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Ausgabe:

1926 Nr. 23

Spalte:

572

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Döring, Woldemar Oskar

Titel/Untertitel:

Fichte. Der Mann und sein Werk 1926

Rezensent:

Thimme, Wilhelm

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Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 23.

572

Freiburger Diözesan-Archiv. Zeitschr. d. Kirchengeschichtl. Vereins
f. Geschichte, christl. Kunst, Altertums- u. Literaturkunde d. Erzbistunis
Freihurg m. Berücksichtigung d. angrenzenden Bistümer.
N. F. 26. Bd. Der ganzen Reihe 53. Bd. Freiburg i. Br.: Herder
& Co. 1925. (VII, 322 S. in. 6 Taf.) 8°. Rm. 6—.

Unter den acht Beiträgen ist von allgemeinerem Interesse die
Fortsetzung von A. Schnütgcn: ,,Der kirchlich-politische Kreis um
Franz Joseph Mone. Vornehmlich auf Grund des Mone-Bricfwechscls
im Karlsruher Generallandesarchiv." 1914 war der erste Teil erschienen
. Jetzt beschreibt H. die Beziehungen Mones zu dem seit Anfang
der vierziger Jahre zunehmenden katholischen Aktivismus, welcher
trotz der Zurückhaltung der theologischen Fakultät und des Domkapitels
in Freiburg eine Fresse ins Leben ruft. Mit dem Wunsch, für
die „katholischen Katholiken" (S. 27) wirksame Zeitungen zu erhalten
, geht Hand in Hand das Bemühen um eine katholische wissenschaftliche
Literatur; das Kirchenlexikon von Wetzer und Welte
und das Freiburger Diözesanarchiv sind im Werden. Aus ortsgeschicht-
liehen Studien sind vier Aufsätze erwachsen. J. Clauß, „Nckro-
logium und Grabschriften der Stadt Schlettstadt i. E.", bringt als
II. Teil die Grabschriften (1306—1781), teils noch vorhandene, teils
abgegangene, teils solche von Leuten, welche auswärts begraben mit
Schlettstadt irgend wie Beziehungen hatten (z.B. Butzer). Vgl. Th.
Lit. Ztg. 1925, S. 57. H. Oechsler, „Aemilian Hafner, der letzte
St. Gallisohe Regularpfarrer in Ebringen 1814—1824", zeigt, mit
welchen Schwierigkeiten die badisehe Regierung bei Übernahme der
kleinen Herrschaft zu ringen hatte und wie groß der Widerstand
gegen den Wessenbergianismur, mancherorts war. Eine Zusammenfassung
über die Anfänge seines Pfarrorts gibt W. Strohmeyer „Der
hl. Trudpert und die ersten Anfänge des Klosters St. Trudpert". Er
fußt auf Mone und Rieder, ohne die kritischen Ausführungen Haucks,
K.G. D.'s I. 2. Aufl. S. 329 zu berücksichtigen; für Rettberg schreibt
Str. S. 72 versehentlich Rettier. Str. nimmt an, daß Abt Erchenbald
815 schon wirkte und der Verfasser der Lebensbeschreibung sei, die bei
der Translation des Heiligen als Festschrift ausgegeben worden sei; und
diese sei die Grundlage aller anderen Handschriften, von denen Str. noch
fünf anführt. Von Wert sind die kurzen Notizen über de Verehrung
des Heiligen. Wertlos ist die series praepositorum der sagenhaften
Trudpertszelle; die Anfänge des Klosters erhellt die Annahme einer
solchen nicht. Was L. Heizmann über „die Marienwallfahrt in
Oberbiederbach bei Elzach" mitteilt, ist ein Beispiel für die Legendenbildung
noch in der Reformationszeit, zugleich ein kleiner Beitrag
zu dieser; nur hätte über die Geschichte des schon von Vierordt
I, 428 erwähnten katholischen Pfarrers Leonhard Meilinger, welcher
bei seiner Flucht das Bild im Stich ließ (aus Ottoschwanden),
näheres erforscht werden müssen. Sehr gründlich ist die „Geschichte
des kirchlichen Pfründewesens in der Reichsstadt Buchhorn" von
L. Baur. Das alte Buchhorn, heute Hofen, hatte eine alte Andreaskirche
, eine Eigenkirche der Udalrichinger, welche, vermutlich dem
Pantaleonskloster in Hofen inkorporiert, durch die Weifen an das
Kloster Weingarten kam. Der Name Buchhorn ging an die werdende
Reichsstadt, das heutige Friedrichshafen, über; die Andreaskirr he trat
hinter der in der Reichsstadt hochkommenden Nikolauskarelle immer
mehr zurück; diese erhielt im 14. und mehr noch im 15. Jh. zahlreiche
Pfründen und Stiftungen. Den verwickelten Rechtsverhältnissen
geht B. nach und setzt sich mit anderen Forschern wie G. Kallen,
V. Ernst, J. Zeller u. a. auseinander. Der lehrreiche Aufsatz gerät
allerdings zu sehr in die Breite. S. 242 ist ein Druckfehler: dem
Kapital von 290 fl. entspricht ein Zins von 14 fl. 30 Kr. Zur Konversionsliteratur
gibt Jul. Mayer im Zusammenhang mit seinen Alban
Stolz-Studien einen Beitrag: „Reinhold Baumstark und Alban Stolz"
unter Beigabe von 6 Briefen von Stolz und 3 von Baumstark. Auch
der Glaubenswechsel dieses Politikers und Schriftstellers bestätigt die
alte Erfahrung, daß die Abkömmlinge der Mischehen besondere
Neigung zur Konversion zeigen.

