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Ausgabe:

1926

Spalte:

617-619

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Möhler, Johann Adam

Titel/Untertitel:

Die Einheit in der Kirche oder das Prinzip des Katholizismus, dargestellt im Geiste der Kirchenväter der 3 ersten Lahrhunderte 1926

Rezensent:

Schmidt, Kurt Dietrich

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gezeigt. In der Durchführung der Dialektik der Gottesidee
hätte dabei noch schärfer zugegriffen werden
dürfen; hier hat Hirsch inzwischen weitergeführt.
Wie stark die Frage nach der Möglichkeit eines gegenseitigen
Personverhältnisses zu Gott bei Fichte hervortritt
, zeigt H.s Darstellung deutlich (188. 192. 198. 200.
212). — Für die spätere W.-L. fordert er mit Recht eine
besondere Gesamtdarstellung, der eine sondernde Analyse
ihrer einzelnen Fassungen vorauszugehen hätte.
— Auf eine Kritik der W.-L. ist mit gutem Grund verzichtet
, soweit sie nicht für die genetische Darstellung
nötig war. Doch treten die Aporien und Endprobleme
für den Mitdenkenden von selbst heraus. Erwünscht
wäre ein Hinweis darauf, daß die Fichte'sche Zurück-
führung der ganzen „transzendentalen" Frageart auf das
Problem des Handelns eine ontologische Stellungnahme
(in neuem Sinn!) voraussetzt, und daß dies bewußt
aufgenommene Wirklichkeitsmoment keine Trübung des
transzendentalen Gedankens, sondern seine Vollendung
sein will. Beides: die streng transzendentale Haltung
und der Wirklichkeitscharakter der W.-L. tritt bei H.
stark hervor; gewöhnlich sieht man hierin einen Widerspruch
, der Fichte völlig entgangen sein soll. Daß jedoch
der so ganz an den ursprünglichen Handlungsweisen
des Geistes orientierten W.-L. die grundlegende
Beziehung auf die Systematik der Geisteswissenschaften
trotz fruchtbarer Ansätze doch im ganzen fehlt, wage ich
nicht mit H. (221) für einen Vorzug anzusehen; es war
doch verhängnisvoll, daß diese Orientierung fast im
ganzen nachkantischen Spekulieren unterblieb.

In der Lileraturauswahl dürfte Hirschs „Geschichte und Christentum
in Fichtes Philosophie" (1921) nicht fehlen, da für das Ganze
des Fichteverständnisses bedeutsam. Auch die kritische Ausgabe der
Rechtslehre von 1812 durch Hans Schulz (1920) war als verheißungsvoller
Anfang nennenswert. — S. 119, Z. 14 v.o. 1. „realen" statt
„idealen". S. 156, Z. 150 u. 1. „zu nehmenden". S. 181, Z. 13 v. o. I.
„können", S 223, Z. 9 v. u. (Anfang der Zeile) 1. 1810 statt 1812.
Besigheim (Württ.) R. Paulus.

Möhler, Johann Adam: Die Einheit in der Kirche oder das
Prinzip des Katholizismus, dargest. im Geiste der Kirchenväter
der 3 ersten Jahrhunderte. (Text d. Urausg. m. Nachträgen aus d.
Manuskripten. Bearbeitet v. E. ,J. Vierneisel. 1. u. 2. Tsd.)
Mainz: Matthias-Grünewald-Verl. (Auslfg. bei H. Rauch, Wiesbaden
) 1925. (XVI, 365 S. m. e. Bildnis.) gr. 8°. = Deutsche
Klassiker d. kathol. Theologie aus neuerer Zeit, Bd. 2.

geb. Rm. 12—.

Möhlers „Einheit in der Kirche" ist 1825 zuerst
veröffentlicht. 1832 erfolgte ein unveränderter Neudruck.
Daß das Werk jetzt wieder zugänglich gemacht wird, ist
zu begrüßen. Einmal ist es als Erstlingswerk für eine
intimere Kenntnis des Verfassers ungemein wichtig. M.
hatte als Katholik in Göttingen und Berlin unter protestantischen
Theologen (Schleiermacher) studiert, aber
dann innerlich zur katholischen Kirche zurückgefunden.
In seinem Erstlingswerk setzt er sich nun mit den
Gegnern auseinander; den Gegnern, deren Nachwirkung
auf ihn man docfi noch auf Schritt und Tritt spürt.
Außerdem aber beanspruchen alle Einheitsfragen heute besonders
lebhaftes Interesse, und das Verständnis für ihre
Probleme kann, wie die Stellungnahme dann auch erfolgen
mag, nur gewinnen, wenn man einmal ein solches
Buch wie das Möhlers hat auf sich wirken lassen. Hinzu
kommt, daß kein einfacher Neudruck vorliegt, sondern
daß der Bearbeiter Studien in den Handschriften Möhlers
für die Neuausgabe nutzbar gemacht hat und zwar in
folgender Form: Er bietet zuerst, abgesehen von Druckfehlerberichtigungen
, den unveränderten Text der ersten
Ausgabe mit den Zusätzen. Jedoch sind die Anmerkungen
, die M. jeweils am Schluß der einzelnen Paragraphen
brachte, am Schluß des ganzen Textes zusammengestellt
, „dem Leser zulieb". Mir wäre allerdings, wenn
schon einmal geändert wurde, ihre Versetzung an den
Fuß der einzelnen Seiten lieber gewesen. Sonst sind die
Anmerkungen unverändert geblieben, nur ist den fremdsprachlichen
Zitaten in einer Klammer die deutsche

Übersetzung beigegeben. Der erste Teil bietet also nichts
als den Text der Ausgabe von 1825. Ihm folgen dann
auf S. 317—348, also nicht sehr stark an Umfang, Nachträge
aus den Manuskripten. Durch ein f im Text ist
jedesmal bezeichnet worden, wo sie einzuschieben sind.

