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Ausgabe:

1926 Nr. 1

Spalte:

492-493

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Liechtenhan, Rudolf

Titel/Untertitel:

Die göttliche Vorherbestimmung bei Paulus und in der Posidonianischen Philosophie 1926

Rezensent:

Bauer, Walter

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491

Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 19/20.

492

Preis igke, Prof. Dr. Friedrich: Wörterbuch der griechischen
Papyrusurkunden mit Einschluß der griechischen Inschriften,
Aufschriften, Ostraka, Mumienschilder usw. aus Ägypten

bearb. u. hrsg. 1. Lfg. (a-dtxn.) Heidelberg: Selbstverlag d. Hrsg., jetzt
dessen Erben; Oröbzig in Anhalt: Grete Preisigke 1924. (384 Sp. u.
1 Merkblatt.) 4°. Rm. 25.20.

Das schöne Ergebnis eines unermüdlichen Fleißes
ist hier vorgelegt, und mit Dank begrüßt auch der Erforscher
des Urchristentums und der alten Kirchen-
geschichte dies Werk, das ihm für seine Arbeit unentbehrliche
Dienste leisten wird und ihm ein gut Teil
der mühseligsten Arbeit ersparen kann. Zugleich mit
Wehmut, daß es dem verdienstvollen Verfasser, der dies
Wörterbuch als Abschluß seiner Tätigkeit gedacht hatte,
nicht beschieden war, die Veröffentlichung zu erleben.
Alle in Ägypten gefundenen griechischen Urkunden der
ptolemäischen, römischen, byzantinischen und arabischen
Zeit sind hier verarbeitet, und zwar sind die Wörter nach
den Bedeutungen verzeichnet, die sie in den Urkunden
haben, indem jeweils die Belegstellen „lückenlos" angegeben
sind. Dies „lückenlos" ist begreiflicher Weise insofern
eingeschränkt, als für Wörter, die überall vorkommen
, wie dXXog oder ßovXopiai, nur eine Auswahl
gegeben ist. Selbstverständlich konnte die Anlage nicht
die eines eigentlichen Lexikons sein, in dem aus der
Grundbedeutung eines Wortes seine in der Geschichte
entstandenen einzelnen Bedeutungen und Gebrauchsweisen
entwickelt werden. Die Grundbetrachtung findet
sich vielfach ja gar nicht in dem verarbeiteten Material.
So ist das Buch im wesentlichen ein Verzeichnis („Generalindex
") der Wörter, die sich in den griechischen
Papyrusurkunden Ägyptens finden, jedoch so, daß die
verschiedenen Bedeutungen eines Wortes möglichst praktisch
und übersichtlich geordnet sind. Das Prinzip der
Ordnung ist mir nicht immer klar geworden; hier wird
das Interesse des Juristen bezw. Verwaltungsbeamten
leitend gewesen sei. Die Belege für aXr]9eia sind
z. B. in sechs Gruppen geteilt: 1.) ert dXr]d-elag, 2.) ht
-d-eia, 3.) ex tftg -d-elag, 4.) nerd fcctorjg -ö>«/ac,
5.) ralg -tXeiaeg. 6.) sonstiges. In vielen Fällen ist der
Zusammenhang der betr. Stelle kurz mitzitiert. Auf eine
Übersetzung ist mit Recht manchmal verzichtet; wo sie
gegeben ist, ist sie nicht in allen Fällen einwandfrei;
z. B. heißt o jcsqI ißvxrjg dyiuv (Sp. 17, Z. 28 f.) sicher
nicht „Gewissenskampf", sondern „Kampf um das
Leben"; aitov (Sp. 39, Z. 23ff.) heißt kaum direkt
„Lebenszeit"; avu&ev (Sp. 144, 20ff.) heißt in den betr.
Stellen, wie die angeführten Belege zeigen, nicht eigentlich
„von Grund aus", sondern „von vorne", was dann
im Zusammenhang freilich heißen kann „von Grund aus
neu", wie die einem Zitat beigegebene Übersetzung
dann richtig sagt.

Seinen Hauptwert hat das Werk natürlich für den
Historiker der Rechts- und Verwaltungsgeschichte. Der
Historiker des Urchristentums bedauert, daß vielfach
nicht kenntlich gemacht ist, wieweit ein Wort in der betr.
Bedeutung technischer Ausdruck der Rechtssprache ist,
und wieweit es dem Sprachschatz des alltäglichen Lebens
angehört. Indessen empfängt auch er reiche Belehrung
nicht nur für die im N. T., z. B. in den Paulusbriefen,
verwendeten Termini des Rechtslebens, sondern z. B.
auch für die Terminologie der populären Moral (vgl.
z. B. avaOTQeqieiv und avaarQOcpij oder dfie/.i7CTog,
dveyxXrjtog, dvE7ÜXr)Li7CTog). Man macht leicht die Beobachtung
, daß der Wortschatz der Partien traditioneller
Paränese bei Paulus und namentlich in den
Pastoralbriefen aus der Sphäre stammt, die durch die
Papyrusurkunden bezeugt wird. Andrerseits ist natürlich
auch das Fehlen charakteristischer neutestament-
licher Wörter bezeichnend. Bei einer Anzahl anderer
Wörter wie dyyeXog, dytog, dyicoavvrj, ddeXcpog wird auf
spätere systematische Abschnitte verwiesen. Was man
aus diesem Werk lernen kann, wird sich also naturgemäß
erst nach seiner vollständigen Veröffentlichung

sagen lassen und endgiltig nur dann, wenn man eine
längere Zeit damit gearbeitet hat. Vorläufig sei nur der
Ausdruck lebhafter Freude und Dankes wiederholt.

