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Ausgabe:

1926 Nr. 21

Spalte:

515-518

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wendt, Hans Hinrich

Titel/Untertitel:

Die Johannesbriefe und das johanneische Christentum 1926

Rezensent:

Bauernfeind, Otto

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Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 21.

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Im Allgemeinen und im Besonderen erzählt uns
D. die Geschichte Israels, wie es auch in den bekannten
wissenschaftlichen Darstellungen christlicher Gelehrter
, besonders solcher, die Kittel nahestehen, geschieht
. Hin und wieder finden sich kleine Ausfälle
wider die bösen Kritiker. So z. B., wenn S. 478 Cor-
nill (!) zu den Vertretern der extremen Bibelkritik gezählt
wird. Ob von Mose der Dekalog Ex. 20 abzuleiten
sei, wird aus der Darstellung S. 23 ff. nicht recht klar;
nach S. 60 könnte man es annehmen. Jedenfalls gilt
(S. 24): „Das nationale und das religiöse Moment sind
in dem großen, von Moses vollbrachten Werk unlösbar
miteinander vereint". Einzelne Abschnitte sind mit
Schwung geschrieben, so z. B. § 49 die Entwicklung des
Prophetismus, obwohl ich gerade hier zu der Quellenkritik
des Verf.s manches Fragezeichen zu setzen hätte.
Jüdischer Tradition folgend deutet D. Jes. 9, 1—6 (S.
263/64) auf den jugendlichen Hiskia, „auf den die Prophetenpartei
anscheinend als auf den Erneuerer des
nationalen Regimes ihre Hoffnungen setzte". Wie das
gemeint ist, ergibt sich aus S. 261. Darnach sei die Bestrebung
der Propheten darauf ausgegangen, Israel in
eine geistige Nation zu verwandeln. Denn „die politischen
Nationen vergehen, die geistigen bleiben bestehen"
(S. 261). Wird doch überhaupt die ganze Einstellung
D.s zur Geschichte seines Volkes am besten damit gekennzeichnet
, daß er für Israel das Wort des Propheten
Sacharja 4,6 in Anspruch nimmt: „Nicht durch Macht
noch durch Gewalt, sondern durch den Geist (im Text
steht: durch meinen, d. i. Jahwes Geist)" (wird der Sieg
erreicht) S. 364. Eben als geistige Nation behauptet
sich Israel inmitten der Völker. Von hier aus begreift
sich, wenn Jesu und den Aposteln von D. (S. XIX) der
Vorwurf gemacht wird, daß sie lehrten: „Selbstwert
besitze nur die einzelne religiöse Persönlichkeit, nicht
aber die als Nation geformte kollektive geschichtliche
Individualität." Auf Israel den kollektiven Messias in
der Gestalt des persönlichen Messias bezieht D. Jes. 53
(S. 349), und für die Erhaltung dieses Israels werde im
Talmud der eiserne Schutzpanzer geschaffen (S. XIX).

Wir können vermuten, was die weiteren Bände bringen
werden: eine große Apologie des Judentums (spezieller
des am Talmud festhaltenden), das vermöge
seiner geistigen Standhaf tigkeit seine Autonomie gegenüber
den anderen Völkern bewahrt.

Heidelberg. O. Beer.

Wendt, Prof. Hans Hinrich: Die Johannesbriefe und das
johanneische Christentum. Halle a. S.: Buchh. d. Waisenhauses
1025. (V, 151 S.) gr. 8°. Rm 7—; geb. 8.50.

Daß unter den neutestamentlichen Schriften für
Wendt der erste Johannesbrief eine ganz besondere
Stellung hat, ist aus gelegentlichen Äußerungen in seinen
früheren "Werken bekannt. Wenn er nunmehr nach fast
fünf Jahrzehnten literarischer Tätigkeit eine ausführliche
exegetische und biblisch-theologische Arbeit über
die Johannesbriefe vorlegt, so wird jeder Theologe diese
Tat zu würdigen wissen. Aber auch dem, der von Theologie
und Kirche abseits steht, kann die Arbeit Gewinn
bringen. Daß die Objektivität Wendts nicht in kühlem
Abstandsgefühl besteht, daß er vielmehr selbst mit ganzer
Seele nichts anderes sein will, als eben ein jonan-
nefscher Christ, das wird freilich ein solcher Leser alsbald
merken, aber zu der unbestechlichen Gewissenhaftigkeit
und zu dem Weitblick, den er hier findet, wird
mancher vielleicht das Vertrauen fassen können, das ihm
sonst allem Christlichen gegenüber fehlt.

