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Ausgabe:

1926 Nr. 6

Spalte:

140-142

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Friedensburg, Walter (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Archiv für Reformationsgeschichte. Texte und Untersuchungen. Nr. 81 - 86, 21. u. 22. Jahrg 1926

Rezensent:

Bossert, Gustav

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Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 6.

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Vorbereitung zum Sakramentsempfang fordert (S. 53), wie also auch
hier Mystisches und Ethisches, Übernatürliches und Natürliches,
nicht getrennt wird. Er betont, wie nach Th. die Ehe nicht bloß
ein weltlich Ding, sondern ein heilig Ding, ein Sakrament
ist, wie sie nicht bloß einen biologischen (Fortpflanzung) und
ethischen (Seelengemeinschaft), sondern auch einen mystischen Zweck
hat: die Abbildung der Ehe Christi mit der Kirche (S. 57).

Daß wir von Thomas auch heute noch lernen
können, das zeigt der 3. Abschnitt des Buches: „Der
menschliche Wille und die Erfassung der
Werte", eine meisterhafte Darstellung der Willenslehre
des Aquinaten, zu der der Verf. in besonderem Maße befähigt
war, da er sich seit beinahe 4 Dezennien mit
diesem Gegenstand beschäftigt. — Thomas erblickt im
Erkennen und Streben die beiden Grundkräfte der m.
Seele. Nach einer einleitenden Begründung dieser Zweiteilung
der Seelenvermögen (im Gegensatz zur Dreiteilung
von Sulzer, Tetens und Kant) und dem
Hinweis auf deren Vertretung in der neuesten Zeit (Sein
und Sollen, Kenntnisnahme und Stellungnahme) zeigt
M., wie bei Th. im Unterschied von verwandten modernen
Theorien der Wert, das Gute, auch ein Sein ist
und dem Werturteil ein objektives Etwas zu
Grunde liegt. Die denkende Erfassung dieses ob. Wertgehalts
ist der Beweggrund des Wollens. Dieses bedeutet
im Unterschied zum sinnlichen Streben eine
wesentlich aktivere Stellungnahme des Ich, beruhend auf
seiner Geistigkeit. Der Wille besitzt ein natürliches
Streben nach dem Guten im allgemeinen; er kann
sich jedem Objekt, das ihm als gut erscheint, er m u ß
sich jedoch nur dem unendlichen Guten zuneigen. Seine
Freiheit besteht einerseits in der w ertenden Stellungnahme
(libertas speeificationis), andererseits in
der v ollzieh en den Stellungnahme, in der
Kraft, sich selbst zum Akte zu bestimmen (libertas
exercitii) (S. 75). Der Wille ist nicht nur ein movens,
sondern auch ein motum, Träger von Affekten und Gefühlen
, er ist durch und durch Interesse: Hinordnung
zum Guten im allgemeinen. Die erste Antwort des
Willens auf geistig erfaßte Werte ist die „Liebe" (S. 77),
d. h. das allg. Wohlgefallen am Guten; daran reihen
sich die versch. Affekte, die nach Th. W i 11 e n s a k t e
sind (M. weist auf Bezeichnungen wie „Unwille", „Mutwille
" etc. hin).

Nun fragt es sich: Inwiefern ist eine Steigerung der
inneren Kraft des Wollens möglich, und inwiefern geht
von den Einzelakten eine Festigung dieser Kraft in die
dauernde Willenshaltung über? (S. 95). M. a. W. es
handelt sich um die Frage nach der Intensität des
Wollens. Th. unterscheidet die (subjektive) Kraft des
Wollens (Intensität) von der (objektiven) Kraft der
Motive (S. 101). Der psychologische Kern des intensiven
Wollens ist nach Thomas: das Wollen des
eigenen Wollens (velle se velle) (S. Th. 2 II, q.
25, art. 2). Intensiv hassen heißt sein Hassen lieben
(S. 105). Auf diese Weise wird der Willensakt selbst
und die Aktualität des Willens zum Wert. M. weist
daraufhin, wie die Pädagogik sich diese Erkenntnis
zunutzmachen, wie sie außer der Macht der Motive die
Energie des Wollens betonen und daraufhinarbeiten
muß, daß der sittliche Willensakt selbst als Eigenwert
das Ziel des Wollens wird (S. 110).

Zum Schluß behandelt M. die Frage: wie ist es möglich, dem
Willen eine Dauerkraft (habitus) mitzuteilen? Die Antwort lautet:
der intensive Entschluß zum Outen oder Bösen erleichtert die Bildung
einer dauernden Willenstendenz (S. 117). Da die Intensität des
Wollens in der Hochschätzung des eigenen Wollens besteht, so vollzieht
der Mensch nicht nur die augenblickliche Tat gerne, sondern geht
darauf aus, sie zu wiederholen.