Trotz dieser Bereicherung unserer Kenntnis, die
die neue Ausgabe bringt, hat nach meiner Ansicht ein
| Unstern über ihr gewaltet. Nicht ins Gewicht fallen
| einige Kleinigkeiten, z. B., daß die neue Rechtschreibimg
I durchgeführt ist, das fällt nur auf, weil V. in dem
j griechischen Text der Anmerkungen sklavisch Möhlers
I Schreibart beibehalten hat, indem er nicht nur die Akzente
wie dieser wegließ, sondern sogar dastmmit dem be-
kannten heute nicht mehr gebräuchlichen Zeichen schrieb:
! oder daß für diese Zitate nicht die Fundorte in heute
gebräuchlichen Ausgaben angemerkt sind. Das wäre
j möglich gewesen, da die Beigabe der deutschen Über-
I setzung doch den unveränderten Abdruck beseitigte.
' Unangenehmer ist schon, daß die Seitenzahlen der ersten
' Ausgabe nicht im Text oder am Rande angegeben sind.
! Entscheidend ist jedoch die Behandlung der Nachträge
selbst. V. sagt, daß er längst nicht alles, was die Hand-
| schritt bot, aufgenommen hat. Nur Gedanken, die nicht
i oder nicht in so scharfer Fassung im Text stehen, sind
| mitgeteilt. Er glaubt zu diesem Verfahren berechtigt zu
! sein, weil er seine Aufgabe nicht als eine philologische,
sondern als eine „theologische" ansah. Wann wird
bloß die Erkenntnis endlich durchdringen
, daß man gerade mit der peinlichsten
philologischen Ausgabe auch der theologischen
Forschung den besten Dienst leistet
! Was aus einer solchen Ausgabe der „Einheit"
vielleicht (ich kenne ja die Handschriften im ganzen
nicht) hätte werden können, dafür bietet das Nachwort
wenigsten einen Fingerzeig. M. beginnt den § 67 (S.
171) mit den Worten: „Ob der Primat einer Kirche zur
Eigentümlichkeit der katholischen Kirche gehöre, war
mir sehr lange zweifelhaft; ja, ich war entschieden, es
zu verneinen, denn die organische Verbindung aller Teile
zu einem Ganzen, welche die Idee der katholischen
Kirche schlechthin erheischet und sie selbst ist, schien
durch die Einheit des Episkopats, wie es bisher entwickelt
wurde, völlig erreicht; auf der andern Seite ist
es augenfällig, daß die Geschichte der drei ersten
Jahrhunderte sehr karg ist an Stoff, der allen Zweifel
geradezu immöglich machte. Allein eine freiere, tiefere
Betrachtung des biblischen Petrus und der Geschichte
, ein lebendiges Eindringen in den Organismus
: der Kirche, erzeugte in mir mit Notwendigkeit seine
Idee". Das Nachwort des Bearbeiters (S. 356) zeigt,
I daß M. ursprünglich geschrieben hatte: „Ob der Primat
| einer Kirche zur Eigentümlichkeit der katholischen
Kirche gehöre, war mir aus historischen Gründen
sehr lange zweifelhaft", und ferner, daß das „des
biblischen Petrus" am Schlußsatz meines Zitates
ursprünglich gefehlt hatte. Das erfahren wir so nebenbei
. Die Nachträge erwähnen von den Änderungen
nichts. Die Mitteilung zeigt uns aber, was aus der Ausgabe
hätte werden können, wenn der Bearbeiter seine
vorhandene philologische Schulung nicht verleugnet
hätte. Wir haben so selten das Glück, Handschriften zu
besitzen. Warum enthält man uns sie da, wo wir sie
haben, auch noch vor, zumal die Geldfrage hier keine
hindernde Rolle gespielt hat, denn das Buch ist glänzend
ausgestattet!

Der Mangel ist umso bedauerlicher, als die „Einheit
" auf Grund eines Abkommens in der Arbeitsgemeinschaft
katholischer Verleger in eine von anderer Seite geplante
vollständige Mönlerausgabe nicht mit aufgenommen
wird. Umso eher hätte man eine nach allen
Seiten hin befriedigende Ausgabe erwarten dürfen.
Auch wenn die Aufgabe der Sammlung katholischer
Klassiker nicht eine streng wissenschaftliche sein mag,
halte ich die geäußerten Bedenken aufrecht. Die katholischen
Frommen hätten an weiteren Zusätzen und Fuß-