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Ausgabe:

1926 Nr. 23

Spalte:

561-562

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Persson, Axel W.

Titel/Untertitel:

Staat und Manufaktur im römischen Reiche 1926

Rezensent:

Schur, W.

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661

Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 23.

562

Unterlassung, sondern nur der Unglaube an sie als göttliche Rechts-
forderungen. Für die Religiosität kann die szalät, die liturgische
Oottesdienstfcier, nicht anders eingeschätzt werden als etwa eine
Messe; man denke nur an die symbolisierend-verirrnerlichenden
Stationsgebete jedes einzelnen bei der vorbereitenden rituellen
Waschung.

Bert holet werde gedankt, daß er den Islam als ein auch
Gegenwartsproblem herausstellte.

Oieiien. R- Strothmann.

P e r s s o n , Axel W.: Staat und Manufaktur im römischen Reiche.

Eine wirtschaftsgcschichtl. Studie nebst e. Exkurse über angezogene
Götterstatuen. Lund: C. W. K. Gleerup 1923. (III, 143 S.) gr. 8°.
Skrifter utgivna av Vctenskaps-Societe ten i Luud 3.

P. hat sich die Aufgabe gestellt, an dem Beispiel der
Textilmanufaktur nachzuweisen, wie die sinkende Wirtschaft
des römischen Reiches vom 3. Jahrhundert an
mehr und mehr auf die staatskapitalistischen Zwangsformen
der ägyptischen Staatswirtschaft zurückgreift,
um in dem wachsenden Chaos wenigstens die notdürftigste
Ordnung zu erhalten. Er geht aus von einer
knappen Darstellung des ptolemäischen Textilmonopols
mit seinem Rohstoffablieferungszwang, seinen halbhörigen
, an die Werkstatt gebundenen Staatsarbeitern, deren
Arbeitsgerät Staatseigentum ist, und dem Verschleiß
durch ein System von Monopolpächtern. P.'s tiefschürfende
Forschung hat auf diesem schwierigen Gebiet
wesentlich zur Klärung des Sachverhalts beigetragen.

Die Römerherrschaft hat zunächst eine Lockerung
der Zwangswirtschaft gebracht. Eine Lizenzsteuer, welche
Weber und Tuchhändler zu entrichten haben, sichert
dem Staat seine feste Einnahme aus dem Textilge werbe,
ohne der Privatwirtschaft übermäßige Beschränkungen
aufzuerlegen. So bürgert sich auch in Ägypten der hellenistische
Großbetrieb mit Sklavenwirtschaft ein. Unter
den neuen Großbetrieben finden wir bald auch Staatsbetriebe
. Neben der Lizenzsteuer steht die Kleidersteuer,
die den Staat in den Stand setzen soll, die Beamten und
das Heer zu bekleiden. Sie kann in natura oder in Geld
entrichtet werden. Die Reichsentwicklung verläuft in
denselben Bahnen. Kleinhandwerk, Großbetriebe und
Staatsfabriken stehen neben einander. Eine Verbrauchssteuer
, die beim Händler eingezogen wird, sichert den
Staatsbedarf.

Der politische, wirtschaftliche und soziale Nieder-
bruch des 3. Jahrhunderts, der sich in einer ständig
zunehmenden Geldentwertung ausdrückte, hat alle diese
Verhältnisse revolutioniert. Das Steuersystem wird wieder
ganz auf Naturalien umgestellt. Die Lieferung der
vestis militaris wird den Gemeinden und innerhalb derselben
den Zwangsvereinen der Textilhandwerker auferlegt
. Der Arbeitermangcl, der sich aus dem Versiegen
des Sklavenzuflusses ergibt, führt auch hier wie auf dem
Lande zu Freiheitsbeschränkungen. Die Weber werden
an ihren Stand und ihre Werkstatt gebunden. Sie stehen
unter peinlichster Staatsaufsicht, die sich auf Qualität
und Quantität ihrer Arbeit erstreckt. So ist hier die volle
Parallele zur Entwicklung des Colonats gegeben, der auf
dem Lande gleichzeitig aus denselben Ursachen entstanden
ist.

Besonders wertvoll sind aber P.'s Untersuchungen
über die Rückkehr zur Geldwirtschaft, die durch die
diocletianische Münzreform angebahnt, aber erst gegen
die Mitte des 5. Jahrhunderts abgeschlossen wurde. Der
Staat hat in dieser Zeit seine eigenen Fabriken immer
leistungsfähiger gemacht. Gestützt auf ihre Lieferungen
und auf die Naturalsteuern, war er im Stande, die Preisbildung
zu beherrschen. Als er so weit war, konnte er
wieder feste Geldpreise einführen und den Geldwert
halten. Den inneren Zusammenhang dieser wirtschaftlichen
Entwicklung von einundeinhalb Jahrhunderten
hat P. schön enthüllt.

