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Ausgabe:

1926 Nr. 22

Spalte:

541-543

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Albrecht, Ludwig (Übers.)

Titel/Untertitel:

Das Neue Testament in der Sprache der Gegenwart. 4., verb. Aufl 1926

Rezensent:

Behm, Johannes

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Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 22.

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Namen Jahves mit ihnen in Verbindung brachte, trat
der Volksgott. Jahve in die Rolle der alten Lokal-
numina ein; für das Denken des Volkes stand der
Lokalgott Jahve nicht neben dem Volksgott, sondern
er war mit ihm identisch. Andernfalls würde die Polemik
der Propheten und des Deuteronomiums gegen die
Lokalkulte doch wohl anders aussehen. Einzelne Stellen,
die der Verf. für seine Auffassung anführen zu können
glaubt, sind m. E. anders aufzufassen.

Wenn ich so in der Schilderung der älteren Periode
dem Verf. vielfach nicht zu folgen vermag, sondern den
Eindruck habe, daß er die Dinge zu sehr durch die
Brille einer vorgefaßten Meinung sieht, so kann ich ihm
bezüglich des Prophetismus und des Judentums in viel
erheblicherem Maße zustimmen. Hier würde ich hauptsächlich
nur an einem Punkt eine Korrektur wünschen.
Der Verf. wertet „das heilige Buch" im ganzen nur als
eine von Menschen errichtete Mauer, die den freien Zugang
zu Gott verbaut. Das ist ein Urteil, das sich doch
wohl nicht aufrecht erhalten läßt, wenn man daran
denkt, wie viele Fromme in der Schrift nicht ein Hindernis
für ihren Verkehr mit Gott gesehen, sondern in ihr
Gott gefunden haben. Es ist doch nur eine bestimmte
Auffassung der Schrift, die sie zu einer hindernden
Mauer macht. Im übrigen möchte ich besonders hervorheben
, daß der Verf. auch im Judentum doch ein ziemliches
Maß echter, unmittelbarer Religiosität anzuerkennen
weiß.

Im ganzen möchte ich urteilen, daß uns der Verf. ein Buch
geschenkt hat, das gründlich zu studieren und mit dem sich auseinanderzusetzen
reichen Gewinn bringt.

Breslau. C. Steuernagel.

Das Neue Testament unseres Herrn u. Heilandes Jesus Christus

übersetzt und mit Anmerkungen begleitet von Dr. Heinrich
Wiese. Mit Vergleichstellen von D. Eberhard Nestle, Zeittafel
von D. Theodor von Zahn und Einführung von D. Eduard
Riggenbach. 5., neubearb. Aufl. Stuttgart: Privilegierte Württembergische
Bibelanstalt 1924. (636 S.) Taschenformat.

Die Psalmen. In Anlehnung an den Tonfall der hebräischen Gedichte
übersetzt und mit Anmerkungen begleitet von Dr. Heinrich
Wiese. 2., neubearb. Aufl. Stuttgart: Ebd. 1925. (196 S.)
Taschenformat. Rm. 1—.

Neues Testament u. Psalmen zusammen geb. Rm. 4— bis 8.50.

Das Neue Testament übersetzt von Dr. Hermann Menge. Bildschmuck
von Wilhelm Steinhausen. 2., neu bearb. Aufl.
Stuttgart: Ebd. 1923. (471 S.) Taschenformat.

Die hellige Schrift (Miniaturbibel). Nach dem Urtext u. mit Berücksichtigung
der besten Übersetzungen hrsg. von Franz Eugen
Schlächter. 17. Aufl. bearbeitet von K. Linder und E.
Kappe Icr. Stuttgart: Ebd. 1923. (740 S.) Taschenformat.

geb. Rm. 4— bis 14 -.

Das Neue Testament in der Sprache der Gegenwart übersetzt und
kurz erläutert von Ludwig AI brecht. 4., verb. Aufl. Gotha:
Evangelische Buchhandlung von P. Ott. (852 S.) Taschenformat.

geb. Rm. 6— bis 14—.
Aus der Fülle der neueren deutschen Bibelübersetzungen, die
die Lutherbibel nicht ersetzen, aber dem Verständnis heutiger Leser
näherbringen wollen, liegen mir vier in neuen Auflagen vor, deren
vergleichende Betrachtung etwas von der Größe der Aufgabe und der
Mannigfaltigkeit der zu befriedigenden Bedürfnisse zeigt. Drei von
ihnen verbreitet der rührigste aller deutschen Bibelverlägc, die privileg.
württemb. Bibelanstalt.

