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Ausgabe:

1926 Nr. 6

Spalte:

145-147

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gurwitsch, Georg

Titel/Untertitel:

Fichtes System der konkreten Ethik 1926

Rezensent:

Geiger, M.

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145

Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 6.

146

gefügt. Es ist zweifellos die beste Text-Ausgabe
für den Handgebrauch: aber die prinzipiellen
Erörterungen, die wir bei Wolff finden, treten zurück,
und die Hinweise auf die praktischen Aufgaben der
Gegenwart, die ich in meiner Erläuterung zu geben versuchte
, treten etwas mehr als bei Wolff in den Vordergrund
, halten sich aber in den Grenzen juristischer Erläuterung
. Auf Wulffs und meine Ausführungen ist
aber oft ausdrücklich Bezug genommen. Ein ausführlicher
juristischer Kommentar fehlt noch, befindet
sich aber schon in Vorbereitung.

Orcifswald. Ed v<>n der Goltz.

Wundt, Max: Kant als Metaphysiker. Ein Beitrag zur Geschichte
der deutschen Philosophie im 18. Jahrhundert. Stuttgart: F.
EnUe 1924. (VIII, 554 S.) gr. 8°. Rm. 17.50.

Die Aufgabe, die der Verfasser sich in diesem
Buche setzt, ist der Nachweis, daß der Kant des Neukantianismus
nicht der wahre Kant ist; daß die heute
herrschende Auffassung Sinn und Ergebnis des Kanti-
schen Lebenswerkes verfehlt. Wenn sie behauptet, Kant
habe die Erkenntnis auf die Erfahrung beschränkt und
die Unmöglichkeit einer Erkenntnis des Übersinnlichen
gelehrt ; er habe das Wissen beschränkt, um zum Glauben
Platz zu gewinnen, dem keine objektive, sondern nur
subjektive Gewißheit zukommen könne, und damit nicht
nur die Metaphysik seiner Zeit, sondern überhaupt jede
Metaphysik für "unmöglich erklärt, — so zeigt Wundt,
daß die" Absicht Kants vielmehr gewesen ist, die Möglichkeit
einer Erkenntnis des Übersinnlichen
darzulegen, die freilich nicht Sache der theoretischen
, wohl aber der praktischen Vernunft sein muß,
für die sich die „bloßen Ideen" von „Gott, Freiheit und
Unsterblichkeit" der theoretischen Vernunft als Realitäten
von höchster Objektivität erweisen. Daß diese Untersuchung
für die Theologie der Gegenwart von höchstem
Interesse ist, liegt wohl auf der Hand. Diese Begründung
der Metaphysik als der Lehre von der Erkenntnis
des Übersinnlichen ist schon das Thema der Kritik der
reinen Vernunft; die beiden anderen Kritiken führen die
Untersuchung nur weiter fort. Die Abhandlung über
„die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft
" aber bedeutet nicht etwa einen Rückfall in das
vorkritische Denken, sondern im Gegenteil eine Anwendung
der Ergebnisse der Vernunftkritik auf ein bestimmtes
geschichtliches Material, nämlich die geschichtlich
gegebene Offenbarungsreligion des Christentums.
Ich stimme mit dem Verf. in seiner Grundauffassung
umsomehr überein, als sich starke Berührungen mit ihr
schon in meiner ungefähr gleichzeitig erschienenen
„Philosophie des Rechts" (S. 31 ff.) finden. Eine eingehende
Würdigung des Wundtschen Werkes aus meiner
Feder wird demnächst in der „Zeitschr. f. syst. Theologie
" erscheinen, auf die ich einstweilen verweisen
möchte.

Odttingen. J. Binder.

Gurwitsch, Oeorg: Fichtes System der konkreten Ethik.

Tübingen: J. C. B. Mohr 1924. (III, 375 S.) gr. 8°.

Rm. 12—; geb. 14—.

Die Zeit, in der man in Fichtes Werken nur den
verstaubten Überrest einer vergangenen Epoche gesehen
hat, ist längst vorüber. Von der historischen Würdigung
aus gelangte man allmählich zur Wiederentdeckung
des sachlichen Inhaltes seiner Philosophie. Zunächst
wurde seine theoretische Philosophie, seine Ethik in ihrer
gesinnungsmäßigen Bedeutung für die Gegenwart fruchtbar
gemacht. Darüber hinaus sucht jetzt Gurwitsch auch
den systematischen Sinn von Fichtes Ethik als
lebendige Macht zu erweisen. Grade die meist etwas
stiefmütterlich behandelte letzte, dritte Phase in Fichtes
Entwicklung bringt nach ihm den vorwärtsweisenden
Zug. Um diese Behauptung zu begründen, darf G.
nicht, wie es meist geschieht, diese letzte Phase als eine
Dmbiegung in der Entwicklung Fichtes ansehen; sie ist

