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Ausgabe:

1926 Nr. 1

Spalte:

499-501

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Below, Georg von

Titel/Untertitel:

Die deutsche Geschichtsschreibung von den Befreiungskriegen bis zu unsern Tagen. 2., wesentl. erw. Aufl 1926

Rezensent:

Petsch, Robert

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499

Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 19/20.

500

Below, Georg von: Die deutsche Geschichtschreibung von
den Befreiungskriegen bis zu unsern Tagen. Geschichtschreibung
und Geschichtsauffassung. Mit einer Beigabe: Die
deutsche wirtschaftsgeschichtliche Literatur und der UrsprrJng des
Marxismus. 2., wesenti. erw. Aufl. München: R. Oldcnbourg 1924.
(XVI, 207 S.) 4°. = Handbuch der Mittelalterl. und Neueren
Geschichte hrsg. v. G. v. Below u. F. Meinecke. Abt. I: Allgemeines
. , Rm. 5.50; geb. 7.50.

Das Werk von Below bedeutet die erste zusammenhängende
und ganz in sich einheitliche Darstellung
der gesamten deutschen Geschichtsschreibung und Ge-
schicntsphilosophie im Laufe des 19. Jahrhunderts. Sie
setzt also das bekannte Buch von E. F u e t er : Geschichte
der neueren Historiographie (das 1911 im Rahmen
der gleichen Sammlung erschien) gleichsam fort,
tritt aber mit anderer Einstellung und mit andern Mitteln
an den Gegenstand heran, wie es ja der Gegenstand
erfordert. Es ist durch die Entwicklung der westeuropäischen
Menschheit im 19. Jahrhundert bedingt,
daß auch die Geschichtsschreibung innerhalb dieses Zeitraums
stark von politischen Grundüberzeugungen beherrscht
wird, die aber doch wieder mit allgemeineren,
religiösen , weltanschaulichen und erkenntnis - theoretischen
Einsichten und Anschauungen zusammenhängen.
Es ist v. Belows Verdienst, daß er seinen Gegenstand in
diesen Zusammenhängen auffaßt. So gibt er uns weit
mehr, als eine bloße Geschichte der Historiographie i. e.
S. und verbreitet doch wieder reiches Licht über diesen
seinen besonderen Gegenstand.1

Im Ganzen zeigt sich, daß gegen Ende des 19. Jahrhunderts
eine positivistische Richtung im allgemeinen
Bewußtsein überwog, die der idealistischen Strömung
der früheren Jahrzehnte zuwiderging, aber z. T. selbst
an Gedankengänge des älteren Rationalismus (im 18.
Jahrhundert) anknüpfte, z.T. in parallelen Bahnen verlief
. Indem v. Below die moderne, positivistisch-
naturalistische „Soziologie" bekämpft, sucht er den Weg
zurück zu einer andern Soziologie, die den historischen
Tatsachen und dem Wesen der in der Geschichte hervortretenden
menschlichen Verbände besser gerecht wird.
Die Grundlage dieser Soziologie und weiterhin der
eigentlich maßgebenden wissenschaftlichen Geschichtsauffassung
auch der Gegenwart sieht und sucht er in
der „romantischen Bewegung", die natürlich auch er
nicht auf literarische oder ästhetische Bestrebungen eingeschränkt
sehen will.