Marburg-__ R. Bultmann.

W e 1 n r e I c h , Otto : Senecas Apocolocyntosis. Die Satire auf
Tod, Himmel- und Höllenfahrt des Kaisers Claudius. Einführung,
Analyse und Untersuchungen, Obersetzung. Berlin: Weidmann'sehe
Buchh. 1923. (XII, 149 S.) gr. 8«. Rm. 7.80.

Senecas Satire auf Tod, Himmel- und Höllenfahrt
des Kaisers Claudius verdient es wirklich, weiteren Kreisen
bekannt zu werden, und Weinreich hat sich den Dank
aller derer verdient, denen seine ausgezeichnete Erklärung
und stimmungsvolle Übersetzung die Lektüre dieses
nicht nur um seines Verfassers, sondern um seiner selbst
willen wertvollen Stückes der Weltliteratur zu einem
hohen Genuß machen.

Doch wird der Theologe nicht nur, um seine allgemeine
Bildung zu fördern oder um einige Stunden ästhetischer
Anregung zu erleben, nach dem Buche greifen.
Ist die ihm hier vorgelegte Schrift doch im apostolischen
Zeitalter entstanden und deshalb als zeitgeschichtliches
Dokument für ihn von erheblichem Wert. Er lernt Persönlichkeiten
wie Claudius, Nero, Seneca besser kennen
und richtiger würdigen. Und mehr noch als das, auch
auf dem besonderen Gebiet der Religionsgeschichte erfährt
er Förderung. Das im Altertum so sehr beliebte
Motiv der Himmel- und Höllenfahrt beherrscht das
Ganze. Wir werden belehrt über den Begriff „Evangelium
" S. 24, über den Kaiserkult S. 43 ff., über den
Beglaubigungsapparat, den der antike Schriftsteller bei
der Erzählung von Wundergeschichten in Tätigkeit zu
setzen liebt S. 19 ff. 96, über die Reden, die er seinen
Helden in den Mund legt S. 97, über Seele und
Körper S. 52.

Aber fast mehr noch als für die Bereicherung seines
Einzelwissens muß er dankbar sein für die methodische
Schulung, die ihm zu Teil wird. Das Verhältnis Senecas
zu Satura Menippea wird nach der Seite der Abhängigkeit
wie nach der Seite der Selbständigkeit fein herausgearbeitet
. Die Erkenntnis, wie bei aller Übereinstimmung
, das die Entscheidung gibt, was der Spätere
aus dem Übernommenen macht, kann zaghafte Herzen
stärken. Auch Echtheitsfragen, wie die, ob die „Octavia"
von Seneca stammt oder nicht, werden behandelt.

Man scheidet von dem Buch seelisch erfrischt,
wissenschaftlich angeregt und vielfach bereichert.
Göttingen. W. Bauer.

Llechtenhan, Priv.-Doz. Lic. theol. R.: Die göttliche Vorherbestimmung
bei Paulus und In der Posldonlanlschen Philosophie
. Göttingen: Vandenhocck & Ruprecht 1922. (VI, 132 S.)
gr. 8°. = Forschungen zur Religion und Literatur des Alten und
Neuen Testaments. Neue Folge. 18. Heft. Rm. 3.60.

Die Schrift zerfällt in drei Teile. Der erste schildert
„die göttliche Vorherbestimmung bei Paulus", der
zweite „die göttliche Vorherbestimmung in der posi-
donianischen Philosophie"; der dritte endlich vollzieht
„die Vergleichung" zwischen beiden Größen. Dazu tritt
eine Einleitung, in der sich L. gegenüber Karl Reinhardt
zu der herkömmlichen Auffassung von Posidonius
als dem großen Erneuerer religiöser Weltanschauung
bekennt. Doch erspart er sich ein Eingehen auf die sehr
komplizierten literarkritischen Fragen, da er „Posidonius
" wesentlich mit „Mittelstoa" gleichsetzt und davon
absieht, nur Gedankengänge zu betrachten, die
nachweislich an den Namen Posidonius geknüpft
sind. Daß Paulus mit stoischen Ideen und Stimmungen
vertraut gewesen ist, scheint L. sicher zu sein. Damit
ist die Berechtigung der von ihm versuchten Vergleichung
gegeben.

Verf. hat sich in den Quellen, wie in der Literatur
gut umgesehen. Das aus den alten Schriftstellern
vorgelegte Material werden ihm viele danken und nur
bedauern, daß er sich davon dispensiert hat, wenigstens