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Ausgabe:

1926

Spalte:

92-94

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Treitz, Jakob

Titel/Untertitel:

Michael Felix Korum, Bischof von Trier 1840 - 1921. Ein Lebens- und Zeitbild 1926

Rezensent:

Foerster, Erich

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Tatsächlichkeit zu erheben ist und nicht a priori feststeht.
Troeltsch pflegte mit guten Gründen dieses Beziehungsverhältnis
zu betonen.

Zürich. W. Köhler.

Strasser, Fast. Lic. theol. Ernst: Die Taufe in der Geschichte
der deutschen evangelisch-lutherischen Mission. Leipzig:
J. C. Hinrichs 1025. (VII, 120 S.) gr. 8°. = Missionswissenschaftl.
Forschungen 4. Rm. 5—.

Wie bedeutsam der Gegenstand der vorliegenden
Schrift ist, kann etwa die begeisterte Anerkennung der
Taufpraxis einer deutschen lutherischen Mission durch
einen bedeutenden Ethnologen der Gegenwart lehren
(Neuhauß, Koloniale Rundschau 1911, S. 227). Der Verf.
hat uns eine auf äußerst fleißiger Durchforschung der
Literatur und der Missionsarchive beruhende, alles Notwendige
berücksichtigende Darstellung geschenkt. Richtiger
vielleicht: ein Bündel von Monographien über die
Dänisch-hallische, die Leipziger, Hermannsburger, Schles-
wig-Holsteinische und Neuendettelsauer Mission. Das
wiederkehrende Dispositionsschema „Die Zeit vor der
Taufe, der Vollzug der Taufe, die Zeit nach der Taufe
bis zum ersten Abendmahl" mit annähernd gleichlautenden
Unterabteilungen erinnert ein wenig an das Fächerwerk
eines wohlgeordneten Aktenschranks, hat aber
jedenfalls den Vorzug der Übersichtlichkeit und zeigt, wie
umfassend das Thema verstanden und behandelt wird.
Es ergibt sich für die behandelten Missionen eine gewisse
Mannigfaltigkeit: je nach der Stärke des pietisti-
schen Einschlags steigt oder sinkt die Betonung der
Bekehrung vor der Taufe, die Strenge gegenüber der
Kaste, der Beschneidung, dem Frauenkauf und der Polygamie
. Überwiegend ist aber bei weitem das Gemeinsame
: Wertung der Taufe als objektives, jedoch nicht
magisches Gnadenmittel, nüchterne, gediegene und vorsichtige
, nicht nach großen Zahlen haschende, aber auf
Kirchenbildung ausgehende Arbeitsweise, schonendes
Verständnis für die völkische Eigenart des Missionsob-
jekts. So wird die Arbeit ungewollt zu einem Ehrendenkmal
für die deutsche lutherische Mission. Sie wirft
auch für Dogmatik und Ethik, Katechetik und Liturgik
manches ab.

Eine Fortsetzung ist ihr dringend zu wünschen. Erst
im Rahmen des Genus läßt sich die Eigenart der Spezies
ganz erfassen. Ob freilich auf dem zunächst ins Auge
gefaßten Boden viel Neues zu erarbeiten sein wird,
ist mir fraglich. Die Untersuchung der Taufpraxis anderer
evangelischer Missionsgesellschaften deutscher Art
würde, wenn man von kleinen, meist ausländisch beeinflußten
Absplitterungen absieht, wahrscheinlich zu dem
Ergebnis führen, daß deutliche Unterschiede hier nicht
vorhanden sind, m. a. W. daß die Taufpraxis der gesamten
deutschen evangelischen Mission annähernd die
gleiche ist, je nach der Eigenart der betr. Gesellschaft
etwas mehr pietistisch oder objektiv-kirchlich, wesentlich
aber mild lutherisch. Den Nachweis hierfür quellenmäßig
zu erbringen wäre ohne Zweifel wertvoll, aber
schwerlich im Verhältnis zu der aufgewandten Mühe.
Nur durch immer mehr abkürzende Behandlung und
zweckmäßige Verweisungen würden sich, wie schon die
Stoffverteilung der vorliegenden Untersuchung ahnen
läßt, endlose Wiederholungen vermeiden lassen. Lohnender
erschiene mir die Aufgabe, die Taufpraxis der
deutschen evangelischen Mission im ganzen mit derjenigen
konfessionell und national anders bestimmter
Missionen zu vergleichen. Man lasse etwa das Bild auf
sich wirken, das ein so tüchtiger Missionskenner wie
Schmidlin (Missions- und Kulturverhältnisse im fernen
Osten) von der römischen Taufpraxis gegeben hat: in
Tokio unter 1413 Jahrestaufen 993 Taufen von Sterbenden
und nur 168 von überlebenden Erwachsenen, in
der Diözese Nagasaki mehr als ein Viertel der Getauften
Heidenkinder, dazu kein Wort der Kritik! Oder man
denke an die Revivaltaktik gewisser angelsächsisch-calvi-
nistischer Missionen, an den Versuch von Sendboten der

