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Ausgabe:

1926 Nr. 1

Spalte:

475-477

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lindberg, Gustaf

Titel/Untertitel:

Die schwedischen Missalien des Mittelalters 1926

Rezensent:

Glaue, Paul

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475

Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 18.

diesen beiden Versionen einen einheitlichen Text zu rekonstruieren,
soweit dies überhaupt bei einer solchen Überlieferung möglich ist.
Ich habe bereits ausführlich in einer Anzeige der OrLtztg. 1925 Nr.
11/12 Sp. 855 ff. Stellung genommen. Als anerkannte Autorität auf
dem Gebiete des Aeth. hat D. sehr wertvolle Beiträge zur Verbesserung
der Übersetzung geliefert; das gleiche kann ich nicht für
den kopt. Text behaupten, wobei er sich in der Hauptsache auf Bemerkungen
von Sethe stützt. Als besonderen Mangel habe ich bemerkt
das vollständige Fehlen des von dem Verfasser des Apokryphons benutzten
ntlichen Materials im Apparat und die Auslassung der griechischen
Wörter im kopt. Text, die das griechische Kolorit des Urtextes
wiederspiegeln; letzteres wäre auch dann nötig gewesen, sollte
der Kopte zuweilen ein und das andere Wort durch einen ähnlichen
griech. Ausdruck ersetzt haben. Das alles kann bei einer Neuauflage
leicht nachgeholt werden.

Berlin. Carl Schmidt.

L i n d b e r g, Gustaf: Die schwedischen Missalien des Mittelalters.

Ein Beitrag z. vergleich. Liturgik. I. Bd.: Kalendarium, Proprium

de tempore, Proprium de sanctis, Commune Sanctorum. Akad.

Abhdlg. Berlin: Speyer & Peters 1924. (XXIV, 410 S. m. 4 Taf.

u. Notenbeilage.) gr. 8°.

Das Werk des schwedischen Gelehrten verdient
unserseits aufmerksame Beachtung. Der Fleiß, mit dem
Verf. das Material gesammelt, die Umsicht, mit der er es
gruppiert, das Verständnis, mit dem er es in die Liturgie-
geschichte hineingestellt hat, sind der Anerkennung aller
derer wert, die auf dem Gebiete der liturgischen Forschung
arbeiten. Es ist dankbar zu begrüßen, daß hier
der Versuch unternommen wurde, auf Grund der Missalien
und andrer liturgischer Bücher die Stellung aufzuzeigen
, die ein Land wie Schweden innerhalb der liturgischen
Tradition einnimmt. Und dieser Versuch ist,
soweit er vorliegt — die Untersuchung des Canon
missae, der musikalischen Abschnitte, der Sequenzen und
der missae votivae ist als 2. Teil in Aussicht gestellt —
als durchaus gelungen zu bezeichnen.

Verf. weist sich als einen sehr sorgfältigen Mitarbeiter
auf liturgiegeschichtlichem Gebiete aus, der die
einschlägige Literatur — s. S. XII ff. —, vor allem auch
seine Vorgänger in der Erforschung des schwedischen
liturgischen Materials bestens kennt, der die Quellenschriften
— Handschriften und älteste Drucke — in den
verschiedenen Bibliotheken seines Vaterlandes — s. S.
27—63 Missalien, Gradualien, Ordines, Kaiendarien —
aufgesucht und gründlich durchforscht und so ein wirklich
zuverlässiges Werk geschaffen hat.

S. IX fehlt bei Cod. C. 23 der bibl. univ. Ups. Inhaltsangabe
und Notiz, auf welcher Seite davon gehandelt wird.

So ist es dann auch selbstverständlich, daß die
Drucklegung von großer Sorgfalt zeugt. Daß wir eine
Übersetzung vor uns haben, ist nur an wenigen Stellen
und Wendungen (z. B. S. 80—82) bemerkbar; um so
mehr fällt das par preference S. 7 auf. 4 Tafeln, die
Textprobeu von 4 Missalien darbieten, ein Verzeichnis
der liturgischen Formeln und Noten zu Alleluja-Versen
sind beigeben.

Wenn man auf dem Titelblatt das Werk als akademische
Abhandlung angegeben und im Vorwort den
Dank ausgesprochen findet, den Verf. seinen Universitätslehrern
schuldet, so dürfen wir wohl schließen, daß
es sich hier um eine wissenschaftliche Arbeit zur Erlangung
eines akademischen Grades handelt. Diesem
Umstand ist es dann auch zu gute zu halten, daß sich in
einzelnen Partieen des Werkes Ausführungen finden,
die in Anbetracht des eigentlichen Themas zu breit ausgefallen
sind, z. B. die über die Zisterzienser und Dominikaner
S. 367—386; ja auch die beiden Kapitel:
II. „Entstehung und Entwicklung des Missale Plenum"
und III. „Bedeutung der ältesten Sakramentarien für die
Missale-Tradition im Mittelalter" sind im Rahmen der
eigentlichen Abhandlung nicht erforderlich. Ebenso berührt
in anderen Teilen eine zu große Breite unangenehm
; so wertvoll die immer wieder eingestreuten Ausführungen
über die parallel laufende Baukunstgeschichte
sind, sie stören doch in ihrer Häufigkeit und Ausführlichkeit
zu sehr das eigentliche Gefüge des Buches.

