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Ausgabe:

1926 Nr. 2

Spalte:

41-43

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Murawski, Friedrich

Titel/Untertitel:

Das Geheimnis der Auserwählung 1926

Rezensent:

Loofs, Friedrich

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Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 2.

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Ganzen bringt es mit sich, daß die Darstellung sich
häufig überschneidet. Manche Züge werden mehr als
einmal abgeleitet, anderes steht unausgeglichen nebeneinander
und wichtige Züge des russischen Charakters,
wie die Neigung zum breiten Leben und die eigentümliche
Mischung von Gutherzigkeit und Grausamkeit
fallen ganz zu Boden oder werden nur höchst gezwungen
erklärt.

Die Gründe dafür liegen tiefer als bloß in der
Künstlichkeit der Anlage. Der ganze Versuch, den Charakter
des nissischen Volkes rein aus seinen Schicksalen
abzuleiten, beruht schon auf einer Täuschung. So gewiß
das Schicksal den Menschen formt, so gewiß kommt es
auch darauf an, welcher Art der Mensch ist, und wie er
das Schicksal aufnimmt. Tatsächlich kann N. gar nicht
umhin, trotz seiner entgegengesetzten Versicherung,
immer wieder heimlich gewisse Züge aus der natürlichen

es wenigstens unerwähnt, während er mit leichtem
Fluge über die Schwierigkeit hinweggleitet, auf die
schon alte Überlieferung ihn stieß, d.i. über den Widerspruch
der Sätze, daß „das Universum als kontingentes
einen Anfang gehabt haben muß" und daß doch „der
Ausdruck, daß Gott die Welt ,von Ewigkeit' geschaffen
habe, haltbar ist, solange man an der realen Koexistenz
festhält" (S. 39). Und bei dem zweiten großen Problem,
mit dem Verfasser sich beschäftigt, der Auswirkung des
göttlichen Heilsrats in der Zeit, wird kein evangelischer
Theologe der nachrationalistischen Zeit so ungeschminkten
Synergismus vertreten können, wie Vf. es tut, geschweige
denn seine Exegese mitzumachen vermögen (vgl.
S. 55 zu Act 13, 48: „es glaubten zum ewigen Leben, so-
viele vorhergeordnet, d. h. disponiert waren; man darf
wohl zwischen ,waren' und ,zum' ein Komma einschieben
").

Veranlagung des Russen — Anpassungsfähigkeit, kunst- ; Dennoch ist die Dissertation lehrreich. Lehrreich
lensche Begabung, Ungeduld, Streben nach dem äußersten j fur die Symbolik und die Dogmengeschichte. So völlig
Radikahsmusu.s. w. — unter der Hand einzuschmuggeln. j j<ann ein katholischer Theologe in einer Doktor-Disser

Dazu kommt, und das scheint mir noch schwerer zu
wiegen, daß bei der Zergliederung dem Religiösen nirgends
die gebührende Aufmerksamkeit gewidmet wird.
Das Kapitel, das vom Christentum handelt, bewegt sich
ganz an der Oberfläche. Später wird gelegentlich manches
noch nachgetragen, aber ohne daß das Versäumnis

tation, die eine Fakultät angenommen und die Zensur
mit ihrem „Imprimatur" versehen hat, über Augustin
hinaus sein! Der Akt der Prädestination verflüchtigt
sich sub specie aeternitatis zur „übernatürlichen Wirksamkeit
Gottes nach außen" (S. 47 u. 63; vgl. S. 10:
„die natürliche Ordnung untersteht der Vorsehung, die

wirklich behoben wird. Und doch laßt sich die Seele i übernatürliche der Prädestination oder Auserwählung");

des Russen nicht schildern, wenn man dieses Innerlichste und wenn die Schwierigkeiten bei der Auswirkung der

und Wirksamste in ihr mißachtet. Das gilt von der Ver- j Prädestination wiederzukehren scheinen, „weil es Tat-

gangenheit und erst recht wieder von der Gegenwart. , sache ist, daß manche Seelen nicht das letzte Ziel er-

Gerade heute ist dies die entscheidende Frage: wird es
gelingen, dem Russen die Religion aus dem Herzen zu
reißen oder wird der Marxismus auch an dieser Stelle
sich zu Zugeständnissen entschließen müssen?

reichen" (S. 48), so weiß Verf. auch da Rat. Denn er
stellt erstens fest, daß Gott jedem, auch „Heiden und
Juden, Irrgläubigen und andern der Art" (S. 51; nach
Alexander VI IL, Denzinger" Nr. 1162) „hinreichende

Endlich noch zwei Kleinigkeiten. Daß auch N. die j Qnade" gibt — es ist ja irrig zu meinen, daß extra
Franzoselei mitmacht, die auf ow und ew endigenden j ecclesiam nullaconceditur gratia (S. 51; Bulle Unigenitus,
Namen mit ff zu schreiben, ist verwunderlich; verwunder- j Denzinger« 1244) —, und gratia sufficiens und gratia
licher noch, daß S. 260 Hugo Grotius als Quäker be- j efficax sind innerlich gar nicht verschieden, ihre Unterzeichnet
wird. scheidung ist „nur einer denominatio extrinseca entBerlin
. Karl Holl. nommen" (S. 53), die Rücksicht nimmt auf den von der