ihm vielmehr die Konsequenz der beiden ersten Phasen,
die Auflösung der in ihnen enthaltenen Dialektik. Durch
alle Phasen hindurch zieht sich die Einheit des trans-
zendentalistischen Prinzips, das er im Sinne Rickerts
darin findet, daß es „im Wissen bei einer niemals zu
überwindenden Spannung bleibt, bei der Unruhe einer
endlos weiterschreitenden Frage, auf die es nur vorläufige
Antworten gibt". In der Ethik bedeutet dieser
Transzendentalismus nicht nur die Behauptung der Unendlichkeit
der sittlichen Aufgabe, sondern „vorerst und
vor allem die Behauptung ihrer absoluten Selbständigkeit
, der vollständigen Autonomie der sittlichen Reinheit
in ihrer vollkommenen Heterogenität gegenüber der
theoretischen Vernunft, dem Logos". Freilich ist nicht
recht einzusehen, wie zwei so verschiedene Dinge, wie die
Unendlichkeit der Frage und die Gebietsautonomie dasselbe
Prinzip des Transzendentalismus ausmachen sollen.

Gerade gegen das Gebot der ethischen Gebietsauto-
nomie hatte Kant sich versündigt: in seiner Lehre vom
Primat der praktischen Vernunft hatte er das Praktische
dem Theoretischen übergeordnet, wenn auch wie G.
zeigt, diese Überordnung des Praktischen in Wahrheit nur
ein Ausfluß der Intellektualisierung des Ethischen war.
In diesem Punkte ist Fichte in seiner ersten Phase
noch völlig in den kantischen Vorurteilen befangen:
der ethische Formalismus, die inhaltsleere Allgemein-
giltigkeit des Sittengesetzes wird beibehalten. Das theoretische
Ich, die Intelligenz ist auf das praktische Vermögen
begründet und von diesem vollständig durchdrungen
, „der praktische Teil der Wissenschaftslehre
allein redet von einer ursprünglichen Realität". Andererseits
aber wird zur Erklärung des Hervorgehens
der praktischen Tätigkeit aus dem Sichsetzen des Ich
auf die zentrale Tätigkeit des Ich verwiesen. Es gibt
für den panlogistisch-intellektualistischen Fichte der
ersten Phase keine Möglichkeit diesem Widerspruch
zu entrinnen — er ist tief in seinem subjektiven Idealismus
angelegt. Dieser subjektive Idealismus wird in der
zweiten Phase endgültig abgestreift und zugleich mit
ihm der ethische Formalismus. Allein die Überbewertung
des Irrationalen, der mystisch-pantheistische Monismus
des göttlichen Lebens ist ebensowenig geeignet, die
Selbständigkeit der sittlichen Ideen sicherzustellen. Die
Ethik Fichtes kann jetzt kaum mehr von der romantischen
unterschieden werden, „dieselbe Gleichsetzung
zwischen undifferenziertem Gefühl und reiner Anschauung
, dieselbe Tendenz zur Auflösung der Ethik in der
Religion des Lebens, dieselbe Identifizierung zwischen
Religion und undifferenziertem Erleben des Alls, dieselbe
Hinneigung zum Pantheismus". Die Art, wie
Fichte den Glauben in den Vordergrund aller Gewißheit
stellt, nimmt ihm die Kriterien aus der Hand, religiöse,
sittliche, intellektuelle Unmittelbarkeit zu scheiden. Erst
in der dritten Phase gelangt er allmählich zu einer Befreiung
des sittlichen Gebiets. Die „niedere Moralität",
die ethisch-formale Gesetzmäßigkeit des Sollens, die
isolierte innere Gesinnung wird geschieden von der
höheren Moralität, die den Trieb in die Sittlichkeit aufnimmt
als Werkzeug im Dienste des geistigen Lebens.
Die Ethik wird konkret; gerade die Unwiederholbarkeit
und Unersetzlichkeit der einzelnen Handlung, des einzelnen
Ich wird jetzt das Entscheidende. „Was dem
einen geboten ist, ist gewiß dem andern nicht geboten."
Diese Konkretisierung gelingt durch die Trennung von
Logos und Geist, von rein systemhaften Sein und
schaffender Freiheit.

G. löst nicht nur ausgezeichnet die letzten Motive
der allmählichen Wandlung vorn Formalismus des frühen
Fichte zu der konkreten Ethik in Fichtes letzter
Phase heraus, sondern legt zugleich auch die tieferen
systematischen Wurzeln im Problem der Reinheit, der
Unendlichkeit, des hiatus irrationalis usw. dar. Freilich
bewegt er sich meist dabei in einer Höhe der Abstraktion
, daß es nur dem in den spekulativen Gedankengängen
der Fichtezeit Heimischen möglich sein