Die Eigenart des Neuen Testaments von Wiese (Pastor einer,
in Göttingen) besteht in einer möglichst genauen deutschen Wiedergabc
des Urtextes, zu dessen Ermittlung die kritischen Ausgaben von
Tischendorf bis v. Soden herangezogen worden sind, und in knappen,
allgemeinverständlich gehaltenen Anmerkungen, die abweichende Lesarten
, andere mögliche Übersetzungen und kurze Erklärungen schwieriger
Ausdrücke und Gedanken enthalten. Eine Frucht sorgsamer und
besonnener gelehrter Arbeit, eignet sich diese Übersetzung ganz besonders
für das Schriftstudium derer, die, ohne Griechisch zu können,
zum Urlaut und Ursinn des Neuen Testaments vordringen möchten.
Für solche Studienzwecke sind von Nutzen auch der fortlaufende Druck
des Textes mit Vcrszahlen am Rande, die Gliederung der Bücher des
Neuen Testaments in Sinnabschnitte mit Randüberschriften, die —
übrigens sparsame — strophische Wiedergahe rhythmischer Stellen, die
Setzung der alttestamentlichen Zitate in Anführungszeichen, ein
reicher Apparat von Verweisstellen u. ä., während die Heraushehung
der Kernsprüchc durch Sperrdruck die Brücke zum Luthertext schlägt.

| Die Form der Übersetzung, die von vorne herein das Gepräge größter
i Solidität trug, ist noch von Auflage zu Auflage verbessert worden,
so daß dem Rezensenten, der nicht mit eigensinnigen Wünschen an
das Werk herantritt, kaum etwas zu sagen bleibt; erneuter Prüfung
würde ich etwa die Wiedergabe von Akt. 4, 12; Rom. 1, 4; Phil. 1, 22
empfehlen. Dem populärwissenschaftlichen Interesse dienen wie die
Übersetzung auch die Anhänge: die Zeittafel nach Zahns Einleitung
und Kommentar zur Apostelgeschichte, Riggenbachs gehaltvolle kurze
Einführung ins N.T. — Zeugnisse der pietätvoll konservativen Haltung
des ganzen Buches —, das Verzeichnis kirchlicher Lesestücke
(welcher Perikopenordnung ist die 2. Reihe entnommen?), die Wort-
und Sacherklärungen und der Wegweiser in die christliche Wahrheit
, eine Zusammenstellung von Schriftstellen nach dogmatischen,
ethischen und bibelkundlichen Stichwörtern Da auch eine Karte
Palästinas zur Zeit Jesu und eine Karte des paulinischen Missionsgebietes
beigegeben sind, so sind in Wieses vortrefflichem Werk alle elementaren
Hilfsmittel zur Vertiefung in das N.T. vereint. — Seiner
Ausgabe des Neuen Testaments stellt sich in jeder Hinsicht gleichwertig
Wieses Übersetzung der Psalmen an die Seite: sie ruh! auf
zuverlässigem wissenschaftlichen Grund, ist wortgetreu u. bildet den
hebräischen Rhythmus nach, ohne in Künstelei zu verfallen. Warum
ist Ps. 121, 5 nicht übersetzt: „zu deiner rechten Hand"? Eine kurze
Einleitung unterrichtet über die Eigenart und Geschichte des Psalters,
im übrigen entspricht die Einrichtung der Ausgabe genau der
des N.T.