Für den Religionshistoriker ist von besonderem
Interesse der Exkurs über angezogene Götterstatuen. Die
Bekleidung der Götterbilder mit wertvollen Gewändern
ist ein altägyptischer Brauch, der zu der einzigen Durchbrechung
des ptolemäischen Textilmonopols den Anlaß
gegeben hat. Aber nach P.'s Zusammenstellungen war
die Sitte auch im vorhellenistischen Griechentum verbreiteter
, als man sich vorstellt. Der Ausgangspunkt
scheint bei den Xoana zu liegen, bei den urtümlichen
Holzidolen, denen erst durch Kleidung und Schmuck ein
menschenähnliches Aussehen gegeben werden mußte.
Die Sitte hat sich namentlich in den alten Kerngebieten
der kretisch-mykenischen Kultur, in Attika, in der Argolis
und auf Kreta, in besonderen Festbräuchen erhalten.
Vielleicht darf man hierin einen Fingerzeig für die
Herkunft des Brauches sehen. Wir würden dann eine
Wanderung von Ägypten über den minoischen Kulturkreis
zu den Griechen der mykenischen Zeit anzunehmen
haben. So ist die religionsgeschichtliche Ausbeute der
schönen Arbeit neben ihrem wirtschaftsgeschichtlichen
Hauptwert auch nicht unbeträchtlich.

Breslau. W. Schur.

D o I d , Benediktiner P. Alban, u. Prof. Dr. Anton Baumstark: Das
Pallmpsestsakramentar im Codex Augiensis CXII. Ein

Meßbuch ältester Struktur aus dem Alpengebiet. Mit Anhang: Zwei
altfränkische Gebete aus Codex Aug. CCL1II. Leipzig: O. Harr.is-
sowitz 1925. (LX, 40 S.) gr. 8°. = Texte" und Arbeiten, hrsg.
durch d. Erzabtei Beuron, 1. Abt., Heft 12. Rm. 6—.

Der Text des Sakramentarfragments, der in dieser
Arbeit durch den verdienten Leiter des Beuroner Pa-
limpsestinstitutes erschlossen wird, umfaßt Meßformu-
lare für die Zeit von der Weihnachtsvigil bis zum
Taufordo am Karsonnabend. Das Sakramentar ist darum
besonders interessant, weil es drei Schichten erkennen
läßt: eine erste, die von der Zeit der Weihnachtsvigil
bis zum festum d. Februarii reicht und inhaltlich
ein „Gelasianum fränkischer Rezension" darstellt
, für dessen Hauptvertreter der von K. Moniberg
edierte Cod. Sang. 348 angesehen wird. Die zweite
Schicht reicht vom nat. s. Agathae bis zur Dom. VI. in
Quadragesima und enthält offenbar gregorianisches Gut.
Die Gebetetexte der dritten Schicht, die den Rest des
Fragmentes umfassen, enthalten gelasianische Formulare
. — Über diesen Zustand berichtet der Herausgeber
P. Alban Dold im ersten Teil seines Buches und sucht
im weiteren durch die Einzeluntersuchung der Formulare
und Feste Bausteine zur überlieferungsgeschichtlichen
Bewertung des Sakramentars zusammenzutragen. In der
ersten Schicht glaubt er auf Grund des Vergleichs mit
den Beständen des Cod. Sang, „eine im wesentlichen
auf Rom zurückgehende Ordnung der Formulare" erkennen
zu können. Die geringe Zahl der Heiligenfeste in
der Zeit nach Weihnachten und eine eigenartige Knapp-
! heit im Fasttagesystem sollen „für eine merkwürdig
j altertümliche Struktur" des Sakramentars sprechen. Die
Untersuchung der Schrift deutet auf das letzte Drittel
j des 8. Jahrhunderls. Die dritte Textschicht, die zwar
j gelasianischen Formelbestand enthält, der aber zu
! Zwecken der Kindertaufe umgestaltet ist, wird als Grundstock
des Sakramentars angesehen. Infolgedessen kann
j Dold über die Herkunft des gregorianischen Gutes der
| zweiten Textschicht und seine Beziehungen zu den ande-
| ren beiden Schichten keine Aussagen machen und gibt
damit unfreiwillig die Erfolglosigkeit seiner vergleichenden
Untersuchungen zu.

A. Baumstark, der gelehrte Kenner der Litur-
! gie, behandelt im zweiten Teile des Buches die liturgie-
j geschichtliche Stellung des Sakramentars. Er nimmt
die Frage des Verhältnisses von Gregorianum, Gelasianum
und Leonianum erneut auf. Dabei kommt er zu
einem doppelten Ergebnis: einmal leugnet er die Existenz
eines alten römischen Gelasianum. Das Gelasianum
soll „mindestens seine vorliegende Gestalt" „erst' auf
dem Boden des Merowingerstaates selbst erhalten
haben". Zum zweiten will er das Gregorianum, in der
Form wie es von Hans Lietzmann als „Aachener Ur-
exemplar" festgestellt worden ist, aus einem viel reicheren
älteren Gregorianum entstanden sein lassen, dessen
Überschuß im Alcuinschen Anhang erhalten ist. Als