Die Hauptergebnisse des Buches stehen im dritten
Kapitel. Das johanneische Christentum gründet sich —
ausschließlicher, als die anderen uns bekannten Gestaltungen
des Urchristentums — auf die abschließende
Gottesoffenbarung, die in der Verkündigung Jesu von
Nazareth erfolgt ist. Es besteht demnach im Glauben
an den Gott, dessen Wesen Liebe ist und der durch Verleihung
dieses seines göttlichen Wesens die Menschen

zu seinen Kindern macht. Wo diese höchste Gabe
empfangen wird, da ist sie selbstverständlich zugleich
auch Aufgabe, sie wird im Menschen zur gemeinsamen
Grundlage vertrauensvollen Gebetsverkehrs mit dem
Vater und der Liebe zu den Brüdern. — Wenn Paulus
und andere neben dem Evangelium Jesu so oft als notwendige
zweite Autorität die Weissagungen des Alten
Testaments anrufen müssen, dann zeigt es sich, daß die
hemmungslose Christuszuversicht des Johannes ihnen
zu hoch war. Und wo das Naturwunder zur unentbehrlichen
Stütze des Glaubens wird, da ist Gott in
erster Linie der Allmächtige und nicht, wie bei Johannes
, in erster Linie Liebe. Paulus kann Rom. 9 gar
von einem deus absconditus reden, an den ein menschlicher
Begriff von Liebe überhaupt nicht ohne Weiteres
herangebracht werden darf — das hieße für Johannes:
Gott- ist nicht in allen Fällen göttlich. Und wie oft
nehmen als Früchte der Gotteskindschaft kultische, sakramentale
, asketische Ordnungen den Platz ein, der
bei Johannes allein der Bruderliebe zukommt! — Solch
Seitenblick macht es deutlich, wie einfach das johanneische
Christentum ist und wie unlöslich fest hier geschichtliche
Offenbarung, persönlicher Glaube und persönliche
Sittlichkeit mit einander verbunden sind. Unsere
Quellen für das johanneische Christentum sind (nach
Kap. 1 und 2) die drei Johannesbriefe, dazu kommt noch
— uns freilich nur durch gedächtnismäßige Reproduktion
vermittelt — die Hauptmasse der Reden und
der Prolog des vierten Evangeliums (Kap. 4). Der
Verfasser der Quellen ist der Zebedaide Johannes. Er
vertritt eine noch ursprünglichere und echtere Form des
Urchristentums, als Paulus, er war über Jesus selbst unmittelbarer
unterrichtet, als die anderen Evangelisten und
hat darum in seinen Zeugnissen einen ausgezeichneten
Maßstab zur Beurteilung der gesamten Tradition über
Jesus geliefert.

Die Zustimmung oder Ablehnung im Einzelnen —
nicht der Dank für das Buch als Ganzes — wird sich
in weitem Maße nach der Stellung zu Wendts Theologie
überhaupt richten.

Nicht jeder wird es zugeben, daß der Vers 3,24 a trotz der Beziehung
des aviQ auf Christus so weit von der paulinischen Mystik
abzurücken ist („in erster Linie eine Jüngergemeinschaft mit dem geschichtlichen
Jesus"). Und erst recht wird nicht jeder die Ablehnung
aller Beziehung von 5,6 ff. auf die Sakramente billigen.
Es handelt sich da doch höchstens um eine Möglichkeit, keinesfalls
um mehr, und es geht nicht an, das Fehlen „jeden Hinweises auf

sakramentale..... Ordnungen" als Kennzeichen der „ausgeprägten

Ethisierung" der johanneischen Frömmigkeit in Gegensatz zu allen
anderen Typen der urehristlichen Frömmigkeit zu stellen (S. 111). Ob
die Johannesbriefe überhaupt umfangreich genug sind, um viel auf das
Fehlen solcher Hinweise zu bauen? Darf man so wie Wendt das
Fehlen des Weissagungsbeweises und der Wunder bewerten? Wenn
Wendt gegen Rom. 9 aus der Seele des Johannes heraus so entschiedenen
Einspruch erhebt (s. oben), dann müßte ihm die Einschränkung
der Fürbitte 5,16 doch eigentlich ein Problem werden, das nicht
mehr ohne Weiteres mit dem Hinweis auf die menschliche Willensfreiheit
gelöst ist!

Den lebhaftesten Widerspruch wird wohl die Behandlung etlicher
christologischer Stellen finden. Jesus heißt der „eingeborene Gottessohn
" nur insofern, als er „der erste und deshalb zuerst einzige
Gottessohn war, durch dessen alleinige Vermittelung dann viele andere
zu gleichartigen Gotteskindern geworden sind" (S. 79). Movoyevr^
ist also nur ein johanneisches Synonymon für npaiiöroxoi, und
man muß sich hüten, mit diesem Wort irgendwie den unserem Brief
ganz fremden Gedanken an die Präexistenz Christi zu verbinden. Weder
1,1 enthält diesen Gedanken — <xn «V/'Tf bedeutet hier den „Anfang
des Christentums" — noch ist er Voraussetzung für den terminus
anoare'AXtif 4, 9 f. 14; denn der Begriff der Sendung sagt nur,
„daß Gott ihn als seinen Beauftragten in der Welt hat auftreten
lassen" (vielleicht durch den Sendungsakt der Jordantaufe). Wer nicht
Wendts Schüler ist, wird hier schwerlich folgen können, obgleich es
an eingehenden Begründungen nicht fehlt. Das eben genannte Verständnis
von «7i «py/jf z. B. lag nach W. für die Empfänger des
Briefes nahe durch häufige Irrlehrcrdebattcn über den „Anfang des
Christentums", und es ist für Kap. 1,1 geboten mit Rücksicht auf die
Logik des Satzes (der doch nicht logisch ist!) und auf den Inhalt
des Briefes. Parallelstellen aus dem Evangelium schließlich verfangen
nichts, denn W. folgt dem — an sich natürlich berechtigten — Grund-