der älteren Entwicklung hinausgekommen ist.

Was dem Berichterstatter zusteht, ist unter diesen
Umständen Dank an den Herausgeber und Mitteilung
über die wichtigsten Aufsätze, die in den beiden Banden
vereinigt sind.

Der Dank an den Herausgeber ist keine Phrase;
und zwar aus zwei Gründen: Die Entzifferung des
handschriftlichen Nachlasses ist nach Urteil aller, die
Einblick in ihn genommen haben, eine überaus mühsame
Leistung gewesen. Und die Einleitung des Herausgebers
ist ein eigener sehr wertvoller Beitrag nicht
nur zur Diltheyforschung, sondern auch zur Geistesgeschichte
der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Die ständig wechselnde allgemeine Lage ist der Boden,
aus dem Dilthey die Probleme erwuchsen. Ohne die
Beziehung zu ihr, ohne sein ständiges Reagieren auf
sie ist Diltheys Arbeit nicht zu verstehen. Darum ist
es auch zu begrüßen, daß der fünfte Band unter dem
Titel „Autobiographisches" mit Reden beginnt, in denen
Dilthey entweder seine vergangene Entwicklung überschaute
oder den Weg, den er vor sich sah, zeichnete.
Es hat etwas Ergreifendes, diesen Geist in ständigem
Ringen zwischen den Gegensätzen der Zeit und des
eigenen Wesens zu sehen, sein Vortasten, Wiederzurück-
weichen und schließlieh doch Durchstoßen — sein Reifwerden
und schließlich doch nicht zum geschlossenen
Werk Kommen. Er hinterläßt Fragmente, wie fast alle
Großen jener Zeit, die ihre Zeit überwanden, weil sie deren
ganze Last zu trageii sich nicht weigerten: Die Last,
aus den Trümmerhaufen des gesamten Geisteslebens weder
in die feste Burg der exakten Wissenschaften zu flüchten,
noch in voreiliger Romantik einen Fantasiebau aufzuführen
, sondern Trümmer zu beseitigen, und neue
Fundamente zu suchen. Die Einleitung des Herausgebers
zeigt die ganze Schwere dieses Weges an dem
Werden der einzelnen Schriften und ihrer Probleme.

An die Reden schließen sich Aufsätze und Abhandlungen
, nach einigen kürzeren die berühmt gewordenen
„Beiträge zur Lösung der Frage vom Ursprung
unseres Glaubens an die Realität der Außenwelt" (1890),
in denen das einzelne Subjekt aus seiner intellektuell geschaffenen
und intellektuell unüberwindlichen Distanz
zur Welt durch den Hinweis auf die unmittelbaren realen
Lebensbeziehungen befreit werden soll. Dann folgen
die „Ideen über eine beschreibende und zergliedernde
Psychologie" mit ihrer überaus fruchtbaren und historisch
wirksamen Unterscheidung von erklärender und
beschreibender Psychologie und ihrer Entwicklung des
Strukturbegriffes. „Beiträge zum Studium der Individualität
" (1895/96) und eine Studie über die „Entstehung
der Hermeneutik" (1900) leiten über zu der großen
Darstellung „Das Wesen der Philosophie" (1907), worin
die reifen Überzeugungen Diltheys über die Stellung
der Philosophie im Geistesleben in ihrer ganzen Fruchtbarkeit
und ihren charakteristischen Grenzen zum Ausdruck
kommen. Die enge Beziehung, in der Diltheys
Philosophie mit seiner Arbeit an den übrigen Geisteswissenschaften
stand, zeigt sich in den Aufsätzen des
6. Bandes. Ethisch-pädagogische Betrachtungen aus den
Jahren 1864—90 eröffnen den Band. Dann folgt dasjenige
Sondergebiet, mit dem sich Dilthey am tiefsten
verbunden fühlte und aus dem er immer neue Anregungen
für die Philosophie schöpfte, die Dichtung.
In einer systematischen Abhandlung über „Die Einbildungskraft
des Dichters" werden „Bausteine für eine
Poetik" zusammengetragen, während in der Abhandlung

über „Die drei Epochen der modernen Ästhetik und
ihre heutige Aufgabe" (1892) geistesgeschichtliche und
zeitkritische Betrachtungen enthalten sind. Den Abschluß
gibt ein Fragment „Das Problem der Religion"
(1911), das nicht wesentlich über die historische Einleitung
hinausgekommen ist. — Jedem Bande sind An-
| merkungen beigefügt, in denen herausgeberische Notizen
mit Bemerkungen und Hinzufügungen der Manuskripte
Diltheys verbunden sind.