Auch bei der Liebe ist zu unterscheiden zwischen Wertung und
aktuellem Vollzug der Willenshingabe (S. 123). Zwar muß die
Wertschätzung Gott gegenüber stets eine absolute sein („über
alles"), dagegen unterscheiden sich die Akte der Liebe zu Oott
hinsichtlich ihrer Intensität (S. 124). Diese ist gleichbedeutend
mit der Stärke der „Entwurzelung im Subjekt" (magis radicari in
subjecto) S. Th. 211, q. 24, art. 4. Sie zeigt sich in der freudigen
Art, mit der der Wille das ganze Ich in den Willcnsakt hineinlegt
(S. 125). Was die Nächstenliebe betrifft, so unterscheidet sich
die Liehe hier einerseits nach dem Grade der Wertschätzung (diese
richtet sich darnach, ob der Gegenstand der Liebe Gott näher oder
ferner steht), andererseits nach dem Grade der Intensität (diese richtet
sich darnach, ob der betr. Gegenstand dem liebenden Ich näher oder
ferner steht). Dem gottähnlichen Menschen wünschen wir größere
Seligkeit, dem, der uns natürlich nahe steht, wünschen wir die verdiente
Seligkeit inniger. Die Liebe zu Gott (die Vollhingabe des
Menschen an ihn) durchläuft verschiedene Stadien, je nachdem sie
die Seele stärker ergreift. Die Kraft der Liebesgesinnung gegen Gott
wächst in der Weise, daß die „Ganzheit" („über alles") schon der
allgemeinen Christenliebe zukommt. Eine höhere Stufe ist dann
erreicht, wenn nicht bloß die Gesinnung der Liebe festgehalten wird,
sondern auch jede freie Tat zur Wirkung derselben wird, d.h. wenn
der Mensch jede häßliche Sünde meidet. Die höchste irdische Stufe
wird erreicht, wenn er freiwillig auf die Güter und Freuden dieser
Erde verzichtet und ein Leben nach den consilia evangelica führt
Deren Wesen liegt nicht in der Weltflucht an sich, sondern in der
möglichst aktuellen Geisteshingabe an Gott (S. 128), sofern die
irdischen Güter den Menschen an der aktuellen Liebe zu Gott hindern
. — Wer das asketische Leben wählt, der tut es nicht, weil
Gott der Vorzug vor den Geschöpfen gebührt, sondern weil dem
gottgeweihten Leben der Vorzug vor dem weitförmigen Leben gebührt.
Das asketische Leben gehört zur Intensität der Liebe: hier wird das
Lieben Gottes selbst zum Lebenszweck (S. 129).

Den Schluß der Reihe bildet der Vortrag: „Die
Glut der Liebe als Wirkung der hl. K o m m u -
n i o n". M. führt darin aus, daß nach Th. die eigentliche
„gratia sacramentalis" der Kommunion die Mehrung der
Liebe zu Gott ist (S. 137) und zwar so, daß sie nicht
nur den Habitus steigert, sondern auch die Glut (fervor)
aktueller Liebeshingabe an Gott anfacht (S. 137). Während
andere Sakramente einen höheren Stand verleihen,
regt die Kommunion zu häufiger T a t an (S. 138). Im
übrigen wird durch das Sakrament das übernatürliche
Leben aufrecht erhalten, d. h. die Gefahr der Todsünde
ferngerückt und die böse Lust vertrieben, das Herz des
Empfängers erhoben und erfreut. Endlich werden
dadurch die läßlichen Sünden getilgt. Die
Kommunion ist die „Wegzehrung der mühsam Pilgernden
, die Heilung und Erquickung der Schwachen und
Genesenden" (S. 154).

Das Buch Mausbachs stellt einerseits eine historische
, andererseits eine systematische Arbeit
dar. Sofern der Verfasser sich die Aufgabe stellt, die
thomistische Ethik darzustellen, ist ihm seine Absicht
voll und ganz gelungen. Ich wüßte auch keine treffendere
und anziehendere Darstellung der Willenslehre des
Aquinaten als diese. Man merkt es dem Buche an, wie
sein Verfasser sich in die Gedankengänge des Doctor
angelicus liebevoll versenkt und völlig eingelebt hat.
Es zeigt auch, daß man von der Psychologie des
Thomas von Aquino heute noch Manches lernen kann.

Dagegen muß es dem an Kant orientierten Leser
geradezu unmöglich erscheinen, den unkritischen Realismus
thomistischer Erkenntnistheorie zu re-
j pristinieren. Was vollends die thomistische Ethik be-
| trifft, so finden wir Evangelischen zwar Manches darin,
| was auch wir bejahen können, im übrigen aber hindert
j uns gar viel, in Thomas den Meister christlicher Sittenlehre
zu erblicken: all das, was Thomas zum klassischen
Vertreter der spez. katholischen Ethik macht; es ist
(abgesehen von der dogmatischen Grundlage: der unpersönlich
-kraftartigen Auffassung von der Gnade
u. a.) vor allem die kasuistische Gesetzlichkeit
dieser Moral und ihr Betonen des Verdienstes
einerseits, ihre weltflüchtige Tendenz und die
damit zusammenhängende Unterscheidung einer
höheren und einer niederen Sittlichkeit
andererseits.

Rinderfeld bei Mergentheim (Württ). Walter Betzendörfer.

Archiv für Reformationsgeschichte. Texte u. Untersuchgn. Im
Auftrag des Vereins f. Reformationsgesch. hrsg. v. Walter Friedensburg
. Leipzig: M. Heinsius 1924 u. 1925. (XXI. Jahrg., Heft
1—4 u. XXII. Jahrg., Heft 1/2.) (320 u. 1Ö0 S.) 8°.

Die neuen Hefte enthalten mehrere vorreformato-
rische Stücke. O. Giemen bespricht 21,251 ein sei-