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Ausgabe:

1926 Nr. 5

Spalte:

110

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dempf, Alois

Titel/Untertitel:

Die Hauptform mittelalterlicher Weltanschauung 1926

Rezensent:

Ficker, Gerhard

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109

Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 5.

110

die wir von den hervorragenden Lehrern des Mittelalters
, wenn zumeist auch nur in handschriftlicher
Form, besitzen. Von 32 Pariser und von 2 Oxforder Magistern
teilt er die unter ihrer Leitung abgehaltenen
Quocllibeta mit, allerdings nur soweit, daß die dabei aufgeworfenen
Fragen abgedruckt werden. Nur ein Quodlibet
, das besonders lehrreich für den Gang der Erörterungen
ist, das von dem Verf. dem Dominikaner Wilhelm
de Magno Saltu zugeschrieben wird, ist in vollem
Umfang wiedergegeben (S. 307—347). — Dem Abdruck
der langen Reine von Quästionen sind zwei sehr anregende
Abhandlungen über den Aufbau und die Bedeutung
der Quodlibeta vorangeschickt. Ich stelle die
Hauptresultate dieser Darlegung kurz zusammen. Es
handelt sich um große akademische Veranstaltungen, zu
deren Abhaltung die Magister wenigstens ein Mal im
Jahr, in der Zeit vor Weihnachten oder vor Ostern, verpflichtet
waren. Weite Kreise der Universität und des
Klerus pflegten sich an ihnen zu beteiligen. Jeder Anwesende
konnte Fragen stellen mit oder ohne Begründung
. Die Diskussion war frei. Gegen die Fragen und
deren Begründung traten Opponentes auf, die Gegengründe
geltend machten. Ein Respondens, der Bacca-
laureus ist (nach den Statuten von Bologna ein Bacha-
larius actu legens), bemüht sich die Fragen, bzw. die
Gründe für und wider sie, zu ordnen und zu beantworten.
Wie es scheint, kommen auch mehrere Respondentes für
die verschiedenen Fragen zum Worte. Vor allem aber
leitet und ordnet der Magister selbst den Gang der Erörterung
. Das ist der erste der Disputatio gewidmete
Tag. Am zweiten, bald darauf folgenden Tage findet die
Determinatio statt. Sie wird von dem Magister allein
ausgeführt. Er versucht in der Regel einen gewissen Zusammenhang
zwischen den bunt zusammengewürfelten
Fragen herzustellen und innerhalb dieses Rahmens eine
positive, begründete Antwort auf die Fragen zu geben,
indem er zugleich die für und wider sie vorgebrachten
Gründe erörtert. Diese Darlegungen sind um so wertvoller
, als sie von Männern in Amt und Würden herrühren
, und nicht wie ein guter Teil der uns überlieferten
Sentenzenwerke von Anfängern in dem akademischen
Lehramt. Später allerdings scheint die Rolle der Anfänger
bei diesen Disputationen, da die Beteiligung an
ihnen zur Erlangung der Lizentiatur notwendig war,
stärker in den Vordergrund gerückt zu sein, wie etwa die
zweite Redaktion der Pariser Statuten es erkennen läßt
(S. 12f.).

Ein genaues Studium der Quodlibeta verspricht
allerdings, wie Glorieux an verschiedenen Beispielen
nachweist, einen nach vielen Seiten interessanten Beitrag
zur mittelalterlichen Geistesgeschichte. Zeit- und Streitfragen
dogmatischer, moralischer, philosophischer Art,
aber auch Fragen kirchenpolitischen und politischen
Charakters werden aufgeworfen. Sie gewähren nicht nur
sichere Anhaltspunkte zur Zeitbestimmung der Disputationen
und des Lebens der betr. Lehrer, sondern sie eröffnen
auch wichtige Einblicke in den Interessenkreis
der Zeit und in die geistige Atmosphäre der Universität.
Dazu kommt die Beleuchtung, welche die Eigenart der
determinierenden Lehrer und das enzyklopädische Wissen,
über welches sie verfügten, erfährt. Wenn wir erst einst
die Quodlibeta in kritisch gesicherten Ausgaben besitzen
werden, wird sich sicherlich eine nicht geringe Anzahl
neuer Erkenntnisse aus diesen Quellen ergeben, die sich
nicht nur für das Verständnis der Theologie und Philosophie
des Mittelalters sondern auch für seine Kulturgeschichte
als fruchtbar erweisen werden. Man sehe
etwa die (gedruckten) Quodlibeta des Heinrich von Gent
unter diesen Gesichtspunkten an. Es sind freilich noch
Arbeiten von größten Dimensionen zu leisten, ehe wir
an diese Ernte werden gehen können. Einstweilen sind
wir aber dem Verf. dankbar für die hingebende und anregende
Arbeit, die er an den gewaltigen Stoff gewandt
hat. Schon die sechs Jahrzehnte, welche dem Zeitalter
des Thomas von Aquino folgten, bieten eine Fülle

mannigfacher Erkenntnis dar, ohne daß der Verf. behauptet
, das gesamte Material aus diesem Zeitraum
auch nur für Paris unter Dach und Fach gebracht zu
haben.

