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Ausgabe:

1926 Nr. 23

Spalte:

560-561

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bertholet, Alfred

Titel/Untertitel:

Die gegenwärtige Gestalt des Islams 1926

Rezensent:

Strothmann, Rudolf

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Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 23.

560

5 f.). Wenn der Verf. dabei mich selbst als Vertreter
der Auffassung des Psalters als Gesangbuch für den
Kultus des zweiten Tempels anführt, so darf ich wohl
darauf hinweisen, daß ich in dem zitierten § 153 meiner
Einleitung in das A. T. den Psalter als das Gesangbuch
bezeichne, das „im Tempel- wie im Synagogenkult wie
in der privaten Erbauung" benutzt werden sollte und
tatsächlich benutzt wurde. Mir scheint diese Fassung
glücklicher als die des Verf. zu sein; jedenfalls entspricht
sie der Tradition über die tatsächliche Verwendung
des Psalters weit besser.

In der Hauptsache beschäftigt sich der Verf. mit der
Untersuchung der Einzel psalmen. Da die Beziehung
eines bestimmten Einzelpsalmes auf einen bestimmten
Kultusakt nur selten direkt erkennbar ist und auch Analogieschlüsse
von dem einen auf den andern im Zusammenhang
mit Gattungshypothesen oder die Beobachtung
religionsgeschichtlicher Parallelen nicht überall genügend
sichere Ergebnisse liefern, bleibt nur übrig die
Analyse der seelischen Struktur des in den Psalmen sich
auswirkenden religiösen Lebens, die Feststellung der
Haltung der im Psalm redenden Frömmigkeit gegenüber
dem Kultus, ob sie sich völlig frei oder gänzlich in den
Schranken des geordneten Kultus bewegt oder ob eine
Mischung beider Typen vorliegt. So wird der Verf.
darauf geführt, die wesentlichen Merkmale der individuellen
Frömmigkeit einerseits, des Kultus andererseits
und die mannigfachen Arten ihrer gegenseitigen Beziehung
, und zwar sowohl ganz allgemein als auch
speziell in der Religiosität Israels, klarzulegen (S. 18
bis 57), um dann daraus allgemeine methodische
Grundsätze für die Beurteilung der Beziehung jedes
einzelnen Psalmes zum Kultus abzuleiten (S. 57—70)
und diese dann auf die einzelnen Psalmen (gruppiert:
kultische, kultisch-religiöse, religiöse Psalmen; Unterteile
: Hymnen, Gebete, Lieder; behandelt werden auch
die im A. T. nebst Apokryphen und Pseudepigraphen
verstreut vorkommenden Psalmen und die Psalmen Salo-
mos) anzuwenden (S. 70—146). Den Schluß bildet ein
systematisch geordnetes Verzeichnis der in den Psalmen
vorkommenden kultischen Motive mit den Belegstellen
(S. 147—156) sowie Stellen- und Autorenregister.

Schon die Raumverteilung zeigt, daß das Hauptgewicht
auf die allgemein - religionswissenschaffliehe
und die methodologische Untersuchung fällt. Soweit
ich zu urteilen vermag, scheint mir der Verf. sehr
gründlich, manchmal freilich auch etwas umständlich,
zu Werke gegangen zu sein. Seine religionswissenschaftlichen
Ausführungen allgemeiner Art sind an einer
umfangreichen Literatur orientiert, verraten aber überall
selbständiges Urteil und scheinen mir die hier vorliegenden
Probleme wirklich in erheblichem Maße geklärt
und ihre Lösung gefördert zu haben. Daher werte ich
auch seine Analyse der einzelnen Psalmen als einen bedeutenden
Fortschritt, sofern sie uns auf klare, feste Methoden
gegründete Resultate liefert. Daß er das Ergebnis
der Analyse zum guten Teil in der Gruppierung der
Einzelpsalmen vorwegnimmt, ist nur scheinbar ein methodischer
Fehler, da die Gruppierung tatsächlich durchgängig
aus der Analyse gewonnen und die Vorwegnahme
des Resultates in der Darstellung nur der besseren Übersichtlichkeit
wegen erfolgt zu sein scheint.

Bedenken habe ich hauptsächlich an einem Punkt.
Unter den Merkmalen des Kultischen (Ursprung aus
religiösem Leben, gesellschaftliche Grundlage, Sinnfälligkeit
und Organisation = Schaffung fester Formen)
ist das soziale Merkmal m. E. noch nicht genügend bestimmt
. Das zeigt sich darin, daß der Verf. den Lehrpsalmen
gegenüber keine sichere Stellung gewinnt (S.
60 ff.). Wer sein religiöses Erlebnis andern zur Belehrung
vorträgt, wie das z. B. in Ps. 32 geschieht,
tritt damit in Beziehung zur Gemeinde, und insofern
trägt seine Unterweisung „immer einen gewissen kultischen
Charakter". Dem Verf. kommt hier selbst ein
Bedenken, sofern „sich nicht überall erweisen läßt, daß