--- : Freiheit des Menschen abhängigen Erfolg der gött-

Mura ws ki, Dr. theol. Friedrich: Das Geheimnis der Auserwählung. i liehen Gnadenwirkung (vgl. S. 52). Zweitens wird dar-
Eme spekulativ-theologische Untersuchung. Paderborn: F. Schö- | gelegt, es dürfe „als beinahe gewiß angenommen wer-
n.ngh g24. (74 s.) 8«. Rm. 2.40. , den> daß die weitaus größte Zahl der Menschen gerettet
i evangeliscnc' Dogmatiker aus dieser Freiburger i wird, und nur verschwindend wenig verloren gehen"
theologischen Doktordissertation für ihre systematische j (S. 61 f.). Den uns schwerwiegend erscheinenden Wider-
Arbeit positiv etwas lernen können, glaube ich nicht, j spruch zwischen diesem freundlichen Optimismus einer-
benon die Aufgabe der Theologie ist hier anders ver- seits, den Ansprüchen der „allein seligmachenden" Kirche
standen, als wir es zu tun vermögen. Die Theologie soll und dem Satz 17 des Syllabus von 1864 (Denzinger"
„gleichsam mit Gottes Augen Gott und Welt schauen" 1564) andrerseits wird der Verfasser, obwohl seine

(S. 22), „sich gleichsam auf den Standpunkt Gottes
stellen" (S. 24); und wenn im Laufe einer Untersuchung
sich scheinbar unlösliche Schwierigkeiten erheben, so
soll der „wissenschaftliche Theologe" seinen Gedankengang
aufs neue untersuchen und „nachdenken, ob Gott
wohl in dieser Frage ebenso denkt" (S. 24). Und bei
der „spekulativ-theologischen Untersuchung" selbst wird
die uns fremde Art des Theologisierens jedem evange-
hschen Theologen ebenso lebhaft zum Bewußtsein
kommen. Selbst wenn wir die Ikarusflügcl hätten für
den Hochflug der an Thomas anknüpfenden Gedanken
des Verfassers über die Ewigkeit Gottes und die reale
Koexistenz aller Zeitinhalte mit der Ewigkeit, uns
wurde doch unheimlich zu Mute werden in der Sonnennahe
. Denn uns würden Bedenken darüber kommen,
wie diese Auffassung der Ewigkeit als der alle
buccession in Gott ausschließenden Zeitlosigkeit, bezw,
a s der eine „reale Relation Gottes zu den Geschöpfen"
als „unvollziehbar" (S. 38) hinstellenden Einfachheit
und Unveranderlichkeit Gottes, sich - ich will nicht
sagen zu dem Gebetsleben der Christen, denn da kommt
man aus mit einer relatio secundum rationem, inquantum
creaturae referuntur ad deum (Thomas, summa theol.
„J ' V-t w ~r zur 01"thodoxen Lehre von der incar-
natio verhalt. Verfasser sieht dies Bedenken nicht, läßt

intellektuelle Ehrlichkeit aus seinen Ausführungen nicht
minder deutlich herausscheint wie seine herzliche Freude
über die glückliche Lösung des die Seelenruhe störenden
Prädestinationsrätsels, vermutlich ebenso leicht aus dem
Wege räumen, wie den zwischen der freundlichen Annahme
inbezug auf die ungetauft sterbenden Kinder:
„daß Gott auch diesen auf einem nicht-geoffenbarten
Wege den Zugang zur übernatürlichen Seligkeit eröffnen
wird", mit der entgegenstehenden Definition des
Florentinum (Bulle Laetentur coeli, Denzinger" 588).
— Mit der gleichen Fähigkeit, alles zum Besten zu
kehren, würde der Verf., den des „begnadigten Menschen
" „feste Zuversicht, die fast eine Gewißheit (dies
Wort recht verstanden!) ist" (S. 64), der abgewiesenen
„lutherischen Heilsgewißheit" (S. 55) in gewisser Weise
nahe bringt, vielleicht auch der Schrift Luthers de servo
arbitrio gerechter werden können, als es ihm bisher gelungen
ist (S. 15), — wenn er sich ernstlich fragte, ob
die Annahme, daß „die habituelle Gnade jedem Menschen
ohne Ausnahme zur Verfügung steht" (S. 50), und
daß „die Ungleichheit des Erfolges der übernatürlichen
Wirksamkeit Gottes allein im freien Willen des
Menschen begründet" sei (S. 53), auch denen gegenüber
haltbar ist, die in einer nicht selbst erwählten Umwelt
der Sünde aufwachsen und der Freiheit zum Gut-