Bcrlin-Halensce. R Seeberg.

Dempf, Alois: Die Hauptform mittelalterlicherWeltanschauung.

Eine geisteswissenschaftl. Studie iibeT die Summa. München: R.
Oldcnbourg 1925. (VII, 179 S.) 8°. geb. Rm. 6.50.

Ich gestehe, daß ich aus diesem Buche nicht recht
klug geworden bin. Deutlich ist mir aber geworden, daß
es arif eine Empfehlung der mittelalterlichen Weltanschauung
hinaus will. „Für die religiöse Sehnsucht
der Zeit gibt es unseres Erachtens keinen besseren Rat,
als sich vertraut zu machen mit der weiten Welt
Anselms, Hugos, Bonaventuras und des Aquinaten (samt
ihren Voraussetzungen in der Patristik), dessen Summa
als abschließende Leistung einer Epoche intensivsten,
religiösen und metaphysischen Denkens ihre Bedeutung
als Standwerk solange behaupten wird, bis eine neue,
anerkannte Konkordanz zwischen Offenbarung und
Philosophie gewonnen ist" (S. 175). Manchmal hat es
den Anschein, und darauf weist der Titel, als handle es
sich um eine Untersuchung über das Werden und Wesen
der Form, die sich die mittelalterliche Weltanschauung
in ihren summae theologiae und besonders in der summa
theologica des Thomas von Aquino gegeben hat; dann
aber wird wieder so viel dogmengeschichtlicher und
dogmatischer Stoff beigebracht, daß man denken könnte,
es handle sich um Darstellung der Herausbildung der
mittelalterlichen Weltanschauung oder der mittelalterlichen
Wissenschaft, als deren Höchstes die Summa des
Aquinaten erscheint. Diese letzte Auffassung entspricht
wohl am meisten dem Inhalt des Buches. Es teilt sich in
folgende Kapitel: I. Die eigenartige Form mittelalterlicher
Weltanschauung und Wissenschaft und ihre kulturphilosophischen
Gründe; II. Die Grundlage der scholastischen
Systematik in der Patristik; 1. Die klassische
Väterzeit; 2. Die altchristlich-griechische Scholastik;
3. Die altchristlich - lateinische Scholastik. III. Die
mittelalterliche Scholastik, 1. Die Rezeptionsmasse und
die traditionalistische Phase; 2. Die Konkordanzphase,
A. Die schöpferische Krisis und das erste Resultat; B.
Neue Rezeptionsmassen und Konkordanzaufgaben; 3. Die
systematische Phase. Schlußwort. Der Verf. meint, daß
der Gang der mittelalterlichen Scholastik, der in dieser
Disposition aufgezeigt ist, vorbildlich sein könne und
müsse für die Neubildung einer Synthese von Glauben
und Wissen, nach der die Welt verlange, ohne daß er
doch sagen könne, ob nochmals eine solche höchste
Einheit des gesamten Weltbildes erreicht werden wird
oder kann. Es heißt aber doch wohl dem künstlichen
Gebäude der Scholastik zuviel Kraft zutrauen, wenn man
die Heraufzüchtung dieser Künstlichkeit als vorbildlich
hinstellt für ein vielleicht erstrebenswertes, vielleicht nie
zu erreichendes Ziel. Man sollte sich aber doch nicht abhalten
lassen von der systematischen Behandlung der
Scholastik durch die Erwägung, daß uns noch nicht alle
nachgelassenen Werke der Scholastiker bekannt geworden
seien; alle neu aufgedeckten Werke, so wertvoll sie
sein mögen, zeigen uns doch immer wieder, daß wir über
die Scholastik schon sehr gut unterrichtet sind. Es ist
freilich wünschenswert, daß sie immer bekannter würde,
damit 'Überschätzung und Unterschätzung fern gehalten
werde. Vielleicht legt uns der Verf. noch einmal eine
Arbeit vor, die in etwas faßlicherer Form und schlichterer
Ausdrucksweise seine Gedanken wiedergibt.

In den Literaturangaben und im Druck machen sich
manche Flüchtigkeiten bemerkbar: S. 20: Hieronymus,
de viribus illustribus statt viris; ebendort Origines statt
Origenes (gewöhnlich aber richtig gedruckt); S. 34. 35:
yvaiaeog statt yvwoewg u. a.

Kiel O. Ficker.