die Gemeinde . . . eine zu Kultus versammelte darstellt".
Aber wie wenig ihm dies Bedenken bedeutet, zeigt die
Fortsetzung: auch wenn die Belehrung sich an den
Gegner richtet, der außerhalb der Gemeinde steht, kann
von einem gewissen kultischen Charakter gesprochen
werden; denn „das Interesse, Gesinnung oder Verhalten
des Gegners zu korrigieren, dient dem Gemeindegedanken
. . . Arbeit an der Gemeinde aber ist ein Element
kultischen Tuns". „Immerhin mag zugegeben werden,
daß die kultische Bindung in aller didaktischen Poesie
. . . am wenigsten augenfällig ist". Der Fehler scheint
mir der zu sein, daß der Verf. das soziale Merkmal völlig
selbständig neben die andern Merkmale gestellt hat.
Soweit ich sehe, darf das soziale Element (das gleiche
gilt auch für die Sinnfälligkeit) stets nur in Verbindung
mit den andern Elementen als Merkmal des Kultischen
betrachtet werden. Ein didaktischer Psalm trägt also
kultischen Charakter nur dann, wenn (oder nur soweit,
als) die Belehrung religiösen Inhalt hat und in geordneter
Form in der Gemeindeversammlung vorgetragen
wird.

In dem Verzeichnis der kultischen Motive sind leider
nur die Einzelworte aufgeführt; das Verzeichnis hätte an
Wert erheblich gewonnen, wenn auch die festgeprägten
liturgischen Formeln aufgenommen wären. Die Transkription
der hebräischen Worte läßt hier recht viel zu
wünschen übrig.

Breslau. C. Steuernagel.

Bertholet, Prof. Alfred: Die gegenwärtige Gestalt des Islams.

Tübingen: J. C. B. Mohr 1926. (39 S.) gr. 8°. = Sammlung gemein-
verstand!. Vortr. u. Schriften aus d. Gebiet d. Theologie u. Rel.-
Gesch. 118. Rm. 1.20; Suhskr.-Pr. 1—.

Zum Vortrag im allgemeinen vgl. OLZ 1926 Sp. 504 f. Hier
werde nur kurz auf das Religiöse im besonderen hingewiesen, soweit
man es bei der Betrachtung des Islam von der der Gesatnthaltung
trennen darf. B. rückt mit Recht in den Mittelpunkt der Verkündigung
des Propheten „Gott und die zukünftige Welt". Aber wie
vertragen sich mit solcher Zentralidee die weithin verbreiteten und geduldeten
dynamistischen Auffassungen, z. B. in der Zauberei, und die
dämonistischen im Heiligenkult (vgl. B. S. 22 ff.)? Gewiß erscheinen
dem tatsachlichen Volksglauben Mitteldinge und -personen: Amulette,
Lose, Heilige und die Männer der karamat (Charismata) oft selbst als
die „primären Kraftquellen" (S. 22); es bleibt dann also so wenig
Monotheismus wie neben Auswüchsen christlicher Heiligenverehrung.
Aber es besteht immer die Tendenz, diese Vorstellungen jener Zentralidee
unterzuordnen nach dem steten Leitsatz: daß eine Seele den
Zugang zu Gott suche, wodurch nur immer sie ihn suchen kann!
Die ganze Geschichte islamischer Religiosität ließe sich betrachten
als das Zusammen- und Gegeneinanderarbeiten des abstrakten transzendenten
Ein-Gottesglaubens (tauchid) und der aktivistischen Versuche,
dies Göttliche in Ausstrahlungen „nahe" heranzuziehen (vgl. die Bezeichnung
weli für den Heiligen). So erklärt sich einerseits der
große Erfolg der islamischen Mission gerade auch bei primitiven
Völkern, die zu ihren Vorstellungen und Mitteln mehr den Namen
als die Idee Allahs hinzunehmend sich schnell als Muhammedaner
fühlen lernen. Andrerseits verhindert die Kraft des Gottesgedaukens
bis fast in die äußersten Randsekten hinein die letzte Folgerung:
göttliche Homoiusie, oder gar Homousie des Mittlers. Das gilt
trotz orientalischen Überschwangs von dem Bekenntnis zu den
Imamen der verschiedenen Sonderkreise so gut wie vom gemein-
islamischen Personenkult des Propheten, obwohl dieser seine Fürsprachevollmacht
andeutend schon selbst in Anspruch nahm. Der
Glaubensanker schlechthin ist die Offenbarung, d. h. der QorSn geblieben
. Er stellt also im Islam nicht das Formal-, sondern das
Materialprinzip dar. Um ihn gehen die Kämpfe um die Logosidee.
Weil die Forderung, daß man glauben solle, die Frage bringen
muß, ob man glauben könne, ist das Willcnsproblem von so großer
Bedeutung. Da die moslemischen Lösungsversuche von der Religionswissenschaft
mehr philosophisch als religiös betrachtet worden sind,
ist der starke Gnadenbegriff im Islam zumeist übersehen worden sowie
sein Gegenstück, nämlich daß neben der Gottesfurcht die Gottesliebe
steht, wie sie vor allem in der echt mohammedanischen Mystik lebt.
Von hier aus finden auch die religionsgesetzlichen Institutionen dei
sdiarVa ihre richtige Einschätzung, die ohne den Hinweis auf die
Forderung der r&ja, der Absicht und der wahren Andacht, nicht betrachtet
werden dürfen. Die praktische Gefahr, daß sie als ex opere
operato wirksam gelten können, ist wiewohl nicht geringer, so doch
auch nicht größer als bei anderen Religionsgesellschaften, welche
überhaupt Sakramentalien pflegen. Daß ihnen jene Wirksamkeit au
sich nicht zukommt, zeigt die Lehre, daß Todsünde nicht ist ihre