Horb. O. Bossert.

Weichelt, Hans: Zarathustra-Kommentar. 2., neub. Aufl.

Leipzig: Felix Meiner 1922. (366 S.) 8°. = Wissen u. Forschen.

Sohriften z. Einführung in d. Philos., Bd. 13. Rm. 6—; geb. 8—.
Als 13. Band der bekannten Schriftenreihe „Wissen und
Forschen" zur Einführung in die Philosophie hat W. seinen Zara-
thustra-Kommentar in 2. neubearbeiteter Auflage herausgegeben. Glänzend
und vollendet in der Art und Form einer fortlaufenden Darstellung
und tiefeindringend in die Seele Nietzsches und seine trotz
aller krankhaften Erscheinungen gewaltig-große Gedankenwelt, aber
auch sicher und gerecht im Urteil sowohl über seine, des Dichterphilosophen
, zeitüberragende Bedeutung als auch über die vielen —
allzuvielen, großen und kleinen, berufenen und unberufenen Kritiker,
die er gefunden — ist die Lektüre dieses Kommentars sozusagen ein
einziger und dauernder Genuß. Er bringt zunächst eine ausführliehe
Erklärung der einzelnen Zarathustra-Reden und Teile. Daran schließt j
sich eine eingehende Erörterung über dessen Vor- und Nachgeschichte. I
Die Entstehung des Zarathustra, die ersten Stimmen der Öffentlichkeit
und das Urteil der Freunde, Nietzsches eigene Stellung zu seinem j

Werk und die umfangreiche bis in die Gegenwart hineinreichende
N'literatur werden hier im Einzelnen genauer behandelt und gewürdigt
. Im 3. Abschnitt wird das Recht einer exegetischen Behandlung
des Zarathustra zu erweisen versucht und durch einen
doppelten, in. E. glücklichen Hinweis unterstützt, einmal durch den
Hinweis auf den Stil, der durch Koordination und Asyndese gekennzeichnet
geradezu auffordert, den logischen Zusammenhang aufzusuchen
, und dann durch den Hinweis auf die reiche Bildersprache,
deren Sinndeutung im einzelnen Fall eine begriffliche Erfassung nötig
macht. Auf die Kunstform und Schönheit der Sprache des Zarathustra
geht der 4. Teil des Näheren ein. Im 5. setzt sich W. mit
Vorgängern und Analogien des Z. auseinander: Zarathustra und
Zoroaster, Z. und die Griechen, Z. und die Bibel, Nietzsche und
Hölderlin — Jordan-Spitteler, um dann in den drei letzten großangelegten
Kapiteln: „Zarathustra-Nictzsche", „Der Obermensch" und
„Die Ewige Wiederkunft" Nietzsches schicksalsbedingte Lebenstragik
und Bewunderung hervorrufende heroische Größe in überzeugender
Weise und Klarheit herauszustellen.

