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Ausgabe:

1926

Spalte:

539-541

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Duhm, Hans

Titel/Untertitel:

Der Verkehr Gottes mit den Menschen im Alten Testament 1926

Rezensent:

Steuernagel, Carl

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539

lassener Aufsatz endlich umschreibt den weiten Horizont
sprachlicher, literarischer und sachlicher Kenntnisse,
den der Alttestamentier überschauen muß, wenn er
seiner Aufgabe gerecht werden will.

Im ganzen bietet das vorliegende Sammelwerk einen
interessanten Überblick über die in der englischen alt-
testamentlichen Wissenschaft herrschenden Strömungen,
auch da, wo es mehr referiert und popularisiert als
weitertreibende Forschungsarbeit leistet. Wie würde ein
entsprechendes Werk bei uns aussehen?'' Vermutlich
würden die literarischen Fragen stärker hervortreten
, vermutlich würde der kulturgeschichtliche
und soziologische Gesichtspunkt kräftiger
zur Geltung gebracht worden, hoffentlich würde die
Religionsentwicklung Israels zu lebendigerer
Wirkung und tiefergreifender systematischer Erfassung
gebracht werden, hoffentlich aber würde der Geist derselbe
sein, die Verbindung der kritischen Freiheit mit der
Ehrfurcht vor dem Gottgewirkten des Glaubens.
Greifswald. J. H em pe 1.

Duhm, Privatdoz. Uc. Hans: Der Verkehr Gottes mit den
Menschen im Alten Testament. Tübingen: J. C. B. Mohr 1926.
(VI, 218 S.) gr. 8°. Km. 8.40.

Das Buch bietet mehr als sein Titel vermuten läßt,
nämlich eine ziemlich vollständige Geschichte der alt-
testamentlichen Religion, wenn man unter Religion das
versteht, was ihr Wesen ausmacht, nicht die Äußerlichkeiten
wie Kultformen, Organisationen, Mythen und
theologische Gedanken. Insofern bildet das Buch eine
sehr dankenswerte Ergänzung zu den vorhandenen Darstellungen
der israelitischen Religionsgeschichte, in
denen jene sekundären Elemente durchaus im Vordergrunde
des Interesses zu stehen pflegen, wenn sie nicht
gar allein behandelt werden.

Wenn aber der Verf. den Titel nicht formuliert „der
Verkehr der Menschen mit Gott", sondern umgekehrt
„Gottes mit den Menschen", so will er damit andeuten,
daß nach den Vorstellungen Israels — denen seine
eigene Glaubensüberzeugung zustimmt, S. 216 f. — Gott
derjenige ist, der den Verkehr anknüpft und dessen
Offenbarung durch die Gottesmänner in dem Fortschritt
der Religion der entscheidende Faktor ist. Damit tritt
der Verf. von vornherein in einen Gegensatz gegen die
heute weit verbreitete Auffassung der Religion als eines
Produktes der menschlichen Psyche (S. 2 f.). Praktisch
wirkt sich dieser Gegensatz aber nicht etwa so aus, daß
der Verf. nun überall Glaubensurteile an die Stelle
wissenschaftlicher Aussagen treten ließe, sondern darin,
daß er den Aussagen des A. T„ die in dieser Richtung
liegen, die aber gewöhnlich in der wissenschaftlichen
historischen Darstellung zu kurz kommen, sein Interesse
in hervorragendem Maße zuwendet. Er gewinnt damit
in der Tat ein in vielen Beziehungen korrekteres Verständnis
der alttestamentlichen Religionsgeschichte, und
so ist auch in dieser Hinsicht sein Buch eine Leistung,
die man nur mit Dank hinnehmen kann.

Der Verf. hat ferner die schöne Gabe, die verstreuten
Einzelangaben, die infolge ihrer Isolierung ihr
frisches Leben verloren haben, so zusammenzubringen,
daß sie nun wieder ein lebendiges Ganzes bilden. Seine
Darstellung zeichnet uns überall farbenreiche, plastische
lebensvolle Bilder, die uns schon durch ihre lebendige
Anschaulichkeit bis zu einem gewissen Grade von ihrer
Richtigkeit, d. h. ihrer wesentlichen Übereinstimmung
mit der zu schildernden historischen Wirklichkeit überzeugen
.

Und endlich möchte ich auch seine Gabe hervorheben
, die Dinge eigenartig zu sehen; sie befähigt ihn,
zahlreiche neue Deutungen vorzutragen und damit auch
dem vielfache Anregung zu geben, der seine Auffassung
im ganzen ablehnt.