Fragen wir nun zum Schluß, welche Bedeutung
diese beiden Bände für die Erfassung der Dilthey-
schen Philosophie haben, so ist folgendes zu sagen:
Der wichtigste Gewinn, den sie bringen ist der, daß
die vielverstreuten Abhandlungen Diltheys nicht mehr
nur als einzelne wirken müssen, sondern daß uns ein
eindrucksvolles Gesamtbild seiner geistigen Gestalt erwächst
und eine Gesamtwirkung möglich ist, wie sie
vorher nicht zu erreichen war. Daß dabei mit der Größe
auch die Grenzen seiner Leistung sichtbar werden, ist
selbstverständlich. In zweiter Linie ist es ein Gewinn,
daß uns nunmehr auch das unveröffentlichte Material
zugänglich gemacht ist: So das Fragment der Vorrede
zu der von Dilthey noch selbst unter dem obengenannten
Titel veranlaßten Sammlung des 5. Bandes. So die
Rede zum 70. Geburtstag, die nur in einer Tageszeitung
erschienen war, eine unveröffentlichte Akademic-
abhandlung über „Erfahren und Denken", unveröffentlichte
Teile der „Beiträge zum Studium der Individualität
", darunter eine wichtige Auseinandersetzung mit
Windelbands Rektoratsrede über „Geschichte und Naturwissenschaft
". Im 6. Band der „Versuch einer Analyse
des moralischen Bewußtseins aus der Frühzeit",
j „Schulreform und Schulstuben", einige Fragmente zur
Poetik und das Fragment über „das Problem der Religion
". — Im allgemeinen ist zu sagen, daß diese
Veröffentlichungen dem Gesamtbild keine wesentlich
neuen Züge hinzufügen; wohl aber sind sie als Er-
i gänzungen, Überleitungen und Parallelen von nicht zu
1 unterschätzender Wichtigkeit. — Das Lebenswerk Dil-
i theys kommt in der Neuausgabe seiner gesammelten
; Werke auch durch diese Bände zu geschlossenem Ausdruck
. Die Wirkungen Diltheys sind da, abgesehen von
der Sammlung seiner Werke und können durch sie
nicht mehr wesentlich verstärkt werden.

Dresden. Paul Tillich.

Lüddemann, Dr. Gustav: Entgegengesetzte Denk-Welten.

Eine phllos.-polit Studie über die grundsitzl. Verschiedenheit d.

engl. u. dtschn. Denkart. Halle a. S.: Buchh. tl. Waisenhauses 1925.

(XII, -164 S.) 8°. kart. Rm. 3.50.

In diesem Büchlein wird der Versuch gemacht, die
Eigenart des englischen und deutschen Denkens zu erfassen
und den Zusammenhang dieses Denkens mit
jedem der beiden Nationalcharaktere darzustellen. Der
Zweck dieses Versuches ist ausgesprochen praktisch.
Es soll bei den beiden Völkern gegenseitige Kenntnis
und gegenseitiges Verständnis geweckt werden. Hiervon
erhofft der Verfasser volkserziehcrische Wirkungen, denn
— so zitiert er zuversichtlich — „tont comprendre, c'est
beaueoup pardonner". Methodisch ist die Schrift so angelegt
, daß zunächst die dem Verf. am geeignetsten erscheinenden
englischen und deutschen Philosophen kurz
geschildert werden. (Baco, Hobbes, Locke, Hume auf
zus. 20 Seiten; Leibniz, Kant, Hegel auf zus. 32 Seiten!)
Für diese Denker jeder Nation wird sodann ein gemeinsamer
, also nationaler Charakter ihrer Philosophie konstatiert
, und nun werden „Folgerungen auf das Wesen der
Völker" gezogen. So ergibt sich folgendes Schema für
| den Inhalt des Buches: A Die englische Philosophie.
I Baco II Hohbes III Locke IV Hume. B Folgerungen.
I Allgemeine Folgen II Besondere Folgen in Bezug auf:
I Das erkennende Denken III Das religiöse Denken IV Das
Wollen und Handeln V Das politische Leben. C Die
deutsche Philosophie. I Leibniz II Kant III Hegel.
D Folgerungen (Genau wie unter B).