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Ausgabe:

1926

Spalte:

573-574

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Blanckmeister, Franz

Titel/Untertitel:

Franz Dibelius. Ein Leben im Dienst der Kirche 1926

Rezensent:

Meyer, Philipp

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Seite 1

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Teil das Werk des 1912 verstorbenen D. Martin Kahler
selbst. Nur rund 50 Seiten entstammen den Händen der
zuerst Genannten („Das tiefe Tal 1867—78" von Walt.
Kahler, und „Der Weg zur Höhe" 1879—1912 von
Anna K.) und ergänzen in pietätvoller Weise mit den
nötigsten Strichen das Lebensbild des Vaters. Alles
Übrige hat M. Kähler selbst geschrieben.

Seite 1—234 enthalten Kählers Erinnerungen bis
ans Ende seiner Bonner Zeit 1867, S. 360—71 fügen
dazu einen kurzen Rückblick aus dem letzten Lebensjahr
, S. 285—359 bringen Gedichte, Aphorismen usw.
und Briefe von Kählers Hand.

In erster Linie werden M. Kühlers Schüler und
Freunde in seinen Bekenntnissen ein kostbares Vermächtnis
entgegennehmen, das ihnen den, zu Lebzeiten
Kählers so schwer erlangbaren Blick ins innerste Heiligtum
dieses in der Schule des Leidens geläuterten
Mannes verstattet. Mancher mag dabei erst erkennen,
wie der beruflich mächtige Zeuge von „der Leutseligkeit
unseres Gottes" bis zuletzt mit innerer Anfechtung
zu ringen hatte. Aber weit über den Kreis der Kähler
persönlich bekannt Gewordenen hinaus verdienen diese
Erinnerungen aus M. Kählers Hand gelesen zu werden.
Zwar, sie sind weder ein Kunstwerk psychologischer
Selbstanalvse — die „Selbstzerfaserung" verwarf K.
— noch ein Muster der biographischen Darstellung, noch
eine Fundgrube theologischer Charakteristik; aber sie
sind in jedem Wort das bedeutende Zeugnis einer
bedeutenden Lebensentwicklung, die
bei aller Individualität doch „exemplarisch" genannt
werden darf für eine Umkehr ohne „Bekehrung". An
Kählers Darstellung seines eigenen Werdens kann deshalb
die Glaubenspsychologie nicht vorübergehen. Sie
wird für sie um so wertvoller, als M. Kähler mit absoluter
Wahrhaftigkeit, ja mit einer ängstlichen Scheu vor
jeder Verzeichnung der seelischen Vorgänge und in vollendeter
Demut sein Leben beschreibt.

Eine Biographie im eigentlichen Sinne ist dies
Kählerbuch freilich nicht und will es nicht sein, aber
eine wichtige Etappe auf dem Wege zur Biographie
M. Kählers ist es doch. Möchte auch die Biographie
nicht ungeschrieben bleiben!

Basel. Gerh. Heinz e Im ann.

Blanckmeister, Franz: Franz Dibelius. Ein Leben im Dienst
ü". Kirche. Dresden: C. L. Ungelenk 1925. (240 S. m. Abb. u.
1 Titelb.) 8°. = Denkwürdigkeiten aus d. Kirche d. Sachsenlandes
, Bd. 1. geb. Rm. 5—,
Franz Dibelius, der letzte in der bedeutsamen Reihe der
sachsischen Oberhofprcdigcr, ist 1847 in Prenzlau in der Uckermark
geboren. Seine Familie stammt aus Pommern. Er ist also
Altpreuße von Geburt und gehörte der unierten Kirche an. Auf der
Universität Berlin, die er 1865 bezog, scheinen Twesten, Hengstenberg
, Steinmeyer, Büchsel und Kögel besondern Einfluß auf ihn geübt
zu haben. Das philosophische Doktorexamen absolvierte er.
Nachdem er den Krieg 1870/71 als Felddiakon miterlebt hatte, finden
wir ihn 1871 als Hilfsprediger am Dom. Schon damals wurden
seine Predigten stark besucht. Zwei Jahre darauf geht er in die sächsische
Landeskirche über und wird Pfarrer an St. Annen in Dresden.
Damit beginnen die Jahre seines großen Wirkens und erreichen ihre
Höhe, als Dibelius 1883 als Pastor und Superintendent an die
Kreuzkirche berufen wurde. 1910 wurde er endlich Mitglied des
Landeskonsistoriums und Oberhofprediger. Der 20. Januar 1924 ist
sein Todestag, sein Amt hatte er schon 1922 niedergelegt.

Der Verfasser seines Lebensbildes gehört zu den ihm sehr
nahestehenden Amtsbrüdern und zu seinen unbedingten Verehrern;
daher konnte er nicht den genügenden Abstand gewinnnen, um die
Erscheinung des besonderen Mannes geschichtlich einzuordnen, zumal
der zeitliche Abstand ohnehin fehlte. Man könnte einwerfen
: „Dibelius war ein bedeutender Prediger, ist das nicht genug
, um ihn zu begreifen"? O, gewiß, er war ein bedeutender
Prediger und solche Prediger sind für sich zu verstehen. Aber er
war mehr. Wie möchte man das Überschießende zusammenfassen?
Ich knüpfe an ein Wort des Präsidenten Böhme am Grabe des Heimgegangenen
an. Böhme nennt ihn den „klaren Organisator, dessen
Spuren in der Landeskirche nicht vergehen". (S. 223). Das Organisieren
bestand nun darin, daß er die Arbeiten in die Gemeinden,
zunächst der Landeshauptstadt, dann des Landes einführte, die zur
Verselbständigung und Selbsttätigkeit der Gemeinden führen sollten.

