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Ausgabe:

1926 Nr. 22

Spalte:

547-551

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wernle, Paul

Titel/Untertitel:

Der schweizerische Protestantismus im XVIII. Jahrhundert. 3. Bd 1926

Rezensent:

Staehlin, Ernst

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647

Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 22.

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Philologie und die Geschichte des Judentums und regt
zu weiteren Forschungen an. B. hat unleugbar mit ausgedehnter
Belesenheit und großem Geschick die Gründe
dargelegt, die für das Vorhandensein einer nicht bloß
mündlichen, sondern zugleich schriftlichen lateinischen
Übersetzung des A. T.s bei den Juden und für jüdischen
Einfluß auf die alte christlich-lateinische Übersetzung
beider Testamente vorgebracht werden können. Auch
Deißmaun ist geneigt, diese Frage zu bejahen, während
v. Harnack sie verneint. B. weist mit Recht auf die Ergebnisse
der neuesten Forschung über die Beziehungen
zwischen Synagoge und Kirche in Schrifttum, Liturgie
und Kunst hin und spricht die Hoffnung aus, daß sorgfältige
Untersuchungen patristischer Texte oder neue
literarische oder inschriftliche Entdeckungen zu Fortschritten
in der Kenntnis des Vulgärlateins, namentlich
des noch so wenig erforschten Judenlateins, führen und
so seine Anschauung von einer jüdischen lateinischen
Bibelübersetzung der Gewißheit näherbringen könnten.
Für den von ihm nachgewiesenen Einfluß der Vetus
latina auf die Sprache der mittelalterlichen Juden in
romanischen Ländern kann er diese Gewißheit jetzt
schon in Anspruch nehmen.

München. Hugo Koch.

Lemmens, P. Dr. Leonhard, O. F. M.: Die Franziskaner im hl.

Lande. 1. Teil: Die Franziskaner auf dem Sion (1335 - 1552).

2., verm. Aufl. Münster i. W.: Aschendorff 1925. (XII, 208 S. m.

9 Abb.) gr. 8°. = Franziska«. Studien, Beiheft 4.

Rm. 8.40; geb. 10—
Die erste Auflage dieser Schrift ist 1916 erschienen und in
diesem Blatt 1917 S. 131 f. besprochen. Die vorliegende zweite
Auflage ist nach dem Vorwort stark verändert, aber die Veränderungen
beziehen sich fast nur auf Kleinigkeiten und Einzelheiten. Im ganzen
ist, weder in der Anlage noch im Inhalt des Buches irgend etwas
wesentlich verändert worden. Natürlich ist die Widmung an den
König von Bayern nebst dem sie begründenden Vorwort in der neuen
Auflage weggelassen und ebenso ist der Schluß den veränderten Zeitverhältnissen
angepaßt, aber vom sonstigen Inhalt gilt, was in der
früheren Besprechung gesagt wurde.

Stuttgart. Ed. Lempp.

Robinson, J. Armitage, D. D., F. B. A.: Two Glastonbury
Legends: King Arthur and St. Joseph of Arimathea.

Cambridge: University Press 1926. (XI, 68 S. u. 7 Taf.) 8°.

sh. 2/6—.

In der englischen Grafschaft Somerset liegt unweit Bristol,
etwa 10 km südlich von Wells, dessen Dekan der Verfasser der vorliegenden
Schrift ist, die Ortschaft Glastonbury, bekannt durch
die Ruinen einer berühmten Abtei, deren letzter Abt von Heinrich
VIII. aufgehängt wurde. Zwei alte Legenden knüpfen sich an
diese Stätte. Etwa eine Meile von Glastonbury befindet sich eine
alte Brücke, bei der der Sage nach König Arthur sich in sein Schwert
gestürzt haben soll; sein noch unaufgefundenes Grab tief in der Erde
soll sich in Glastonbury befinden, für dessen alte Kirche mit ihrem
Marienbild er besondere Verehrung bezeugt haben soll. — Diese Kirche
soll erbaut sein von Jüngern des Herrn selbst. Die Begleiter des
Apostels Philippus, der in Gallien gepredigt haben soll, seien unter
der Führung Josephs von Arimathia nach England gekommen und
hätten die dortige Kirche erbaut. Nicht nur erhob der Abt von
Glastonbury aufgrund dieser Tradition den Anspruch, der erste Abt
Englands zu sein, sondern Erzbischof Ussher begründete damit sogar
den nationalen Vorrang Englands auf den großen Konzilien von Pisa,
Constanz, Sienna und Basel.

Verfasser bespricht beide Legenden, geht ihren Quellen und
ihrer Entstehung nach und bestimmt als frühestes Datum ihres Auftauchens
das Jahr 1191.

Dortmund. H. Goetz.