Um die Jahrhundertwende beginnt für ihn „ein
neuer Abschnitt in der Geschichte des Deutschen Idealismus
, der die Abkehr von Aufklärung und Rationalismus
bedeutet" (S. 7). v. Below verwahrt sich dagegen,
diesen Abschnitt, zugunsten eines „in Wahrheit nicht
vorhandenen einheitlichen Verlaufes des Deutschen Idealismus
", zu verdecken. Er berührt damit die Kern- und
Wesensfrage der „Deutschen Romantik" überhaupt und
seine Einstellung teilt die Problematik jeder wissenschaftlichen
Arbeit, welche den betr. Zeitabschnitt unsrer
geistigen Entwicklung für sich herausgreift. Je nach
der Stellungnahme des Betrachters, auch je nach der besonderen
Art der von ihm behandelten Probleme erscheint
die Romantik bald als die notwendige, wenn
auch nicht geradlinige Fortführung des klassischen
Abschnittes des „Idealismus" oder als ein ganz Neues,
was mit der Aufklärung zugleich die Klassik leugnet,
die ja unzweifelhaft der Probleme, Grundansichten und
Methoden genug von der früheren Epoche übernommen
hat. Wie scharf die geschichtliche Grundanschauung und
die Forschungsweise der Romantik von denen der eigentlichen
Aufklärung abstechen, das zeigt v. Below in durchaus
überzeugender und eindrucksvoller Weise: Vor allem
wie der Kosmopolitismus und der nackte Individualismus
der älteren Generation einer neuen, nationalen, überhaupt
dem Wesen historischer Verbände und dem Walten
übergreifender „allgemeiner Kräfte" besser Rechnung

1) Es gibt keine vortrefflichere Einführung in die Probleme der
historischen Methodologie, urteilt Erich Rothacker in der „Historischen
Zeitschrift", Bd. 13, S. 272.

tragenden Auffassung weichen mußte. Es fragt sich
nur, ob das alles im engern Sinne „romantisch" ist und
ob wir den zwischen ihr und der Hochblüte des Rationalismus
liegenden Zeitraum einfach überspringen dürfen.

Wohl bemüht sich v. Below gleich zu Anfang, der Bedeutung
J. Mosers und Herders gerecht zu werden; er darf freilich hinzufügen,
daß Herder den Rationalismus noch „keineswegs vollständig überwunden
" hatte (S. 3). Aber es fehlt an einer genaueren Bestimmung
dieses inneren Widerspruchs und seiner geistesgeschichtlichen Bedeutung
. Hier kann nur soviel gesagt werden: Herder versenkt sich
einerseits mit der ganzen Liebe des „modernen" Historikers in die
Individualität fremder Kulturwelten und sucht doch andererseits sie
alle in eine Reihe einzugliedern, die er nicht sowohl von objektiv-
historischen „allgemeinen Kräften" als von einer subjektiv in den
Stoff hineingelegten Normidee, von der „Entwicklung zur Humanität"
beherrscht sein läßt. Ähnlich verfährt ja der von v. Below nicht
herangezogene G. E. L e s s i n g , der den einzelnen geschichtlichen
Formen religiösen Lebens mit einer für seine Zeit verblüffenden Weitherzigkeit
gerecht zu werden weiß, aber in der „Erziehung des Menschengeschlechts
" rettungslos einer stark an die Methode (wenn auch
nicht an die Wertungen) des Rationalismus erinnernden Konstruktion
verfällt. Die von Hause aus ganz individualistische Generation kann
sich augenscheinlich immer nur gleichsam um eine Stufe über den
Boden des einzelnen Daseins erheben: es reicht bis zu der höheren
Individualität des Stammes, des Volkes, der Bildungs- und Religionsgemeinschaft
, auch wohl des Zeitalters (gewöhnlich handelt es sich
ja um einen sowohl national als zeitlich beschränkten, durch gewisse
Höhenleistungen ausgezeichneten Kulturkreis). Hier vermag der scharfe
Blick das Eigentümliche, Einmalige, Unvergleichliche zu erfassen,
wenn auch der kontrollierende Verstand, bei Winckelmann (vergl.
v. Below, S. 14) wie bei Herder, das Gesehene gern aus „natürlichen"
Bedingungen zu erklären sucht. Es fehlt aber noch das Verständnis
für die absolute Eigengesetzlichkeit dieser Entwicklungen und für die
immanente Notwendigkeit ihrer Abfolge. So verschwimmen die Tatsachen
vor den Augen des Betrachters, je weiter er sich von den in
natürliche, sinnlich erfaßbare Schranken zu fassenden Gegebenheiten
entfernt: da tritt eine transzendente Gesetzgebung an die Stelle der
innewohnenden Gesetzmäßigkeit.