Mit den beiden zuletzt erwähnten Vorzügen ist
freilich auch eine Gefahr verbunden, der der Verf. m. E.
hin und wieder erlegen ist. So sieht er z. B. in dem

„Obersten des Heeres Jahves", der „eben gekommen ist"
(Jos. 5, 13 ff.)/den Wanderer (nT) = Mondgott, der

das Heer der Sterne anführt, und in Jericho dessen Absteigequartier
(wie in Beth-Schemescn das des Sonnengottes
); er sei gekommen, um Josua seine Stadt zu übergeben
(S. 8). Den Richter Jiphtach (nnD"1 = er öffnet)
führt er zurück auf den „Eroffner des Mutterschoßes",
dessen Bild an der Haustür aufgestellt war und der eine
Jungfrau „als Erstlingsgabe für sich beansprucht, damit
er den übrigen Jungfrauen erlaubt, menschliche Ehe-
! gatten und Kinder zu bekommen" (S. 29). Doch über
solche Einzelheiten wird man in Anbetracht der Fülle
guter und wohl begründeter Ausführungen gern hinwegsehen
.

Die geschichtliche Entwicklung der Religion Israels
verläuft nach S. 216 in einem wiederholten Auf und
Nieder. Durch den Gottesmann Mose erhielt die Religion
„einen Zug ins Große, der noch lange nachwirkte
und ihr ein besonderes Gepräge gab". Dann sank sie
herab „auf das Niveau der Nachbarreligionen und wurde
im Kulturland zu einer Kultreligion". Nach Jahrhunderten
trat „ihr besonderer Charakter dadurch an das
Licht, daß in ihr die Erscheinung der großen Propheten
Wirklichkeit werden konnte"; damals schien es, „daß
aus ihr eine Menschheitsreligion entstehen könnte. Aber
noch einmal sinkt sie ab, nicht mehr so tief wie vordem,
weil jetzt die großen Propheten nachwirken, aber doch
unverkennbar: die geistig sittliche Religion der Propheten
wird zur Kultreligion des Nomismus". In dieser
kurzen Zusammenfassung treten die Hauptgedanken des
Verf. klar hervor. Man sieht, daß nach seiner Auffassung
jeder irgendwie geordnete Kultus im Gegensatz steht zu
der höheren Religion, deren Charakteristikum danach in
erster Linie die Unmittelbarkeit und Freiheit des Verkehrs
mit Gott ist. Danach bestimmt sich ihm seine
Vorstellung von Mose, den er übrigens nirgends ein-

j gehender behandelt, und danach beurteilt er, welche Er-

| scheinungen der vorprophetischen Zeit als Nachwirkungen
Moses gewertet werden können; er sieht
solche überall da, wo Israeliten vorübergehend (auf

j Wallfahrten) oder dauernd (als Nasiräer oder Nebiim)
mit Jahve in näheren Verkehr zu kommen suchen, sofern
sie nicht Gottesmänner sind, die Gott selbst in
seinen Verkehr zieht, die jedoch immer in einem gewissen
Abstand von Mose, dem Gottesmann xat'
Ij&xqv, gedacht werden. Daneben ist die Religion
Moses charakterisiert durch einen „Zug ins Große", wobei
man wohl denken soll an den großen Volksgott im
Unterschied von den kleinen Lokalgöttern, an die großen

| nationalen Angelegenheiten, für die er sorgt im Unterschied
von den kleinen Lokalgöttern, von denen man

| Hilfe in den kleinen persönlichen Anliegen des alltäglichen
Lebens erwartet. Dagegen fehlt der älteren

! Periode noch jeder Gegensatz zu jenen kleinen
Göttern (Elia kämpft nur gegen den großen Gott aus
der Fremde, aber nicht gegen die heimischen Baalim),
und ebenso spielt die ethische Seite Gottes in der vorprophetischen
Zeit kaum schon eine Rolle. Ich glaube,
daß der Verf. mit dieser Charakteristik der älteren
Periode der von den Quellen bezeugten Wirklichbeb
doch nicht ganz gerecht wird, daß sein mosaischer
Jahvismus der inhaltlichen Bestimmtheit doch gar zu
sehr entbehrt, daß er den Gegensatz einer lebendigen,
unmittelbaren Religiosität und eines geordneten Kultus
doch stark übertreibt (mindestens der Kultus, der noch
nicht an die Vermittlung durch den Priester gebunden
ist, kann doch Ausdruck lebendiger, persönlicher Religiosität
sein, was der Verf. z. T. auch selbst anerkennt,
z. B. S. 45). Daß der Jahvekult des Volkes im wesentlichen
nicht dem Volksgott Jahve, sondern den gleichfalls
Jahve genannten Lokalgöttern gegolten habe (S.
31), kann ich ebenfalls nicht für richtig halten. Gewiß
sind die Lokalkulte von Hause aus großenteils andern
Göttern gewidmet gewesen; aber sobald man den