Afrika-Inland-Mission, lutherisch getauften Heidenchristen
eine nochmalige „Volltaufe" (durch Ganzunter-
tauchung) aufzudrängen und die Kindertaufe auch für
Christenkinder zu verweigern! Interessante Kombinationen
ergeben sich aus dem Zusammentreffen von
lutherischer Eigenart mit angelsächsischer Mentalität,
wie etwa bei den lutherischen Missionen Nordamerikas.
Hier sind wirklich charakteristische Unterschiede. Sie
durch quellenmäßiges Studium herauszuarbeiten ist, zumal
in einer Zeit, wo sich drüben hinsichtlich der Einstellung
zur völkischen Eigenart des Missionsobjekts eine
Umlagerung der Grundsätze vollzieht, ein lohnendes
Ziel. Freilich sind eingehende archivalische Studien für
diese Arbeit schwerlich möglich. Aber ist auch nur die
Literatur schon ausgeschöpft? Vielleicht erwägt der
Verfasser, ob er nicht in dieser Richtung weiterarbeiten
will.

Leipzig. Albreeht Oepkc.

Treitz, Pfr. Jakob: Michael Felix Korum, Bischof v. Trier
1840—1Q21. Ein Lebens- und Zeitbild. München: Theatiner Verla::
1925. (VII, 427 S. m. Taf.) gr. 8°. Pppbd. Rm. 12—; Hldr. 15—,

Die Biographic Korums will kein kritisches Geschichtswerk
sein, sondern ein warmgezeichnetes Lebensbild
für Verehrer, Freunde und geistliche Kinder (Vorwort
). Sic schildert den Bischof, zum Teil überschwenglich
, als Muster eines katholischen Bischofs. Dennoch
bietet sie Aufschluß über eine Reihe von Fragen, die der
Historiker zu stellen hat. Zuerst sucht man nach einer
Lichtung des Rätsels, das über die Berufung gerade
dieses Mannes auf den Trierer Bischofsstuhl liegt. Es
wird nicht voll gelichtet; im Gegenteil wird durch die
genaueren Mitteilungen über Herkunft, Jugend und
Werdegang des Berufenen noch rätselhafter, was die
preußische Regierung bewog, gerade ihn für die erste
Bischofsernennung in Aussicht zu nehmen, nachdem der
Entschluß gefaßt worden war, den Kulturkampf abzubrechen
. Denn Korum hat nie einen Hehl daraus gemacht
, Protestler und Alt-Franzose zu sein. Seine Muttersprache
war französisch, d. h. die Familie war entdeutscht
. Das Deutsche hat er erst auf dem Jesuitenkolleg
in Innsbruck beherrschen gelernt, und bis ans
Ende liefen ihm, zumal in der Erregung, Sprachfehler
unter. Die Familie hing von ganzem Herzen an Frankreich
und hoffte auf Wiedervereinigung des Elsaß mit
Frankreich. Der Abbe Korum war der französische
Domprediger an der Straßburger Kathedrale. Französische
Freunde empfahlen ihn als Koadjutor nach Metz,
welche Berufung an seinem persönlichen Widerspruch
scheiterte. Korum widerriet dem Straßburger Bischof
Raes die Einführung einer Fürbitte für den Kaiser in
den Gottesdienst. Als seine Kandidatur für Trier auftauchte
, wandte sich Korum an den Papst mit der
dringenden Bitte, von ihm abzusehen. Das war nicht
bloß konventionelle Demuts- und Unwürdigkeits-
bezeugung, sondern offen mit seiner französischen Einstellung
motiviert. Er fürchtete den Vorwurf des Verrats
von seinen französischen Freunden, wenn er ein
preußisches Bistum annähme. In welch entsetzliche Lage
würde er kommen, wenn ein Krieg zwischen Frankreich
und Deutschland ausbräche! Man kann gewiß
nicht sagen, daß Korum sein Franzosentum verleugnet
oder versteckt hätte; ebensowenig seine extrem ultramontane
Stellung in allen Kirchenrechtsfragen. Was
also bewog Bismarck, diese Kandidatur so bereitwillig
anzunehmen, nachdem sie vom Papst angeregt worden
war, und ihr alle Widerstände, auch bei dem Kaiser,
sogar ziemlich listig, aus dem Wege zu räumen? Die
Rolle, die der Statthalter von Manteuffel dabei gespielt
hat, ist nicht durchsichtig. Es scheint, als ob er Korum
anders geschildert hätte, als dieser war und als er ihn
kennen " mußte. Feststeht, daß Manteuffels Tochter
schwärmerisch über Korum nach Rom geschrieben hatte;
das mußte an der Kurie den Eindruck machen, er werde
persona grata sein. Sehr einleuchtend ist aber auch