Hier setzt nun die m. E. sehr bedeutende Gegenwirkung
Goethes ein, der bei v. Below doch recht stiefmütterlich bedacht
wird. Goethes Stellungnahme scheint zunächst rein negativ zu sein:
er sieht in der empirischen, vor allem in der politischen Geschichte
das recht eigentlich Sinnlose. Nur wo er klar „erschaubare" Gesetze
findet, wie in der Natur oder in der Stilkunst der Alten und Raffaels,
„da ist Notwendigkeit, da ist Gott". Damit aber ist zunächst einmal
das Tor zugeschlagen und verrammelt, durch das ein rationalistischer
Pragmatismus immer wieder hereindringen will. Mit der Forderung
| nach Übereinstimmung zwischen unseren eignen Idealen und dem Ver-
i lauf der Tatsachen dürfen wir der Geschichte nimmermehr gegenüber-
I treten; das ist Goethes Grundanschauung. rXennoch hat auch er sich,
besonders in seinen naturwissenschaftlichen Schriften, um so etwas wie
historische Gesetzmäßigkeiten bemüht.2 Aber da handelt es sich nicht
um die Realisierung ethischer oder religiöser Werte durch den geschichtlichen
Verlauf, sondern um die Wiederkehr und Auswirkung bestimmter
Ablaufsformen des Geschehens, vor allem um Polarität und
Steigerung, um Kreislinien und Spiralwindungen usw. Jede Epoche hat
ihre eignen Zielwerte oder Wertgegensätzlichkeiten, mit denen sie
auf ihre Weise fertig werden muß: in ihrem geistigen Ringen ist sie,
wenn wir das Wort Rankes vorwegnehmen dürfen, „unmittelbar zu
Gott". Wohl reichen die Zeitalter einander die großen Grundprobleme
zu, wohl erstreckt sich die Nachwirkung großer Führer, vor allem
im Geistigen, über ihre eigne Zeit hinaus, aber von einer eigentlichen
Kontinuität ist auch da nicht die Rede. — Goethe hat den Gedanken
einer individuellen Bestimmtheit der Zeitalter mindestens auf geistigem
Gebiete festgehalten und vertieft, und er hat die Hercinziehung
wesensfremder Leitideen in die Betrachtung der Geschichte abgewehrt.
Beides macht seine Bedeutung für die Zukunft aus. Was ihm fehlte
oder was er nicht bewußt vertrat, das war der Sinn für die Eigengesetzlichkeit
, die Sinnhaftigkeit jener politischen Vorgänge, die
seine Zeit noch als Kabinettspolitik, als „Helden- und Staatsaktionen
" oder als „Mordgeschichten" verdammte. Hier vermochte
er das „Urphänomen" nicht festzustellen, das er in allem Natürlichen
so rasch und sicher wahrnahm. Dennoch hat er als Dichter des
„Götz", des „Egmont" und schließlich auch der „Natürlichen Tochter"
auch großen politischen Ereignissen ihre tiefinnere Notwendigkeit abgewonnen
, und hat nur mit der inneren Nötigung des echten Dramatikers
(und ohne Verletzung der eigentlichen historischen Wahrheit)
die Veranlassung der großen Umsturzhewegungen durch den harten

2) Ich darf hier auf meine Darstellung verweisen: Goethe.
Leben und Gestalt, Einleitung zum 1. Bande meiner „Festausgabe"
von Goethes Werken, Leipzig, Bibl. Institut 1926 (S. 96ff.: „Die Oe-
schichte", wozu die einschlägige Literatur in den Anmerkungen verzeichnet
ist).