Wer nie, Paul: Der schweizerische Protestantismus im

18. Jahrhundert. 3. Bd. Tübingen : J. C. B. Mohr (Paul Siebeck),
1925. (XVI, 576 S.) 4°.

In rascher Folge ist der dritte Band von W.s großem
Werk erschienen und hat die Darstellung des schweizerischen
Protestantismus im 18. Jahrhundert zum Abschluß
gebracht. Er behandelt die religiösen Gegenströmungen
und die Ausstrahlungen der französischen
Revolution auf Schweizerboden vor dem Anbruch der
Helvetik (1798). Und wiederum liegt seine Hauptbedeutung
in der Verarbeitung eines ungeheuren, nicht
zuletzt handschriftlichen Materiales zu einem übersichtlichen
Gesamtbilde.

Wie sehr auch der schweizerische Protestantismus
von der Aufklärungsbewegung erfaßt worden war, es
blieben doch uneroberte Festungen; und sie wurden für
die religiösen Gegenströmungen, die seit dem letzten
Drittel des Jahrhunderts einsetzten, nicht unwichtige
Stützpunkte; unter ihnen zeichnet Wernle Albrecht von
Haller („Haller war nicht bloß politischer und sozialer,
sondern in erster Linie persönlicher Pessimist", „ein
solcher Mann ist für den Erlösungsglauben prädisponiert
, er ist geborener Pauliner"), Jean Andre Deluc
(er vertritt einseitig den Typus der politischen und gesellschaftlichen
Restauration wie später de Maistre, de
Bonald und der „Restaurator" Karl Ludwig von Haller,
Albrechts Enkel) und Leonhard Euler.

Eine Bedeutung erhielten diese Kreise nun dadurch,
daß sie in der 1780 in Basel gegründeten Christentumsgesellschaft
zusammengefaßt und dadurch in größere
Zusammenhänge hineingestellt, nicht zuletzt in die von
England ausgehende Erweckungs- und Missionsbewegung
hineingezogen wurden. Die Publikationen,
Protokolle und Korrespondenzen gewähren einen lebendigen
Einblick in das Wesen, das intime Leben und
die praktischen Auswirkungen der Gesellschaft; „in dem
Kampf zwischen Urlspergers mehr theologischen Bestrebungen
und dem Basler kirchlichen Pietismus hatte
die zähe Basler Art gesiegt, übrigens im Bund mit der
württembergischen, die ja in der Basler Gesellschaft
selbst ihre Vertreter hatte". Zentren der Gesellschaft
waren in der Schweiz, Basel (führende Männer: Joh.
Brenner, Alexander Preiswerk), Bern, der Aargau,
Schaffhausen, St. Gallen, Chur (Paulus Kind); „in
Zürich aber war gerade Lavater und der Ruf, den er im
Ausland genoß, das Hindernis für die Bildung einer
Z we i gges e 11 s ch af t".

Neben den in der Christentumsgesellsehaft gesammelten
Trägern der alten Frömmigkeit stehen die
schweizerischen Brüdersozietäten. Ihrem Leben und Treiben
am Ausgange des Jahrhunderts widmet W. mehr
als hundert Seiten. Die alten Kämpfe mit dem angestammten
Kirchentum setzen sich fort bis in die abgelegensten
Täler Graubündens; es handelt sich dabei
um eine merkwürdige Verquickung von Gegensätzen:
„die Herrnhilter galten als die Neuerer, die Sektierer,
die Heterodoxen, denen gegenüber die Orthodoxen für
das Bekenntnis einstanden; und in Wirklichkeit war doch
diese ganze Orthodoxie orthodox eben nur dem Namen
nach, und lag alle evangelische Position auf Seite der
Herrnhuter; . . immerhin wird man den Gegnern der
Herrnhuter gerechter, wenn man die reformierte Art
im Unterschied von der lutherischen mitberücksichtigt; die
Herrnhuter vertraten einseitig den lutherischen Typus;
ihre orthodoxen Gegner vertraten ihnen gegenüber mehr
die altreformierte Position, die von jeher gesetzlicher
und, wenn man will, auch vernünftiger, ohne Luthers
Paradoxien gewesen war; mit den Herrnhutern kommt
das extreme reine Luthertum zu uns in die Schweiz,
da wir eben im Begriff waren, in der reformierten
Tradition die rationalen und moralistischen Elemente
einseitig in der Richtung des Vernunftchristentums auszubilden
". Neben diesen ihr aufgedrängten Kämpfen
entfaltete die Brüdergemeine aber in erster Lienie eine
aufbauende Tätigkeit innerhalb der einzelnen Sozietäten
; die blühendste ist Basel; indem sich hier eine
geistige Gemeinschaft mit der Christentumsgesellsehaft
ergab, wurde der Grund dazu gelegt, daß Basel in der
ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die führende Stadt
des Pietismus wurde; umgekehrt wurde das innere
Leben im Berner Oberland durch die Rivalität der
Herrnhuter und der alten Heimberger Brüder schwer geschädigt
. In mancher Beziehung hatten sich in den
Schweizer Sozietäten noch mehr Reste des ursprünglichen
Enthusiasmus als in den deutschen Gemeinen