Es gibt wohl wenige Bücher innerhalb der umfangreichen
Nietzscheliteratur, die wie dieser „Kommentar" die Kenntnis dieser
sonderbaren und doch wieder so wunderbaren Zarathustra-Schöpfung so
elegant und gründlich zugleich vermitteln. Was ihn darüber hinaus
so wertvoll und fast unentbehrlich macht, ist, daß er nicht nur mit
den Problemen bekannt macht, die sich an Nietzsche und insbesondere
an seinen Zarathustra knüpfen, sondern daß er ihnen auch nachgeht
und sie von einer hohen Warte aus ihrer Lösung zuführt. Jedem, den
es zum Wissen und Forschen über Nietzsche und seinen Zarathust-a
treibt, sei dieser Kommentar aufs wärmste empfohlen.

Lienen. O. Smend.

Döring, Prof. Dr. jur. et pbH. Woldeinar Oskar: Fichte. Der
Mann und sein Werk. Lübeck: Ch. Ooleman. (VIII, 220 S.) 8°.

geb. Rm. 5—.

Der Verf. entledigt sich seiner nicht leichten Aufgabe, in Fichtes
Philosophie einzuführen, mit bemerkenswertem Geschick. Nach einer
kurzen Darstellung seines Lebens und einer warm gehaltenen Würdigung
seiner Persönlichkeit gibt D. zunächst einen Überblick über
die Gedanken der Philosophen, mit denen F. sich zustimmend, ablehnend
und weiterführend auseinandersetzte, also vor allen Kants, aber
auch Spinozas, Reinholds, Jakobis. Dann folgt der Aufbau seines
Systems nach der theoretischen und praktischen Seite. Als gute Einleitung
in die Wissenschaftslehre dient die Vorlesung von 1810/11 über
die Tatsachen des Bewußtseins. Die Verschiedenheiten in den einzelnen
Fassungen der Wissenschaftsichre werden übergangen, doch
führt die sichere und aufhellende Darlegung in die Grundgedanken
sowie in die Terminologie F.'s tief hinein. Ich gestehe, daß ich es
kaum für möglich gehalten hätte, so ausgiebig F. selbst zu Worte
kommen zu lassen und doch auch Anfängern in der Philosophie
stets verständlich zu bleiben. Die Darstellung der Sittenlehre legt,
wie sichs gehört, Gewicht darauf, daß es dem Philosophen nicht
bloß um Deduktion der ethischen Prinzipien zu tun ist, sondern auch
eine für den Flausgebrauch geeignete Moral zu bieten, die nicht
lebensfremd, starr und gewaltsam, sondern nur stark und konsequent
ist und bequeme Kompromisse ablehnt. Den Mittelpunkt des Ganzen
bildet ein ausführlicher Auszug aus der „Bestimmung des Menschen",
die als Bibel des ethischen Idealismus gerühmt wird. Bei Entwicklung
der Religionslehre sodann sucht D. zu zeigen, daß F.'s Denken
über Religion, nachdem es über den reinen Kantianismus der Erstlingsschrift
hinausgewachsen war, keine wesentliche Wandlung mehr
durchmacht, daß also der Fichte der frühen Wissenschaftslehre mit
dem der Anweisung zum seligen Leben im Wesentlichen identisch ist.
Wozu ich bemerken möchte, daß wenn F. in der Wissenschaftsichre
von 1801 das reine Ich ein Sein, später Gott nennt, m. E. deutlich
die Wendung von der Transzendentalphilosophie zur religiösen Metaphysik
vollzogen wird, wodurch erst für echte Religion, wie sie sich
in der Anweisung zum seligen Leben ausspricht, Raum frei wird.
Recht sorgfältig werden schließlich dem Zweck der Schrift ententsprechend
F.'s rechts- und staatsphilosophische, sowie geschichts-
philosophische Gedanken und endlich seine berühmte Erziehungslehre
nachgezeichnet.

Vielleicht wäre es möglich und erwünscht gewesen, ohne den
Umfang des Buches wesentlich zu erhöhen, zwar nicht moderne
Fichte-Literatur zu berücksichtigen, wohl aber seine Philosophie zu
der seiner Zeitgenossen und der größten Philosophen vor und nach
ihm in Beziehung zu setzen. Zumal für Anfänger wirkt das ungemein
klärend.

Iburg. W. Thimme.

Kühler, Martin: Theologe und Christ. Erinnerungen u. Bekenntnisse
. Hrsg. von Anna K ä h 1 e r. Mit 5 Abb. Berlin: Furche-
Verl. 1926. (XV, 379 S.) gr. 8°. Rm. 10—; geb. 12—.

Dies Buch, das uns Anna Kahler u. D. Walt. Kahler
zu Weihnachten 1925 bescherten, ist zu seinem größten