Den Hauptteil des Werkes S. 85—366 bildet die
Untersuchung der schwedischen liturgischen Bücher, insbesondere
der Missalien, inbezug auf ihre Verwandtschaft
untereinander und auf ihre Beeinflussung von außen her.
Einbezogen wird auch das Missale Lundense, das nicht
eigentlich als schwedisch anzusprechen ist, weil Lund
im Mittelalter eine dänische Metropole und der dänische
Einfluß in diesem Gebiet lange Zeit herrschend war.

Während der Jahre 1108—1164 war Lund für Schweden Erz-
bischofssitz und auch, nachdem Schweden einen eigenen Erzbischof
in dem von Upsala erhalten hatte, stand die schwedische Kirche noch
eine Zeitlang unter Lunds Primat, so daß die Erzbischöfe von Upsala
zunächst das Pallium aus der Hand des Erzbischofs von Lund
empfingen.

Aus den Missalien werden das proprium de tempore,
das proprium de sanctis und das commune sanctorum
sowie Angaben über Heiligenfeste der Vergleichung
unterzogen, und zwar werden aus den Offizien behandelt
die Gebete, die Lektionen (Episteln und Evangelien),
die Versus Allelujatici und die Gesänge (Introitus und
Psalm, Graduale, Offertorium und Communio). Für die
Heiligenfeste sind außerdem besonders wertvolle Quellen
das sog. Vallentuna-Kalendarium und das Kalendarium
aus dem Registrum Upsalense.

Diese bis ins Einzelne gehenden Nachweise über die
Beeinflussung der schwedischen liturgischen Bücher
durch fremde Kirchen und über die gegenseitige Abhängigkeit
ermöglichen es dem Verf., seine Ergebnisse
in einer Schlußabhandlung S. 386—415 herauszustellen.
Kurz zusammengefaßt bieten sie sich uns folgendermaßen
dar:

1. Von der ältesten Christianisierung Schwedens,
der deutschen, die von Hamburg-Bremen ausging und
ihren Weg über Dänemark-Lund nahm, findet sich ein
Niederschlag noch in älteren liturgischen Fragmenten,
die der Diözese Linköpping angehören. In späterer Zeit
ist dann noch einmal, von Köln aus, deutscher Einfluß
auf Schweden wirksam gewesen. Zeugnisse dafür finden
sich im Missale Lundense. Aber in die anderen schwe-,
dischen Gebiete scheint er nicht übergegriffen zu haben.

2. Weit greifbarer schon ist der Einschlag, der von
England in die Liturgie der Strengnäs-, Västeras- und
Upsala-Diözese ausgegangen ist. Nachdem mehrere Jahrzehnte
hindurch die englische Mission, deren Ausgangspunkt
Västergötland war, mit Hamburg-Bremen gekämpft
hatte, errang sie um 1050 den Sieg und behauptete
sich ein Jahrhundert lang. Insbesondere ist die
Diözese Skara, deren Liturgie wir aber leider noch nicht
kennen, ihr Stützpunkt gewesen; hier haben mehrfach
Engländer den Bischofssitz innegehabt. Neben dieser direkten
Beeinflussung hat die englische Mission auch

| über Lund — zwischen Dänemark und England bestand
um 1050 eine enge Verbindung — in das liturgische
Leben Schwedens eingegriffen; im Missale Lundense finden
sich auch davon deutliche Zeichen. Als dann mindestens
ein Jahrhundert lang die Beziehungen zwischen

| England und Schweden geruht hatten, tritt im 14. Jahrhundert
in der liturgischen Tradition von Linköpping

! wieder englischer Einfluß — der der sog. Westminster-
liturgie — auf.

3. Am meisten aber verdankt das liturgische Leben
Schwedens Frankreich. Um 1200, als Schweden sich
dank der deutschen und englischen Mission als Landeskirche
konstituiert hatte und Anschluß an die Gesamtkirche
suchte, war ja gerade Frankreich zu besonderer
Blüte gekommen, und nun wurden die Beziehungen zwischen
beiden Ländern nicht nur auf dem Gebiete der
Kunst und bei rechtlich-sittlichen Institutionen wie dem
Büß- und Beichtwesen immer enger, sondern vor allem
auch auf dem Gebiete der Liturgie. Nicht bloß, daß
wiederum auf dem Wege über Dänemark, das sich schon
früher in weitgehendem Maße dem kirchlichen Einfluß
Frankreichs geöffnet hatte, diese Einwirkung deutlich
wird, nein, auch unmittelbar wirkt Frankreich auf Schweden
ein. Und dazu kommt noch, daß auch die Orden, die