Sein Ziel waren lebendige Gemeinden. Dem galt auch zum großeii
Teile seine Predigt. Dazu ist besonders kräftige Wortverkündigung
auch notwendig. Denn die lutherischen Landeskirchen setzen der
neuen Aufgabe einen stillen, ineist passiven Widerstand entgegen.
Auch Dibelius hat ihn erfahren. Viele Lutheraner sehen auch durch die
„Organisation der Gemeinde" das Eigentliche und Größte, die
Predigt des Worts gefährdet. Einem Prediger wie Dibelius, gegenüber
mußte solche Widerrede verstummen. Unter seinem Einfluß
beschloß der Kirchenvorstand von St. Annen sechs Wochen nach dem
Amtsantritt des neuen Pastors, den Kindergottesdienst einzurichten.
Der Kindergottesdienst — der möglichst jedes Kind in der Gemeinde
erreichen sollte und Helfer und Helferinnen werben, scheint Dibelius
dabei besonders wichtig geworden zu sein (S. 77ff ). Er hatte
seine Erfolge in Berlin schon kennen gelernt. Daneben fördert er
das kirchliche Vereinswesen, auch die Anstellung von Gemeindeschwestern
, den Gustav Adolf-Verein und was sonst damit zusammenhängt
, überall seine ganze Energie und Begabung mit der
Predigt und weitreichender Seelsorge einsetzend. So ist er der
stärkste Organisator der größten lutherischen Landeskirche in Deutschland
und wirkt mehrfach über ihre Grenzen hinaus.

Von diesem Standpunkt aus kann man Dibelius vielleicht ge-
I schichtlich begreifen. Aber keine Formel deckt die lebendige Per-
| sönlichkeit. Was und wie diese gewesen, mag man bei seinem Ver-
i ehrer Blanckmeister nachlesen, der übrigens vielleicht zuweilen zu
durchsichtig schreibt. In Sachsen wird man das noch mehr spüren
Immerhin ist seine Arbeit von dem angegebenen Standpunkt aus
gewürdigt, werlvoll.

Der Verlag hat es au gutem Druck und hübscher Ausstattung
nicht fehlen lassen.

Hannover. Ph. Meyer.

Tegeti, Doz. Einar: Moderne Willenstheorien. Eine Darstellung
u. Kritik. I. Teil. Uppsala: A.-B. Lundeipüstska Bokh. 1924.
(VII, 309 S.) gr. 8° = Uppsala Universitets Arsskrift 1924, 1

Tegens Studie hatte ich vorerst bei Seite gelegt in
der Erwartung des abschließenden Teils. Dieser läßt aber
! auf sich warten, und ich möchte das fleißige und scharf-
i sinnige Buch das nicht entgelten lassen. Das Willensproblem
ist ein so zentrales und die Theorien darüber
bis zur Gegenwart so divergent und widersprechend,
daß eine historisch vorgehende Monographie hier sehr
am Platze ist. Der vorliegende Teil führt bis zu Wundts
älterer Willenstheorie. Den Ausgangspunkt bildet Spencers
biologisches Verständnis des psychischen Prozesses;
hier wird der Wille als Idee der Bewegung oder richtiger
als Gesamtheit von Idee und Akt (ohne strenge Sonderung
des psychologischen vom physiologischen Element)
erfaßt und der ganze Motivationsprozeß dieser grundlegenden
Anschauung eingeordnet. Bei Bain werden die
Willensbewegungen durch Feelings charakterisiert, die
j die Bewegung auf einen Zweck hin (der nicht intendiert
zu sein braucht) dirigieren; die Rolle, welche im Willensleben
die Empfindungen spielen, wird eifrig hervorgehoben
. Ribot nimmt an der gleichen physiologisch-
assoziationspsychologisch orientierten Grundauffassung
des Willens teil. Im Unterschiede zu den Retlex-
bewegungen zeigt, wie er betont, die Willensreaktion
einen individuellen Charakter; vouloir, c'est choisir pour
agir. Diese Wahl ist nicht Ursache für irgend etwas, sie
j ist bloß ein Festhalten eines Faktums, ist das Wollen
I selbst. Damit kommt eine Koordination von realen Tendenzen
im Ichkomplex zustande, mit Handlung als Ergebnis
. Wahl und Wollen sind als ein gcl'ühlsbestimmter
| und dadurch effektiver psychischer Ichakt gedacht. Aber
I erst Lotze denkt, entsprechend seiner Auffassung der
J Seele als einheitlichen und realen Subjekts, den Willen
selbst als ein Vermögen von Freiheit und die Wahl,
als das eigentliche Wollen, ist ihm der Ausdruck für
die Ursprünglichkeit und Selbsttätigkeit der Seele. Die
Aktivität des Ich ist das konstitutive Element des
Willcnsbegriffs geworden. Damit ist das Wollen zu
einem Bewußtseinszustand von bestimmtem Charakter
geworden, der beschrieben werden kann, ohne in die
Physiologie hinüberzublicken. Diesen bewußten Akt zu
untersuchen, ist Sigwarts Programm für die Willensuntersuchung
; er scheidet streng zwischen dem Wollen
selbst und seinen äußeren Folgen. Drei Momente sind
zu unterscheiden: der Beschluß des Zweckes, der Be-