Das Neue Testament von Menge (Oymnasialdirektor a. D. in
Goslar) bietet eine möglichst treue, philologisch genaue Übersetzung
in ein reines modernes Deutsch, iin engen Anschluß an den biblischen
Urtext. Von Erläuterungen jeglicher Art ist abgesehen. Auch an
zweifelhaften Stellen bleibt es bei kommentarloser Textwiedergabe,
dem Leser wird überlassen, durch eigenes Nachdenken zur Ergrün-
dung des Sinnes zu gelangen und sieh selbst ein Urteil zu bilden. Bei
Stellen wie Joh. 5, 4; 7, 53 ff. oder 1. Joh. 5, 6 ist eine Kennzeichnung
der Zusätze, che sich in den Urtext eingeschlichen haben, zu
i vermissen. Wer von dem Luthertext zu diesem N.T. im heutigen
I Sprachgewande kommt, kann hier das Wort Jesu und seiner ältesten
Zeugen in machtvollster Gleichzeitigkeit erleben; für den aufgeschlossenen
Bibelleser erweist sich damit Menges Übersetzung als
eine kostbare Gabe, zu deren wirklicher Aneignung er freilich weiterer
Hilfsmittel bedürfen wird. Der kompresse Druck des Buches, bei
übersichtlicher Einteilung des Stoffes in Sinnabschnitte mit Überschriften
und knappen Verweisstellen im Text, ist noch zu ertragen.
Der intime Bildschmuck, den W. Steinhausen diesem Neuen Testament
aus eigenem Antrieb in Gestalt von Kopf- und Fußleisten zu
den einzelnen Schriften gegeben hat, wiegt den Mangel des erklärenden
Wortes reichlich auf.

Des Schweizer Pfarrers Schlachter „Miniaturbibel", zur
gleichen Zeit wie Wieses Neues Testament (1905) erstmalig erschienen
, seit der 14. Auflage von seinen Landsleuten und Amtsbrüdern
Linder und Kappeler besorgt, ist die besonders in Gemeinschaf
tskreisen verbreitete moderne Bibelübersetzung. S:e will, unter
Aufgabe der hebräischen oder griechischen Satzkonstruktion, ein gemeinverständliches
Deutsch reden, eine möglichst richtige und doch
auch volkstümliche Übersetzung der heiligen Schrift sein. Der Ton
der Lutherbibel oder der Zürchcrbibcl ist dabei stärker gewahrt als iu
den anderen neudeutschen Bibeln. Dem schlichten Bibelleser mag damit
gedient sein, ihm wird kein weiter Sprung von dein vertrauten
Klang des Schniftwortes fort zugemutet. Eine größere Wirkungskraft
auf heutige Menschen wird diese Übersetzung, in der auch wenig
glückliche Sinnverschiebungen vorkommen (z: B. Rom. 8, 33), schwerlich
ausüben. Ihre Einrichtung mit fortlaufendem Druck und eingeschobenen
Verszahlen, mit Abschnittsüberschriften und einigen Ver-
gleichsstellen im Text erinnert an Menge, der Anhang mit einer Auswahl
von Text- und Übersetzungsvarianten, allcrknappester Sacherklärung
und einem Wegweiser in die Heilige Schrift hält den Vergleich
mit Wieses Apparat nicht aus. Der Druck in — übrigens
mustergiltiger — kleiner Nonpareille-Schrift auf Dünndruckpapier
ist Augenpulver, ermöglicht freilich eine Taschenausgabe des ganzen
Bibclkanons von 300 gr. Gewicht.

Das Neue Testament von Albrecht ist der energischste Versuch
, das Schriftwort in schönes, klares, gemeinverständliches Deutsch,
wie es heute gesprochen und überall verstanden wird, zu übertragen:
durch freie Übersetzung und Umschreibung des Urtextes, durch Zerschlagung
von Perioden und Wiedergabe ihres Inhalts in kürzeren
Hauptsätzen entsteht ein Wortlaut von großer Flüssigkeit und eindrucksvoller
Gegenwartsfarbe. Dabei geht allerdings manches von
der Kraft des Urtextes verloren (Prolog des Johanncsevangeliums!),
und die Übersetzung wird zum Kommentar, der nicht nur erläutert
sondern auch abschwächt. Der kritische Text des N. T. ist zu Grunde
gelegt, meist nach v. Soden. In dem fortlaufend gedruckten Text,
mit Verszahlen am Rande, sind alttestamentliche Zitate durch besonderen
Satz hervorgehoben. Den rhythmischen Charakter mancher
Sprüche und Gleichnisse Jesu, johanneischer und paulinischer Abschnitte
macht entsprechender Druck augenfällig. Für Studienzwecke